Ausgangspunkte und Schlussfolgerungen
Vorbemerkungen Der Mensch hat im Lauf der Evolution kraft seiner zunehmenden Kognitionsfähigkeit die Spitzenposition in der Nahrungskette eingenommen. Durch den Gebrauch des Feuers, durch die Herstellung primitiver Werkzeuge und Waffen und durch ausgefeilte Jagdmethoden wurde er zur dominierenden Spezies auf diesem Planeten. Ackerbau und Domestikation von Wildtieren (neolithische Revolution) am Ende der Jungsteinzeit vor rund 10.000 Jahren besiegelten endgültig seine Vormachtstellung in der Natur. An diese Vormachtstellung mit dem gleichzeitigen Herrschaftsanspruch über die Erde und ihre übrigen Bewohner hat sich bis in unsere Tage grundsätzlich nichts geändert. Aber im Gegensatz zu den prähistorischen Vorfahren sind heute die meisten Menschen nicht mehr auf das Fleisch von Tieren und auf andere Tierprodukte zum Überleben angewiesen, da wohlschmeckende und gesunde pflanzliche Nahrungsmittel über den Bedarf hinaus vorhanden sind.
Trotzdem bleibt der größte Teil der Menschen seiner archaischen Ernährungsweise verhaftet. Das überreiche Angebot an pflanzlichen Nahrungsmitteln hat nicht zu einer Umstellung der Ernährungsweise geführt. Im Gegenteil, nie zuvor war der Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten so hoch wie in diesem Jahrhundert. Nie zuvor hat die Befriedigung menschlicher Interessen zu so viel Leid und dem Tod so vieler Tiere geführt. In der Bundesrepublik Deutschland fallen pro Jahr rund 450 Millionen "Nutztiere" dem Konsumverhalten unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger zum Opfer. Dabei enthält diese erschreckend hohe Zahl nicht einmal Fische, Schalen- und Weichtiere, denn sie werden nur noch in Tonnen gerechnet. 250 Millionen Schlachttiere werden alljährlich Tausende von Kilometern kreuz und quer durch Europa transportiert, wobei sehr viele Tiere den Transport zum Schlachthof nicht überleben. Zusätzlich leiden und sterben Tiere (etwa 2.1 Millionen im Jahre 2001) Jahr für Jahr in den Laboren der Pharma-, Kosmetik- und Chemiekonzerne, in unseren Universitäten und Forschungseinrichtungen als anatomische Studienobjekte angehender Mediziner/innen oder für die Grundlagenforschung und darüber hinaus in der Kriegswaffenindustrie als Testobjekte zukünftiger Mordwerkzeuge. Daneben fordert auch die Mode durch die Verarbeitung von Pelzen, Leder und Wolle einen hohen Tribut an Tierleben. Selbst die Jagd, die in unserem Lande schon seit langer Zeit nicht mehr der überlebensnotwendigen Nahrungsbeschaffung dient, sondern vielmehr als fragwürdige, pseudosportliche Freizeitaktivität oder bestenfalls als Pflege einer uralten Tradition interpretiert werden muss, kostet pro Jahr rund 5 Millionen Wildtieren das Leben. Die rigorose Tier- und Naturausbeutung verursacht aber auch beträchtliche negative Sekundärfolgen, denn der anthropogene Faunen- und Florenschnitt, das globale Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, das sich mit atemberaubender Geschwindigkeit vollzieht, führt für die verbleibenden Tierarten oft zu massivem Leiden oder zu ihrem Tod, da ihre Lebensgrundlagen in dem empfindlichen Ökosystem Erde zerstört wurden. All dies geschieht ohne zwingende Notwendigkeit, trotz ausreichendem Angebot an wohlschmeckenden, gesunden pflanzlichen Nahrungsmitteln, trotz alternativer Testmethoden, trotz des Vorhandenseins synthetischer und pflanzlicher Textilstoffe, Webpelzen und Lederimitaten und trotz der Möglichkeit, die Ressourcen der Erde verantwortungsvoll und ohne Leidverursachung für Menschen und Tiere zu nutzen. Da wir an der Glaubwürdigkeit einer religiösen Legitimation zur Ausbeutung der Tiere und der Natur zweifeln, kommen wir auf Grund der oben beschriebenen Fakten zu dem Schluss, dass die Behandlung der Tiere durch den Menschen mit nichts zu rechtfertigen und mit einem großen Fragezeichen zu versehen ist. Ausgangspositionen für unsere Arbeit
Wir gehen davon aus, dass die Evolution die vielfältigen Lebensformen auf unserem Planeten hervorgebracht hat, und dass alle Lebewesen einen gemeinsamen Ursprung haben. Wir sind deshalb der Überzeugung, dass auch die Unterschiede zwischen Mensch und Tier nur gradueller und nicht essentieller Natur sind, und dass diese Unterschiede wie etwa der Körperbau, die Anzahl der Beine, die Farbe und Beschaffenheit der Haut oder des Haarwuchses oder die Fähigkeit zu komplexem Denken oder der Gebrauch einer Sprache keine ausreichenden Begründungen sind, Tiere auszubeuten, zu misshandeln oder zu töten. Wir sind der Überzeugung, dass die ähnlichen elementaren Lebensinteressen und arteigenen Präferenzen und die Fähigkeit Schmerz oder Wohlsein bzw. Leid oder Glück zu empfinden und die Einzigartigkeit ihres Lebens und ihrer individuellen Erlebnisse es verbieten, gravierende Unterschiede in unseren Wertsetzungen und unserer moralischen Berücksichtigung zwischen Menschen und Tieren zu machen. Tiere sind nicht als bloße Werkzeuge oder reproduzierbare Ressourcen anzusehen und sollten nicht als solche missbraucht werden. Deshalb sollten die Interessen und Bedürfnisse bewusst lebender und nach Präferenzverwirklichung strebender, leidens- und empfindungsfähiger Individuen nicht für triviale Interessen des Menschen übergangen werden. Wir sind der Meinung, dass ohne absolut zwingende Notwendigkeit der Mensch keine ethisch vertretbare Legitimation hat, Tiere auszubeuten oder zu töten und dementsprechend darauf verzichten sollte. Wir glauben, dass die Forderung einer konsequenten Einbeziehung der Tiere in unsere Ethik und die moralisch gerechte Anerkennung ihrer vitalen Interessen und Bedürfnisse berechtigt ist. Darüber hinaus sind wir überzeugt, dass auch eine angemessene ethische Berücksichtigung der Pflanzenwelt und der natürlichen Lebensräume angebracht ist, da die Erde die gemeinsame Heimstatt und Grundlage allen Lebens darstellt, die es im Hinblick auf das Wohlbefinden und Überleben ihrer Bewohner zu schützen und zu bewahren gilt. Strategie und Kurs
Es ist leider festzustellen, dass einerseits qualitativ und quantitativ unvorstellbares Tierleid durch den Menschen tagtäglich verursacht wird, andererseits es dem Großteil unserer Gesellschaft heute noch an Einsicht und Bereitschaft mangelt, die furchtbare Situation, in der sich "unsere Nutztiere" befinden, konsequent durch die Abschaffung der unterschiedlichen Ausbeutungsformen zu beenden. Ein grundlegender Paradigmenwechsel in Beziehung auf den Tierumgang wird sich aller Voraussicht nach - wenn überhaupt - nur sehr langsam vollziehen. Wir werden das Unrecht, das den Tieren von den Menschen angetan wird, nicht mit einem einzigen Kraftakt beenden können. In der Geschichte der Tierschutz- und Tierrecht-Bewegung hat es aber genügend Beispiele gegeben, dass gerade die "kleinen Aktionen" zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse der betroffenen Tiere beigetragen und in der Bilanz zu einem spürbaren Interessenszuwachs für Tierschutz und Tierrecht in unserer Gesellschaft geführt haben. Um wenigsten kleine Erfolge zu erzielen und damit das Leiden der Tiere zumindest partiell zu vermindern, halten wir es daher für absolut notwendig, nach der Strategie der "Politik der kleinen Schritte" vorzugehen und den Kurs der "Reform und Abschaffung" einzuschlagen. Uns ist die Gefahr bewusst, dass durch "Reformen" die Einsicht in das grundsätzliche Unrecht möglicherweise erschwert werden kann, aber als kategorischer Imperativ gilt für uns, dass die unmittelbare Leidensverminderung Vorrang hat. Wir wissen auch, dass wir uns innerhalb der Tierrechtsbewegung womöglich durch eine Politik, die das unmittelbare Leid vorrangig behandelt, leicht ins Abseits manövrieren können. Es kann auch durchaus vorkommen, dass unsere Motive unbeabsichtigt falsch interpretiert werden. Diese Vorwürfe weisen wir hiermit zurück, denn es geht uns nicht darum, durch unseren Kurs persönlichen trivialen Interessen Vorschub zu leisten, sondern einzig und allein um die Beendigung oder Verminderung des Leidens der Tiere und Menschen. Zur Überprüfung unserer Positionen beachten wir den wichtigen Grundsatz der Universalisierbarkeit ethischer Urteile, der darin besteht, dass wir unsere Aussagen auch dann aufrechterhalten würden, wenn die Betroffenen anstatt der Tiere Menschen wären. Denn: "Was für einen richtig ist, muss auch für jeden anderen mit ähnlichen individuellen Voraussetzungen und unter ähnlichen Umständen richtig sein." (Dietmar von der Pfordten: Ökologische Ethik. Rowohlt, 1996, S. 187) Die Strategie der "Politik der kleinen Schritte" und der Kurs "Reform und Abschaffung" halten durchaus einer solchen Überprüfung stand. Denn: Wenn es um Menschen und Menschenleid ginge, stünde es außer Frage, wie unsere Entscheidung ausfallen würde. Beispielsweise behandelt ein redlicher Arzt, der sich seinem hippokratischen Eid verpflichtet fühlt auch den zum Tode verurteilten Kranken, um ihm eine Linderung seiner Schmerzen zu verschaffen. Und wir treten auch dafür ein, dass der Verurteilte vor der Urteilsvollstreckung "menschenwürdig" behandelt wird, dass ihm Schmerzen erspart bleiben, auch wenn es uns unmöglich ist, seine Hinrichtung zu verhindern. Wer lauthals gegen Speziesismus wettert, aber den Grundsatz der Universalisierbarkeit leichtfertig übergeht, ist weit von einer gerechten Ethik entfernt. Er führt damit den Tierrechtsgedanken schlichtweg ad absurdum, weil er nach wie vor gravierende Unterschiede zwischen Menschen und Tieren macht. Wer ausschließlich auf Abschaffung pocht und grundsätzlich Reformen aus ideologischen oder strategischen Gründen ablehnt, dem ist die eigene auf Papier geschriebene Ethik und die selbstgerechte Glaubwürdigkeit wichtiger als eine Verminderung des Leidens der betroffenen Tiere. Ideologien und an ethischen Grundsätzen überquellende Papierseiten schreien nicht, wenn sie misshandelt werden; sehr wohl aber empfindungsfähige Lebewesen. Wer sich aus fadenscheinigen Gründen hier verweigert, auf den treffen die Worte von Friedrich Nietzsche zu: "Alles ist auf das Selbst gerichtet, jeder Dienst dient dem Selbst, jede Liebe ist Selbstliebe." Für unsere Entscheidung zur Strategie der "Politik der kleinen Schritte" spielen also nicht nur die Tatsache einer auf Tierausnutzung beharrenden Gesellschaft und die daraus resultierende Unmöglichkeit einer raschen Verwirklichung unserer Ziele eine Rolle, sondern auch gewichtige ethische Aspekte. "Wir müssen zu allen Zeiten und auf allen Ebenen alles Mögliche tun, um das Leiden zu verringern und das Unrecht zu beenden." (Dr. Helmut F. Kalplan) Um diese Position mit einem Beispiel ganz deutlich zu machen, greifen wir auf eine Diskussion zwischen Tom Regan, Ingrid Newkirk und Gary Francione ( "Animals' Agenda" Jan./Febr. 1992) zurück. Die Frage lautete: "Sollen Tierrechtler eine Kampagne zur Reform der Regelungen in Schlachthöfen unterstützen, die darauf abzielt, dass die Tiere, die auf das Schlachten bis zu drei Tage lang warten, während dieser Zeit Wasser (Nahrung wurde nicht erwähnt) erhalten? Durch diese Kampagne bestünden berechtigte Aussichten auf Erfolg." Wir sind der Überzeugung, dass wir gemäß der Strategie der "Politik der kleinen Schritte" und der Maxime "Reform und Abschaffung", für eine Reform der Schlachthofbedingungen aktiv werden sollten, weil die Frage nicht lautet: schlachten oder nicht schlachten, sondern tränken oder nicht tränken. Der augenblickliche Durst der Tiere muss absoluten Vorrang vor allen anderen zukünftigen Aspekten haben. Abschließend ist zu bemerken, dass strikte "Alles-Oder-Nichts-Propagandisten" in Bezug auf den realen Tierumgang unserer Gesellschaft häufig nichts außer Ablehnung erreichen. Große Worte und Maximalforderungen helfen den ausgebeuteten Tieren wenig, wenn sie so realitätsfern sind, dass sie von der Gesellschaft nicht ernst genommen werden. Kooperation und Zweckbündnisse
Aus unserer Strategie ergibt sich noch eine andere Konsequenz bezüglich unserer Vorgehensweise. Es wird nämlich dadurch auch die oft gestellte Frage geklärt, ob man als konsequenter Tierrechtler prinzipiell mit Tierschutz- und Tierrechts-Organisationen oder mit im Tierschutz und Tierrecht aktiven Personen kooperieren sollte, auch wenn deren Standpunkte in wichtigen ethischen oder weltanschaulichen Grundsatzfragen von den eigenen Vorstellungen abweichen. Wir vertreten die Position, dass wir zur Erreichung eines spezifischen Einzelzieles oder eines strategischen Teilschrittes im Rahmen unseres Gesamtkonzeptes eine Zusammenarbeit oder ein Bündnis mit Organisationen oder Einzelpersonen befürworten, auch wenn deren Zielsetzungen und ethische Grundaussagen von den unseren abweichen, wenn aber durch ein solches Bündnis oder durch eine solche Zusammenarbeit die berechtigte Aussicht besteht, das Leiden der Tiere zu vermindern oder eine vorübergehende Verbesserung der Lebensbedingungen der betroffenen Tiere zu bewirken. Eine Befürwortung der Zusammenarbeit mit Organisationen, die vor allem auf punktuelle Verbesserungen der Lebensbedingungen der betroffenen Tiere hinarbeiten oder nur auf eine Humanisierung der Haltungs- oder Tötungsmethoden Wert legen, jedoch die Tierausbeutung im Ganzen nicht als abzulehnendes Unrecht anerkennen, bedeutet unserer Meinung nach keinen Verrat an dem Tierrecht-Gedanken. Im Gegenteil, wir sind der Auffassung, dass diejenigen, die aus angeblich ethischen Gründen eine Zusammenarbeit oder ein Bündnis mit solchen Organisationen oder Einzelpersonen strikt ablehnen, eine Ethik verfechten, die auf tönernen Füßen steht. Um einen Krieg gegen einen übermächtigen Gegner zu gewinnen, zieht man auch mit jenen Alliierten in eine Schlacht, die im eigenen Lande selbst noch die Tyrannen sind. Wenn sich uns die Möglichkeit bietet, das Leiden der Tiere zu vermindern, und sei es dadurch, dass wir mit Fehlgeleiteten oder Andersdenkenden zusammenarbeiten, dann sehen wir es als moralische Verpflichtung an, diese Chance wahrzunehmen. Unser erklärtes ethisches Fernziel, die Etablierung einer Gesellschaft, die auf jeglichen Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten verzichtet, verlieren wir deshalb nicht aus den Augen. Auf das fundamentale Unrecht der Tierausbeutung können wir unabhängig von dem spezifischen Ziel eines gemeinsamen Vorgehens hinweisen, so dass sich ein doppelter Gewinn ergeben würde: eine unmittelbare Verminderung des realen Leidens der betroffenen Tiere im Erfolgsfall und die Verbreitung unserer Argumente für eine gerechte Ethik in Bezug auf das Mensch-Tier-Verhältnis. Die Gefahr, dass wir durch eine Kooperation mit Fehlgeleiteten und Andersdenkenden die Tierrechtsbewegung unterminieren, ist zum heutigen Zeitpunkt übertrieben und irrational, da der Anteil derjenigen Menschen in unserer Gesellschaft, die sich für den Tierrechtsgedanken aktiv einsetzen, prozentual sehr klein ist. Die Weigerung einer Zusammenarbeit mit Andersdenkenden aus Protest- und Glaubwürdigkeitsgründen entspringt vielmehr nur dem selbstgefälligen Elitedenken einer realitätsfernen und verschwindend kleinen Gruppe von Fundamentalisten. Das Motiv ihrer Verweigerung ist im Grunde genommen nur die Eitelkeit und der Starrsinn, einmal aufgestellte Prinzipien zugunsten pragmatischer Kompromisse öffentlich nicht revidieren zu wollen. Dabei ist das Augenmerk unverständlicherweise hauptsächlich auf die Tierrechtsbewegung gerichtet, obwohl die Tierrechte missachtende Gesellschaft eine Korrektur kaum zur Kenntnis nehmen würde. Erfolgreiche Zweckbündnisse in der Vergangenheit haben bewiesen, dass rational denkende Tierrechtler/innen, sich ohne Glaubwürdigkeitsverlust zu der Position einer prinzipiellen Kooperationsbereitschaft bekennen können. Aber selbst wenn es wider Erwarten zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit innerhalb der Tierrechtsbewegung kommen sollte, wäre dies eine unbedeutende Nebensächlichkeit, wenn auf der anderen Seite das Leiden unserer Mitlebewesen vermindert werden könnte. Denn Tierrechtsarbeit dient der Leidensverminderung, nicht dem Selbstzweck, nicht der Eitelkeit und nicht der Profilierungssucht. Und schließlich und endlich: Wir wollen nicht die "Heiligen" bekehren, sondern die "Heiden". Ein Verlust an Glaubwürdigkeit innerhalb der Tierrechtsbewegung wird kaum Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg unserer Überzeugungsarbeit in einer Gesellschaft haben, die sich kaum mit Tierrechten oder der Tierrechtsbewegung befasst. In Wahrheit verliert derjenige aber seine Glaubwürdigkeit, der um der Glaubwürdigkeit willen nicht bereit ist, auch nur den kleinsten Strohhalm zu ergreifen, der zu einer - wenn auch nur punktuellen - Verbesserung der Lebensbedingungen der Tiere führen könnte. Unser Argumentationsstil
Das Wort ist unsere Waffe, und mit stumpfer Klinge lassen sich kaum Siege erringen. Deshalb sollten auch unsere Worte nicht der notwendigen Schärfe entbehren. Es ist selbstverständlich, dass sich bei einem so kontroversen und vielschichtigen Thema Konfrontationen und verbale Eskalationen nicht immer vermeiden lassen. Aber wir sollten uns stets unserer Diskussionskultur besinnen und uns rationaler Argumente bedienen. Unsere Argumentationsmethode, unsere Sprache und unsere Diskussionskultur sollten nicht in Dissonanz mit unserem Verständnis einer anzustrebenden Ethik stehen. Unsere Ethik wird nämlich auch daran gemessen, ob sie sich im menschlichen Miteinander als tauglich erweist. Wir sollten mit Herz und Verstand auftreten und in unseren Argumenten und unserem Argumentationsstil den Intellekt und den Wissensstand des jeweiligen Adressaten unserer Botschaft berücksichtigen. Wissenschaftlichkeit und Allgemeinverständlichkeit sollten stets gleichermaßen berücksichtigt werden, und sei es durch eine zweigleisige Vorgehensweise. Unsere Aussagen sollten vor allem zum Nachdenken anregen, nicht verletzen und stets Freiraum für einen weiteren Dialog offen lassen. Ist es aber offensichtlich, dass die vorgebrachten Argumente, Fakten und Schlussfolgerungen schlichtweg aus egoistischen Motiven ignoriert werden und keine Aussichten auf Konsens oder zumindest auf eine Annäherung bestehen, dann betrachten wir es auch durchaus als legitim, zu einem provozierenden Diskussionsstil überzugehen. Die moralische Verwerflichkeit des Konsums von Fleisch und anderen Tierprodukten wie Milch, Milcherzeugnisse, Eier, Wolle, Pelz, Leder und dergleichen mehr steht für uns ganz klar außer Frage. Aber es ist strategisch und psychologisch unklug, dem speziesistisch geprägten Menschen permanent mit der "moralischen Keule" zu drohen oder ihm sogar moralische Minderwertigkeit vorzuwerfen. Wir müssen endlich begreifen, dass wir leider nicht die Macht besitzen, unsere Forderungen dieser Gesellschaft zu diktieren. Und solange es nicht möglich ist, unsere Vorstellungen bezüglich einer ethisch korrekten Behandlung der Tiere juristisch einzuklagen, bleiben wir die Bittsteller in einer tierfeindlichen Gesellschaft. Chancen zu einem Erfolg versprechenden Dialog werden in den meisten Fällen durch die Anwendung der "Holzhammermethode" schnell zunichte gemacht. Dabei besitzen wir genügend stichhaltige Argumente, um zu überzeugen, ohne uns dieser Methode bedienen zu müssen. Es kommt aber letztendlich darauf an, wen wir vor uns haben. Es geht nicht darum, ob es sich um Täterschaft, Mittäterschaft oder Anstiftung handelt. Es geht auch nicht darum, ob ein ethisch relevanter Unterschied zwischen einem Mord an Menschen oder einem Mord an Tieren tatsächlich besteht oder nicht, oder ob diese Wortwahl berechtigt oder unberechtigt ist. Wichtiger als auf diese Begrifflichkeiten Wert zu legen, ist es doch, Menschen die Einsicht zu vermitteln, dass für ihren Konsum ein Tier ohne zwingende Notwendigkeit und bar jeder ethischen Rechtfertigung gequält und getötet wurde. Und um diese Erkenntnis zu vermitteln, bedarf es in der Regel eines sachlichen und informativen Gespräches. Die Frage lautet also: Welcher Argumentationsstil bringt uns weiter im Gespräch? Es gibt subtile Formulierungen, die faktisch den gleichen Gedanken zum Ausdruck bringen, aber den Gesprächspartner nicht so brüskieren, dass er zu einem weiteren Dialog nicht mehr bereit wäre. Außerdem können wir nicht ausschließen, dass auch Kinder oder Jugendliche eine solche Diskussion mitverfolgen oder unsere Druckschriften und Internet-Seiten lesen. Wir sollten uns bewusst machen, dass wir junge Menschen mit Pauschalverurteilungen möglicherweise zu Trotzreaktionen verleiten, und dass psychische Folgen eintreten können, wenn sie sich als Tiermörder oder Tiertotschläger ungerecht beschimpft fühlen. Da sie in der Regel von Erwachsenen, meist von den Eltern, zum Verzehr von Tierprodukten animiert oder sogar gezwungen werden, ist es ohnehin ethisch nicht zu vertreten, ihnen Schuldgefühle zu induzieren. Außerdem können wir Kindern bis zu einem bestimmten Alter keine oder nur eine eingeschränkte Urteils- und Moralfähigkeit zusprechen. Auch dies sollte berücksichtigt werden. Die "Schuld" trifft nicht die Kinder, sondern die Gesellschaft, in der sie aufwachsen und an der sie sich orientieren. Es existieren also gute Gründe für eine gemäßigte und nuancierte Ausdrucksweise. In einer sachlich geführten Diskussion mit dem "Normalkonsumenten" von Tierprodukten sollten wir auf die Verwendung persönlich verletzender Begriffe wie Tiermörder oder Tiertotschläger und dergleichen mehr verzichten. Gegenüber den Betreibern der Ausbeutungs-Maschinerie und ihren Lobbyisten, also gegenüber den tatsächlichen Tätern und Mittätern ist jedoch eine härtere Gangart erforderlich. Wir sollten uns aber aus strategischen Gründen der satirischen Formulierungsweise bedienen. Satirische Texte oder illustrierte, satirische Flugblätter und dergleichen mehr bieten die Möglichkeit mit psychologisch durchdachten "Tiefschlägen" zu operieren, die vor allem auf die menschliche Eitelkeit abzielen. Weil der Mensch aber auf Grund seiner angeborenen Eitelkeit es in der Regel vermeiden wird, das gesellschaftlich akzeptierte - ja sogar geforderte Maß an Selbstironie und Humor - vermissen zu lassen, können auch polemische und harte Töne angeschlagen werden, ohne gleich befürchten zu müssen, dass der Angesprochene sich brüskiert fühlt und eine weiterführende Diskussion ablehnt. Gegenüber politischen Entscheidungsträgern empfehlen sich größtmögliche Diplomatie im Dialog und realitätsnahe Forderungen neben einer radikalen Aufdeckung der Missstände. Tierproduktfreier Konsum
Es sollte jedem/r Tierrechtler/in klar sein, dass ein tierproduktfreies Leben in unserem Land fast unmöglich ist. Es werden nämlich drei Probleme meistens verschwiegen! Eine tatsächliche Abkopplung aus dem bestehenden Ausbeutungssystem ist kaum möglich, weil auch durch einen tierproduktfreien Konsum indirekt dazu beigetragen wird, dass auf Grund der Steuer- und Subventionspolitik und undurchschaubarer wirtschaftlicher Verflechtungen dieses Unrechtssystem als Ganzes erhalten bleibt und auch von dem eigenen Konsumverhalten profitiert. Der Konsum von herkömmlich oder ökologisch angebautem Obst und Gemüse ist in vielen Fällen nicht notwendig mit weniger erkauftem Tierleid (Pestizide, Herbizide, Dung, Blutspan etc.) verbunden, als der Konsum einiger nach streng veganer Definition erzeugter Produkte. Die von einigen Hardlinern mit größtem Einsatz angestrebte und verteidigte "Reinheit" ist eine Illusion. Dennoch wird jede mögliche Propagierung eines für alle Menschen alltagstauglichen tierproduktfreien Konsums mit etablierten alternativen Lebensmitteln strikt abgelehnt und verurteilt. Wer soll entscheiden welcher Aufwand für das Vermeiden welcher fraglichen Menge an Tierprodukten in Nahrungsmitteln zu betreiben ist, um den Tierrechtsgedanken im eigenen Verhalten auch umzusetzen? Wenn es keine klaren Grenzen gibt, ist auch eine vorschnelle Verurteilung all jener äußerst bedenklich, die dem Prinzip des "Vermeidens des Vermeidbaren" noch nicht ganz gerecht werden. Diskussionen, die weniger den Tieren als vielmehr der Verteidigung theoretischer Konzepte dienen, sind kontraproduktiv für eine rasche Verwirklichung des Tierrechtsgedankens und für eine reale Verbesserung der Lebensverhältnisse der betroffenen Tiere. Die Gefahr, das zarte Pflänzchen durch "ideologische Überdüngung" zum Verdorren zu bringen, erscheint vielen Hardlinern nebensächlich, solange nur der Glaube an die moralische Überlegenheit unangetastet bleibt. Der Verdacht ist berechtigt, dass es dieser Gruppe in erster Linie um die "Reinheit" moralischer Grundsätze und die Zugehörigkeit zu einer elitären Minderheit geht, aus der ein überlegenes Selbstwertgefühl erwächst, als um reale Veränderungen im Tierumgang unserer Gesellschaft. Die stete Hervorhebung ihrer Ernährungsweise ähnelt unbewussten Kompensations- und Sublimierungsmustern, als ob der Verzicht auf Tierprodukte für sie ein so großes Opfer bedeuten würde, dass das Gefühl, sich ethisch korrekt zu verhalten nicht mehr ausreicht und als zusätzliche Kompensationen für den Verzicht auf den "Zungenkitzel" ihrer vorveganen Zeit ein elitäres Selbstgefühl und eine radikale moralische Abgrenzung sowohl zu den Fleischessern als auch zu den Ovo-Lakto-Vegetariern vehement angestrebt wird. Der A.K.T.E.- Kaplan-Konsens
Der Aufsatz "Müssen Tierrechtler Veganer sein?" des Tierrechte-Philosophen Dr. Helmut Kaplan führte im Spätsommer des Jahres 2002 zu einer erneuten Eskalation der seit längerer Zeit schwelenden Vegetarismus-Veganismus-Debatte. Die im Internet kursierenden News und E-Mails diesbezüglich waren alles andere als geeignet, die Tierrechtsbewegung im deutschsprachigen Raum, aber auch über die Grenzen hinaus als eine geschlossene Front gegenüber der Tierausbeutungsgesellschaft erscheinen zu lassen. Da wir mit Helmut Kaplan auch damals schon in regem Gedankenaustausch standen, fokussierten wir unsere Gespräche auf dieses hoch brisante Thema, um zusammen mit ihm über die Problematik von Grund auf erneut zu diskutieren. Unser gemeinsamer Wunsch bestand darin, eine akzeptable Lösung zu finden, die einerseits zu einer Entschärfung der destruktiven Auseinandersetzungen innerhalb der Tierrechtsbewegung und der Tierschutz-Szene beitragen sollte, und die andererseits alle ethischen Aspekte, aber auch die politisch-gesellschaftlichen Fakten angemessen berücksichtigt. Wir wollen nicht verschweigen, dass hierbei pragmatische und ethische Gesichtspunkte sich gegenüberstanden und uns eine befriedigende Lösung zeitweise fast unmöglich erschien. Dank eines sehr offenen und intensiven Gedankenaustausches, der über das übliche Maß einer Kooperation in philosophischen Grundsatzfragen hinausging, erreichten wir zum Jahresende Annährungspunkte, die zu einem tragfähigen Konsens während seines Besuches von Helmut Kaplan in Saarbrücken sich verdichteten. Dieser Konsens soll als Basis für eine fortzuführende und vertiefende Beschäftigung mit diesem Thema dienen, und eine gedankliche Richtschnur für die momentane Beurteilung und Vorgehensweise darstellen, die von allen rational denkenden Vegetariern und Veganern, von Tierrechtlern und "traditionellen Tierschützern" gleichermaßen akzeptiert werden kann. Folgende Gedankengänge bildeten die Prämissen für den erzielten Konsens:
Der erzielte Konsens:
Wir sind der Überzeugung, dass in der heutigen Phase der Tierrechtsbewegung dieser Kompromiss, der nur eine momentane und vorläufige Lösung in der Vegetarismus-Veganismus-Debatte darstellen kann, vielleicht dazu beiträgt, die kontraproduktiven Anfeindungen zwischen Vegetariern und Veganern zu beenden, den Weg zu einem ethischen Tierumgang für viele Menschen zu erleichtern und eine Bündelung aller Kräfte aus Naturschutz, Tierschutz und Tierrechtsbewegung zu ermöglichen, was letztendlich der Reduzierung und der Beendigung der Ausbeutung der Tiere dienen wird. Generelles zu unseren Aussagen In unseren philosophischen und tierrechtsrelevanten Betrachtungen und Aussagen sind wir zwar bestrebt, uns der Wahrheit so weit wie möglich anzunähern, aber inwieweit damit eine absolute Wahrheit oder Wirklichkeit beschrieben wird, bleibt dahingestellt. Es wäre vermessen, für unsere Aussagen den Anspruch auf absolute Wahrheit geltend machen zu wollen. Wir erheben aber Anspruch auf Gültigkeit für das, was wir jetzt kraft unserer Vernunft und mittels der uns zur Verfügung stehenden Beweise als eine vorläufige Annährung an die Wirklichkeit und Wahrheit erachten, bis das Gegenteil stichhaltig bewiesen ist. Denn wenn wir an dem Wahrheitsanspruch unserer Forderung nach einer gerechten moralischen Berücksichtigung der Tiere zweifelten und annehmen würden, dass die Grundlagen dafür sich nicht auf eine philosophische Wahrheit stützen könnten, dann wären unsere Bemühungen und Arbeit zwar emotional noch begründbar und zu vertreten, aber machten auf Dauer wohl wenig Sinn. Der lebendige Prozess einer Annährung hat zur Folge, dass im Verlauf unserer Arbeit auch immer wieder neue Erkenntnisse und neue Vorstellungen berücksichtigt werden. Das bedeutet auch, dass unsere Texte, die wir auf dieser Homepage publizieren, nur das Ergebnis einer momentanen und vorläufigen Sichtweise widerspiegeln. Deshalb weisen wir ausdrücklich daraufhin, dass im Verlauf unserer gedanklichen Auseinandersetzung mit den vielfältigen Fragen der Tierrechtsethik und Moral-Philosophie und mit den Fragen zur Vorgehensweise zwecks ihrer Umsetzung in unserer Gesellschaft, unsere Positionen und Aussagen und damit auch unsere Texte auf diesen Seiten nachträglich überarbeitet, korrigiert oder revidiert werden können. Dies ist kein Zeichen von Wankelmütigkeit, sondern vielmehr der Beweis für eine redliche und permanente Auseinandersetzung mit ethischen Grundsatzfragen und ein selbstkritisches Eingeständnis der menschlichen Unvollkommenheit. Wir sind auch gerne bereit, Anregungen von Ihnen aufzugreifen und zu überdenken oder mit Ihnen über unsere Positionen in dem dafür vorgesehenen Forum zu diskutieren. Es kann auch vorkommen, dass sich auf Grund der vielfältigen Wissensgebiete, mit denen wir uns im Rahmen unserer Arbeit beschäftigen, sachliche Fehler einschleichen oder unser Zahlenmaterial nicht mehr dem neuesten Stand entspricht. Wir sind für jeden Hinweis auf eingeschlichene Fehler dankbar. A.K.T.E. - Redaktion / Stefan Bernhard Eck |
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