Tier und Mensch in der Kritischen Theorie Dialektik der Aufklärung (Ohne Anspruch auf Vollständigkeit) "Die Tiere spielen fürs idealistische System virtuell die gleiche Rolle Die Kritische Theorie Horkheimers und Adornos ist eine fundamentale Kulturkritik. In der Dialektik der Aufklärung, die im amerikanischen Exil verfasst wurde und erstmals 1947 erschien, werden die Ursprünge der abendländischen Kultur seit der Antike beleuchtet. (Selbstverständlich handelt es sich zum Teil um Spekulationen, die allerdings in sich plausibel sind und zudem durch historische Dokumente und archäologische Befunde untermauert sind.) Es geht dabei um die Entwicklung und das Selbstverständnis des Vernunftwesens Mensch und um die Ambivalenz des Vernunftbegriffs vor allem in der Geschichte des Abendlandes. Die Dualismen Natur/Kultur, Körper/Geist und Seele und selbstverständlich Tier/Mensch prägen das Erleben und Empfinden des Subjekts. Vernunft wird partikular und instrumentalisierbar und dient der Legitimation der Interessen der Mächtigen. Aufklärung, die Mythisches (d. h. hier auch animistisches Denken) durch die Vernunft der diskursiven Logik ablösen will, schlage ihrerseits in "Mythologie" um, d. h. in die positivistische Ideologie der Mess- und Berechenbarkeit mit ihren totalitären Tendenzen. Der Prozess der "Aufklärung" beginnt nach Horkheimer und Adorno bereits mit dem Ablösen des Animismus durch elaborierte "Licht"-Religionen bzw. Mythologien wie z. B. der olympischen Götterwelt der Griechen. Diese heben "den" Menschen aus der übrigen Natur heraus und verhängen das "mimetische Tabu" über seine Kultur und sein Erleben, das Verbot, die übrige Natur durch magische Praktiken der Nachahmung (wie Totemismus) zu beeinflussen, sich mit Tieren und Naturphänomenen zu identifizieren. Der Ursprung der Kunst in Magie, in mimetischen Kulten, und das mimetische Tabu im Prozess der Zivilisation spielten auch in Adornos Kunsttheorien eine zentrale Rolle. Nur gelegentlich explizit, aber keineswegs nur marginal ist in Adornos und Horkheimers Texten immer wieder von Tieren die Rede oder auch davon, dass das Selbstverständnis des abendländischen Subjektes, vor allem auch die viel beschworene Menschenwürde, auf einer krampfhaften Abgrenzung zu "dem" Tier beruhe, die einhergeht mit der Unterdrückung und Disziplinierung des menschlichen Körpers. In der Dialektik der Aufklärung wird die Kirke-Episode in Homers Odyssee als Ursprungserzählung hiervon gelesen: Die Zauberin Kirke, eine vorolympische Liebesgöttin bzw. "Gottheit der Rückverwandlung ins Tier" verwandelt die Gefährten des Odysseus, die ihren Reizen verfallen sind, in Schweine. Eine traumatische Auslieferung an die Mächte der Auflösung! [1] Eine oft zitierte Kernstelle der Dialektik der Aufklärung schließt sich an diese Episode: "Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt. Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an, und stets war die Lockung, es zu verlieren, mit der starken Entschlossenheit zu seiner Enthaltung gepaart. (...) Die Angst, das Selbst zu verlieren und mit dem Selbst die Grenze zwischen sich und anderem Leben aufzuheben, (...) ist einem Glücksversprechen verschwistert, von dem in jedem Augenblick die Zivilisation bedroht war." (S. 33) Ein Abschnitt bzw. fragmentarischer Nachtrag zur "Dialektik" ist überschrieben mit "Mensch und Tier". (S. 219-227). Er korrespondiert, wie stets bei Adorno und Horkheimer, mit anderen Themenkomplexen, hier vor allem mit Faschismus-Kritik sowie auch mit der Kritik der patriarchalen Festschreibung der Geschlechterrollen. Der Kontext der Vernunft- und Zivilisationskritik muss betont werden, denn es kommt vor, dass Horkheimers/Adornos Aussagen zur "Unvernunft" des Tieres sowie die polemische Lobpreisung der Grosstaten des Vernunftwesens Mensch als Affirmation des gängigen Begriffs der Menschenwürde missverstanden werden. Es seien Auszüge wiedergegeben, die sich explizit auf Tiere beziehen: "Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus. Mit seiner Unvernunft beweisen sie die Menschenwürde. Mit solcher Beharrlichkeit und Einstimmigkeit ist der Gegensatz von allen Vorvorderen des bürgerlichen Denkens, den alten Juden, Stoikern und Kirchenvätern, dann durchs Mittelalter und die Neuzeit hergebetet worden, daß er wie wenige Ideen zum Grundbestand der westlichen Anthropologie gehört. Auch heute ist er anerkannt. Die Behaviouristen haben ihn bloß scheinbar vergessen. Daß sie auf die Menschen dieselben Formeln und Resultate anwenden, die sie, entfesselt, in ihren scheußlichen physiologischen Laboratorien wehrlosen Tieren abzwingen, bekundet den Unterschied auf besonders abgefeimte Art. Der Schluß, den sie aus den verstümmelten Tierleibern ziehen, paßt nicht auf das Tier in Freiheit, sondern auf den Menschen heute. Er bekundet, indem er sich am Tier vergeht, daß er, und nur er in der ganzen Schöpfung, freiwillig so mechanisch, blind und automatisch funktioniert, wie die Zuckungen der gefesselten Opfer, die der Fachmann sich zunutze macht. Der Professor am Seziertisch definiert sie wissenschaftlich als Reflexe, der Mantiker am Altar hatte sie als Zeichen seiner Götter ausposaunt. Dem Menschen gehört die Vernunft, die unbarmherzig abläuft; das Tier, aus dem er den blutigen Schluß zieht, hat nur das unvernünftige Entsetzen, den Trieb zu Flucht, die ihm abgeschnitten ist. Der Mangel an Vernunft hat keine Worte. Beredt ist ihr Besitz, der die offenbare Geschichte durchherrscht. Die ganze Erde legt für den Ruhm des Menschen Zeugnis ab. In Krieg und Frieden, in Arena und Schlachthaus, vom langsamen Tod des Elefanten, den primitive Menschenhorden auf Grund der ersten Planung überwältigten, bis zur lückenlosen Ausbeutung der Tierwelt heute, haben die unvernünftigen Geschöpfe stets Vernunft erfahren. Dieser sichtbare Hergang verdeckt den Henkern den unsichtbaren: das Dasein ohne Licht der Vernunft, die Existenz der Tiere selbst. Sie wäre das echte Thema der Psychologie, denn nur das Leben der Tiere verläuft nach seelischen Regungen. (...) Die Tierpsychologie aber hat ihren Gegenstand aus dem Gesicht verloren, über der Schikane ihrer Fallen und Labyrinthe vergessen, daß von Seele zu reden, sie zu erkennen, gerade und allein dem Tiere gegenüber ansteht. Selbst Aristoteles, der den Tieren eine, wenn auch inferiore Seele zusprach, hat aber lieber von den Körpern, von Teilen, Bewegung und Zeugung gehandelt, als von der dem Tiere eigenen Existenz. Die Welt der Tiere ist begriffslos. Es ist kein Wort da, um im Fluß des Erscheinenden das identische festzuhalten, im Wechsel der Exemplare dieselbe Gattung, in den veränderten Situationen dasselbe Ding. Wenngleich die Möglichkeit von Wiedererkennen nicht mangelt, ist Identifizierung aufs vital Vorgezeichnete beschränkt. Im Fluß findet sich nichts, das als bleibend bestimmt wäre, und doch bleibt alles ein und dasselbe, weil es kein festes Wissen ums Vergangene und keinen hellen Vorblick auf die Zukunft gibt. Das Tier hört auf den Namen und hat kein Selbst, es ist in sich eingeschlossen und doch preisgegeben, immer kommt ein neuer Zwang, keine Idee reicht über ihn hinaus. Für den Entzug des Trostes tauscht das Tier nicht Milderung der Angst ein, für das fehlende Bewußtsein von Glück nicht Abwesenheit von Trauer und Schmerz. Damit Glück substantiell werde, dem Dasein den Tod verleihe, bedarf es identifizierender Erinnerung, beschwichtigender Erkenntnis, der religiösen oder philosophischen Idee, kurz des Begriffs. Es gibt glückliche Tiere, aber welch kurzen Atem hat das Glück! Die Dauer des Tiers, vom befreienden Gedanken nicht unterbrochen, ist trübe und depressiv. Um dem bohrend leeren Dasein zu entgehen, ist ein Widerstand notwendig, dessen Rückgrat die Sprache ist. Noch das stärkste Tier ist unendlich debil. Die Lehre Schopenhauers, nach welcher das Pendel des Lebens zwischen Schmerz und Langeweile schlägt, zwischen punkthaften Augenblicken gestillten Triebs und endloser Sucht, trifft für das Tier, das dem Verhängnis nicht durch Erkennen Einhalt gebieten kann. In der Tierseele sind die einzelnen Gefühle und Bedürftigkeiten des Menschen, ja die Elemente des Geistes angelegt ohne den Halt, den nur die organisierende Vernunft verleiht. Die besten Tage verfließen im geschäftigen Wechsel wie ein Traum, den ohnehin das Tier vom Wachen kaum zu unterscheiden weiß. Es entbehrt des klaren Übergangs von Spiel zu Ernst; des glücklichen Erwachens aus dem Alpdruck zur Wirklichkeit. In den Märchen der Nationen kehrt die Verwandlung von Menschen in Tiere als Strafe wieder. In einen Tierleib gebannt zu sein, gilt als Verdammnis. Kindern und Völkern ist die Vorstellung solcher Metamorphosen unmittelbar verständlich und vertraut. Auch der Glaube an die Seelenwanderung in den ältesten Kulturen erkennt die Tiergestalt als Strafe und Qual. Die stumme Wildheit im Blick des Tieres zeugt von demselben Grauen, das die Menschen in solcher Verwandlung fürchteten. Jedes Tier erinnert an ein abgründiges Unglück, das in der Urzeit sich ereignet hat. Das Märchen spricht die Ahnung der Menschen aus. Wenn aber dem Prinzen dort die Vernunft geblieben war, so daß er zur gegebenen Zeit sein Leiden sagen und die Fee ihn erlösen konnte, so bannt Mangel an Vernunft das Tier auf ewig in seine Gestalt, es sei denn, daß der Mensch, der durch Vergangenes mit ihm eins ist, den erlösenden Spruch findet und durch ihn das steinerne Herz der Unendlichkeit am Ende der Zeiten erweicht. Die Sorge ums vernunftlose Tier aber ist dem Vernünftigen müßig. Die westliche Zivilisation hat sie den Frauen überlassen. Diese haben keinen selbständigen Anteil an der Tüchtigkeit, aus welcher unsere Zivilisation hervorging. Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben, muß wirken und streben. Die Frau ist nicht Subjekt. Sie produziert nicht, sondern pflegt die Produzierenden. (...) Wo Beherrschung der Natur das wahre Ziel ist, bleibt biologische Unterlegenheit das Stigma schlechthin, die von Natur geprägte Schwäche zur Gewalttat herausforderndes Mal." (...) Es folgt ein längerer Exkurs über die Unterdrückung der Frau im Laufe der Geschichte und die daraus sich ergebenden Deformationen weiblicher Sozialcharaktere: "Die letzte weibliche Opposition gegen den Geist der Männergesellschaft verkommt im Sumpf der kleinen Rackets, der Konventikel und Hobbies, sie wird zur perversen Aggression des social work und des theosophischen Klatsches, zur Betätigung der kleinen Ranküne in Wohltätigkeit und Christian Science. In diesem Sumpf drückt die Solidarität mit der Kreatur nicht so sehr im Tierschutzverein wie im Neubuddhismus und im Pekinesen sich aus, dessen entstelltes Gesicht heute noch wie auf den alten Bildern ans Antlitz jenes durch den Fortschritt überholten Narren gemahnt. Die Züge des Hündchens repräsentieren wie die ungelenken Sprünge des Höckers noch immer die verstümmelte Natur, während Massenindustrie und Massenkultur schon lernten, die Leiber der Zuchtstiere wie der Menschen nach wissenschaftlichen Methoden bereitzustellen. (...) Unter den kleinen Nachrichten, auf den zweiten und dritten Seite der Zeitungen, deren erste mit den grauenvollen Ruhmestaten der Menschen ausgefüllt ist, stehen zuweilen die Zirkusbrände und Vergiftungen der großen Tiere zu lesen. Es wird an die Tiere erinnert, wenn ihre letzten Exemplare, die Artgenossen des Narren aus dem Mittelalter, in unendliche Qualen zugrunde gehen, als Kapitalverlust für den Besitzer, der die Treuen im Zeitalter des Betonbaus nicht feuersicher zu beschützen vermochte. Die große Giraffe und der weise Elefant sind "oddities", an denen sich schon kaum mehr ein gewitzter Schuljunge verlustiert. Sie bilden in Afrika, der letzten Erde, die ihre armen Herden vor der Zivilisation vergeblich schützen wollte, ein Verkehrshindernis für die Landung der Bomber im neuesten Kriege. Sie werden ganz abgeschafft. Auf der vernünftigen Erde ist die Notwendigkeit der ästhetischen Spiegelung weggefallen." (...) Es folgen Ausführungen über faschistische Herrschaftsmechanismen: "Im faschistischen Kollektiv mit seinen Teams und Arbeitslagern ist von zarter Jugend an ein Jeder ein Gefangener in Einzelhaft. (...) Das Tier noch soll die edlen Züge tragen. Das prononcierte Menschengesicht, das beschämend an die eigne Herkunft aus Natur und die Verfallenheit an sie erinnert, fordert unwiderruflich nur noch zum qualifizierten Totschlag auf. Die Judenkarikatur hat es seit je gewußt, und noch der Widerwille Goethes gegen die Affen wies auf die Grenzen seiner Humanität. Wenn Industriekönige und Faschistenführer Tiere um sich haben, sind es keine Pinscher sondern dänische Doggen und Löwenjunge. Sie sollen die Macht durch den Schrecken würzen, den sie einflößen. So blind steht der Koloß des faschistischen Schlächters vor der Natur, daß er ans Tier nur denkt, um Menschen durch es zu erniedrigen. Für ihn gilt wirklich, was Nietzsche, Schopenhauer und Voltaire vorwarf, daß sie ihren "Haß gegen gewisse Dinge und Menschen als Barmherzigkeit gegen Tiere zu verkleiden wußten". Voraussetzung der Tier-, Natur- und Kinderfrömmigkeit des Faschisten ist der Wille zur Verfolgung. Das lässige Streicheln über Kinderhaar und Tierfell heißt: die Hand hier kann vernichten. Sie tätschelt zärtlich das eine Opfer, bevor sie das andere niederschlägt, und ihre Wahl hat mit der eigenen Schuld des Opfers nichts zu tun. Die Liebkosung illustriert, daß alle vor der Macht dasselbe sind, daß sie kein eigenes Wesen haben. Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material. So nimmt der Führer der Unschuldigen sich an, sie werden ohne ihr Verdienst herausgegriffen, wie man sie ohne ihr Verdienst erschlägt. Dreck ist die Natur. (...) Jeder ist ein Faktor, das Subjekt oder Objekt irgendeiner Praxis, etwas mit dem man rechnet oder nicht mehr rechnen muß. In dieser vom Schein befreiten Welt, in der die Menschen nach Verlust der Reflexion wieder zu den klügsten Tieren wurden, die den Rest des Universums unterjochen, wenn sie sich nicht gerade selbst zerreißen, gilt aufs Tier zu achten nicht mehr bloß als sentimental, sondern als Verrat am Fortschritt. In guter reaktionärer Tradition hat Göring den Tierschutz mit dem Rassenhaß verbunden, die lutherisch-deutsche Lust am fröhlichen Morden mit der gentilen Fairness des Herrenjägers. Klar sind die Fronten geschieden; wer gegen Hearst und Göring kämpft, hält es mit Pawlow und Vivisektion, wer zögert, ist Freiwild für beide Seiten. Er soll Vernunft annehmen. (...) Wer nicht mitmacht, sagen die Progressiven, hilft keiner Maus. Alles hänge von der Gesellschaft ab, auch das genaueste Denken müsse sich den mächtigen sozialen Tendenzen verschreiben, ohne die es zur Schrulle werde. Dies Einverständnis verbindet alle Gerechten der Realität; es bekennt sich zur menschlichen Gesellschaft als einem Massenracket in der Natur. Das Wort, das nicht die Ziele einer seiner Branchen verfolgt, regt sie zur maßlosen Wut auf. Es gemahnt daran, daß noch eine Stimme hat, was nur sein soll, damit es gebrochen wird: an Natur, von der die Lügen der völkisch und folkloristisch Orientierten überfließen. Wo sein Ton ihre Sprechchöre für einen Augenblick unterbricht, wird das von ihnen überschrieene Grauen laut, das wie in jedem Tier selbst in den eigenen rationalisierten und gebrochenen Herzen lebt. (...) Der herrschenden Praxis und ihren unentrinnbaren Alternativen ist nicht die Natur gefährlich, (...) sondern daß Natur erinnert wird." (Horkkheimer/Adorno, "Dialektik der Aufklärung", Fischer-Taschenbuch, S. 33 und S. 64 ff.) Im Rahmen einer Auseinandersetzung mit Kants Ethik und dem darin waltenden Vernunftbegriff sagt Adorno: "Schließlich aber wäre doch auch über den Gedanken der Vernunft als eines Endzwecks der Menschheit selber noch etwas zu sagen. Wenn Sie das à la lettre nehmen (...), dann ist diese Vernunft ja die reine naturbeherrschende Vernunft und insofern auch das unterdrückende Prinzip und selber etwas wesentlich Partikulares. Es ist aber äußerst fragwürdig, ob man dieses unterdrückende, partikulare, auf die Selbsterhaltung der Gattung Mensch abzielende Prinzip nun als das einer objektiven moralischen Vernunft überhaupt ohne weiteres setzen kann. Schopenhauer hat seinerzeit es als das besondere Verdienst seiner Moralphilosophie angesprochen, daß in ihr auch das Verhalten von Tieren inbegriffen ist, das Mitleid gegenüber den Tieren, und man hat das oft so als eine Schrulle des Privatiers behandelt. Ich glaube, daß sich an solchen exzentrischen Zügen gerade ungeheuer viel erkennen läßt. Das heißt, der Schopenhauer hatte wahrscheinlich den Verdacht, daß die Etablierung der totalen Vernunft als des obersten objektiven Prinzips der Menschheit eben damit jene blinde Herrschaft über die Natur fortsetzen könnte, die in der Tradition der Ausbeutung und der Quälerei an Tieren ihren allersinnfälligsten und faßlichsten Ausdruck hat. Er hat damit sozusagen den wunden Punkt des Übergangs der subjektiven selbsterhaltenden Vernunft in das oberste moralische Prinzip bezeichnet, welches für die Tiere und das Verhalten zu Tieren keinen Raum läßt. Und insofern ist gerade diese Exzentrizität von Schopenhauer Zeichen einer sehr großen Einsicht. Wenn man sich so etwas wie die Institutionalisierung der Vernunft als des obersten Prinzips der Menschheit ausmalt, dann hätte man wahrscheinlich noch viel eher sich vorzustellen, daß in ihr dieses herrschaftliche Prinzip: so muß es sein, so muß es zugerichtet werden, kontrolliert werden, organisiert werden, aufhört und sich löst, als daß es sich ad calendas graecas perpetuiert und dann am Schluß im Namen des Moralischen die Gesellschaft selbst als eine unermeßliche Aktiengesellschaft zur Ausbeutung der Natur sich etabliert." [2] "Jargon der Eigentlicheit" Adornos "Jargon der Eigentlichkeit" [3] - erschienen 1964 - zunächst geplant als Kapitel der "Negativen Dialektik" ist eine Polemik gegen Heidegger und den sich in Sonntagsreden artikulierenden Vulgär-Existentialismus der 50iger und 60iger Jahre, dem Adorno eine ausgesprochen reaktionäre politische Funktion bescheinigt: Der "Jargon der Eigentlichkeit" ist Ideologie als Sprache unter Absehung von allem besonderen Inhalt. (S. 132) Denn hier wird "der Mensch als solcher" beschworen und zelebriert, die Selbstbeweihräucherung der Gattung wird zur säkularisierten Religiosität, die von der konkreten Situation der einzelnen Menschen, den Herrschaftsverhältnissen und gesellschaftlichen Widersprüchen mindestens so effektiv ablenke wie ehemals Religion. Der in diesem Sinne strapazierten Menschenwürde stellt Adorno eine entsprechende Diagnose: "Die Rede von Menschen ist die Ideologie der Entmenschlichung. (...) Beliebt macht die Rede vom Menschen sich nicht nur im Geist von Fachwerk und Giebeldach, sondern ebenso durchs zeitgemäße Gehabe eines Radikalismus, der abbaue, was da bloß verdeckt, und sich auf das nackte Wesen besinne, das unter allen kulturellen Verkleidungen stecke. Weil es jedoch um den Menschen gehe und nicht, der Menschen wegen, um die von ihnen gemachten und gegen sie verhärteten Zustände, wird von deren Kritik entbunden, als wäre sie, zeitgebunden, gleich ihrem Gegenstand, allzu seicht. (...) (Seiten 52-59) Der Akzent auf den Existentialien des Menschen (...) lenkt bloß davon ab, wie wenig es auf den zum Anhängsel verdammten Menschen ankommt. Der Ausdruck des Wortes Mensch hat historisch sich verändert. Noch in der expressionistischen Literatur aus der Ära des Ersten Krieges hatte er seinen geschichtlichen Stellenwert kraft des Protests gegen die flagrante Unmenschlichkeit, die für die Materialschlacht das Menschenmaterial erfand. (...) Der Satz "Der Mensch ist gut" war falsch, aber bedurfte wenigstens keiner metaphysisch-anthroplogischen Sauce. Immerhin hat schon das expressionistische "O Mensch" Manifest gegen das, was bloß von Menschen gemacht, usurpatorische Setzung ist, die Neigung, deren Gewalt außer acht zu lassen. Der unangefochtene Kindersinn von Allmenschlichkeit befleckt sich mit dem, wogegen er opponiert. (...) Das Menschenbild des Jargons ist der Ausverkauf noch jenes hemmungslosen "O Mensch", und die negative Wahrheit darüber. (...) Dank seiner Abstraktheit läßt sich der Begriff (Mensch) als Schmieröl in die gleiche Maschinerie spritzen, die er einmal stürmen wollte. Sein unterdessen verdampftes Pathos hallt nah in der Ideologie, der Betrieb, den die Menschen bedienen müssen, sei um ihretwillen da. (...) Die Engelszungen, mit welchen er (der Jargon) das Wort Mensch registriert, bezieht er von der Lehre der Gottesebenbildlichkeit. Es klingt desto unwiderleglicher und bestechender, je sorgfältiger es gegen seinen theologischen Ursprung sich abdichtet. (...) [5] Ward einmal das theologische Urbild gestürzt, so wird die Transzendenz, die einmal in den Religionen vom Abbild durch mächtige Tabus geschieden war – "Du sollst dir kein Bild machen" - aufs Abbild verschoben; es wird als wundervoll ausgegeben, weil kein Wunder mehr ist. (...) Während nichts mehr ist, wovor der wundervolle Mensch sich zu neigen hat, der wundervoll sei, weil er nichts als Mensch ist, gebärdet doch der Jargon sich so, wie einmal der Mensch vor der Gottheit sich verhalten sollte. Er zielt auf unbefragte, unbezogene Demut. Sie sei menschliche Tugend an sich. Von jeher schickte sie sich zur Vermessenheit des sich selbst setzenden Subjekts. Die Verborgenheit dessen, dem Demut gilt, lockt von sich aus bereits zur Feier. Längst war das im Begriff der Ehrfurcht angelegt, sogar im Goetheschen. Jaspers empfiehlt sie ausdrücklich, unabhängig vom zu Verehrenden, verdammt ihre Abwesebheit und findet leicht den Übergang zum Heldenkult, (...): Die Kraft der Ehrfurcht hält im Blick auf geschichtliche Gestalten menschlicher Gestalten das Maß fest dessen, was der Mensch ist und vermag (...); sie ergreift, woraus ihr Sein erwuchs, in den besonderen Menschen, in deren Schatten sie zum Bewußtsein kam. (...) [6] Das Wort Mensch indessen vertraut im Jargon, trotz des Kultus geschichtlicher Gestalten und der Größe an sich, nicht mehr auf Menschenwürde wie der Idealismus. Stattdessen soll der Mensch, wie es denn bei den einschlägigen Philosophen thematisch wird, zur Substanz seine Ohnmacht und Nichtigkeit haben, der er in der gegenwärtigen Gesellschaft tatsächlich mehr und mehr sich annähert. Solcher geschichtliche Stand wird ins reine Menschenwesen verlegt; bejaht und verewigt in eins. Folgerecht raubt der Jargon dem Begriff des Menschen, der erhaben sei vermöge seiner Nichtigkeit, justament die Züge, die in aller Aufklärung und auch im frühen deutschen Idealismus Kritik an den Zuständen beinhalteten, in denen der Seele ihr göttlich Recht nicht wird. Der Jargon erhält Kompanie mit einem Begriff des Menschen, aus dem jegliche Erinnerung ans Naturrecht getilgt ist, so sehr auch sein Mensch als Invariante selber zu etwas wie einer supranaturalen Naturkategorie wird. Theologie hielt der im falschen und unerfüllten Leben unerträglichen Vergänglichkeit des Menschen die Hoffnung aufs ewige entgegen. Diese schwindet im Lob von Vergänglichkeit als Absolutem, (...) Leid, Übel und Tod seien, wie es im Jargon heißt, anzunehmen: nicht zu ändern. Dem Publikum wird das äquilibristische Kunststück eingeübt, Nichtigkeit als Sein sich zurechtzulegen; real vermeidbare oder wenigstens korrigible Not als Menschlichstes des Menschenbildes zu ehren; um eingeborener menschlicher Unzulänglichkeit willen Autorität als solche zu achten. Wiewohl sich nur selten noch gottgewollt sich nennt, behält sie die Hoheitszeichen, die sie einmal vom Vatergott entlieh. (...) Nach diesem (Menschenbild) seien alle Menschen einander gleich in seinsmächtiger Ohnmacht. Menschsein wird zur allgemeinsten und leersten Gestalt des Privilegs. (...) [7] Ideologie aber ist solche Allmenschlichkeit – Fratze der Gleichheit dessen, was Menschenantlitz trägt. (...) Mit keuscher Rührung läßt sich der Mensch im Menschen anrufen, ohne daß es irgend einen etwas kostete; wer aber dem Appell sich widersetzt, überantwortet sich den Verwaltern des Jargons als Unmensch und kann im Bedarfsfall deren Opfern zur Beute vorgeworfen werden; er, nicht die Macht, sei der Hochmütige, welcher ihre Menschenwürde in den Schmutz zerrt. (...) Die Phrase vom Menschen verunstaltet den Inhalt dessen, was unter dessen Begriff gedacht wird. (...) Keine Erhöhung vermöchte etwas gegen seine tatsächliche Erniedrigung zum Funktionsbündel."Zum Ende seines "Jargons der Eigentlichkeit" (Seite 132-136) kommentiert Adorno die Konjunktur des Begriffs Menschenwürde seit Kant: "Auch Würde ist idealistischen Wesens. Einmal dünkte das Subjekt sich eine kleine Gottheit im Bewußtsein seiner eigenen Freiheit ebenso wie als herrschaftlicher Gesetzgeber. Solche Motive sind in der Würde des Heideggerschen Tons extirpiert: Wie anders aber fände je ein Menschentum in das ursprüngliche Danken, es sei denn so, daß die Gunst des Seins durch den offenen Bezug zu ihr selbst dem Menschen den Adel der Armut gewährt, in der die Freiheit des Opfers den Schatz ihres Wesens verbirgt? (...) Sein (des Opfers) Vollzug entstammt der Inständigkeit, aus der jeder geschichtliche Mensch handelnd (...) das erlangte Dasein für die Wahrung der Würde des Seins bewahrt." (...) [8] "Die Feierlichkeit solcher Sätze, in denen die Würde, allerdings eine des Seins und nicht der Menschen, ihre Rolle spielt, unterscheidet sich von der säkularisierten Beerdigung einzig durch den Enthusiasmus fürs irrationale Opfer: so mochten Fliegeroffiziere sprechen, wenn sie, von einer frisch verwüsteten Stadt zurückgekehrt, Champagner tranken zum Wohle derer, die nicht wiederkamen. Würde war nie viel Besseres als die Attitude der Selbsterhaltung, die sich für mehr ausgibt; das Geschöpf mimt den Schöpfer."[9] "Mediatisert war darin eine feudale Kategorie, mit welcher die bürgerliche Gesellschaft zur Legitimation ihrer Rangordnung posthum aufwartet. Sie hatte immer schon die Tendenz zum Schwindel, wie ihn die Wichtigtuerei von Deputieren vorschriftsmäßiger Gesinnung bei festlichen Gelegenheiten an den Tag bringt. Von solcher erborgten Ideologie ist die Heideggersche Würde nochmals der Schatten; anstelle des Subjekts, das die seine immerhin auf den sei‘s noch so fragwürdigen pythagoreischen Anspruch gründete, es sei der gute Bürger eines guten Staates, tritt einzig noch der Respekt, der dem Subjekt darum gebühre, weil es sterben muß wie alle anderen. (...) Aufgewertet wird das zerschlissene Prinzip der Selbstsetzung des Ichs, das stolz sich durchhält, indem es sein Leben bewahrt auf Kosten der anderen, durch den Tod, der es auslöscht. (...) Die Leere wird zum Arcanum permanenter Ergriffenheit von einem verschwiegenen Numinosen. (...) Der Rest ist Pietät, im humaneren Fall hilflos wogende Gefühle solcher, denen einer stirbt, den sie geliebt haben, im schlechteren das Convenu, das den Tod mit dem Gedanken an göttlichen Willen und göttliche Gnade heiligt, noch wo Theologie verblaßte. Das wird von der Sprache exploitiert und zum Schema des Jargons der Eigentlichkeit. Sein würdevolles Gehabe ist Reaktionsbildung auf die Säkularisierung des Todes; Sprache will das Entweichende einfangen, ohne es zu glauben und zu nennen. Der nackte Tod wird zu jenem Gehalt der Rede, den sie nur hätte an einem Transzendenten. Das Falsche der Sinngebung, das Nichts als Etwas, erzeugt die sprachliche Verlogenheit. (...) Je unkräftiger dann gesellschaftlich das Individuum wird, desto weniger kann es gelassen der eigenen Ohnmacht gewahr werden. Ebenso muß es sich zur Selbstheit aufplustern wie deren Futilitität zum Eigentlichen. (...) Prophezeit wird der Heideggersche Tonfall in der Schillerschen Diskussion von Würde als einem sich in sich selbst Verschließen oder Festmachen. Wenn man auf Theatern oder Ballsälen Gelegenheit hat, die affektirte Anmuth zu beobachten, so kann man oft in den Kabinetten der Minister und in den Studierzimmern der Gelehrten (...) die falsche Würde studiren. Wenn die wahre Würde zufrieden ist, den Affekt an seiner Herrschaft zu hindern, und dem Naturtriebe blos da, wo er den Meister spielen will, in den unwillkürlichen Bewegungen Schranken setzt, so regiert die falsche Würde auch die willkürlichen mit einem eisernen Zepter, unterdrückt die moralischen Bewegungen, die der wahren Würde heilig sind, so gut als die sinnlichen, und löscht das ganze mimische Spiel der Seele in den Gesichtszügen aus. Sie ist nicht blos streng gegen die widerstrebende, sondern hart gegen die unterwürfige Natur, und sucht ihre lächerliche Größe in Unterjochung, und wo dies nicht angehen will, in Verbergung derselben. Nicht anders, als wenn sie allem, was Natur heißt, einen unversöhnlichen Haß gelobt hätte, steckt sie den Leib in lange, faltige Gewänder, (...) und schneidet sogar die Haare ab, um das Geschenk der Natur durch ein Machwerk der Kunst zu ersetzen. Wenn die wahre Würde, die sich nie der Natur, nur der rohen Natur schämt, auch da, wo sie an sich hält, noch stets frei und offen bleibt. (...) Aber die falsche Würde hat nicht immer Unrecht, das mimische Spiel ihrer Züge in scharfer Zucht zu halten, weil es vielleicht mehr aussagen könnte, als man laut machen will, eine Vorsicht, welche die wahre Würde freylich nicht nöthig hat. Diese wird die Natur nur beherrschen, nie verbergen, bei der falschen herrscht die Natur nur desto gewaltthätiger innen, indem sie außen bezwungen ist. [10] "Dem Kantianer, der die Disjunktion von Preis und Würde seinem Meister glaubte, war diese noch ein Wünschbares. Das brachte ihn um die volle Einsicht, welcher der große Schriftsteller so nahe rückte: daß der Würde ihre Verfallsform immanent ist,: durchschaubar, sobald Intellektuelle der Macht sich anbiedern, die sie nicht haben und der sie zu widerstehen hätten. Im Jargon der Eigentlichkeit stürzt am Ende die Kantische Würde zusammen, jene Menschheit, die ihren Begriff nicht an der Selbstbesinnung hat, sondern an der Differenz von der unterdrückten Tierheit." [11] "Ästhetische Theorie" und andere Texte Adornos "Ästhetische Theorie" erschien posthum 1970 als fast vollendetes Fragment und wird von vielen, u. a. von Adorno selbst, als eines seiner Hauptwerke angesehen. Ausgangspunkt des umfangreichen Werkes ist die "Säkularisierung" der Kunst, die Emanzipation von ihrem universalen Ursprung im Kultus, d. h. der "Mimesis" von Naturphänomenen, die epochenlange Verbindung von Kunst mit Religion bzw. Mythologie und Theologie und schließlich das moderne Postulat der Autonomie von Kunst und dessen ambivalente Rolle in der bürgerlichen Gesellschaft: "Die Autonomie, die sie (die Kunst) erlangte, nachdem sie ihre kultische Funktion und deren Nachbilder abschüttelte, zehrte von der Idee der Humanität. Sie wurde zerrüttet, je weniger Gesellschaft zur humanen wurde." (S. 10) Der Abschnitt "Das Naturschöne" (S. 97-121) handelt von der Abwertung des "Naturschönen", d. h. der Natur, durch das "Kunstschöne", das eine Schöpfung des menschlichen Geistes ist, an der Idee der Menschenwürde teilhat: "Der Begriff des Naturschönen rührt an eine Wunde, und wenig fehlt, daß man sie mit der Gewalt zusammendenkt, die das Kunstwerk, reines Artefakt, dem Naturwüchsigen schlägt. (...) Das Naturschöne verschwand aus der Ästhetik durch die sich ausbreitende Herrschaft des von Kant inaugurierten, konsequent erst von Schiller und Hegel in die Ästhetik transplantierten Begriffs von Freiheit und Menschenwürde, demzufolge nichts in der Welt zu achten sei, als was das autonome Subjekt sich selbst verdankt. (S. 97) Machte man einen Revisionsprozeß ums Naturschöne
anhängig, er träfe Würde als die Selbsterhöhung des Tiers Mensch über die Tierheit. [13] Ähnlich in auch im Aufsatz zum Klassizismus von Goethes Iphigenie: "Thoas, der übervorteilte, (...), verfügt gegen
die Zivilisierten über das Argument von den Wilden, die doch bessere Menschen seien. Im letzten
Auftritt sagt er: "Der Grieche wendet oft sein lüstern Auge / Den fernen Schätzen der Barbaren zu, /
Dem goldnen Felle, Pferden, schönen Töchtern; / Doch führte sie Gewalt und List nicht immer /
Mit den erlangten Gütern glücklich heim." [15] (Goethe, Iphigenie, 2102-2106).
Die imago der schönen Töchter der Barbaren, beneidet von den Damen des
römischen Imperiums, erinnert an das Unrecht der Humanität als der Suprematie
des Menschen über jenes Tierhafte, [16] das, wie eine viel spätere Phase der
Erfahrung, die Baudelaires, gewahrte, Ferment des Schönen selbst ist. [17] An anderer Stelle bei Adorno stehen Tiere für das vom Tauschwert nicht Tangierte: "Vollends beruht das Verhältnis der Kinder zu den Tieren darauf, daß die Utopie in jene sich vermummt, denen Marx es nicht einmal gönnt, daß sie als Arbeitende Mehrwert liefern. Indem die Tiere ohne den Menschen irgendeine erkennbare Aufgabe existieren, stellen sie als Ausdruck gleichsam den eigenen Namen vor, das schlechthin nicht Vertauschbare." [18] Adorno will hier keineswegs leugnen, daß Tiere längst kommerzialisiert sind. Er weist nur darauf hin, dass sie den Menschen an die Utopie einer zweckfreien Existenz erinnern. (wie auch Kunstwerke). Positionen zur Religion Religionen sehen Horkheimer und Adorno zunächst als Faktum, auf das sie einen sozialgeschichtlichen Blick werfen. In Horkheimers Aufsätzen "Egoismus und Freiheitsbewegung" in "Zur Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters" und in "Traditionelle und kritische Theorie" (Vier Aufsätze - FfM 1974, Fischer-Taschenbuch, S. 95-161) untersucht Horkheimer die repressive Funktion vor allem des Protestantismus, die Zurichtung des einzelnen Individuums als obrigkeitshörige Arbeitskraft, die Reglementierung von Spontanität, Lust und jeglicher individueller Bedürfnisse. Horkheimer und Adorno stützen sich in ihrer Einschätzung des protestantischen Christentums in seinen verschiedenen Ausprägungen wesentlich auf Max Weber, der im Protestantismus (vor allem dem calvinistischen) den ideologischen Wegbereiter des Kapitalismus sieht. Auch Adorno sieht in den verschiedenen Religionen rückblickend historische Fakten, so in seinem Aufsatz "Vernunft und Offenbarung" (1958, u. a. in: "Stichworte. Kritische Modelle 2", FfM 1969, Edition Suhrkamp 347, S. 20-28) In den modernen "religiösen Renaissancen" sieht Adorno eine bequeme Flucht vor den Anstrengungen der Ratio in den Konformismus, auch einen unbeholfenen Versuch, die "Entzauberung der Welt" durch Aufklärung, Wissenschaft etc. aufzuheben. Vor allem stellt er sich gegen den Begriff der "Offenbarung". (Alle drei monotheistischen Religionen verstehen sich, da auf eine verbindliche Offenbarungsschrift, der Bibel oder den Koran sich beziehend, als "Offenbarungsreligionen".) Dass der Gedanke einer verbindlichen Offenbarungsschrift im Kern fundamentalistisch ist, wurde vor allem in den letzten Jahren von vielen Kultur- und Sozialwissenschaftlern betont. Adorno weist auf den Anachronismus der biblischen Gebote in modernen Gesellschaften hin und betont den Bruch zwischen dem sozialen Modell der großen Religionen und der Gesellschaft heute. "Sie waren an durchsichtigen Verhältnissen der primary communitiy gebildet. (...) Ein jüdischer Dichter hat einmal mit Recht geschrieben, im Judentum und im Christentum herrsche Dorfluft." (S. 27) Insgesamt beurteilen Horkheimer und Adorno den Katholizismus wesentlich wohlwollender als den Protestantismus im Hinblick auf die gesellschaftliche Funktion. Der Katholizismus sei liberaler, der Protestantismus sei im Sinne Max Webers ideologischer Motor des Kapitalismus gewesen und der modernen Arbeitsmoral. Adorno betont oftmals den Antisemitismus und die autoritär-repressive Haltung Luthers. Adorno hält die diversen Versuche, Offenbarungsschriften etc modern zu interpretieren, für eine Art Selbstbetrug der Theologen, denn eine revidierte Offenbarung sei schließlich keine mehr. Er sieht keine andere Möglichkeit als äußerste Askese jeglichem Offenbarungsglauben gegenüber äußerster Treue zum Bilderverbot weit über das hinaus, was es einmal an Ort und Stelle meinte. (ebenda S. 28) Adorno wendet sich auch gegen die Erwartung an Religion,
sie soll "Werte" und "Bindungen" vermitteln, da solche von konservativen
Kreisen zur Festigung von Autorität und Konformismus benutzt werden.
Adorno steht dem sogenannten bürgerlichen Atheismus sehr kritisch gegenüber, da
dieser auch den Glücksanspruch, der sich in Religionen artikuliert, denunziere.
Außerdem einen unreflektiert-naiven Anthropozentrismus Vorschub leiste.
Weit gründlicher als mit Religionen im engeren Sinne beschäftigt sich Adorno mit
der säkularisierten Religiosität und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen. (z. B.
im "Jargon der Eigentlichkeit") "Perspektiven müssten hergestellt werden, in denen die Welt ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmal als bedürftig im Messianischen Lichte daliegen wird." (Minima Moralia, Abschnitt 153) Adorno erachtet den Glücksanspruch als essentiell für ein als sinnvoll empfundenes menschliches Dasein; hier auch ein nach Adorno fundamentaler Unterschied zum Tier. Adornos Denken ist in gewisser Weise "eschatologisch", d.h. hält an einer Heilserwartung fest, die allerdings nicht konkret ausgestaltet ist und wage bleibt, insofern kann man sein Denken strukturell analog zum jüdischen sehen. (messianische Heilerwartung und Bilderverbot) In Adornos Vorstellung einer "Versöhnung" spielt vor allem die Kunst eine Rolle, da sie eine Ahnung davon vermittle, weshalb manche Kritiker meinen, Adorno habe eine (elitäre) Kunstreligion vertreten. Gedanke der Versöhnung zwischen Individuum und Gesellschaft Zum Glücksanspruch: Adorno wendet sich gegen Heines Vers: "Den Himmel überlassen wir/ den Engeln und den Spatzen." Er sieht in den religiösen Himmelsvorstellungen einen Statthalter des nach seinem spezifisch menschlichen Glücksanspruches, obwohl er Heine sehr schätzte. (vgl. "Die Wunde Heine") Die Denkfigur der "bestimmten Negation" (in Anlehnung an die Hegelsche Dialektik) ist für Adornos Denken - wie er mehrmals betont - konstitutiv d. h., man kann Werte und vieles andere nicht positiv bestimmen, dies würde nur fragwürdigem Dogmatismus Vorschub leisten (vgl. z. B. "Negative Dialektik", wo Adorno den "realen Sozialismus" des Ostblocks als Alternative zum kapitalistischen System entschieden ablehnt. (Vgl. auch z. B. Vorlesungen über Moralphilosophie, wo Adorno die Denkfigur der "bestimmten Negation" am Beispiel des Begriffes der Menschenwürde erläutert: Man weiß sehr wohl und eindeutig, wann wo, wie Menschenwürde verletzt werde usw., man solle sich dennoch hüten, diesen Begriff positiv zu bestimmen. (vgl. hierzu Adornos zum Teil polemische Ausführungen in "Jargon der Eigentlichkeit") Das Thema "Sexismus" war zu Lebzeiten
Adornos noch nicht in dieser expliziten Weise wie heute aktuell; dennoch kann man aus
vielen seiner Texte entnehmen, dass sein Denken anti-patriarchal war.
Bereits in der "Dialektik der Aufklärung" wird das moderne Individuum als "männlich"
(nicht immer biologisch zu verstehen!) charakterisiert und mit ihm die gesellschaftlich-kulturelle
Misere bis hin zur heutigen Gesellschaft. Das Denken der "Kritischen Theorie", vor allem Adornos, lässt sich schwer eindeutig klassifizieren; ein solches Bedürfnis nach eindeutiger Klassifikation würde von Adorno vor allem bereits als "verdinglichendes auf den Begriff bringen" problematisiert. Oftmals wurde und wird die sogenannte "Frankfurter Schule" als neomarxistisch bezeichnet, was in den 70iger Jahren in konservativen Kreisen ein Schimpfwort war. Selbstverständlich bezieht sich die "Kritische Theorie" ganz wesentlich auf Marx und seine ökonomischen und gesellschaftlichen Analysen. Die Begriffe Ware, Tausch und Markt sind zentral für Adornos Kritik an der Kulturindustrie, aber nicht nur hierfür. Auch menschliche Beziehungen, Philosophie, Theorien, das Denken überhaupt sei vom Markt vereinnahmt. (vgl. z. B. "Negative Dialektik" S. 16) "Dem Markt entgeht keine Theorie mehr: eine jede wird als möglich unter den konkurrierenden Meinungen ausgeboten; alle zur Wahl gestellt, alle geschluckt.") Zum "Programm" der "Kritischen Theorie" gehörte die Integration der Psychoanalyse in Gesellschaftstheorie und Philosophie, da diese den "subjektiven Faktor" gesellschaftlicher und kultureller Phänomene und Entwicklungen erklären und würdigen könne. In diesem Sinne wird auch Marx kritisiert. Adorno setzt sich mit der Tradition der abendländischen Philosophie auseinander, insbesondere mit Kant und Hegel, deren Denken bis heute unmittelbar nachvollziehbar relevant ist. Seine sehr polemische Auseinandersetzung mit Heidegger, aber auch Karl Jaspers ist ebenfalls erwähnenswert. Dialektik heißt für Adorno: "Ihr Name sagt zunächst nichts weiter, als dass die Gegenstände in ihrem Begriff nicht aufgehen, dass diese in Widerspruch geraten mit der hergebrachten Norm der adaequatio. (...) Dialektik ist das konsequente Bewusstsein von Nichtidentität". ("Negative Dialektik", S. 17) Hiermit meint Adorno zunächst die Nicht-Identität zwischen dem Begriff und dem, was er meint. Die Philosophie bewegt sich nach Adorno in dem Widerspruch, Begriffe entwickeln und gebrauchen zu müssen und zugleich um deren Unzulänglichkeit zu wissen: "Der Schein von Identität wohnt jedoch dem Denken selber seiner puren Form nach inne. Denken heißt identifizieren."(ebenda S. 17) Adorno setzt sich sehr kritisch mit dem Dialektiker Hegel auseinander, der letztlich die "Identität" von Besonderem und Allgemeinem behauptet sowie zwischen dem philosophischen Begriff und dem was er bezeichnet, letztlich die Identität zwischen (denkendem) Subjekt und dem Objekt (= Gegenstand des Denkens) - "Weltgeist". Adorno kritisiert in sehr vielen Zusammenhängen auch die populärpsychologische Vorstellung, jeder einzelne Mensch habe eine "Identität" als moderne Trivialisierung des Hegel'schen Denkens. Adorno betont, dass er Nietzsche sehr viel verdankt. Er hat sich in mehreren Aufsätzen zur Rolle der "Disziplin" Philosophie an Hochschulen und in der Gesellschaft geäußert in dem Sinne, dass Philosophie kein "Fach", keine Einzeldisziplin wie jede andere sei. Er kritisiert auch, dass die akademische Philosophie sich in Subdisziplinen wie "Sozialphilosophie", etc. einteilen will. Der Bezug zum Gesellschaftlichen müsse für Philosophie konstitutiv sein, sie dürfe nicht zu einer isolierten akademischen Disziplin verkommen. Im Sinne Adornos kann man wohl den Begriff Philosophie mit Reflexionsfähigkeit und -bereitschaft gleichsetzen, mit konsequentem Durch- und Weiterdenken. Gedanken- und Begriffsbildung als "work in progress". A.K.T.E. - Redaktion / Franziska Ute Gerhardt Quellenverzeichnis: [1] Vgl. Horkheimer/Adorno, Dialektik der
Aufklärung. Philosophische Fragmente, FfM 1986 Fischer-TB 6144, S. 33 und S. 64 ff |
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