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Der Philosoph Jacques Derrida
Teil 1
Am 9. Oktober 2004 starb der Philosoph Jacques Derrida.
Derrida gilt als wichtigster Vertreter des "Dekonstruktivismus", einer
Denkrichtung, die die Fixierung auf eindeutige Wahrheiten, exakte Definitionen in Frage stellt, die Eindeutigkeit
von "Grenzen" bzw. "Grenzsetzungen" auflöst. Bei Derrida geht es dabei vor allem auch um die
Grenzen zwischen Lebewesen im Rahmen einer fundamentalen Kritik am Selbstverständnis des abendländischen Subjektes.
Derrida wurde 1930 in Algerien als Sohn jüdischer Eltern geboren. Bereits seine
Schullaufbahn im von Frankreich kolonisierten Algerien (Frankreich war von Nazi-Deutschland besetzt), später zunächst
seine akademische Karriere waren von Diskriminierung und Ausgrenzung geprägt, weil er Jude war, später vielleicht
eher, weil er für viele seiner akademischen Kollegen eine zu große intellektuelle Herausforderung darstellte. In diesem
Sinne hat sich Derrida auf sein Judentum berufen - ähnlich wie für Freud war es für ihn eine Metapher für unbequemes
intellektuelles Außenseitertum, ein Denken von den Rändern her und das Aufspüren der Auslassungspunkte in den
etablierten ethischen und philosophischen Diskursen.
Derrida ist in Deutschland nur im akademischen Raum bekannt, gilt dort als schwierig
und wurde lange Zeit in manchen Feuilletons von Bildungsbürgern gern gelesener Blätter als verworren und verwirrend
apostrophiert. Als politischer Philosoph war Derrida leidenschaftlicher Anwalt für Menschenrechte und attestierte sich
selbst ein seismographisches Gespür für Rassismus und Antisemitismus.
Derrida ist sicher auch einer der unbequemsten Anwälte für Tierrechte. Denn in
seinen Auseinandersetzungen mit dem abendländischen Menschenbild, mit Heidegger, mit Lévinas, mit den monotheistischen
Religionen war es für Derrida ein Skandal, dass sich das Tötungsverbot nicht auf Tiere bezieht, dass auch die
Alteritätsphilosophie Lévinas', der "Humanismus des anderen Menschen", sich wiederum nur auf die eigene
Spezies bezieht und die Tiere ausgrenzt, eben weil sie in ihrer Andersheit kein narzisstisches Identifikationsangebot
für ihr menschliches Gegenüber sind. Heideggers Diskurs, der das Tier als weltarm* bezeichnet, nennt Derrida brutal
und verworren. (S. 288)
Im Rahmen seiner Kritik an Heidegger und Lévinas kritisiert Derrida grundlegend die Opferstruktur des Subjektes:
Das "Du sollst nicht töten" - in all seiner grenzenlosen Konsequenz wurde in
der gesamten jüdisch-christlichen Tradition niemals, und offensichtlich auch nicht bei Lévinas, als ein "Du sollst
Lebendiges im allgemeinen nicht töten" verstanden. Es hat in solchen religiösen Kulturen Bedeutung angenommen, für
die das karnivore Opfer wie das Fleischsein wesentlich ist. (S. 290)
Das Subjekt will nicht nur Meister und aktiver Besitzer der Natur sein. In unseren Kulturen akzeptiert es das Opfer
und isst Fleisch. (...) Der Chef muss Fleischesser sein. (S. 292)
Zur Bestimmung des letzteren Wortes (Opfer} halte ich nur folgende Hinweise fest: der Bedarf, das Verlangen, die
Autorisierung die Rechtfertigung der Tötung, der Tod als Verneinung des Mordes. Die Tötung des Tieres sei kein Mord, so
behauptet diese Verneinung. (S. 294)
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(Derrida versteht "Verneinung" hier ähnlich wie Freud: eine Strategie
des Subjektes, einen tatsächlichen Sachverhalt nicht bewusst werden zu lassen, indem es diesen beständig und mit
Nachdruck im Modus der Verneinung artikuliert oder agiert. Alle obigen Zitate aus: "Man muss wohl essen" oder
die Berechnung des Subjekts. Gespräch mit Jean Luc Nancy, in: Jacques Derrida, Auslassungspunkte. Gespräche. Herausgegeben
von Peter Engelmann, Passagen-Verlag Wien, 1998.)
Derrida kannte die Verführungen des menschlichen Narzissmus und spielte gern mit
ihnen, oszillierte zwischen spielerischer Koketterie und gedanklicher Strenge, was manchen hausbackenen Akademiker
verwirren mochte. Im universitären Bereich bekam ich einmal mit, wie jemand Derridas rhetorischen Gestus als "das
Stolzieren eines Pfaus" bezeichnete; dies war natürlich denunziatorisch gemeint. Da fragte ich mich: warum
eigentlich darf ein "Pfau", sei er nun einer im wörtlichen oder im bildlichen Sinne, nicht stolz auf sein
prachtvolles Gefieder sein? Grund zur Scham hätten hingegen diejenigen, die sich mit fremden Federn schmücken. Soll
der etablierte, aber nicht weniger verworrene Diskurs um die "Menschenwürde" die einzig legitime
Erscheinungsform des menschlichen Narzissmus sein? Sind alle anderen vielleicht deswegen nicht politisch korrekt,
weil sie an etwas anderes erinnern? Für mich wirft die Marginalisierung von Denkern wie Derrida die Frage auf, ob sie
nicht aufs Engste verknüpft ist mit der verächtlichen Abgrenzung der eigenen Spezies von allen anderen. Auch Adorno
kritisiert die viel beschworene "Menschenwürde" als fragwürdiges Refugium menschlicher Selbstherrlichkeit.
2001 zum unseligen 11. September, der zugleich Adornos Geburtstag ist, erhielt
Derrida den Adorno-Preis. In seiner "Frankfurter Rede" würdigt Derrida Adorno als ihm kongenialen Denker, der,
wenn auch aus ganz anderer Tradition kommend, die gleichen Anliegen wie Derrida vertreten habe und in vielem zu
gleichen Diagnosen gekommen sei. Er spricht über die Ereignisse des 11. September und meint, die gesamte westliche
Gesellschaft trage mit Schuld an dieser Eskalation. Derrida spricht über Träume und die Notwendigkeit, das Unmögliche
als möglich zu denken. Er betont seine Affinität zu Adornos Utopie-Verständnis. Gegen Schluss dieser Rede geht Derrida
auf Adorno als leidenschaftlichen Ankläger der Ausbeutung und Misshandlung der Tiere durch den Menschen ein, zu dem
letzterer sich bar der nach Adorno äußerst fragwürdigen "Menschenwürde" berechtigt fühlt. Derrida hob in
seiner Rede hervor, dass dieses Moment in Adornos Denken viel zu wenig gewürdigt worden sei. Er selbst wolle sich
ihm demnächst umfangreicher widmen. Er träume davon, ein Buch zu schreiben, das mindestens sieben Kapitel umfasse. Das
letzte solle von dem handeln, was man mit einer einzigartigen Verallgemeinerung, die mich immer schockiert hat, das
Tier nennt. Derrida geht auf zwei Stellen in Adornos Werk ein, in denen dieser sich ausführlich zu diesem Thema äußert,
und die gleichermaßen eine Abrechnung mit dem idealistisch-humanistischen System darstellen. Dieser letzte Teil von
Derridas Rede, gleichsam ein Finale, wurde meines Wissens in keiner der zahlreichen Rezension erwähnt - hier eine
Parallele zu dem, was Derrida über Adornos Äußerungen zum Thema Tier sagt. Deswegen soll hier ausführlich zitiert
werden, denn es ist, als wolle Derrida an prominenter Stelle eine Zensur aufheben:
Ich komme schließlich zu dem Kapitel, das zu schreiben ich die größte Lust hätte, weil
es den Weg nähme, der noch am wenigsten betreten, ja überhaupt gebahnt wurde, der aber, wie mir scheint, zu den entscheidenden einer künftigen Lektüre Adornos zählt. Es geht um das, was man in einem Generalsingular, der mich
stets schockiert hat, das Tier nennt. Als gäbe es bloß ein einziges. Ausgehend von verstreuten Hinweisen, die in
der (...) "Dialektik der Aufklärung" oder in seinem "Beethoven - Philosophie der Musik" zu finden
sind, bislang aber kaum zur Kenntnis genommen wurden, würde ich zu zeigen versuchen (...), dass wir es hier mit
Prämissen zu tun haben, die mit großer Umsicht entfaltet werden müssten, ja mit dem Vorschein zumindest einer denkenden
und handelnden Revolution, deren wir im Zusammenleben mit jenen anderen Lebewesen, die man die Tiere nennt, dringend
bedürfen. Adorno hat erkannt, dass diese neue kritische Ökologie, ich würde eher von einer "dekonstruktiven"
sprechen, zwei Furcht einflößenden Kräften entgegentreten müsste.
Auf der einen Seite die mächtigste idealistische und humanistischen Tradition der Philosophie. "Die Herrschaft* (des
Menschen) über die Natur", so präzisiert Adorno, "richtet sich gegen die Tiere". Vor allem an
Kant (...) ergeht der Vorwurf, sein Begriff der Würde* und Autonomie lasse "fürs Mitleid", für das
Mitleid zwischen Mensch und Tier, "keinen Raum".
"Nichts", so schreibt Adorno, "ist dem Kantianer verhasster* als die Tierähnlichkeit des Menschen. Nichts als Hass hat der kantianische Mensch für die Animalität des Menschen übrig, ja nichts anderes ist
sein "Tabu". Adorno spricht von "Tabuierung*" und wagt sich jäh sehr viel weiter vor: "Die
Tiere spielen fürs idealistische System virtuell die gleiche Rolle wie die Juden fürs faschistische.*" Die Tiere
wären die Juden der Idealisten, die so nichts anderes wären als virtuelle Faschisten. Der Faschismus beginnt, wenn man
ein Tier, ja das Tier im Menschen beschimpft. Auf das Tier im Menschen schimpfen oder "den Menschen ein Tier
schimpfen - das ist echter Idealismus*". Zweimal spricht Adorno vom "Schimpfen*".
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Übersetzung: Stefan Lorenzer
Alle obigen Zitate aus: Theodor W. Adorno-Preis 2001 der Stadt Frankfurt am Main. Jacques Derrida. Hrsg. vom Dezernat
Kultur und Freizeit der Stadt Frankfurt am Main 2002. Amt für Wissenschaft und Kunst. Geschäftsstelle des Theodor W.
Adorno-Preises. S. 21 (*im Original: deutsch)
Fazit: Wie Adorno ist Jacques Derrida zu früh gestorben ...
Über das Wirken von Jacques Derrida
Teil 2
Der essentielle Gegensatz des Menschen zum Tier - oder vielmehr der Tierheit,
zu einem einheitlichen / vereinheitlichenden (univoken), homogenen, obskurantistischen Begriff von der Tierheit - dient
immer demselben Interesse. Das TIER hat nicht die VERNUNFT, die GESELLSCHAFTLICHKEIT, das LACHEN, den WUNSCH, die
SPRACHE, das GESETZ, die VERDRÄNGUNG. Von den drei Kränkungen des menschlichen Narzissmus scheint diejenige, für
die bei Freud der Name Darwin steht, unerträglicher zu sein als diejenige, für die Freud selbst zeichnet. Man wird
ihr länger widerstanden haben. (Glas, Paris 1974, S. 35; übers. F. G.)
Derrida wurde 1930 in Algerien als Sohn jüdischer Eltern geboren. Bereits seine
Schullaufbahn im von Frankreich kolonisierten Algerien (Frankreich war von Nazi-Deutschland besetzt),
dann zunächst seine akademische Karriere waren von Diskriminierung und Ausgrenzung geprägt, weil er
Jude war, später vielleicht eher, weil er für viele seiner akademischen Kollegen eine zu große intellektuelle
Herausforderung darstellte. In diesem Sinne hat sich Derrida auf sein Judentum berufen - ähnlich wie für Freud war
es für ihn eine Metapher für unbequeme, intellektuelles Außenseitertum, ein Denken von den Rändern her und das Aufspüren
der Auslassungspunkte der etablierten ethischen und philosophischen Diskurse.
Die "Genealogie" von Derridas Denken rührt vom Strukturalismus her;
er setzte sich mit Ferdinand de Saussure (Sprachwissenschaftler), Claude Lévi-Strauss (Ethnologe), Jacqes Lacan
(Psychoanalytiker) auseinander. Diese Wissenschaftler sind gewissermaßen "Säulenheilige"
des "linguistic turn" in den Gesellschafts- und Kulturwissenschaften, die besagen, dass Gesellschaften und
Kulturen auf Strukturen beruhen, die der Sprache homolog sind. Derrida gilt neben Michel Foucault, der Nietzsche in
Frankreich bekannt gemacht hat, als bedeutendster moderner Philosoph in Frankreich und weltweit profundester
Vernunft- und Humanismus-Kritiker.
Jacques Derrida wurde vor allem als Theoretiker der Schrift bekannt und wurde
zunächst vor allem von Sprach- und Literaturwissenschaftlern rezipiert. In späteren Jahren äußerte er sich zunehmend
zu Ethik und den Begriffen Recht und Gerechtigkeit allgemein, zu Menschenrechten, Tierrechten, Umweltproblemen und
wurde zum Kritiker des humanistisch-idealistischen Blickes auf "den" Menschen. Derridas Denkrichtung wird
Dekonstruktivismus genannt (in vielem ähnlich dem, was man als Ideologiekritik bezeichnet: beständiges, konsequentes
Hinterfragen vermeintlich selbstverständlicher Voraussetzungen des Denkens und Urteilens).
Derridas Obsession von den Themen Sprache (n), Schrift,
Literatur, "Übersetzung" ist wesentlich biographisch bedingt. Als Jude im französisch besetzten Algerien
aufgewachsen, lernte er weder arabisch (was damals von den französischen Kolonialisten verboten war) noch hebräisch,
die beiden Sprachen seiner Herkunft, sondern zunächst nur Französisch. Derrida verfasste zahlreiche philosophische
Schriften und Kommentare zur philosophischen Tradition des Abendlandes, er untersuchte den Subjektbegriff über
Descartes, Hegel bis hin zu Heidegger. Ausgangspunkt und zentrales Thema ist die Auseinandersetzung mit dem
Verhältnis gesprochene Sprache - Schrift, das man als paradigmatisch für die abendländische Kultur betrachten
kann.
Die Schriften, mit denen Derrida bekannt wurde, sind : De la grammatologie
(Paris 1967; deutsch: Grammatologie Frankfurt 1974; Die Schrift und die Differenz, Die Stimme und das Phänomen.
Ein Essay über das Problem des Zeichens in der Philosophie Husserls.
Derrida führt in seinen Schriften aus, wie die Herabsetzung der Schrift als
sekundäres Phänomen, Hilfsmittel der Sprache und Ersatz für das gesprochene Wort, die von Platon, der die Schrift
als "tot" denunzierte, über Rousseau bis zu dem Phänomenologen Husserl reicht, mit dem Konzept des
abendländischen Subjektes zusammenhängt.
Seit Platon gilt Schrift im Abendland lediglich als "pharmakon" (Schrift
als "Heilmittel", wichtige Ergänzung der mündlichen Sprache, die ihrerseits aber das "Eigentliche"
sei); die "Wahrheit" wäre somit an das jeweils sprechende Subjekt gebunden. Derrida verweist auf Hegels
Idealisierung des Lautes und die damit verbundene Selbstpräsenz des Cogito, Bewusstsein, Subjektivität, gemeinsame
Präsenz von mir und dem Anderen, Intersubjektivität als intentionales Phänomen des Ego (Grammatologie S. 25f). Derrida
nennt dies "Phonozentrismus".
Die Frage des Vorrangs des Sprechens oder Schreibens berührt die Frage nach Natur
und Kultur; gemeinhin gilt das Sprechen als einerseits mit Natur verbundem Schreibens, die schriftliche Überlieferung
gilt indes als charakteristisch für eine entwickelte Kultur; Derrida stellt dies in Frage, wie er auch die strenge
Grenzziehung zwischen Natur und Kultur (oder das abendländische Bedürfnis, eine solche Grenze
überhaupt zu setzen) in Frage stellt. Derrida weist auf die vielen Schrift-Metaphern in den modernen Naturwissenschaften
hin.
Der Phonozentrismus impliziere somit Ethnozentrismus, die beschränkte
Sichtweise der jeweils eigenen Kultur. Die heutigen Schriften der abendländischen Kulturen sind durchweg
phonetisch, d.h. ein Zeichen steht jeweils für einen Laut. Andere Schriften sind ganz oder
teilweise "ideographisch" bzw. "pictographisch", d.h. ein Zeichen oder "Bild" steht
für einen Begriff oder eine Bedeutungseinheit (u.a. z.B. Chinesisch). Auch hier strebt Derrida an, ein dichotomisches
Denken und Betrachten (hier die Dichotomie "mit oder ohne Schrift", wie sie in den Kulturwissenschaften
lange üblich war) zu überwinden.
Intensiv setzte Derrida sich mit Husserls Phänomenologie auseinander (Die Stimme und
das Phänomen). Der "Phonozentrismus" sei in der abendländischen Kultur dominant, er postuliert die
Gebundenheit einer Aussage an die sprechende Person. Derrida hält dagegen die Präsenz der Schrift, die sinnliche
Materialität der Schrift; als ob die Schrift die Sprache begreifen würde (Grammatologie S.17). Für Derrida führt
der "Phonozentrismus" zum "Phallogozentrismus", denn: die Vorstellungen von Ursprünglichkeit,
Originalität, Authentizität, die mit dem Phonozentrismus verbunden sind, sind auch die Attribute des emphatischen
Subjektverständisses in Kultur und Philosophie des Abendlandes. Dieses zielgerichtet, "logisch" denkende
und handelnde Subjekt sei stets männlich gedacht, wie Derrida ausführt und betont. (Dies hat ihm gelegentlich
von ähnlich argumentierenden Feministinnen den Vorwurf der Anbiederung eingetragen.) Die Subjektkritik Derridas
führt zu seiner Revision des Humanitätskonzeptes im Hinblick auf die Stellung der Tiere.
Derrida entwickelte zahlreiche Neologismen (Wortneubildungen), die oft Metaphern
aus Anatomie, Physiologie, vor allem aus dem genitalen / sexuellen Bereich, von der Psychoanalyse inspirierte
Wortspiele und -schöpfungen sind: z.B. différance. Phallogozentrismus, dissemination, circonfession.
Der Begriff "différance" ist der wohl bekannteste. Das
französiche "différence" bedeutet Unterschied; das gleich lautende "différance" erinnert an das
Partizip Präsens von "différrer", "différant" - "verschiebend", betont also das
Prozesshafte im Gegensatz zum eher statisch anmutenden "Différence". Die "Différance" steht auch
für ein Subjektverständnis, das sich nicht mit phallogozentrischer Eindeutigkeit und zwanghaften Unterscheidungsmanövern
behaupten will oder muss. Hier trifft sich Derridas Denken mit Adornos Denken des "Nicht-Identischen" als
Refugium einer "alternativen" Subjektivität.
Zum Begriff "Dekonstruktion" oder "Dekonstruktivismus" sagt
Derrida:
"Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass die Bewegung der
Dekonstrukton in erster Linie affirmativen Charakter hat - nicht positiven, aber affirmativen. Die Dekonstruktion (...)
bedeutetet nicht Zerstörung oder Destruktion. Die Dekonstruktion - ich weiß nicht, ob sie etwas ist, wenn sie aber
etwas ist, dann ist sie ein Denken auch des Seins, der Metaphysik, folglich eine Auseinandersetzung mit der Autorität
des Seins oder des Wesens, des Denkens dessen, was ist, und eine solche Auseinandersetzung kann nicht einfach eine
Zerstörung negativer Art sein. Um so mehr, als es unter all jenen Dingen in der Geschichte der Metaphysik, mit denen
sich die Dekonstruktion auseinandersetzt, auch die Dialektik gibt, die Opposition des Negativen zum Positiven. Zu sagen,
die Dekonstruktion sei negativ, würde einfach nur bedeuten, sie wieder in einen intrametaphysischen Prozess
einzuschreiben, und es geht gerade nicht darum, sich ihm zu entziehen, sondern ihm die Möglichkeit zu geben,
gedacht zu werden."
In anderem Zusammenhang ist für Derrida Dekonstruktion gleichbedeutend mit einer
Gerechtigkeit, die diesen gängigen Begriff transzendiert. In Gesetzeskraft diskutiert er das Verhältnis / den
Zusammenhang von Recht, Gerechtigkeit und Gewalt:
"Doch das Paradoxon, das ich nun einbringen möchte, hat folgende Gestalt:
Weil sie sich dekonstruieren lässt, sichert die Struktur des Rechts oder - wenn Sie wollen - der Gerechtigkeit, der
Justiz als Recht, die Möglichkeit der Dekonstruktion. Wenn es so etwas gibt wie die Gerechtigkeit als solche, eine
Gerechtigkeit außerhalb oder jenseits des Rechts, so lässt sie sich nicht dekonstruieren. Ebensowenig wie die
Dekonstruktion selbst, wenn es so etwas gibt. Die Dekonstruktion ist die Gerechtigkeit." (ebd. S. 30,
hervorgehoben F.G.)
Er führt aus, dass Recht und Gerechtigkeit für die Angehörigen einer
gemeinsamen Sprache und Kultur gelten und kommt mit Nachdruck darauf zu sprechen, dass Tiere aus dem Diskurs über Recht /
Gerechtigkeit ausgeschlossen sind. Vormals (das waren Zeiten, die noch nicht all zu weit zurückliegen und die sogar
noch andauern) bedeutete "wir Menschen" soviel wie "wir erwachsenen, weißen, männlichen, fleischessenden,
opferbereiten Europäer". In dem Raum, dem ich diese Bemerkung zuordne oder in dem ich diesen Diskurs wiederherstelle,
sagt man nicht, dass einem Tier Unrecht oder Gewalt angetan wird (...). Man kann ein Tier quälen, man kann es leiden
lassen; niemals wird man jedoch im eigentlichen Sinne behaupten, dass es sich um ein Subjekt handelt, dem man Schaden
zugefügt hat, um das Opfer einer Gewalttat, eines gewaltsamen Todes, einer Vergewaltigung oder eines Raubes, eines
Meineids (...). Es hat im Menschengeschlecht viele "Subjekte" gegeben (es gibt sie immer noch), die man
nicht als solche anerkannt hat (und nicht anerkennt) und die wie ein Tier behandelt worden sind (und behandelt
werden). (...) Was den unbestimmten, keineswegs eindeutigen Namen des Tieres erhält (das bloß Lebendige), ist kein
Subjekt des Gesetzes oder des Rechts. (...) Ob es sich nun um Tier-Prozesse handelt (die es gegeben hat) oder um
die Strafverfolgung derer, die Tieren bestimmte Leiden zufügen (manche westliche Gesetzgebung (...) spricht nicht
allein von Menschenrechten, sondern auch von Tierrechten im allgemeinen), in jedem Fall hat man es entweder mit einer
angeblich altertümlichen Praktik zu tun oder mit Randphänomenen, mit noch seltenen und seltsamen Phänomenen, mit
Phänomenen, die für unsere Kultur nicht konstitutiv sind. In unserer Kultur ist das Opfer des Fleischessers, das
Fleischesser-Opfer grundlegend und vorherrschend; es richtet sich an der gewaltigsten industriellen Technologie
aus, so wie das biologische Experimentieren mit Tieren, (...). (...) Das Fleischesser-Opfer [ist] der Struktur von
Subjektivität wesentlich; es ist wesentlich für die Begründung, für den Grund des intentionalen Subjekts, und wenn
nicht für das Gesetz, so doch zumindest für das Recht. Es tut sich hier ein Abgrund auf, der es verwehrt, den
Unterschied zwischen Gesetz und Recht, zwischen Gerechtigkeit und Recht, zwischen Gerechtigkeit und Gesetz zu
festigen. (Gesetzeskraft o.a. S.37f)
Wenn wir von Ungerechtigkeit, von Gewalt und von Mangel an Respekt sprechen
wollen und dabei das meinen, was wir auf eine verwirrend-verworrene Weise "das Tier" nennen (dieses
Problem ist aktueller denn je, ich möchte es im Zuge der Dekonstruktion mit einer ganzen Reihe von Fragen
verknüpfen, die den Phallogozentrismus des Fleischessers, den Fleisch-Phallogozentrismus betreffen), so müssen
wir die gesamte metaphysisch-anthropozentrische Axiomatik neu untersuchen, die im Abendland das Denken des
Angemessenen und des Unangemessenen, des Gerechten und des Ungerechten beherrscht. (Gesetzeskraft S.39)
Derrida bezeichnet derartige Marginalsierung als Gewalt:
"Jenseits aber dieser identifizierten Gebiete juridischer Politisierung, (...),
jenseits aller absichtlichen Ablenkungen, (...), müssen sich andere Zonen regelmäßig auftun, Zonen, die man zunächst
für zweitrangig, für Randzonen halten mag. Dieses Marginale bedeutet auch, dass hier Gewalt(tätigkeit), ja Terrorismus
und andere Formen der Geißelnahme hier wirksam sind (wollte man Beispiele aus unserem Umkreis nennen, so müsste man an
die Gesetze denken, welche die Erziehung und das Reden einer Sprache regeln, an die Legitimierung eines herrschenden
Kanons, an die militärische Benützung wissenschaftlicher Forschung (...), ohne freilich die Behandlung dessen, was
man als Tierleben, als Tierheit bezeichnet, zu vergessen. (Gesetzeskraft S.58f)
Ein Schwerpunkt in Derridas Beschäftigung mit dem Husserl-Schüler Heidegger und
seiner Existenzphilosophie, die auch paradigmatisch für das aktuelle Selbstverständnis "des" Menschen ist
und somit das Verhältnis zu Tieren determiniert.
In seinem Buch "Vom Geist", setzt sich Derrida mit dem Geist-Begriff
Heideggers und seinen Implikationen auseinander, vor allem mit der von Heidegger behaupteten "Weltarmut
des Tieres". Heidegger konstruiere hier einen Kontrast zum Menschen: das Tier ist weltarm, fragt nicht. (Man
beachte, wie in den Medien seit einiger Zeit die wissenschaftliche Neugier "des" Menschen gepriesen wird,
damit Tierversuche auch dann legitimiert werden, wenn sie nicht als dringend notwendig hingestellt werden können; es
drängt sich der Verdacht auf, dies solle wiederum eine neue "Auszeichnung" für "den" Menschen
suggerieren, ein neues Paradigma erreichen, falls das Paradigma der ominösen "Menschenwürde" fragwürdig
werden sollte, vgl. auch Begründung für Tierversuche in der Grundlagenforschung, "reine Erkenntnis".)
Heideggers Begriff des Daseins in Sein und Zeit sei, an die cartesianische Setzung
des subjectum gebunden vom Geist. (S.27)
Für Heidegger ist die Hand etwas, was den Menschen wesentlich von anderen Lebewesen
unterscheidet; Affen besitzen gemäß Heidegger lediglich Greiforgane. Heidegger erklärt zudem die Handschrift für
sakrosankt, diese dürfe nichts mit der mechanisierten Schrift zu tun haben; Heidegger stellt auf diese Weise eine
kurzschlusshafte Verbindung zwischen Hand und Geist / Vernunft her, schlicht allem, was den Menschen halt so großartig
macht. Denn bei Heidegger spielt sich das Dasein (dies ist etwas ganz besonders spezifisch menschliches! wer's nicht
glaubt, lese Heidegger!) irgendwo zwischen Vorhandenheit und Zuhandenheit ab. Hierzu meint Meister Derrida:
"Jedesmal, wenn nach der Hand gefragt wird, (...), scheint sich Heideggers
Diskurs einer Rhetorik zu beugen, die umso herrischer und umso stärker autoritär geprägt ist, als sie eine
Schwierigkeit, eine Verlegenheit verdeckt. Diese Rhetorik lässt die Axiome des tiefsten metaphysischen Humanismus -
ich sage ausdrücklich: des tiefsten Humanismus - unangetastet, im Schutz der Dunkelheit. Besonders auffällig ist
das im Zusammenhang mit den leitenden Thesen der Vorlesung: Die Grundbegriffe der Metaphysik. Die Thesen lauten: Der
Stein ist weltlos, das Tier ist weltarm, der Mensch ist weltbildend. (...) Weshalb stellt Heidegger solche Aussagen
als "Thesen" hin (...)? Wirken diese "Thesen" nicht wiederum auf all jene Begriffe zurück, die
darin vorkommen, zumal auf den Lebens- und Weltbegriff? Es zeigt sich, dass diese Schwierigkeiten mit dem Problem
des Fragens (das Tier ist dazu nicht wirklich fähig, das Tier vermag es nicht, zu fragen), mit dem der Technik und
schließlich auch mit dem des Geistes zusammenhängen: Welches Verhältnis besteht zwischen dem Geist und der Menschheit,
zwischen dem Geist und dem Leben, zwischen dem Geist und dem Wesen des Tieres?" (Vom Geist, S.19f)
Zu diesem Thema auch in: "Die Postkarte von Sokrates bis an Freud und
jenseits, (...) Was das "Niveau des Menschen" betrifft, fehlt der Platz, um, in diesem System, das
wesentliche Band der Metaphysik (wovon wir hier einige typische Züge feststellen) und des Humanismus zu verifizieren.
Dieses Band ist sichtbarer, wenn nicht besser gesehen, in der Masse der Aussagen über die "Animalität", über
den Unterschied zwischen der tierischen Sprache und der menschlichen Sprache usf. Dieser Diskurs über das Tier (im
allgemeinen) hängt ohne Zweifel mit sämtlichen Kategorien und sämtlichen Gegensätzen, Zwei- und Dreiteilungen des
Systems zusammen. Er verdichtet darum nicht minder die größte Obskurität. Die Behandlung der Animalität wie all dessen,
was sich durch einen hierarchischen Gegensatz unterworfen findet, hat stets, in der Geschichte der (humanistischen oder
phallogozentrischen) Metaphysik, den obskurantistischen Widerstand enthüllt. Sein Interesse ist offenkundig Kapital.
Glas S.163 zu Hegels Antigone-Interpretation, d.i. auch zur philosophischen
Tradition, den Menschen von den Tieren und der Natur abzugrenzen: "Man kennt das alte humanistische und
metaphysische Thema - die Grabstätte ist eine Eigenheit des Menschen. Unter den obskurantistischen Überbleibseln, die
am beharrlichsten sind, gibt es diese Schrecken einflößende Verkennung all dessen, was man als "Animalität"
zurückweisen würde: mit dem Logos, der Grabstätte und einigen anderen Komplikationen. Auch Hegel meinte, dass die
Grabstätte eine Eigenheit des Menschen sei. (...) Sie verhindert, dass die Leiche wieder in die Natur übergeht. (...)
Sie erhebt ihn in die Universalität des Geistes."
Subjekt und "Opfer" / Fleischessen
In einem Interview mit Jean-Luc Nancy zeigt Derrida diese Verbindung auf, er
kritisiert hier vor allem die "Opferstruktur" der abendländischen Kulturen und der monotheistischen
Religionen sowie auch moderner Humanismus-Konzepte (so der "Humanismus-des-anderen-Menschen"; Emanuel Lévinas',
des jüdischen Theologen und Philosophen der Alterität, den Derrida als Freund und Kollegen sehr schätzte, (vgl.
Derridas Nachruf Adieu) im Hinblick darauf, das sich ihr Tötungsverbot nicht auf "Lebendiges allgemein"
bezieht. Die Abwertung "des" Tieres in Heiddegers verquaster Existenzphilosophie kommentiert Derrida:
Heideggers Diskurs über das Tier ist brutal und verworren, zuweilen
widersprüchlich. Heidegger sagt nicht einfach, das Tier sei weltarm (...) Er behauptet, das Tier habe eine Welt
im Modus des Nicht-Habens. Dieses Nicht-Haben ist aber in seinen Augen ebenso wenig eine Bedürftigkeit, das
Fehlen einer Welt, die menschlich wäre. Warum also diese negative Bestimmung? Woher kommt sie? Es gibt für
das Tier keine Kategorie ursprünglicher Existenz: es hat offenbar weder Dasein (für das Tier kann das Sein
weder erscheinen, noch sein, noch kann es von ihm als solches befragt werden) noch vorhanden, noch
zuhanden. (...) Daher der Eindruck von Traurigkeit (...) Eine in ihrer Phänomenologie bestimmte Traurigkeit,
so als ob das Tier ein verkleideter, leidender Mensch bliebe, der sowohl um den Zugang zur Welt des Menschen - die
es trotzdem erahnt - als auch um den Zugang zur Wahrheit, zur Rede, zum Tod, zum Sein des Seienden als solchem
gebracht ist. (...) Versteht das Tier zum Beispiel jenen Ruf im Ursprung der Verantwortung (...)? Gibt das Tier
Antwort? Stellt es Fragen? Und vor allem, kann der Ruf, den das Dasein vernimmt, in seinem Ursprung zum Tier
kommen oder vom Tier kommen? Gibt es ein Kommen des Tieres? Kann die Stimme des Freundes die eines Tieres sein? Ist
Freundschaft für ein Tier, zwischen Tieren möglich? Wie Aristoteles würde auch Heidegger hier nein sagen. Trägt
man gegenüber dem Lebendigen im allgemeinen eine Verantwortung? Die Antwort ist immer nein, und die Frage ist
so gestellt und formuliert, dass die Antwort in allen kanonisierten und hegemonischen Diskursen der Metaphysik oder
der abendländischen Religionen zwangsläufig nein sein muss, ihre originellsten Formen, die sie heute beispielsweise
bei Heidegger oder Lévinas annehmen kann, eingeschlossen." (ebd., S.288f)
Ähnlich wie Adorno äußert sich Derrida oft in nur scheinbar abschweifenden
marginalen Kommentaren zum Thema Tier, zum Blick auf "das" Tier in unserer Kultur, so als müsse er jede
Gelegenheit, jedes Stichwort nützen, um die Sache der Tiere in Erinnerung aus dem Marginalen, Zufälligen herauszuholen.
Derrida selbst weist mehrmals hierauf hin.
"Der dritte Faden führt zu etwas, was mich schon lange beunruhigt: stets
habe ich Argwohn dagegen gehegt, unabhängig davon, ob es Heidegger oder andere betrifft. Es geht um den Diskurs, der
das Wesen der Tiere zum Gegenstand hat, um die ihm inhärente oder als solche kenntlich gemachte Axiomatik. Seit
langem füge ich Anmerkungen zu diesem Thema in meine Texte." (Vom Geist S.18)
Es folgen die oben zitierten Ausführungen über Heidegger und die "Hand": In
einem Gespräch über Poesie) äußert er sich über den metaphorischen Igel (istrice, italien. Stachelschwein, der Titel
spielt auf das Grimm'sche Märchen vom Hasen und vom Igel an), wiederum Heidegger kommentierend:
"Wenn es ein Sein-zum-Tode gibt, so zum Tode eines Tieres, zum Tode von
irgendeinem, den man begreift wie ein Tier (...), sei es auch ein katachrestisches Tier, wie dieser Igel da.
[Katachrese: falsche oder schlechte Metapher; F. G.] Das Sein-zum-Tode (...) meint bei Heidegger nicht das Sein
eines Lebenden. (...) Das Sein-zum-Tode ist einem Dasein vorbehalten, dessen Erscheinung als solche nicht
wesentlich dem Am-Leben-Sein angehört. Das Dasein ist kein Tier (...) Die Katachrese des Igels (...) ist die Figur
eines Seins-zum-Tode als Lebendem, ist, wie mir scheint, das Inakzeptable im herrschenden Diskurs Heideggers.
Man findet hier dieselben Probleme wieder, auf die er der Animalität gegenüber stößt. (...) Ich sage "herrschender
Diskurs", denn wir dürfen niemals ausschließen, dass in einem notwendigerweise heterogenen Diskurs widersprüchliche
Behauptungen tätig werden (...) In der unmöglichen Möglichkeit des Todes gesteht Heidegger dem Unfall sicherlich einen
Platz zu. In seinen Augen wird dieser Unfall aber nur vom menschlichen Dasein, dem die Erfahrung in der Beziehung
zum Tod vorbehalten ist, vorweggenommen und als solcher gefürchtet. Heidegger würde sagen: Der Igel sieht den
Tod nicht kommen, der Tod widerfährt ihm nicht. Ich drücke es auch auf andere Weise aus: Der Igel "hört den Tod
kommen, sieht ihn aber nicht", er ist genauso blind wie Homer, doch wo verläuft hier die Grenze? (...) Und wie
kann man behaupten, der Igel habe keine Furcht vor dem Tod, wenn er sich zur Kugel zusammenrollt?"
Der Gesprächspartner M. Ferraris über den Status der Tiere in der
abendländischen Tradition
"Aus diesem Grund misst Hegel dem Sieg des Ödipus über die Sphinx - dem
Symbol des Orients, des Alters sowie eines Bewusstseins, dem es nicht gelingt, die Selbstbeherrschung zu erlangen - eine
derart bedeutende Rolle bei, um schließlich den in einem Tierkörper gefangenen Menschen zu veranschaulichen. (Es steht
hier ebenfalls fest, dass das Tier weit davon entfernt ist, eine zweitrangige Rolle zu spielen. Hegel - immer noch
er - zeigt in der Tat, dass die Geburt der Klassik als menschliches Selbstbewusstsein, als Standbild des sich selbst
erkennenden Menschen, eine Degradierung des gejagten Tieres, Opfer und Metamorphosen impliziert; denn in
Griechenland bleibt das Tier unendlich weit hinter dem selbstbewussten Menschen zurück, was in Ägypten nicht der
Fall war, wo ein Rind genauso gut wie ein Herrscher in einer Pyramide begraben werden konnte.) Von da an verfolgt
man die Herausbildung zweier Zweige: auf der einen Seite gibt es den Geist, die Jugend, den Menschen, das Leben,
Griechenland; und auf der anderen den Buchstaben, das Alter, das Tier, den Tod und Ägypten als Todesreich (dass
die Logik selbst für Hegel ein Schattenreich ist, ist eine andere Frage).
"Derrida bezeichnet die Humanismus-kritischen Diskurse Heideggers und Lévinas' als
profunde Humanismen, und zwar insofern, als sie das Opfer nicht opfern. Das Subjekt (im Sinne von Lévinas) und das
Dasein sind "Menschen" in einer Welt, in der das Opfer möglich ist, und wo es nicht verboten ist, nach dem
Leben im allgemeinen zu trachten, sondern nur nach dem menschlichen Leben, dem nächsten Anderen." (ebd, S.290f)
Derrida spricht von Karno-Phallogozentrismus. (ebd. S.291)
"Die virile Kraft des erwachsenen Mannes, Vaters, Gemahls oder Bruders (...)
gehört dem Schema an, das den Subjektbegriff beherrscht. Das Subjekt will nicht nur Meister und aktiver Besitzer der
Natur sein. In unseren Kulturen akzeptiert es das Opfer und isst Fleisch. (ebd. S.292) Zur Bestimmung des letzteren
Wortes [Opfer] halte ich nur folgenden Hinweis fest: der Bedarf, das Verlangen, die Autorisierung, die Rechtfertigung
der Tötung, der Tod als Verneinung des Mordes. Die Tötung eines Tieres sei kein Mord, so behauptet diese Verneinung.
Und ich würde diese "Verneinung" mit der gewalttätigen Einsetzung des "Wer" als Subjekt in
Verbindung bringen."
Autobiographie
Derrida, dessen Schriften oftmals autobiographische Züge oder Anspielungen zeigen,
beschäftigte sich viel mit dem Phänomen Autobiographie; er sieht in der Autobiographie, im Schreiben überhaupt,
zunächst eine ungeheure Anmaßung des Subjektes, einen fragwürdigen Narzissmus. Er prägte das
Wort "Circonfession", eine Wortschöpfung aus "Confessions" ("Bekenntnisse", der Titel von
Rousseaus [und Augustinus'] Autobiographie, der ein bestimmtes emphatisches Subjektverständnis zugrunde liegt,
und die bis heute als exemplarische Autobiographie gilt) und "Circoncission" ("Beschneidung", auch
im Sinne einer [freiwilligen] Selbstbeschränkung), vielleicht mit "Bescheidung" übersetzbar, und wohl eine
Hommage an das Judentum.
In seinem Text "L'animal que donc je suis" bezieht sich Derrida auf den
biblischen Sündenfall als Kernmythos des abendländischen Selbstbezuges des Subjektes, dem Innewerden der eigenen
Nacktheit durch Erkenntnis. Das Tier ist nicht nackt, da ihm das Bewusstsein der Nacktheit fehlt, der Sündenfall ist
fiktive Urszene aller (angeblich) spezifisch menschlichen Eigenschaften, d.h. solcher, die den Menschen vom Tier
abheben. Bekleidung und damit Technik und Arbeit (die die Unterwerfung der Tiere mit sich bringen) ergeben sich aus dem
Sündenfall und der Erkenntnis der Nacktheit (vgl. die Thesen vom Mängelwesen Mensch bei Nietzsche, Portmann und anderen.)
Derrida erwähnt Szenen in seinem Badezimmer, in dem seine Katze ihn nackt sieht. Er betont, dass es sich hier um eine
reale Katze handelt, nicht um eine metaphorische, literarische. Er kommt auf die ambivalente Rolle von Tieren in
der Literatur zu sprechen, wo sie als Metaphern, als Stellvertreter des Menschen, Allegorien bestimmter Eigenschaft (z.B.
Fuchs entspricht List) strapaziert werden und betrachtet werden als Vertreter von Gattungen, Arten, oder "des
Tieres", z.B. die Katzen bei Baudelaire.
"Wenn ich sage "es ist eine reale Katze", die mich nackt sieht,
will ich ihre unersetzbare Einzigartigkeit hervorheben. (...) Es trifft zu, dass ich sie als Katze identifiziere. Aber
auch vor dieser Identifikation kommt sie zu mir als dieses unersetzbare Lebewesen in L. Carrols "Alice im
Wunderland" zu sprechen. In "Alice im Wunderland" ist davon die Rede, dass die Katze nicht
"antworten" kann im Sinne eines eindeutigen Ja oder Nein, nicht in den binären Oppositionen von denen
unsere Logik determiniert ist. Alice betrachtet die Katze in gewisser Weise "cartesianisch". Dagegen setzt
Derrida Montaignes vor- oder anti-cartesianisches Verständnis vom Tier, das ihnen eine gewisse Sprachfähigkeit
zuspricht, die nicht nur als Reiz-Reaktion-Muster zu verstehen ist, also auch die Fähigkeit zur Interaktion /
Kommunikation mit Menschen, die zugleich die naive Selbstsicherheit des Menschen in Frage stellt.
Im "Tier" blickt einen nach Derrida der "Andere" an, von dem
vor allem in der frz. Alteritätsphilosophie oder Psychoanalyse soviel die Rede ist. (Lévinas, Lacan) Für Derrida sind
es dagegen die Tiere, vor denen der Mensch wirklich "nackt" ist und Grund zur Scham hat.
"Das Tier ist vor mir da, neben mir da, es ist mir, der nach ihm ist,
gegenüber. Also ist es auch, weil es vor mir da ist, derjenige, der hinter mir ist. Das Tier umgibt mich. Und
seit diesem Mir-gegenüber-Sein kann es sich zweifelsohne ansehen lassen, aber es kann mich auch - die Philosophie
vergisst dies vielleicht, sie ist vielleicht sogar dieses kalkulierte Vergessen - seinerseits ansehen. Das Tier
hat seine Sichtweise auf mich. Die Sichtweise des absoluten Anderen, und nichts wird mir jemals so sehr die
absolute Andersheit des Nachbarn oder Nächsten zu denken geben wie die Momente, in denen ich mich unter dem
Blick einer Katze als nackt betrachtet sehe." (S.261)
Die Diskurse von Descartes, Kant, Heidegger, Lacan, Lévinas
machen aus dem Tier ein Theorem, eine Sache, die gesehen wird, aber nicht sieht. (S.264f). Diese immense
Verleugnung (dénégatinon) sei aber nicht nur eine epochale, sondern ihre "Logik" durchziehe die gesamte
Menschheitsgeschichte. Sie bilde nämlich nicht nur eine Verleugnung unter anderen solchen. Sie begründet das je
Besondere des Menschen, den Selbstbezug einer Menschheit, die zunächst ängstlich und eifersüchtig auf das ihr
Besondere bedacht war.(ebd.)
Wie oft in seinen Texten, wo Derrida vom metaphorischen, symbolischen Tier auf das
reale Tier verweist, die Metaphorizität zum Anlass nimmt, auf das Thema Tier sprechen zu kommen. Die biblische
Benennung der Tiere durch Adam im Auftrag Gottes ist zugleich Unterwerfung aller Tiere unter den Menschen. Beim
Menschen bedeutet die Namensgebung Einzigartigkeit, auch über den Tod hinaus, dadurch Erinnerung an den Tod, also
die Initiierung als Subjekt (assujettir = unterwerfen, unterjochen; verwandt mit sujet = Subjekt). Derrida durchquert
die Philosophie des Abendlandes von Descartes bis Heidegger bis hin zu Emanuel Lévinas, für die "das Tier"
entweder nur "Maschine" war oder lediglich ein Exemplar seiner Gattung, kein Individuum, für Heidegger
ein "Nur Lebendes", oder aber gar kein Thema war. Derrida betont, wie sehr die tradtionelle Ausbeutung der
Tiere als Opfer, als Arbeitstiere durch die Jagd, Fischerei, Zähmung, Schlachtung in den vergangenen 200 Jahren
durch Wissenschaft und Technik revolutioniert worden sei in Ausmaß und Intensität, und "das Tier" mehr denn
je als bloßes Objekt behandelt werde; dies sei zwar allgemein bekannt, werde aber konsequent verleugnet und
verdrängt. Organisierte Verdrängung und Verleugnung dieses Themas finde weltweit statt. Der Begriff Genozid sei
gerechtfertigt, zum einen gegenüber den ausgestorbenen Tierarten, denen von Menschen der Lebensraum genommen wurde,
zum anderen aber auch gegenüber den Schlacht- und Versuchtieren, von denen künstlich eine Überpopulation gezüchtet
werde, um sie dann zu quälen und zu vernichten.
"Als ob, z.B., anstatt ein Volk in Krematorien und Gaskammern zu werfen, Mediziner
oder Genetiker (z.B. Nazis) beschlossen hätten, durch künstliche Befruchtung die übermäßige Fortpflanzung und
Vermehrung der Juden, Zigeuner und Homosexuellen zu organisieren, die dann, immer zahlreicher werdend und immer üppiger
ernährt, in ständig wachsender Anzahl für dieselbe Hölle bestimmt wären, der Vernichtung durch Gas oder Feuer in
denselben Schlachthäusern, und zusätzlich noch für genetische Experimente. Ich werde es nicht ausnützen, wie
leicht man sein gesamtes Pathos dem Offensichtlichen widmen konnte, an das ich hier erinnere. Jeder weiß,
welche schrecklichen, unerträglichen Bilder ein realistischer Maler aus der industriellen, mechanischen, chemischen,
hormonellen, genetischen Gewalt machen konnte, der der Mensch seit zwei Jahrhunderten das tierliche Leben
unterwirft. Und wozu Erzeugung, Aufzucht, Transport, das In-den-Tod-schicken dieser Tiere geworden sind. (...)
Wenn diese Bilder "pathetisch" sind, so heißt das auch, dass sie in pathetischer Weise die immense
Frage des Pathos und des Pathologischen, eben des Leidens, Mitleidens und des Mitgefühls eröffnen. Und des
Ortes, den man der Deutung dieses Mitgefühls gewähren muss, dem Teilen des Leidens unter den Lebenden, dem Recht, der
Ethik, der Politik, die diesem Erleben des Mitfühlens Rechnung tragen muss. Denn was seit zweihundert Jahren
passiert, ist eine neue Prüfung für dieses Mitgefühl. Angesichts der im Moment unwiderstehlichen aber
verleugneten Strömung, angesichts der organisierten Verdrängung dieser Qual erheben sich Stimmen (in der
Minderzahl, schwach, marginal, nicht sehr sicher in ihrem Diskurs, in ihrem Recht zum Diskurs und der
Umsetzung ihres Diskurses in ein Recht, in eine Erklärung der Rechte) und protestieren, appellieren (...) an das, was
sich in so problematischer Weise noch als Tierrechte präsentiert, um uns zu wecken zu unseren Verantwortlichkeiten
und Verpflichtungen gegenüber dem Lebendigen im allgemeinen und gerade diesem fundamentalen Mitfühlen, das,
nähme man es ernst, bis zum Sockel (...) der philosophischen Problematik des Tieres sich ändern würde."
Derrida zitiert Benthams berühmtes Zitat "Can they suffer" und
problematisiert das Wort "pouvoir" (frz. = können; aber als Substantiv auch: Macht, Gewalt).
"Ohnmacht, Leid, Verletzlichkeit, Angst, Endlichkeit, Mitgefühl, alles,
was Menschen mit den Tieren teilen, steht gegenüber dem starken Fels des Cogito des Descartes und kann ihn nicht
antasten. Das "Können", die "Macht" (= pouvoir) der Tiere sei vom Menschen auf die Ohnmacht
des Leidens beschränkt. Noch immer fechten manche (...) das Recht an, dies Leiden oder Angst zu nennen, Worte
oder Begriffe, die doch dem Menschen vorbehalten sein müssten und dem Dasein in der Freiheit seines Seins-zum-Tode.
(...) Es gibt einen Krieg um die Sache des Mitleids. (hervorgehoben F.G.) Dieser Krieg (...) durchläuft eine kritische
Phase. Wir durchlaufen sie, und wir werden von ihr durchlaufen. Diesen Krieg, in dem wir uns befinden, zu denken,
bedeutet nicht nur eine Aufgabe, Verantwortung, eine Verpflichtung, sondern auch eine Notwendigkeit, ein Zwang, dem
sich niemand (...) entziehen kann. Künftig weniger denn je. Und ich sage, diesen Krieg "denken", weil ich
glaube, dass es von dem kommt, was wir "denken" nennen. Das Tier blickt uns an, und wir sind vor ihm
nackt. Und da beginnt vielleicht (das) Denken." (Limitrophie S.280)
Wenn Derrida den Unterschied zwischen Menschen und Tieren diskutiert, betont
er zunächst die tiefe Kluft, den Abgrund zwischen denen, die sich "die Menschen" nennen und
"dem Tier". Er meint, diese Grenze habe sich im Laufe der Menschheitsgeschichte, der Zivilisation, die
mit zahlreichen Formen der Tierausbeutung, Zähmung, Züchtung etc. einherging und ohne diese überhaupt nicht möglich
gewesen wäre, nicht nur verstärkt und vergrößert, sondern habe sich ausdifferenziert. Derrida spricht von Limitrophie
(etwas: wachsen, größer werden der Grenzen, vervielfältigen durch Auffalten, auch Veränderung ihrer Beschaffenheit).
Derrida sieht in der Betonung der Kontinuität von Tieren und Menschen eine gefährliche Simplifizierung und eine
biologistische und genetistische Sicht auf das Problem. Er betont zudem, dass der "Kontinuismus" seinem
Denken der différance zuwiderlaufe, somit die Vielfalt "der Tiere" wie auch des einzelnen Individuums
ignoriere, vernachlässige. Eine einzige Spezies, DER MENSCH, setze sich wiederum einer kaum überblickbaren Vielfalt
an Lebensformen gegenüber.
"Das Tier" - "l'Homme" - mit großem H
Nach Derrida ist für den Abgrund zwischen "dem MENSCHEN" (l'Homme)
und "dem TIER" (L'ANIMAL) die GESCHICHTE, (l'Histoire groß geschrieben; im frz. werden Nomina außer
Eigennamen normalerweise klein geschrieben, s.a. oben. verantwortlich. Derrida meint damit also nicht
unseren üblichen empirischen Geschichtsbegriff mit der Einteilung in Epochen, der tendenziellen Nachprüfbarkeit
von Fakten etc., sondern die Gesamtheit der spezifisch menschlichen Eigenart, von sich als Individuum, als
Kollektiv oder eben Gattung selbstreferentiell zu denken, die Geschichte oder die eigene Autobiographie zu
reflektieren, "autobiographisch" zu leben, und dies bis zu den mythischen Anfängen unserer
Zivilisation zurückgehend. (Derrida meint hier wie anderswo vor allem die abendländische Kultur, in der dies
zumindest am stärksten ausgeprägt ist).
"Jenseits der Grenze, die sich als menschlich bezeichnet (...), am Ort
DES TIERES oder DES TIERISCHEN LEBENS, ist eine heterogene Vielfalt von Lebewesen, genauer (denn "Lebewesen"
ist schon zuviel gesagt oder zu wenig) eine Vielfalt der Strukturen von Wechselbeziehungen zwischen dem Lebenden
und dem Toten, von Beziehungen zwischen Strukturen und Unstrukturiertem innerhalb der Bereiche, die sich auf immer
kompliziertere Weise dissoziieren in die Formen des Organischen und des Anorganischen, des Lebens und / oder des Todes.
Zugleich sehr eng und abgrundtief trennend, sind diese Beziehungen niemals ganz und gar objektivierbar. (...) Daraus
folgt, dass man niemals das Recht hat, die Tiere für Spezies einer Kategorie zu halten, die man DAS TIER nennen
darf, das Tier ganz allgemein. Jedes Mal, wenn "man" sagt DAS TIER jedes
Mal, wenn der Philosoph, welcher auch immer, im Singular und ohne weiters DAS TIER sagt und damit alles Lebendige
bezeichnen will, das nicht der Mensch ist, (der Mensch als "animal rationale", der Mensch
als "politisches Tier", als sprechendes Tier, zoon logon ekhon, der Mensch, der "ich" sagt
und sich für das Subjekt des Satzes hält, mit dem er dann das von IHM Tier genannte Subjekt
bedroht (proférer, usw.,) jedes Mal sagt das Subjekt dieses Satzes, dieses "man", dieses "ich",
eine Dummheit). Es gesteht, ohne zu gestehen, es gibt sich zu erkennen (déclarer) wie sich ein Übel an einem
Symptom erkennen lässt, es lässt ein "ich sage eine Dummheit" diagnostizieren. Und dieses "ich sage
eine Dummheit" würde nicht nur die Animalität bestätigen, die es verleugnet, sondern auch seine engagierte,
ständige und organisierte Teilnahme an einem veritablen Krieg der Arten."
Derrida kritisiert vor allem den Sprachgebrauch, den Gebrauch des Singulars
eines so allgemeinen Begriffes wie DAS TIER, als ob alle nicht-menschlichen Lebewesen im gemeinen Menschenverstand
mit diesem "Gemeinplatz" umfasst werden könnten, DAS TIER, wo es dort doch abgrundtiefe Differenzen und
strukturelle Grenzen gibt, die (...) die all "die Tiere" trennen, eine Benennung, die folglich in
Anführungszeichen gesetzt werden muss. (S.284)
"Der heute übliche Sprachgebrauch, der als "Benennung" den
Generalsingular "das Tier", (l'animal) benutzt, signalisiert den Abgrund, den "der Mensch" zwischen
der eigenen Gattung und allen anderen Lebewesen gezogen hat."
Derrida kreiert als Bezeichnung für dieses sprachliche Phänomen, das zudem
paradigmatisch sei für Gewaltausübung durch Sprache, das Chimärenwort "animot" (aus: animaux, pl. von animal
und mot = Wort; animot ist gleich lautend mit animaux). Derrida betont die Vielfalt der nicht-menschlichen Lebensformen,
die mit dem Generalsingular "l'animal" umrissen werden sollen. Derrida findet also die Diskussion, die eine
biologische Kontinuität zwischen Tieren und Menschen betont, unfruchtbar, letztlich simplifizierend, biologistisch
und naiv und daher sogar gefährlich. Sie werde vor allem auch der Vielfalt der "Tiere" genannten Lebewesen
und Lebensformen nicht gerecht.
"Dies ist eine komplexe erkenntnistheoretische Fragestellung, die aber stets
den Gewaltcharakter (abendländischer) Subjektivität, das Selbstverständnis des Menschen, die Rolle der Sprache und
des Denkens (Descartes) und Kategorisierens (schon in der Genesis, dem Begründungsmythos des Selbstverständnisses
des Menschen in unserer Kultur, ist Adam von Gott autorisiert, "die Tiere" zu benennen) im Blick hat."
Das Problem siedelt Derrida also beim MENSCHEN an und nicht in einer Art
Apologie "des Tieres" unter Akzentuierung seiner biologischen Nähe zum Menschen, es ist letztlich
ein kulturelles, somit anthropogenes Problem, unter dem allerdings vor allem alle nicht-menschlichen Lebewesen
zu leiden haben.
In seiner "Frankfurter Rede" zur Verleihung des Adorno-Preises am
unseligen 11. September 2001 würdigte Derrida Adorno als einen, wenn auch aus anderer Tradition kommend, so doch
ihm kongenialen Denker, mit ganz besonderem Akzent auf Adornos Votum einer anderen Bewertung "der" Tiere und
seiner kritischen Revision des Begriffes der "Menschenwürde". Derrida kündigte an, dass er zu diesem
Thema ein Buch schreiben wolle. Leider kam es dazu nicht.
Der inzwischen international bekannte und geschätzte, zumindest aber
respektierte Derrida ist zu früh im Oktober 2004 verstorben.
A.K.T.E. - Redaktion / Franziska
Ute Gerhardt
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