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Soweit kommt´s noch! – Ein Diskurs mit einem Tierexperimentator
Tierexperimentator Dr. Michael Berger / Tierrechtlerin Barbara Hohensee
alias Barbara Holsten
Über Ratten, Mäuse und Menschen
Wohlmeinende Kollegen haben mich davor gewarnt, mit
Tierrechtsaktivisten (TRAs) zu diskutieren. Das wäre genauso aussichtslos wie der Versuch, einem Pyromanen das
Feuer auszureden. Ich glaube meinen Kollegen und wende mich deshalb nicht an TRAs, sondern an jene, die sich
von deren Aktionen beeindrucken lassen bzw. vielleicht sogar schon selbst bei der einen oder anderen Unternehmung
in bester Absicht mitgemacht haben.
Mit welchen Begründungen werden seit über 2 Jahren
Mitarbeiter von Forschungsinstituten der Wiener Medizinischen Fakultät von TRAs terrorisiert und verunglimpft, zuletzt
sogar tätlich angegriffen. Es wird ihnen vorgeworfen, (1) Labortiere (zum Großteil Mäuse und Ratten) in
Gefangenschaft zu halten; (2) ihnen Schmerzen zuzufügen; (3) sie zu töten; und letztlich (4) ihre Leichen zu
zerstückeln. Im ersten Moment hört sich das wirklich an wie der Stoff, aus dem Gruselschocker à la "Schweigen
der Lämmer" gemacht sind.
Freiheit ist ein relativer Begriff. Wir Menschen nehmen im
Normalfall einen recht begrenzten Lebensraum in Anspruch. Versuchen Sie einmal nachzuvollziehen, wo Sie in den letzten
72 Stunden überall gewesen sind. Natürlich gibt es Ausnahmen. Manchmal verreisen wir, und manche reisen sogar besonders
oft. Aber wie sieht es aus mit "normalen" 72 Stunden eines "Durchschnittsmenschen"? Meistens kommen
dabei ein paar Dutzend Quadratmeter heraus, an 2 verschiedenen Orten, verbunden durch einen schmalen Weg. Wir sind
damit ganz zufrieden, zumindest für eine Weile, es sei denn wir entdecken eines Tages eine unüberwindliche Mauer um
unseren gewohnten Lebensraum, dann ist’s mit unserer Zufriedenheit natürlich vorbei (siehe "The Truman
Show"). Ratten haben nichts gegen eine Mauer, auch wenn sie kein Loch zum Durchkriechen finden. Sie können damit
leben, auf die Welt dahinter verzichten zu müssen.
Natürlich brauchen sie Platz, damit sie sich bewegen können;
und sie brauchen noch etwas, worin sie uns Menschen ähnlich sind: Gesellschaft. Nicht irgendeine Gesellschaft, da
sind sie wählerisch (wie wir); sie brauchen Ihresgleichen, Kumpels halt. Wenn sie sich mit 3 oder 4 Freunden rumbalgen
können, nachts, wenn sie am lebhaftesten sind, dann sind sie happy, selbst wenn ihr Käfig nur 38 x 59 cm misst.
Freiheit? Nehmen Sie in einer gut geführten Rattenhaltung irgendeinen Käfig aus dem Regal, stellen Sie ihn in der
Mitte auf den Boden und nehmen Sie den Deckel ab. Natürlich verlassen die Tiere irgendwann den Käfig, denn Ratten
sind neugierig. Aber Sie können sicher sein: Am nächsten Morgen, nachdem sie alles gründlich ausgekundschaftet haben,
liegen sie wieder alle friedlich schlafend in ihrem Käfig beisammen. Für sie ist das kein Gefängnis; es ist ihr
Heim.
Soviel zum Thema Tierhaltung und Freiheit. "
Tierbefreier" tun den Tieren keinen Gefallen. Wie mir unlängst ein Kollege erzählt hat, sind vor Jahren in
Frankfurt am Main nach einer "Tierbefreiungsaktion" Dutzende von Laborkaninchen "in Freiheit"
umgekommen. Man braucht nur etwas Hausverstand, um das nachvollziehen zu können.
Wie sieht es aber mit den Schmerzen aus? Sind Wissenschafter,
die Tieren Schmerzen zufügen, Tierquäler? Von allen hier aufzuwerfenden Fragen ist diese wohl die schwierigste.
Natürlich ist es für Ratten schmerzhaft, wenn eine Injektionsnadel durch ihre Haut dringt (um mit einem relativ
einfachen Beispiel zu beginnen). Sie wehren sich dagegen und müssen festgehalten werden. Vielleicht liest diese Zeilen
jetzt ein Tierfreund, der zu Hause eine Ratte hält, und ist schockiert. So eine Grausamkeit! Aber nicht der Nadelstich
ist grausam, nein, Sie, lieber "Tierfreund", sind es, wenn Sie nur eine Ratte halten und sie niemanden (außer
Ihnen) zum Spielen hat. Der Nadelstich, richtig ausgeführt, muss nicht grausam sein. Ratten sind soziale Tiere und
prügeln sich nächtelang mit Ihresgleichen.
Sie sollten einmal in eine Rattenhaltung gehen, nachts. Da ist
der Teufel los. Das ist ein Rumoren und ein Quieken und ein Radau! Ständig müssen sie ihre Kräfte messen, und sie sind
gewiss nicht unglücklich dabei. Manchmal kann man richtig dabei zusehen, wie ihnen "der Schalk in die Beine
fährt". Sie machen dann ein paar rasche Bewegungen an Ort und Stelle und stürzen sich auf den nächst besten
Artgenossen, und schon kugeln beide herum und versuchen, einer über den anderen zu kommen. Behält schließlich einer
die Oberhand, dann beißt er den Unterlegenen ins Fell, meist in den Nacken, und der hält dann ganz still und quiekt.
Das war’s dann schon, und weiter geht’s in die nächste Balgerei. Es kommt nur ganz selten vor,
dass sich Ratten, wenn
sie gut gehalten werden, gegenseitig ernsthaft verletzen. Das passiert nur, wenn man Tiere, die einander nicht kennen,
in einen Käfig setzt, ein Fehler, der einem guten Tierpfleger nicht unterlaufen wird.
Worauf will ich hinaus? Ratten wissen nicht, was Menschen
sind. Sie wissen nur, dass immer wieder, solange sie denken können, etwas nach ihnen greift, so wie auch ihre Artgenossen
immer wieder nach ihnen greifen. Sie sind daran gewöhnt. Wir mussten unlängst eine ganze Reihe von Injektionen an Ratten
ausführen, eine morgens, eine am Nachmittag, 3 Tage lang. Bei der ersten Injektion gab’s ein Mordsgezeter. Am lautesten
haben die gekeift, die die "Chefs" im Käfig waren. Das waren sie nicht gewöhnt,
dass einer stärker war als sie.
Beim 2. Mal gab’s dann keine Faxen mehr. Auch die "schweren Jungs" ließen alles mit unterwürfigem Fiepen über
sich ergehen. Hatten sie Angst? Nein. Sie spielten nur mit, dasselbe Spiel, das sie jede Nacht miteinander spielen.
Keiner suchte entsetzt das Weite, auch wenn wir ihnen die Gelegenheit gaben. Danach setzten sie schon nach wenigen
Minuten ihren von uns unterbrochenen Tagesschlaf fort.
Haben wir nun diese Tiere gequält? Nein. Wir haben nur das
getan, was sie miteinander Nacht für Nacht freiwillig selber tun, und den Schmerz konnten sie im Spektrum ihrer
Erfahrungen einordnen. Kurz: Wir haben sie "artgerecht" gehandhabt. Jedes Tier verfügt über ein Repertoire
natürlicher Verhaltensweisen, und wenn es der Mensch versteht, sich in dieses Repertoire passend einzuklinken, kann er
sich sein artspezifisches Verhalten zunutze machen, ohne es übermäßig zu drangsalieren. Das kann nicht jeder. Menschen
müssen dazu ausgebildet sein, müssen Erfahrung haben, und manche sind dafür mehr geeignet als andere (siehe Robert
Redfords "Der Pferdeflüsterer").
Der Schmerz, den eine Injektion – bei artgerechter
Vorgangsweise – auslöst, muss also für ein Tier noch keine wesentliche Belastung darstellen. Anders sieht es allerdings
mit den Wirkungen der auf diese Weise verabreichten Substanzen aus. Diese Wirkungen können durchaus gravierend sein.
Jeder Forscher muss sich dessen bewusst sein und sich die Frage gefallen lassen, ob der mögliche Erkenntnisgewinn auf
keinem anderen Weg zu erzielen ist, und ob er überhaupt relevant genug ist, dafür das Leiden von Tieren in Kauf zu
nehmen. Genau hier scheiden sich die Geister: Ist das Leben eines Menschen mehr wert als das Leben eines Tieres?
Rechtfertigt die Sicherheit eines Kosmetikums das Leid von Kaninchen?
Diese Fragen müssen in einer funktionierenden Demokratie
offen diskutiert werden, und es ist die Aufgabe von kompetenten Gremien und Kommissionen, sie von Fall zu Fall zu
beantworten. Ein Wissenschafter kann also keineswegs nur seiner eigenen Neugier folgen, sondern er unterliegt den
gesetzlichen Bestimmungen und, wenn er an einer öffentlichen Einrichtung wie einer Universität tätig ist, dem
Forschungsauftrag durch das Gemeinwesen.
Was hatten wir noch? Wissenschaftern wird vorgeworfen,
Tiere zu töten und ihre Leichen dann auch noch zu zerstückeln. Dieser Vorwurf ist ganz besonders blauäugig, vor allem
wenn es um Ratten und Mäuse geht. Jedes Jahr gehen Tausende von Ratten und Mäusen in Wiens Kanälen zugrunde, ja die
Stadtverwaltung bezahlt dafür sogar eigens ausgebildete "Killer". Am häufigsten werden dabei Köder eingesetzt,
die einen Stoff enthalten, der die Blutgerinnung hemmt. Die Tiere sterben dann oft erst nach Tagen an inneren Blutungen.
Und Wissenschaftern wirft man allen Ernstes vor, hin und wieder ein paar Ratten oder Mäuse rasch und schmerzlos zu
töten? Genauso absurd ist der Vorwurf, getötete Tiere zu "zerstückeln".
Die Konfrontation mit dem Tod, der Anblick von Blut, von
eröffneten Körpern gar, löst bei jedem normalen Menschen Schrecken und Abscheu aus. Es gibt keinen Wissenschafter, der
nicht wenigstens zu Beginn seiner Ausbildung damit zu kämpfen hatte. Viele lassen ein Studium, das sie früher oder
später damit konfrontieren würde, aus diesen Gründen lieber sein. Aber wer die Ursache von Krankheiten erforschen will,
kommt darum nicht herum. Es ist einfach gemein, Wissenschaftern zu unterstellen, sie fänden Gefallen an diesen Dingen.
Das Gegenteil ist wahr: Sie betrachten sie als notwendiges Übel und müssen sich dazu überwinden. Eine Ratte oder eine
Maus mit eigener Hand zu töten ist sehr, sehr schwer. Nur kranke Geister tun das zum Vergnügen.
Manche werden jetzt vielleicht einwenden: Was soll das ganze
Theater um Ratten und Mäuse? Das sind doch nur "Schädlinge", "Ungeziefer". Ich werde nie vergessen
wie meine Oma (Wirtin und Bauerntochter) bei der Gartenarbeit, mit allen Anzeichen des Ekels, vor den Augen von uns
entsetzten Kindern einmal einen Wurf neugeborener Mäuse mit dem Spaten erschlagen hat. Für einen Hirnforscher ist das
jedoch keine Kategorie. Er sieht das Lebewesen, das Säugetier, das animal sociale, das noch letzte Nacht mit seinen
Kumpels munter im Käfig herumgetobt hat. Als normaler Mensch verstehen Sie jetzt vielleicht, warum wir Forscher ganz
besonders gekränkt sind, wenn man uns in der Öffentlichkeit als Monster hinstellt.
(Mailende)
Sehr geehrter Herr Berger,
mit Interesse habe ich auf Ihrer Webseite
Ihre Stellungnahme „Über Ratten, Mäuse und Menschen" gelesen. Sie und Ihre
Forscherkollegen sind wirklich zu bedauern.
Da gibt es doch Spinner, die alles zu tun
bereit sind, um Ihre Möglichkeiten als Forscher zu unterbinden. Und diese Aktivisten wähnen sich auch noch
moralisch im Recht. Wo gibt es denn so was? Schließlich forschen Sie ja nicht zu Ihrem Privatvergnügen,
aus purem Ehrgeiz oder Ruhmsucht. Diese Narren sehen einfach nicht ein, dass Ihre Arbeit zum Wohle der
Menschheit geschieht und als Nebenprodukt auch kranken Haus- und Nutztieren zugute kommt. Da ist schon
eine große Blindheit Ihrer Gegner vorhanden, wenn nicht gar ein Fanatismus am Werke.
Nur durch Ihre Aufklärungsarbeit besteht
noch die Chance, den Mitläufern der Aktivisten den Unfug, dem sie zum Opfer
fallen, aufzuzeigen. So oder ähnlich dürften Ihre Gedankengänge und die Ihrer Kollegen wohl
sein.
Ihr ganzes Schriftwerk weist neben vielen
Ungereimtheiten e i n e n gravierenden Mangel auf, der nicht nur für Ihre
Forscher-Spezies typisch ist. Es ist der eingeengte Blickwinkel, der im
allgemeinen als Anthropozentrismus bezeichnet wird und der bis heute der
Leitstern aller Gutmenschen ist, angefangen beim höheren Klerus bis hin
zu den klassisch braven Tierschützern. Nun im einzelnen zu Ihren Argumenten:
Freiheit:
Selbstredend ist Freiheit ein relativer
Begriff. Nur der Mensch in Freiheit, der niemals einem anderem Lebewesen
schutz- und rechtlos ausgeliefert war, kann über die Bedürfnisse anderer
Lebewesen, Freiheit wahrnehmen zu können und zu wollen, so unzutreffend
argumentieren. Ihre Labortiere haben keine Wahlmöglichkeit.
Sie werden in Gefangenschaft geboren und leben und sterben oft unter Qualen in
Gefangenschaft. Sie kennen nichts anderes, sie vermissen deshalb ihre Freiheit
(inkl. der Möglichkeiten) nicht behaupten Sie. Soll das die ethische Rechtfertigung
für Ihr Tun sein?
Das Tier wird durch Menschenhand in seinem
Verhaltensrepertoire, in seinen Möglichkeiten, wie die Natur sie vorgesehen
hat, eingeengt. Es wird auf ein vom Menschen vorbestimmtes Leben und Sterben
reduziert. Es wird zur Ware, zum Objekt, zum Spielball des Menschen.
Natürlich kehren die Tiere im Labor wieder
in ihren Käfig zurück. Was besagt das schon. Was bleibt ihnen denn übrig?
Sollen sie ihr Lager auf dem nackten Laborboden, der ihnen keine Deckung, keinen Schutz bietet,
aufschlagen?
Woher wollen Sie denn wissen, dass Ratten
nichts gegen eine Mauer haben, auf die Welt dahinter verzichten können? Haben Ihnen die Ratten das gesagt? Wenn
Sie sich dessen so sicher sind, dann stellen Sie doch die geöffneten Käfige im
Freien auf. Was glauben Sie, wie viele Ratten sich morgens dort wieder
einfinden werden? Am Anfang vielleicht noch einige. Die weniger Mutigen, die rangniedrigen Tiere, diejenigen, die
Angst haben vor einer ihnen bislang unbekannten, weil von Geburt an vorenthaltenen Welt und die deshalb
trotz allem die ihnen vertraute alltägliche Furcht als Versuchstier vorziehen.
Ich garantiere Ihnen aber, gerade bei den lernschnellen Ratten, nach kurzer
Zeit einen leeren Käfig vorzufinden. Das Traurige an Tierexperimentatoren ist
ihre schlichte Ignoranz grundlegender Erkenntnisse im Bereich der
vergleichenden Mensch-Tierverhaltensforschung.
Übrigens: Ihrer Argumentation folgend hätten
auch menschliche Gefangene von Geburt an nichts gegen eine Mauer ohne
Durchkriechmöglichkeit. Auch sie würden vor einer ihnen unbekannten Welt
zurückschrecken und müssten diese erst sehr langsam und voller Angst erkunden,
wollte man ihnen diese Möglichkeit offerieren.
Auch sie würden ihr Sozialverhalten auf
kleinstem Raum ausleben und sich dort balgen und streiten, schon allein aus Langeweile. Es gibt im
Sozialverhalten keine grundlegenden Unterschiede zwischen Menschen und Ratten
(wie übrigens bei allen Lebewesen mit ausgeprägtem Sozialverhalten). Wenn alles
so einfach wäre, wie von Ihnen geschrieben, dann müssten Sie doch für speziell
gezüchtete Menschen für Ihre Forschung plädieren. Die müssten sich ja direkt
wohl bei Ihnen fühlen, können sie sich doch miteinander balgen (prügeln), was
im übrigen in der freien Natur nicht der nächtliche Normalfall unter den
erwachsenen Individuen ist. Nur dort, wo keine Ausweich- und Wahlmöglichkeit
des Sozialpartners vorhanden ist, benehmen sich Sozialwesen so wie von Ihnen beschrieben. Nur Tiere in Gefangenschaft
leben ihre Frustrationen, ihren Stress, in der von Ihnen verharmlost
geschilderten Tätigkeit aus, eben weil sie keine anderen Möglichkeiten haben,
um ihren immensen Bewegungsdrang auszuleben.
Für die bewegungsfreudigen Ratten führt ein
Käfig in der genannten Größenordnung selbst ohne Mehrfachbelegung zwangsläufig
zur beschriebenen Hyperaktivität. Und: Auch langjährige menschliche Gefangene
entwickeln ein Angstsyndrom vor der Perspektive der Freiheit, die sich ihnen
eines Tages eröffnet.
Ihr Kollege hat Ihnen die Wahrheit vom
Schicksal befreiter Laborkaninchen erzählt. Labortiere sind nicht an ein Leben
und Überleben in freier Natur gewöhnt. Ihre vom Menschen zu verantwortende Haltung hat sie untauglich für ein solches
Leben werden lassen.
Aber glauben Sie denn, das Schicksal als
"Versuchskaninchen" sei besser?
Glauben Sie überhaupt, jedes Tier würde,
soweit es nicht schon durch menschliche Zucht in seinen Anlagen degeneriert
ist, das Leben in der ihm naturgemäß gegebenen arteigenen Welt (soweit sie noch
vorhanden ist) nicht bevorzugen, ließe man ihm die Wahl zwischen einem Leben
hinter Gittern mit zu ertragenden Schmerzen oder in Freiheit?
Schmerzen:
In der Tat ist die Injektionsnadel per se
nicht das größte Problem, das tierachtende Menschen mit ihresgleichen haben.
Eine Injektionsnadel an und für sich kann dem Tier auch Gutes tun. So ist es
aber bei Tierexperimentatoren nicht. Sie machen die Tiere zuvorderst krank,
nicht gesund. Sie leben in einer verkehrten Welt und wollen mit Ihrem
Herumexperimentieren an Tieren Gutes beim Menschen bewirken. Bei Ihnen gilt der Grundsatz, der Zweck heiligt
die Mittel!
Woher nehmen Sie eigentlich das Recht dazu?
(Es versteht sich, dass ich damit nicht das Recht, dass sich das menschliche
Gemeinwesen schafft, meine).
Aus Ihrer Machtvollkommenheit gegenüber den
Tieren, Ihrem Recht des Stärkeren? Vom christlichen Gott oder dem Teufel? Beide
äußerst fragwürdige Gestalten, betrachtet man die Beschaffenheit der Welt nicht
durch eine rosarote Brille.
Können Sie auch nur ein Leben erschaffen
ohne auf Vorhandenes zurückgreifen zu müssen? Haben nicht zumindest alle
fühlenden und leidensfähigen Lebewesen ein Recht auf ein selbst bestimmtes
Leben? Gebietet das nicht schon die Tugend der wohlverstandenen Gerechtigkeit?
Ist nicht das limbische System eines der
entwicklungsgeschichtlich ältesten Gehirnteile, wohingegen sich der neo cortex
geradezu als lächerlich jung und wie man es an den Handlungen der Menschen,
welche zeitlich gesehen noch auf der Säuglingsstation liegen, erkennt,
unbedarft ausnimmt. All die theologisch-philosophischen Bemühungen um die
Vernunft des Menschen, auch über seine angebliche Gottesebenbildlichkeit. Diese
dienen letztendlich auch dazu, das schändliche Tun der Menschheit gegenüber
anderen Lebewesen, die ältere "Rechte" an der Erde haben, zu
rechtfertigen.
Ihr Vergleich mit dem "Tierfreund", der
nur eine Ratte hält und ihr den Sozialpartner vorenthält, hinkt argumentativ, wie m.E. alles, was Sie
schreiben.
Ein Tierquäler, der zur seiner
Rechtfertigung einen anderen Tierquäler vorzuführen versucht. Oh ihr Heuchler
und Pharisäer, möchte man da am liebsten ausrufen, hielte man es mit der Bibel!
Und dann die anschließende Beschreibung des
nächtlichen Verhaltens der Tiere in der "guten" Rattenhaltung. Sie glauben
doch nicht ernsthaft, dass die in der Enge der Käfighaltung oder in einem Raum
ablaufenden Rangordnungskämpfe, die sie beschreiben, noch irgendetwas mit dem
natürlichen Verhalten von Ratten, ja überhaupt Tieren in freier Wildbahn zu tun
haben? Die Haltungsbedingungen führen zu einer extremen, intensivierten Abfolge
der Verhaltensmuster. Das Territorialsystem wird bei wachsender
Populationsdichte von einer Rangordnungsstruktur abgelöst. Ihre
Verhaltensbeschreibungen zeigen Rangordnungsstrukturen bei den Ratten. Und auch hier wieder ein
Fehlschluss: Die biologische Konditionierung ist grundsätzlich immer auf ein
schlichtes Drohverhalten gerichtet. Den Ratten fährt nicht "der Schalk in die
Beine", wie Sie jovial meinen. Es handelt sich um ein durch die beengten Verhältnisse konzentriertes
soziales Muster, ausgelöst durch Stress und Langeweile.
In freier Wildbahn oder artgerechter
Tierhaltung werden Sie diese Abläufe grundsätzlich nur bei Jungtieren erleben,
die ihre Verhaltensmuster "spielerisch" trainieren oder im Ernstfall, wenn
es gilt, dem Rivalen und/oder Rangunterlegenen der eigenen Gruppe die Grenzen
zu zeigen. Tiere neigen in aller Regel nicht dazu, sich in einen Kampf mit
ungewissem Ausgang zu stürzen. Schließlich stehen ihnen weder Antibiotika, noch
ambulante Erstversorgungen mit klinischer Unterbringung zur Verfügung. Sie
können sich diesen menschlichen Luxus, wegen Banalitäten auf Leben und Tod zu
streiten, schlicht und einfach nicht erlauben.
Schließlich: Ratten wüssten nicht, was
Menschen sind. Die Ratten-Chefs würden nur die Erfahrung machen, dass da einer ist, der noch stärker als sie sei
und sich schließlich unterwerfen. Wissen Sie überhaupt, zu welcher Wahrnehmung
Ratten fähig sind? Alleine schon über den Geruchssinn werden Sie als artfremdes
Individuum erkannt. Ob sich dieses Mensch oder Monstrum nennt, ist ihnen
sicherlich einerlei. Welchen Grund sollten Ihre hochintelligenten
Versuchstiere haben, Sie oder Ihre Kollegen zu mögen oder gar Zutrauen zu Ihnen zu fassen?
Sie holen sie doch nicht aus ihren Käfigen,
um mit ihnen zu schmusen? Plädieren Sie doch dafür, für Ihre physiologischen
Experimente schwer hirngeschädigte Menschen nehmen zu dürfen. Obwohl
Artgenossen, vermögen diese Sie nicht als Mensch zu erkennen, noch werden sie
ein körperlich-seelisches Bewusstsein von ihrem Menschsein haben. Sie vegetieren
dahin, sind weit unter der Stufe eines gesunden Säugetieres. Natürlich, sagen
wir so abendländisch-kulturell bestimmt wie selbstverständlich, geht das nicht,
weil wir moralische (?) Skrupel haben, weil uns (fast) jedes – menschliche –
Leben "heilig" ist und die uns selbst verliehene „Würde" dabei
hindern?
Es handelt sich dabei um bewusste, also über
den Verstand eingebaute Schutzmechanismen der eigenen Art vor Übergriffen durch
Vertreter der eigenen Art, die gesetzlich normiert wurden. Schließlich könnte
es ja jeden von uns treffen, je nach der Interpretation unserer individuellen
menschlichen Qualitäten durch einen anderen.
Es spielt also überhaupt keine Rolle, ob
dieses (menschliche) Lebewesen irgendwelche Fähigkeiten besitzt oder nicht, ob
es fühlen, damit leiden kann oder nicht, ob also sein Gehirn und sein
verlängertes Rückenmark noch/ schon vollwertig funktioniert oder nicht. Es muss
sich nur um einen A r t g e n o s s e n handeln. (In die Gedanken kommen mir
dabei auch die endlosen Streitereien um die Abtreibungsfrage oder die aktive
Sterbehilfe). Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich versuche nur den
Denkansatz herauszuarbeiten, den wir traditionell pflegen.
Das Vorgenannte erklärt m. E., warum wir dann
so ohne weiteres bei mehr oder weniger hoch entwickelten Tieren, das nachholen
können, was wir u n s selbst erspart haben. Bei Lebewesen, die sich in den
grundlegenden Bedürfnissen und in ihrer Schmerzempfindlichkeit, ihrer Fähigkeit
zu trauern, Freude zu empfinden von unseresgleichen nicht unterscheiden. Die
sich von uns, was den Denkapparat betrifft, nur graduell, aber eben nicht
grundlegend unterscheiden.
Bestehen bei Ihnen Zweifel an diesen
beispielhaft angeführten Komponenten sozialer Strukturen vieler Tiere? Können
ausgeprägte, durch uns sinnlich wahrnehmbare tierliche Verhaltensweisen, die
auf diese Sozialstrukturen hinweisen, ohne diese emotionalen Fähigkeiten und
ein Bewusstsein überhaupt denkbar sein, gar funktionieren? Genügten instinktive
Verhaltensweisen oder sogar nur bloße Reflexe diesen Anforderungen? Wäre es so,
bedürften viele Säuge- und Wirbeltiere schon allein deshalb keiner Erziehung
durch ihre Tiereltern. Dass eine solche aber auch im Tierreich stattfindet,
dürfte unbestritten sein. Der Tierforscher Heinroth sagte: "Tiere sind
Gefühlsmenschen mit äußerst wenig Verstand". Das trifft auch auf
Menschenkinder oder geistig Behinderte zu. Es geht in dem hier interessierenden
Bereich nicht darum herauszufinden, ob Tieren der Zugang zur Universität
eröffnet werden sollte, sondern allein darum, ob sie leidensfähig sind.
Ich weiß, dass mein jetzt folgendes Beispiel
keine wissenschaftliche Beweiskraft hat, aber urteilen Sie selbst: Ich habe
einen Kater, der noch nicht voll ausgewachsen ist. Als ich einmal dringend für
drei Tage verreisen musste, ein Vorfall an den das Tier nicht gewöhnt war, fand
ich ihn bei meiner Rückkehr schlafend vor -versorgt wurde er von einer
Nachbarin, die mir als erstes berichtete, der Kater, sonst normal lebhaft, habe
verstört gewirkt und gegen seine Gewohnheiten fast nur geschlafen. Kaum war ich
durch die Tür, setzte er sich auf, blickte mich an mit weit geöffneten,
staunend wirkenden Augen, die auszudrücken schienen, "bist Du es wirklich, oder
täuschen mich meine Sinne?", dann, nach kurzem Zögern, schoss er auf mich
zu und war außer Rand und Band vor Wiedersehensfreude. Beim anschließenden
gemeinsamen Spaziergang durch den Garten, sprang er mich wiederholt aus dem
Hinterhalt an (ohne Kralleneinsatz), und raste dann voller Lebensfreude durch
den Garten und bestand auf einer Zuneigungsbezeugung nach der anderen. Ein
solches Verhalten hatte er vor meiner Reise noch nie auch nur annähernd an den
Tag gelegt, obwohl wir uns beide sehr zugetan sind und ich mich immer viel mit
dem Kater sowohl durch Ansprache als auch Spiel beschäftigt habe. Das
Anspringen wertete ich als "Übersprunghandlung" für den emotionalen
Stress, dem er drei Tage lang durch den Verlust seiner Bezugsperson ausgesetzt war,
und den er damit explosionsartigen abbauen konnte. Ohne das Verhalten des Katers
vermenschlichen zu wollen, würde ich sagen, seine Arten von Reaktionen zeigten Trauer,
Hoffnung, Erkennen, Wiedersehensfreude und entspannende Ausgelassenheit/Übermut nach durchstandenen
Verlustängsten an. Er reagierte keinen Deut anders, als es auch ein Kind getan
haben könnte. Und: Er behielt mich die nächste Zeit sehr gut im Auge!
Beweise mit Allgemeingültigkeit fordern wir
Menschen mit Vorliebe dann ganz besonders gerne, wenn die schon für sich
sprechenden äußeren Tatsachen der Ähnlichkeiten oder gar Gleichheiten im
Verhalten unserem menschlichen Selbstverständnis, unserem wie auch immer
gewollten Ergebnis unserer Selbstbespiegelung widersprechen.
Wir können uns noch nicht einmal selbst
erkennen. Wir bedürfen dafür der Reflexion über ein anderes Individuum, maßen
uns aber diese Erkenntnis bei den Tieren an, die ebenfalls Individuen sind.
Unsere viel beschworene Objektivität ist in Wirklichkeit eine gut getarnte
Subjektivität, eine Interessenvertretung. Darüber können auch keine Mess-,
Zähl- oder Wägverfahren hinwegtäuschen.
Denn letztendlich bestimmt immer unser
Wollen nicht nur das Verfahren, sondern auch das erwünschte Ergebnis. Wir
handeln Ziel orientiert. Und hier zeigt sich unsere wirkliche Nähe zu den mit
Bewusstsein versehenen Tieren.
Aber alles, was die vermeintliche – absolute
- Einmaligkeit des Menschen und sei es nur in Teilbereichen in Frage stellen
könnte, wird mit Vehemenz abgewehrt und verteidigt. Der Mensch versteigt sich
dabei in unvorstellbare Höhen.
Kein Wunder, dass ihm schwindlig wurde und
er sich eine unsterbliche Seele reservierte und einen Gott als krönenden
Abschluss oben drauf setzte.
Natürlich unwägbar, unzählbar, unmessbar,
unvorstellbar! Nein: Bis drei konnten die Christen noch zählen, dann verließ
sie der Geist. Der gelehrte Heide Porphyrios war nicht der Einzige, der den
christlichen Apologeten ihre Glaubensbegründungen schwer machte, so dass sie
schließlich seine Schriften vernichteten.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch.
Letztendlich enthalte mich des Urteils über die Existenz höherer Mächte. Es mag
einen Gott oder mehrere Götter geben oder nicht. Ich verweise nur auf offensichtliche
menschliche Ungereimtheiten, die nicht zur Kenntnis genommen werden w o l l e n.
Meines Erachtens ist der biblische Gott ein Machwerk interessierter und Macht orientierter
Menschen. Dieser angeblich so vollkommene Gott ist in der Bandbreite seiner in der Bibel zum Ausdruck
kommenden Charaktereigenschaften ein getreues Abbild der Menschen. Folglich
schufen sie ihn, so, wie sie die Welt nach ihren Wünschen zu schaffen gedenken.
Zu ihrem Vorteil.
Wir Menschen wenden innerlich ungezwungen
bei arteigenen Fremdgruppen, aber selbst in der Eigengruppe eine
"Löwenethik" an, wenn unsere Interessen danach sind, verunglimpfen den
Löwen aber, wenn er Beute reißt. Dann regt sich unser mitleidvolles Herz mit
dem armen Opfer. Tun wir nicht dasselbe wie das Raubtier, nur auf viel
diffizilere Art, mit Chirurgenbesteck, Bolzenschussapparat oder Messer und
Gabel, getarnt unter einem Deckmantel der Kultur, die vielfach nur Schminke und
Maske auf unserem auch hässlichen und lügnerischen Antlitz ist, das oftmals
voller Selbstmitleid nur so strotzt?
Descartes, der bekannte Mechanist,
betrachtete die Tiere als quietschende Maschinen. Bis vor kurzem bezeichneten
wir sie als Sachen, um Besitzansprüche geltend machen zu können. Sind sie bald
Psychohygienezubehör des Menschen, der sich über die Tiere nicht nur körperlich
sondern auch emotional in seiner diffusen Gefühlswelt zu sanieren trachtet? Wie
könnten Tiere emotional überhaupt dieses Bedürfnis erfüllen, verspürten wir
nicht allein aufgrund der Beobachtung ihres Verhaltens, dass sie eben nicht nur
Gegenstände sind, die roboterhaft, aufgrund einer ihnen unbewussten
Programmierung, funktionieren?
Unser Gespür, unsere Emotionen, sind grundsätzlich
"klüger" als unser Verstand. Wir lassen uns nur zu leicht von unserem
grundsätzlich größeren Verstand, als ihn die Tiere haben, darüber
hinwegtäuschen. Sind wir nicht hilflos in unseren sozialem (überwiegend
emotionalem) Verhalten, wenn die rechte Gehirnhälfte oder wesentliche Teile
derselben lädiert sind. Ist es nicht so, dass das Vermögen der linken
Gehirnhälfte bei einem Ausfall durch die rechte kompensiert werden kann und
dass dies umgekehrt unmöglich ist? Natürlich können wir aufgrund unseres
größeren Verstandes als ihn die Tiere besitzen, in den Bereichen, in denen es
auf Logik, Abstraktionsvermögen u.a. ankommt, weitaus mehr leisten als Tiere.
Das ist keine Frage. Ein Straßenkreuzer bedarf schließlich auch einer gut
ausgebauten Schnellstraße in beiden Richtungen. Nur: Mindert das den Wert des
Feldweges für andere Fortbewegungsmittel als den Straßenkreuzer? Und: Hat der
Straßenkreuzer-Inhaber das Recht, alles andere niederzuwalzen?
Dann: Unsere Sinnesleistungen, unser
Wahrnehmungsvermögen, sind sie nicht evolutionär, verglichen mit den Tieren auf
der Strecke geblieben? Hat die Ausbildung unseres Verstandes diesen Preis der
Verkümmerung gefordert, gehen wir einmal davon aus, wir wären nicht, wie
Genesis 1 der Bibel behauptet, entstanden? Verglichen mit den höher
entwickelten Tieren sind wir auf diesem Gebiet erheblich unterentwickelt.
Kommuniziert der menschliche neo cortex somit nicht mit einem inzwischen unter
seinen Kapazitäten laufenden Gehirnteil, dem limbischen Cortex, weil gewisse
Reizleitungen inzwischen unterentwickelt oder überstrapaziert sind? Und bringt
deshalb der neo cortex oftmals so absonderliche und teilweise krankhafte
Vorstellungen hervor?
Welcher Rohheit bedarf es, diese Gedanken
weitgehend zu ignorieren? Welcher Abstumpfung durch Routine, technisiertem
Handeln, um über diesen Gedanken nicht verrückt zu werden?
Ihre "artgerechte" Handhabung, Ihr
„Einklinken in das Verhaltensrepertoir", Ihr es sich "zunutzemachen"
spricht schon im Terminus eine verräterische Sprache, der Sie sich noch nicht
einmal bewusst sind, weil Sie in den Bahnen der Altvorderen denken. Ihr
Bewusstsein dreht sich, so kommt es mir jedenfalls vor, gebetsmühlenartig im
Kreise und scheut sich auch hier nicht, den „Pferdeflüsterer" als Beispiel
anzuführen. Während dieser wirkte, um das Tier zu heilen, tun Sie mit den
Versuchstieren das Gegenteil. Merken Sie eigentlich wirklich nicht, wie sehr
Sie sich in die eigene Tasche lügen, um Ihre innere Stimme, die Sie als Kind
einmal aufschreien ließ, zum Schweigen zu bringen?
Schließlich räumen Sie selbst ein, dass die
Wirkungen der verabreichten Substanzen durchaus sehr schmerzhaft und gravierend
für die Tiere sein können. Sie können es nicht nur, sie sind es in aller Regel!
Anstatt sich selbst über das moralisierende
Nachdenken hinaus in die Pflicht zu nehmen, möchten Sie doch lieber kompetente
Gremien und Kommissionen entscheiden lassen. Von Fall zu Fall, versteht sich.
Das gehört sich so in einer Demokratie. Wo
käme man denn hin, wenn man sich selbst die Verantwortung für sein Tun
aufbürden würde. Der Gesetzgeber wird es schon richten und den
Tierexperimentatoren sagen, wo es lang geht. So selbstständig in einer
Hinsicht, nämlich wenn es um den Verbrauch von Tieren geht, und so
unselbstständig, wenn es um die Moral der Geschichte geht? Sie werden wissen,
dass die berufenen Gremien und Kommissionen zuvorderst das Interesse der
Menschen im Blick haben. Ja, ein bisschen Tierschutz soll schon auch sein – zur
Gewissensberuhigung darf einer von den Sentimentalen im Gremium nicht fehlen.
Mir ist allerdings kein Fall bekannt, in dem
ein Wissenschaftler sein Forschungsbegehren nicht bewilligt bekommen hätte.
Ausreichend dafür war ein Schlüssigkeitsvortrag, und was das bedeutet, dürfte
auch dem juristisch Ungebildeten bekannt sein. Wo es um das vermeintliche Wohl
des Menschen geht, treten die grundlegenden Bedürfnisse der Tiere immer zurück,
sei es, dass man sie fressen, zum Zeitvertreib, zur Arbeit oder zu Experimenten
einsetzen will.
In Deutschland gibt es einen Tierschutz im
Grundgesetz. Einen Löwen ohne Zähne, solange es kein Verbandsklagerecht gibt.
Wie es in Österreich mit den Rechten für
Tiere steht, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich nehme an, nicht allzu gut. Wie
überall.
Tiere töten und zerstückeln:
Ein ganz besonders blauäugiger Vorwurf? Ja,
wenn er vom Durchschnitts- Gutmenschen, den Sie zu erreichen versuchen, kommt.
Demjenigen, der über Tierversuche klagt und nebenher sein Schnitzel verzehrt,
das vom Schwein aus der Massentierhaltung oder dem Kalb, das für eine Herodesprämie
geschlachtet wurde, stammt. Blauäugig selbst vom Verbraucher, der sich sein
Schnitzel beim Öko-Bauern holt. Selbst von denjenigen, die bedenkenlos Eier und
Milch konsumieren, sich aber aufregen, wenn Wale weggeschlachtet werden. Auch
von dem Weibchen, dass sich mit Pelzen behängt und jammert, wenn ihrem pelzigen
Schoßtier ein Haar gekrümmt wird und den bloßen Gedanken von
Tierversuchen an Hunden nicht erträgt. Dem Gartenbesitzer, der Singvögel
solange liebt, solange sie ihm nicht seine Kirschen ernten. Die vergifteten
Mäuse und Ratten, die elend zugrunde gehen, hier wie dort. Schizophrenie oder
der ganz normale Wahnsinn?
Jäger, die vorgeben notwendige Heger und
Pfleger zu sein, nachdem sie die natürlichen Beutegreifer fast gänzlich
ausgerottet haben. Wissenschaftler, die behaupten, hin und wieder ein paar
Mäuse und Ratten rasch und schmerzlos zu töten? Ein paar oder ein paar
Millionen?
Wo fängt das Leid und die Ungerechtigkeit
an? Nur dort, wo wir es wahrhaben wollen und unsere arteigenen Interessen nicht
zu stark tangiert werden? Sollten wir nicht allmählich damit anfangen ernsthaft
nachzudenken, ob nicht wir die Parasiten dieser Welt sind?
Wir haben die Welt in ein Ungleichgewicht
gebracht, wir sind die Wahnwesen, die Schmerz und Leid in infernalischen Ausmaß
über die Tiere bringen, weil wir nicht bereit dazu sind, das auch uns
auferlegte Quantum an Leiden und Tod zu ertragen. Warum bemühen wir uns so
wenig, nach Wegen zu suchen, die anderen Lebewesen kein Leid durch uns bringen?
Dann erst wären wir menschlich.
In solch einem Verhalten würde sich Würde
erweisen. In der Fähigkeit, maßvoll, klug, tapfer und gerecht zu sein.
Stattdessen rauben wir den Tieren ihre Würde. Armseliger Haufen Mensch!
Wissenschaftler als typische Gutmenschen?
Sie wollen der Menschheit doch nur helfen. Vivisektion ist auch ein Mittel
dazu. Alles zum Wohle der Menschheit. Wie weit hat es diese Wissenschaft
eigentlich gebracht? Seltsam, dass diese Frage fast nie gestellt wird. Sie wäre
ein Augenöffner. Seltsam, dass es Tierexperimentatoren gibt, die ausgestiegen
sind, weil sie den Unsinn ihrer Vorgehensweise erkannt haben. Seltsam, dass
kaum einer fragt, warum sich die Ergebnisse aus der tierexperimentellen
Forschung in der menschlichen Anwendung so oft als nicht übertragbar erweisen.
Seltsam, dass die meisten in der pharmakologischen Forschung entwickelten
Arzneimittel mit Nebenwirkungsgefahren aufwarten, bei denen einem das Blut
gefriert. Seltsam, dass die Milliarden Tiere, die in Tierversuchen verbraucht
wurden und werden kaum zu einem wirklichen und tief greifenden Erkenntnisgewinn
geführt haben. Von ca. 60.000 bekannten Krankheiten sind nur 8000 behandelbar,
1000 heilbar. Seltsam, dass der ganz normale Mensch – fast immer - nur Gutes
will und ständig Böses schafft. Ja, woran mag es denn liegen?
Am seltsamsten aber ist, dass der ganz
"normale" Mensch nicht auf seine innere Stimme "hört", sondern stur
an die Allmacht seines in Traditionen eingebetteten Verstandes glaubt,
vermittels dessen er sehr vieles an ungelösten Rätseln um seine Person zu
entschlüsseln vermeint. Vielleicht gelingt ihm das, aber um welchen Preis?
Ein Preis, den er selbst als Konsument zu
zahlen nicht bereit ist. Es sind ja nur Tiere, "Schädlinge, Ungeziefer".
Kommt uns das nicht bekannt vor? Wie war das mit den Untermenschen? Heute will
es keiner mehr gewesen sein.
Was ist ein "Monster"? Begrifflich
gemeint ist wohl eher ein Monstrum? Es ist ein missgebildetes Wesen, ein Ungeheuer.
Man könnte auch sagen, es ist ein zum Größenwahnsinn mutierter Mensch. Wen interessiert
da noch angesichts des ungeheuerlichen Leides, das dieser über andere Lebewesen bringt, dessen
Motivation oder seine zum Ausdruck gebrachte sentimentale Gefühlsduselei.
Die Wahrheit ist in diesem Falle schlicht
und einfach: Was ich liebe und/oder in seinem Selbstwert achte, beraube ich
weder seines Rechtes auf ein artgerechtes und selbst bestimmtes Leben in
Freiheit, noch drangsaliere oder töte ich es absichtlich. Um keinen Preis oder
Erfolg in der Welt. Einzig um es von unheilbarem Leiden zu erlösen oder in
Selbstverteidigung bei einem lebensgefährlichen Angriff, wenn kein milderes
Mittel zur Verfügung steht.
Wer ein Lebewesen tötet, um herauszufinden,
wie es funktioniert, hat den Pfad der Weisheit verlassen.
Mit freundlichem Gruß
Barbara Holsten,
die sich über eine dezidierte Antwort freuen würde. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass
ich meinen Brief an Sie als "offenen Brief" betrachte und gegebenenfalls interessierten
Dritten zugänglich machen möchte. Dies gilt auch, sofern Sie nicht widersprechen,
für Ihre eventuellen Antworten.
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 08.10.2005
Die Antwort von Herrn Berger
Sehr geehrte Frau Holsten,
Sie haben geschrieben:
"Woher wollen Sie denn wissen, dass Ratten nichts gegen eine
Mauer haben, auf die Welt dahinter verzichten können? Haben Ihnen die Ratten das gesagt?"
Ich habe mich bemüht, mit wenigen Worten etwas verständlich
zu machen. Menschen ertragen es nicht, wenn sie erkennen, eingesperrt zu sein. Solange sie es nicht erkennen, ist es
ihnen egal. Deshalb ist es eine spürbare Strafe, jemanden einzusperren. Ratten genügt es, wenn sie ihre Bedürfnisse
befriedigen können: Essen, Trinken, Rumbalgen. Es gibt sogar objektive Parameter, die erkennen lassen, ob Schmerzen
oder chronischer Stress vorliegen oder nicht (Stresshormone im Blut). Gefangene Ratten sind nicht unglücklich. Wir
können das feststellen, auch wenn wir sie natürlich nicht fragen können. Sie merken gar nicht, dass sie
"gefangen" sind. Sie wissen nicht, was das ist.
".... Das Traurige an Tierexperimentatoren ist ihre schlichte Ignoranz grundlegender
Erkenntnisse im Bereich der vergleichenden Mensch-Tierverhaltensforschung ..."
Nanana ...durch jahrelange Beobachtung lernt
man viel. Scheinbar kennen Sie ein paar blöde Tierexperimentatoren ...
"... Nur Tiere in Gefangenschaft leben ihre Frustrationen, ihren Stress, in der von
Ihnen verharmlost geschilderten Tätigkeit aus ..."
Ich kann nur wiedergeben, was ich in über 20 Jahren Beobachtung
wahrgenommen hab. Ich verharmlose nicht. Wozu? Die Ratten balgen sich tatsächlich rum. Sie kämpfen nicht. Es ist
eindeutig ein Spaß. Sie mögen damit recht haben, dass in freier Wildbahn diese Balgereien unter erwachsenen Tieren
seltener sind. Aber Ratten sind dafür bekannt, dass bei ihnen das Spielverhalten - wie beim Menschen auch - nicht
auf die Kindheit beschränkt ist.
".... Den Ratten fährt nicht "der Schalk in die Beine"..."
Doch, es sieht genau so aus. Es ist ein Spiel-Verhalten.
"... Ratten wüssten nicht, was Menschen sind... über den
Geruchssinn werden Sie als artfremdes Individuum erkannt ..."
OK, einverstanden. Trotzdem wissen sie nicht, was wir fremd
riechenden Wesen eigentlich sind. In regelmäßigen Abständen schränken wir ihre Bewegungsfreiheit ein (wir nehmen
sie beim Umsetzen in die Hand), etwas, das ihnen immer wieder im Kontakt mit ihren Artgenossen passiert. Auf diese
Weise schwindeln wir uns in ihre Welt, werden ohne Flucht-Reaktion und ohne
Aggressivität toleriert. Sie gehen nämlich
gern mit ihren Artgenossen um. Das kann jeder sehen, der Ratten eine Zeit lang beobachtet.
"... habe einen Kater ... noch nicht voll ausgewachsen... für drei Tage verreisen ...
blickte mich an ... staunend ..."bist Du es wirklich, oder täuschen mich meine Sinne?"
Da es das erste Mal war, hat er offenbar geglaubt, Sie sind
für immer verschwunden. Vielleicht verhält er sich beim nächsten Mal anders.
"... Wie könnten Tiere emotional überhaupt dieses Bedürfnis
erfüllen, verspürten wir nicht allein aufgrund der Beobachtung ihres Verhaltens, dass sie eben nicht nur Gegenstände
sind, die roboterhaft, aufgrund einer ihnen unbewussten Programmierung, funktionieren?"
Ja. Ich gebe Ihnen recht. Tiere sind etwas Besonderes. Sind nicht
nur Roboter. Aber wir spüren das bei verschiedenen Arten unterschiedlich stark. Bei einem Hund spüren wir sofort etwas,
auch bei einer Katze, oder bei einem Schwein. Wenn man sich ein wenig mit dem Verhaltens-Repertoire befasst, kann man
auch mit Arten, die uns weniger vertraut sind, kommunizieren. Scheinbar auch mit Karpfen (wie ich unlängst im Radio
gehört hab; ist Mode in Japan). Mit Ratten und Mäusen ist das schon viel weniger eindrucksvoll. Man könnte fast sagen:
Die haben kaum Interesse an einem Menschen als Kommunikations-Partner. Jedenfalls viel weniger als größere Säugetiere.
Ich habe großen Respekt vor Tieren, auch vor Ratten und Mäusen.
"... Unser Gespür, unsere Emotionen, sind grundsätzlich "klüger" als unser
Verstand ..."
Da klingt schon wieder dieser Romantizismus durch. Das bringt
nichts. Wir müssen auf der spezifisch menschlichen Ebene kommunizieren: Sprache, Tradition, Gebräuche, Einfühlung in
die Lage des anderen, Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe, Weitergabe von Kenntnissen, Schrift, technische Fertigkeiten,
solche Dinge. Das ist Verstand, Vernunft, logisches Denken. Das ist nun mal das spezifisch Menschliche. Das mit dem
Gefühl und dem limbischen System, das hört sich vielleicht ganz gut an, aber in Wahrheit ist das ein total egoistisches
System. Hier ist fix festgelegt, was für uns gut und schlecht ist; wir würden nur wie Automaten handeln, wenn wir nur
davon bestimmt würden. Man darf das nicht als das "verlorene Paradies" glorifizieren und die Tiere als
die "besseren" Wesen sehen. Das Gegenteil ist der Fall: Wir sind "besser". Nur wir Menschen sind zu
altruistischem Verhalten fähig, nur wir lassen mit uns reden, sind zu überzeugen, fühlen in uns dieses merkwürdige
Bedürfnis, "gut" zu sein.
"... Anstatt sich selbst über das moralisierende Nachdenken hinaus in die Pflicht
zu nehmen, möchten Sie doch lieber kompetente Gremien und Kommissionen entscheiden lassen ..."
Was heißt schon "Gremien", "Kommissionen",...
Wichtig ist, dass solche Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die sich in der Materie auskennen, die also auch
was verstehen vom Verhalten der Tiere, und dass sie kein persönliches Interesse an der Sache haben. Man kann also nicht
gut die Forscher selbst entscheiden lassen.
"... kein Fall bekannt, in dem ein Wissenschaftler sein Forschungsbegehren nicht
bewilligt bekommen hätte ..."
Da liegen Sie falsch. Zumindest bei uns an der Uni Wien ist es
nicht selbstverständlich, dass alle Anträge durchgehen.
"... Wo es um das vermeintliche Wohl des Menschen geht, treten die grundlegenden
Bedürfnisse der Tiere immer zurück ..."
Nein. Das Tierversuchsgesetz schiebt dem einen Riegel vor. Wenn
schon operiert wird, dann unter Anästesie. Wunden müssen versorgt werden. Das Töten darf nicht mit Quälen verbunden
sein. Die Haltung muss gewissen Anforderungen genügen.
"... ob nicht wir die Parasiten dieser Welt sind?"
Von welchem Standpunkt aus betrachten Sie die Welt? Vom
Standpunkt eines "neutralen" Beobachters, draußen im All? Dann könnte man wirklich den Eindruck haben,
der Mensch ist das Schlimmste, was der Welt passieren konnte. Aber das ist nicht die Welt. Die Welt ist viel mehr. Die
Welt: Das sind Milliarden Bücher, Musikstücke, Bilder, Schulklassen, Kinderfreundschaften, Basteleien, Erfindungen,
große und kleine Firmen, Lebensgeschichten, gescheiterte Existenzen, Holywoodschinken, Theaterabende, Arbeitskonflikte,
Streiks, Revolutionen, Unterdrückung, Ausbeutung, Freiheitskampf, Liebeskummer, Verkehrunfälle, Geburtstage,
Überraschungen, Blumensträuße, frisches Bettzeug, ein neues Fahrrad, ein Lied, das man auf dem Nachhauseweg
pfeift. Was ist die Welt?
"... dass die Milliarden Tiere in
Tierversuchen ... kaum zu tiefgreifenden Erkenntnisgewinn geführt haben ..."
Und das wissen Sie ganz genau? Ich hab schon in meinem Text im
Internet gesagt, dass kein Forscher gerne Tiere verletzt. Wir tun es nur aus diesem Grund: weil wir wichtige Erkenntnisse
von Tieren gewinnen können. Die ersten Nieren hat man an Schweinen transplantiert, nicht an Menschen. Dabei sind
am Anfang viele Schweine gestorben, weil man Fehler gemacht hat, weil man zu wenig wusste. Dabei hat man viel
gelernt.
"... dass der ganz "normale" Mensch nicht auf seine innere
Stimme "hört", sondern stur an die Allmacht seines in Traditionen eingebetteten Verstandes glaubt ..."
Zum Glück ist es so, zum Glück! Wir wären nichts ohne unsere
Traditionen, nur eine weitere Primatenart irgendwo in Afrika. Vielleicht wünschen Sie sich so ein Leben zurück. Überlegen
Sie genau, was Sie dann alles nicht mehr kennen würden.
"... Was ich liebe und/oder in seinem Selbstwert achte, beraube ich weder seines
Rechtes auf ein artgerechtes und selbstbestimmtes Leben in Freiheit, noch drangsaliere oder töte ich es absichtlich.
Um keinen Preis oder Erfolg in der Welt ..."
Ich glaube, Sie machen es sich mit diesem idealen Standpunkt zu
leicht. Tiere töten Tiere. Und auch Menschen töten Tiere. Manchmal (selten nur noch) ist es auch umgekehrt. Vor ca.
einem halben Jahr wurde im Tiergarten Schönbrunn eine junge Tierpflegerin von einem Panther getötet. Es ist absolut
unzulässig, ein Tier nur aus Jux und Tollerei zu töten. Ich finde das schon bei Insekten ungut (man rupft einer Fliege
nicht die Flügel aus). Es gibt so etwas wie Respekt vor dem "Leben". Klingt schon ein bisschen mystisch,
würd ich aber noch unterschreiben. Geht es um Leben und Tod, ist Ernst angemessen. Dann muss der Mensch immer auch an
seine eigene Sterblichkeit denken. Aber wenn es ein gutes Argument gibt, so hat meiner Meinung nach ein Mensch das
Recht, ein Tier zu töten. Er hat nicht, nie und nimmer, das Recht, ein Tier zu quälen. Aber er darf es töten,
und er darf es untersuchen, Eingriffe an ihm vornehmen, alles mit Methoden, die das Leiden für das Tier möglichst
gering halten. Das ist keine leichte Arbeit, und man darf sie nicht irgendjemandem überlassen. Und es muss kontrolliert
werden, ob dabei auch wirklich umsichtig vorgegangen wird. In jeder Gesellschaft gibt es Normen für dieses Tun. Im
Grunde haben wir alle die Möglichkeit, diese Normen zu beeinflussen und mit zu gestalten. Wir beide tun gerade genau
das.
"... gegebenenfalls interessierten Dritten zugänglich machen ..."
Ist schon recht. Ich bitte um Nachsicht, wenn ich in meiner
Antwort nicht auf alle Details Ihrer wirklich sehr umfangreichen Stellungnahme eingegangen bin. Ich habe das Gefühl,
dass hier zwei völlig verschiedene Welten in Berührung kommen. Ich hab versucht, auf die Punkte einzugehen, die mir
besonders wichtig erscheinen.
Mit freundlichen Grüßen,
Michael Berger
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 22.10.2005
Die Antwort von Frau Holsten
Sehr geehrter Herr Berger,
herzlichen Dank für Ihre Antworten. Ihr Gefühl über das Aufeinandertreffen zweier
völlig verschiedener Welten täuscht Sie nicht. Ihr Blickwinkel, unter dem Sie die Tiere betrachten, weicht gänzlich von
meiner Sichtweise ab. Darin gründet die Schwierigkeit, uns gegenseitig völlig verstehen zu können. Ich versuche
diese Schwierigkeit anhand eines leider schon etwas abgegriffenen, aber nichts desto weniger anschaulichen Beispieles
der Kannibalen zu verdeutlichen:
Stufe 1:
Ein Kannibale feiert mit seinesgleichen ein nach seinem Blickwinkel wunderschönes Fest. Die Kannibalenfrauen - und
Kinder haben sich geschmückt und singen fröhliche Lieder, tanzen mit den Männern um das Lagerfeuer, während sie über
dem Feuer getötete, erbeutete Menschen (ggf. ebenfalls Kannibalen) des Feindesstammens rösten.
Ein "zivilisierter" Forscher (Stufe 2) tritt kurz vor Beendigung des
Festmahles auf. Etwas Fleisch des Gelages ist noch übrig. Die Kannibalen, da satt und nun äußerst friedfertig, bieten
es dem Forscher gastfreundlich an. Der Forscher wird, wenn er klug ist, dieses Ansinnen nicht ablehnen. Denn Essen ist
ein gemeinsames Ritual, das verbindet. Eine Verweigerung würde als unfreundlicher Akt gewertet werden und darüber
hinaus wohl auch das "Ehrgefühl" der Kannibalen-Gastgeber verletzen, für die menschliches Fleisch nichts
verachtenswertes ist.
Irgendwann in einem günstigen Moment wird der Forscher, der sich in der
Sprache des Stammes inzwischen verständigen kann, den Kannibalen das Unrecht, Menschenfleisch zu verzehren, zu erklären
versuchen. Das Unrecht besteht nicht darin, dass Menschenfleisch vielleicht unproblematisch, weil geschmacklich
gleichwertig, vollständig hätte durch Tierfleisch ersetzt werden können. Das wäre eine zu vordergründige und
oberflächliche Betrachtungsweise. Die Kannibalen würden zu Recht darauf verweisen, dass sie auch Tierfleisch nicht
verschmähen, aber da ihnen beides schmecke, würden sie eben auch beides essen. Sie würden den Standpunkt der
N ü t z l i c h k e i t für ihre Sippe vertreten. Nach dem Motto: Was mir und meinem Stamm nicht schadet (im
umfassendesten Sinne des Wortes) und schmeckt, kann getötet und verzehrt werden.
Stufe 2 (der heutige Normalfall)
Diesen Gedankengang brauchen wir nur auf eine höhere kulturelle Ebene anzuheben. Auf dieser Ebene ist der Verzehr von
Menschenfleisch inzwischen tabu. Man hat grundsätzlich erkannt, dass ein sittliches Verhalten unter und zwischen
Menschen verschiedener Sippen durch die Aufgabe dieser ehemaligen Gewohnheit erleichtert wird. Der Nützlichkeitsgedanken
der Kannibalen hat einerseits eine bloße Einschränkung (Verzicht auf Menschenfleisch), andererseits aber auch eine
Erweiterung erfahren. (größere Chance zum friedfertigen Verhalten der verschiedenen Sippen untereinander)
Stufe 3:
Noch eine Ebene höher ist der generelle Verzehr von Fleisch tabu, unabhängig von welchem Lebewesen es stammt. Der
Nützlichkeitsgedanken fordert hier den Verzicht auf Menschen- und Tierfleisch, weil er mit der Einsicht einhergeht,
dass jegliche Tötungshandlung die Hemmschwelle zu töten, herabsetzt und damit die grundsätzliche Fähigkeit töten zu
können, steigert. Die C h a n c e n zu einer noch größeren Friedfertigkeit als in Stufe 2 werden mit Erlangung der
Stufe 3 erhöht.
Untersuchungen an Gefängnisinsassen haben belegt, dass die Umstellung auf eine
vegetarische Ernährung die Aggressionen deutlich absenken. Dennoch bleibt zu vermuten, dass damit nicht jeglichem
Aggressionsverhalten des Menschen Einhalt geboten wäre. Das Aggressionsverhalten ist im genetischen Code jedes
Lebewesens als Trieb verankert. Es hat seinen biologischen Sinn (Fortpflanzung u.a.) Dort, wo diese Triebe zwecks
gedeihlichen Miteinanders absolut unerwünscht sind, haben wir Menschen gelernt, diese Triebe zu sublimieren oder
durch anderweitige Betätigung abzuleiten (Sportliche Wettkämpfe). Ich hoffe, ich habe mich fachbegrifflich nicht
allzu sehr vertan, Sie werden aber verstehen, was ich meine.
Stufe 4:
Bisher waren meine Ausführungen recht theoretisch, abgesehen von meinem kleinen Kannibalen-Beispiel. Nehmen wir nun
ein praktisches Beispiel. Der in unseren Augen extremste Fall von universaler Friedfertigkeit nach Stufe 4 findet
sich im Jainismus wieder. Die geistigen Wurzeln dieser Bewegung reichen bis ins 8. vorchristliche Jahrhundert zurück.
Heute bekennen sich in Indien ca. 4 Millionen Menschen zum Jainismus. Die streng vegetarisch lebenden Jainas achten
ganz unbeeindruckt durch weltliche Nützlichkeitserwägungen jedes Leben, sie kehren selbst ihren Weg mit einem
Seidenbesen, um ja nicht auch nur das kleinste Lebewesen durch ihre Tritte zu verletzen. Sie tun alles ihnen mögliche,
um die natürlichen Lebensgrundlagen nicht zu verunreinigen. Darüber mag man lächeln. Tatsache aber ist, dass diese
Menschen sich durch eine äußerste Friedfertigkeit und ein angenehmes Wesen unter den Menschen hervortun. Es ist
nicht bekannt, dass sie jemals auch nur in irgendwelche Feindseligkeiten, gar kriegerische Auseinandersetzungen
verwickelt waren. Diese Menschen beweisen, dass die Art ihres Lebenswandels, ihre Einstellungen zu einem Leben
sie in Einklang mit sich und der Natur befähigen. Sie haben kraft ihrer Einstellung und ihres Verhaltens bewiesen,
dass Frieden möglich und keine Utopie weltfremder Spinner ist.
Eine andere Frage wäre, ob sich diese Haltung weltweit, aufgrund der unterschiedlichen
Gegebenheiten der natürlichen Ressourcen, verwirklichen ließe. Die Jainas haben jedenfalls erkannt, dass jegliche Gewalt -
unter welcher Rechtfertigung der Mensch sie auch ausführt - das Wesen des Menschen nicht verbessert. Im übrigen halten
die Jainas den Menschen, genauer seine Seele, für grundsätzlich gut. Nach der biblischen Antithese ist der Mensch böse
von Jugend an. Sie kennen den Spruch: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert!
"Ich glaube, Sie machen es sich mit diesem idealen
Standpunkt zu leicht." (S. 3. Ihrer Antwort)
Auf den ersten Blick gefällt mir Ihre Argumentation gut. Sie zeigen Mitgefühl für
die Tiere, haben Respekt vor dem Leben (A. Schweitzers Ehrfurcht vor dem Leben, "Leben will leben inmitten von
Leben, das leben will!"), wenn da nicht die Schlussfolgerungen Ihrer Ausführungen wären. Sie münden in eine
Relativierung des anfänglichen Statements zum Leben ein. Da ist m. E. ein circulus virtuosus, ein naturalistischer
Fehlschluss dem Argumentationssystem immanent.
Ja richtig, "Tiere töten Tiere" ... Tiere tun
dies grundsätzlichst aus unausweichlich zwingenden Gründen, nämlich um überleben zu können. Die Bandbreite der Gründe
des Menschen, Tiere zu töten, ist viel flacher, viel weniger existenziell als bei Tieren. Es sind - zumindest
heutzutage - hier vorrangig Nützlichkeits - nicht Notwendigkeitsgründe vorhanden. Von einer Notwendigkeit
würde ich nur sprechen, wenn es keine anderen - milderen - Möglichkeiten gibt, um überleben zu können!
Wie viele Krankheiten zieht die Menschheit dadurch auf sich, dass sie sich ungesund
ernährt, sich Süchten hingibt, dass sie ihre Böden und die Luft verpestet und das Wasser verseucht? Würden die Menschen
da einsichtiger werden, käme es schon zu sehr vielen Tierversuchen gar nicht mehr, weil, würde ich vermuten, schlicht
und einfach diese Zivilisationskrankheiten ausblieben.
Und diejenigen, welche ohne Schuld krank sind oder werden? Darüber reflektiere ich ein
andermal ausführlich.
Die junge Tierpflegerin wurde von dem Panther getötet, weil hier conditio sine qua
non letztendlich das unnötige Halten eines - wiederum bewegungsfreudigen -Raubtiers in Gefangenschaft war. Wäre die
Tierpflegerin nach Afrika auf Safari gegangen, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass gerade sie dort von einem Panther
getötet worden wäre, gleich Null. Im übrigen greifen Raubtiere Menschen nur dann an, wenn sie sich unausweichlich
bedroht fühlen oder gelernt haben, dass Menschenfleisch leichter zu erbeuten ist als die ihnen von Natur aus
zugedachte Nahrung.
"Von welchem Standpunkt aus betrachten Sie die
Welt...?"
Vom Standpunkt desjenigen, der sich als Besucher auf dieser Welt fühlt und nicht
als feudaler Hausherr, der seine Mitbewohner, die vor ihm da waren, wie Sklaven, die von seinem Wohlwollen abhängig
sind, behandelt.
Leider muss ich für heute hier enden. Auf die anderen Punkte gehe ich demnächst ein.
Mit freundlichen Grüßen
Barbara Holsten
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 16.11.2005
Die Antwort von Herrn Berger
Sehr geehrter Frau Holsten,
Sie schreiben:
"... ist der Verzehr von Menschenfleisch inzwischen tabu. Man hat grundsätzlich
erkannt, dass ein sittliches Verhalten unter und zwischen Menschen verschiedener Sippen durch die Aufgabe dieser
ehemaligen Gewohnheit erleichtert wird ..."
Ich glaube, das sehen Sie ganz richtig. Viele unserer
Verhaltensweisen, so selbstverständlich sie uns auch vorkommen mögen, sind erlernt. Ich glaube, wir müssen sogar
lernen, dass wir einen Menschen nicht töten dürfen. Das ist Teil unserer Kultur, unserer Tradition. Es gibt
Behauptungen, dass Kannibalismus in der Steinzeit weit verbreitet war. In Nature und Science gibt's da immer
wieder Kommentare dazu. Inzwischen ist das zu einem der mächtigsten Verbote in unserem Verhaltenskodex geworden,
eigentlich weltweit. Inzwischen hat sich das bis ins letzte Südseedorf durchgesprochen.
"... dass jegliche Tötungshandlung die Hemmschwelle zu töten, herabsetzt ..."
Biochemie hat mich zwar immer schon sehr interessiert, aber
studieren wollte ich es eigentlich nicht. Ich hatte Angst, ich müsste dann mit "Leichenteilen" arbeiten,
Tiere operieren und töten. So etwas tut heute eigentlich fast niemand mehr. Wer hat schon jemals wirklich ein Tier
getötet, ich meine ein großes, "richtiges" Tier, ein Säugetier halt? Ein anderer Korrespondenzpartner,
den mir auch mein Text im Internet beschert hat, hat mich darauf hingewiesen, dass viele Mörder in ihrer Jugend
Tiere gequält haben. Das würde dazu passen, dass das Misshandeln (und Töten) von Tieren die Hemmschwelle,
Menschen zu töten, tatsächlich herabsetzt. Es ginge dann darum, genau das zu verhindern. Wie soll man das
anstellen? Indem man jegliches Töten von Tieren, sei es zu wissenschaftlichen Zwecken, oder zur Fleischgewinnung,
verbietet? Würde auf der ganzen Welt kein Fleisch mehr gegessen werden, so bräuchten wir keine Schlachthöfe mehr,
an denen Kerle eine Anstellung finden könnten, die bei der Arbeit so verrohen, dass sie später zu Mördern werden.
Könnte man es so auf den Punkt bringen? Nur als Beispiel.
"... Aggressionsverhalten ... als Trieb verankert. Es hat seinen biologischen Sinn ...
durch anderweitige Betätigung abzuleiten ..."
Das ist Lorenz, ich
weiß. Ich schätze, damit hat er recht.
Deshalb töten Menschen Menschen. Deshalb brauchen wir die Erziehung. Wenn wir einem natürlichen Verlangen nicht
nachgeben können, suchen wir uns eine geeignete Ersatzhandlung. Unsere Emotionen sind also wie Flüssigkeitsspiegel
in verschiedenen Gefäßen, die ständig am Steigen und Fallen sind. Da können wir gar nicht heraus. Und ab und zu
MUSS einfach was passieren. Wir müssen "Dampf ablassen". Weil wir alle nur biologisch sind, nicht nur rein
abstrakt, nicht nur gut und brav, wohl überlegt, vernünftig. Ich versteh das alles, aber ich bin nicht der
Meinung, dass uns das dazu bringen sollte, das Tötungsverbot auf Tiere auszudehnen. Wir bringen die ungezügelte
Wildheit des Menschen - das, was die Erziehung bzw. Nicht-Erziehung von ihr übrig gelassen hat - unter Kontrolle
mit Gesetzen, mit dem Rechtsstaat, mit einer Exekutive, mit Gerichten, mit Strafen. Wir verbieten es ohnehin, dass
jemand seine Wut an einem Tier abreagiert. Das ist verboten, kann und soll zur Anzeige gebracht und entsprechend
bestraft werden. That's it. Also, was sollen wir noch machen?
"... Jainismus ... streng vegetarisch lebend ... äußerste Friedfertigkeit ... halten die
Jainas den Menschen, genauer seine Seele, für grundsätzlich gut ..."
Hat Lorenz also doch nicht recht? Ob die Erziehung erst die
Menschen aggressiv macht? Ich war immer ein Anhänger einer "freien" Erziehung, ohne Gewalt, nur mit Liebe. Bei
meinen Kindern hab ich mich bemüht, und Kinder können nerven. Vor allem die eigenen. Es sind 3, und ein jedes hat
seine eigene unverwechselbare Mentalität. Und sie können aggressiv sein, kein Zweifel. Es gibt Situationen,
da werden sie aggressiv. So wie alle halt. Ich denke, man hat da als Familie nicht den totalen Einfluss. Da kommt
viel aus der Umgebung, aus den Medien. Und man sperrt die Kinder nicht in den goldenen Käfig. Sie werden also irgendwie
ein Abbild der Gesellschaft, in der sie aufwachsen. So muss es wohl auch sein, sonst wären sie in dieser Gesellschaft
wohl nicht überlebensfähig. Ich glaube dennoch an Lorenz und daran, dass jedes Menschlein sein Bündel Verhaltensbiologie
mit auf die Welt bringt, von Anfang an.
.".. greifen Raubtiere Menschen nur dann an, wenn sie sich unausweichlich bedroht
fühlen oder gelernt haben, dass Menschenfleisch leichter zu erbeuten ist ..."
In diesem Fall, der in Wien
für großes Aufsehen gesorgt hat,
war es anders. Die Tierpflegerin hatte ganz einfach vergessen, eine Tür zu sichern. Direktor Pechlarner, der
bei einem Rettungsversuch an der Hand verletzt wurde, hat später erklärt, es handelte sich um das Instinktverhalten
eines wilden Tieres.
"... nicht als feudaler Hausherr, der seine Mitbewohner, die vor ihm da waren, wie
Sklaven, die von seinem Wohlwollen abhängig sind, behandelt."
Wie kommen Sie auf die Idee, dass die Tiere "vor uns
da waren"? Was bedeutet überhaupt "Tiere" und "uns"? Würden Sie sagen, Madonna, Einstein, Boris
Becker: das sind wir? Sind wir Julius Caesar, Nofretete, Hammurabbi? Sind wir der Eismann vom Hauslabjoch? Der
Cromagnon-Mensch, der die Höhlenbilder in Frankreich und Spanien gemalt hat? Wer sind wir? Und wer sind "die
Tiere"? Es ist faszinierend, mit welcher Hingabe die Frühmenschen Tiere gemalt und gezeichnet haben, auch Tiere, die
es inzwischen gar nicht mehr gibt, oft in viele Kilometer tiefen Höhlen, was sehr aufwendig und damals technisch
schwierig gewesen sein muss. Als wäre es ein Zauber, um Macht über das Abgebildete zu bekommen. Viele
Jahrzigtausende lang waren wir Jäger. Das ist unsere Natur. Heute jagen wir nicht mehr; nur noch wenige,
und eigentlich nur mehr zum Zeitvertreib. Unsere Beschaffung tierischer Nahrung haben wir industrialisiert.
Auf einmal müssen wenige das Töten von Millionen abwickeln, eine grausige Vorstellung. Ich würde wirklich
gerne wissen, wie es den paar armen Teufeln geht, die tagtäglich die Schlachtschussapparate bedienen müssen.
Ich finde, die sollte man einmal zu Wort kommen lassen. Was sagen die eigentlich? Kriegen sie so gut bezahlt,
dass sie halt die Zähne zusammen beißen? Wechselt man sie regelmäßig aus? Es muss doch beim Töten immer noch
das Gefühl präsent sein, zu töten, jetzt und jetzt. Ich hasse es wirklich, wenn ich töten muss. Es sind "nur"
Ratten, aber ich hasse es. Es ist und bleibt Töten. Ich wäre ein Monster, würde ich es gerne tun. Ich muss es
wenigstens nur selten tun, alle paar Monate. Da muss ich halt dann durch. Und man kann sich beruhigen, indem man
sich sagt, dass man es richtig macht, dass man es inzwischen gelernt hat. Bitte, schaut uns nicht wie Monster an,
nur, weil Euch das, was wir tun, monströs und gräßlich vorkommt. Wir empfinden das auch so. Wir denken aber,
dass die Forschung an wirklichen biologischen Materialen wichtig ist. Wir müssen etwas
über die Natur, die wir
ja auch selbst sind, erfahren. Das ist unsere Aufgabe als Wissenschafter.
So. Ich hoffe, ich leiste wenigstens einen kleinen Beitrag
zur "Menschenverständigung".
Grüße,
Michael Berger.
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 22.11.2005
Die Antwort von Frau Holsten
Sehr geehrter Herr Berger,
unsere Korrespondenz geht ja wie das Brezelbacken. Ich werde mich bemühen, mit Ihren
schnellen Antworten Schritt zu halten.
Zu: "Ich glaube, wir müssen sogar lernen, dass wir einen Menschen nicht
töten dürfen..."
Unbedingt. Wir müssten das lernen, aber wir sind noch nicht völlig bereit dazu,
diesen Schritt ernsthaft zu wollen. Es werden selbst in "zivilisierten" Ländern, soweit diese grundsätzliche
Einsicht - einen Menschen nicht töten zu dürfen - gesetzlich verankert ist, Ausnahmen zugelassen. Der Gründe dazu
gibt es viele. Gründe finden wir Menschen immer, wenn wir Gründe finden wollen, wobei ich da wieder bei meinem
Lieblingspunkt bin, der inzwischen etwas untergegangen ist. Wir können alles begründen, was wir wollen. Damit haben
wir keine Schwierigkeiten.
Es geht um die schwierige Frage der Berechtigung unseres Wollens. Können wir
Menschen als subjektiv Befangene da wirklich objektiv entscheiden? Trotz oder gerade wegen des Verstandes, der uns
die Gründe ausarbeitet, also ein Wollensverwirklichungsinstrument ist. Eine fürchterliche Wortschöpfung meinerseits.
Ich glaube das geht nur, wenn wir unser Wollen bewusst zurücknehmen und uns möglichst unvoreingenommen - verobjektiviert -
ansehen, jeder verantwortlich für sich selbst, was andere Lebewesen - Mensch oder Tier - wollen könnten. Hier gibt es in
den lebensnotwendigen Bereichen m.E. keine Unterschiede. Wir alle wollen leben, zu essen haben, gesund sein, angstfrei
sein u.a. Sonst würden die Wesen alles daran setzen, sich in Gefahr zu begeben, anstatt der Gefahr auszuweichen
(ausgenommen die Menschen, welche die Gefahr als Nervenkitzel suchen). Kein normales Lebewesen kann unglücklich
von Geburt an sein wollen, es sei denn, die Lebenswirklichkeit zwänge das Lebewesen schließlich dazu, so dass sich
der Lebenserhaltungstrieb in einen Todestrieb wandelte (so Freud, der beim Menschen dialektisch zum Selbsterhaltungs- und
Fortpflanzungstrieb auch einen Todestrieb annahm; Adler z.B. ging von einem Machtstreben aus); d.h. die Menschheit
streitet sich wohl immer noch um die Kategorisierung der Triebe) Insoweit: Paul Watzlawik, der sich mit seiner
Buchsatire "Anleitung zum Unglücklichsein" lustig macht über die Begabung des Menschen
eine "Triebverkehrung" bewusst herbeizuführen und zu pflegen; wenn ich den Inhalt des Buches richtig in
Erinnerung habe).
Biochemie: ... die Stresshormone im Blut anzeigen. Vielleicht eine dumme
Frage: Die Ratten sind Individuen. Nicht jede Ratte reagiert auf Umweltreize gleich. Es gibt da z.B. ruhige,
nervöse, Exemplare genauso wie ängstliche und mutige. Die ängstlicheren Exemplare müssten doch erheblich stärker
auf stressauslösende Faktoren anspringen, d.h. bei einem von außen zugeführten, für alle Exemplare gleichen
Stressfaktor schon im vornherein mehr Stresshormone im Blut haben als die weniger ängstlichen. Werden
dann aus allen Einzelergebnissen einer Versuchsreihe Durchschnittswerte gebildet?
Was wäre, wenn nun eine Ratte gar keine Stresshormone bei einem belastenden Test
ausschütten würde? Wäre es denkbar, dass sich dieses Tier fast schon aufgegeben hat und nur noch dahinvegetiert, nur noch
äußerlich funktioniert, so dass der Mensch mit seinen relativ schwachen Sinnen das gar nicht bemerken kann, es eventuell
sogar verwechselt mit einem besonders ruhigen Wesen des Tieres? Können wir Menschen nicht unsere biochemischen Vorgänge in
gewissem Umfang steuern, z.B. durch autogenes Training, Yoga. Warum sollten zumindest Säugetiere diese Fähigkeit des
Runterschaltens nicht besitzen? Vielleicht hilft ihnen das, bestimmte psychisch schwer belastende Situationen zu ertragen?
Der Panther, von Rainer Maria Rilke
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
So müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe,
Und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
Der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
Ist wie ein Tanz von Kraft um Mitte,
In der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf - dann geht ein Bild hinein,
Geht durch der Glieder angespannte Stille
Und hört im Herzen auf zu sein.
Kein Romantizismus, eher eine sehr empathische Beschreibung über ein
nicht domestiziertes Tier, das nicht artgerecht in Gefangenschaft gehalten wird und gehalten werden kann, liefert hier Rilke.
Bitte lesen Sie meine letzte Mail betreffend des Panthers noch einmal genau durch.
Ich schrieb sodann: Im übrigen ... Direktor Pechlarner, der ein Interesse daran haben
könnte, dies nicht anders sehen zu wollen, um die Zoohaltung derartiger Tiere nicht in Frage stellen zu müssen, sieht
das m. E., wenn er diese Aussage so verkürzt gemacht haben sollte, womöglich nicht ganz richtig mit dem Instinktverhalten.
Was wollte er damit sagen? Das Instinktverhalten, das zwingend zum Angriff führt und diesen eben allein zur
Intention hat (dagegen spräche das natürliche Verhalten der Großkatzen in Freiheit) oder ein Instinktverhalten,
mit dem sich das Tier unter allen Umständen den Weg in die Freiheit zu bahnen sucht, um seinen Gefängniswärtern
zu entkommen?
Seine Erklärung lässt dies offen, sie kann so oder so gedeutet werden. War der
Panther hungrig, wollte er die Tierpflegerin fressen? Wilde Tiere, Raubkatzen sehen den Menschen nicht als ihre natürliche
Nahrung an. Schon alleine der aufrechte Gang des Menschen, entgegen ihrer natürlichen Beute in Freiheit oder dem was
sie so an Fleischbrocken im Zoo bekommen, lässt diese Tiere vorsichtig werden. Für einen Angriff aus übermäßigem Hunger
gibt die Schilderung auch nichts her. Wenn die Tierpflegerin dem Panther auch nicht bedrohlich erschien, und dagegen
spricht der von ihnen geschilderte Ablauf des Vorfalles, dann muss der Grund des Angriffes woanders zu suchen sein.
Vielleicht darin, dass derartige Tiere nicht "artgerecht gehalten" werden können und ihre durch die
Haltung "zwangsverschnürten" Instinkte ihnen Flucht bei nächster Gelegenheit signalisieren, und dies erst
recht im geschilderten Falle, wo der Fluchtinstinkt so gewaltig geworden ist, dass er jede Möglichkeit nutzen will, die
sich ihm bietet. Und dabei war die Pflegerin schlicht und einfach im Wege, sie befand sich auf dem Fluchtweg des
Panthers (hinter der ungesicherten Tür?, in den angrenzenden Räumen, die ins Freie hätten führen können). Vielleicht
reagierte sie in dieser Ausnahmesituation verständlicherweise auch noch zusätzlich unbesonnen? Es kam nach meiner Sicht
der Dinge zur Tragödie, weil alle Voraussetzungen dazu gegeben waren. Vielleicht "assoziierte" der Panther die
Pflegerin auch mit seiner Gefangenschaft und deshalb in vornherein als seine "Peinigerin", die nun seiner
Flucht im Wege stand.
Es würde mich nicht verwundern, wenn man den Panther anschließend getötet hätte.
Die übliche Begründung dafür ist, dass das Tier nunmehr zu gefährlich geworden sei und sich der Vorfall - Angriff
auf einen Menschen - wiederholen könnte.
Dass dabei tunlichst übersehen wird, dass der Mensch das Tier erst in die
Lage gebracht hat, wo es natürlich versuchen wird, sich mit - aus seiner Sicht - allen nötigen Mitteln zu befreien,
ärgert mich besonders. Ich stelle mir die Frage nach meinem Verhalten, würde man mir das antun, was diesen Tieren
völlig unbedarft und aus egoistischen Gründen angetan wird.
"... Wie soll man es anstellen? Indem man jegliches
Töten von Tieren, sei es ..., verbietet?"
Nein, das hielte ich für keine gute Idee. Verbote bewirken beim halsstarrig
veranlagten Menschen nicht viel, sie fordern eher zum Widerspruch und zur Übertretung heraus. (Scherz am Rande:
Schauen Sie sich nur den Grund für die Auslösung des Sündenfalls an! Das ist ein psychologisches Paradebeispiel)
Vielmehr halte ich es für geboten, die Menschen anzuleiten, das ernsthaft zu überdenken, was sie im Einklang mit ihren
Traditionen für richtig halten. Und Ihnen begleitend dazu die Alternative vorzuleben. Der Mensch lernt am besten durch
Vorbilder, nicht durch Vorredner. Das kommt fast der Arbeit des Sisyphos gleich und endet nicht selten im Töten dieses
unbequemen Menschen (Musterbeispiele: Sokrates, Jesus). Die Traditionen vergleiche ich mit einer tiefen Spur, auf der
sich viele unserer Verhaltensweisen fast schon automatisiert haben und deshalb nicht mehr hinterfragt werden. Sie üben
eine ungeheure Macht über die Menschen aus.
Meiner bescheidenen Erfahrung nach gibt es nicht sehr viele Menschen, die es wagen, die
bequemen, ausgetretenen Pfade dieser Spur zu verlassen und sich zu fragen, wohin sie der inzwischen eingetretene
Automatismus führen wird. Es lebt sich viel bequemer, wenn man dem nicht nachgeht. Diese Menschen sind nicht mehr
neugierig, sie wissen schon alles und wollen nichts neues mehr dazu lernen. Es genügt ihnen die Erfahrung, dass sie
persönlich mit dieser Schiene gut zurechtkommen. Mehr interessiert sie nicht. Sie bedürfen eines sog. Schlüsselerlebnisses,
um aus diesem fast schon traumwandlerischen Zustand herausgerissen zu werden. Und dieses muss sehr nachhaltig sein, d.h.
eine wirkliche persönliche Betroffenheit auslösen. Andernfalls kehrt man sehr schnell zum im wahrsten Sinne des Wortes
gewohnten Alltag zurück.
"... Schlachthöfe,... Schlachter..."
Schlachter an Schlachthöfen sind nicht anders als andere Menschen auch. Es gibt
darunter im vornherein rohe Gesellen, welche, die erst durch diese Tätigkeit verrohen (besser abstumpfen), wiederum
weitere, die sich besinnen und aussteigen oder nach dem Ausstieg aus dieser Tätigkeit zur Besinnung kommen und solche,
die aus wirtschaftlicher Not gezwungen sind, dort zu arbeiten, weil sie anderswo keine Stellung finden. Ich empfehle
Ihnen blind, da ich selbst nur eine Rezession gelesen habe, das Buch "Mein Weg durch die Hölle - aus dem Tagebuch eines
Schlächters" von Burkhard Marterer, Reutiner Str. 5 a, D-88131 Lindau. Es kann für 5,-Euro inkl. portofreier
Zustellung direkt beim Autoren bestellt werden.
Persönlich kenne ich eine Tierärztin, die ehemals Großtiere in der Landwirtschaft
versorgt hat, dann in einem Schlachthaus gearbeitet hat und nunmehr im wesentlichen eine Kleintierpraxis betreibt. Sie
erzählte mir, dass jedes Mal, wenn sie im Schlachthaus versucht hätte, die teilweise grausamen Zustände bis zur Schlachtung
zu ändern, sie einen Rüffel bekommen hätte, verbunden mit dem Hinweis: "Wenn es Ihnen nicht passt, wie wir
schlachten, dann gehen Sie doch. Es stehen schon weitere Tierärzte an um ihre Stellung!" Kein Sonderfall, nach
allem, was mir bisher bei meinen Recherchen zu Ohren gekommen ist. Es geht um Geld, viel Geld, und da hört eben
die Moral und jeder Anstand auf.
"... Aggressionsverhalten, ... Triebverankerung, ...
Erziehung ..."
Ein weites Feld. Dazu später mehr. Ich erzähle ihnen dann beispielhaft aus meinem
eigenen Leben, von meiner Kindheit und Jugend, die alles andere als rosig war. Vielleicht morgen schon, wenn ich
noch etwas Zeit finde, wenn ich von einer Anti-Pelz-Demo zurück bin.
Auch Ihre anderen Fragen zu meinen Einstellungen, Ideen, werde ich nicht
unbeantwortet lassen.
Mit freundlichen Grüßen
Barbara Holsten
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 28.11.2005
Die Antwort von Herrn Berger
Sehr geehrter Frau Holsten,
"... unser Wollen bewusst zurücknehmen und uns möglichst unvoreingenommen -
verobjektiviert - ansehen, jeder verantwortlich für sich selbst, was andere Lebewesen - Mensch oder Tier - wollen
könnten ..."
... dass man den anderen genauso wichtig nimmt wie sich selbst.
Das ist ein großes Ziel, das schwer zu erreichen ist. Das zentrale Thema vieler Religionen. Sie scheinen die Tiere in
dieses Konzept mit einzuschließen. Ich tue das nicht, denn in unserer Beziehung zu Tieren gibt es keine Symmetrie, wie
es sie in der Beziehung zu anderen Menschen geben kann. Deshalb bin ich zwar auch
dafür, sich vorzustellen, was Tiere
wollen könnten, nehme das aber nicht genauso wichtig wie das, was Menschen wollen könnten.
"... Stresshormone ... Nicht jede Ratte reagiert ... gleich ..."
Darüber hab ich schon Einiges gelesen. Es gibt eine
Arbeitsgruppe in Frankreich, die haben gezielt "mutige" und "ängstliche" Ratten gezüchtet. Sie
fanden tatsächlich Unterschiede bei den Stresshormonen. Die Vorstellung, eine Ratte würde in Gefangenschaft apatisch
und untätig im Käfig hocken, weil sie so traurig darüber ist, eingesperrt zu sein ... naja. Ich hab jedenfalls
so etwas noch nie gesehen. Die Ratten, die ich gesehen habe, sind jede Nacht kreuzfidel, putzmunter und sehr aktiv,
dass die Sägespäne nur so fliegen.
"Der Panther, von Rainer Maria Rilke"
Ich kenne das Gedicht aus meiner Schulzeit. Der Tiergarten
Schönbrunn wurde in den letzten Jahren völlig umgebaut (man baut immer noch). Die Großkatzen haben neue Gehege
bekommen, mit viel mehr Platz als früher.
"... Instinktverhalten, das zwingend zum Angriff führt ... sich ... unter allen
Umständen den Weg in die Freiheit bahnen ... War der Panther hungrig, wollte er die Tierpflegerin fressen? ...
dass derartige Tiere nicht "artgerecht gehalten" werden können ... war die Pflegerin schlicht und einfach
im Wege ... befand sich auf dem Fluchtweg des Panthers ..."
Fragen über Fragen. Die junge Frau wurde durch einen einzigen
Biss ins Genick getötet. Zufällig saß Pechlarner in der Nähe im Zentralrestaurant mit einem Gast. Es gab ein
Geschrei, und er war in 2 Minuten da. Er traute sich als einziger in den Käfig und trieb den Panther vom Opfer weg.
Dabei wurde er verletzt, der Panther auch. Später hat mir ein Kollege von der Veterinärmedizin erzählt, er wurde nach
Schönbrunn gerufen, um die Verletzung des Panthers zu behandeln. Der Panther wurde nicht getötet.
"Die Traditionen vergleiche ich mit einer tiefen Spur, auf der sich
viele unserer Verhaltensweisen fast schon automatisiert haben ..."
Ein schönes Bild. So, wie Sie das beschreiben, bekommt man
den Eindruck, dass alles immer nur in eingefahrenen Bahnen dahingeht. Dabei ändert sich gerade in den letzten
Jahrhunderten alles dramatisch. Ich frage mich manchmal, wie wir Menschen das verkraften sollen. Offenbar können wir das.
Unsere Kinder erfahren ein ganz andere Welt als wir, und wir kennen eine ganz andere als unsere Eltern. Ich sehe
weniger "ausgetretene Pfade" als Sie. Jede neue Generation will ihre eigenen Pfade treten, und das
ist auch recht so. Manche Gebräuche mögen zäher sein als andere. Wer
weiß, ob es in 50 Jahren noch eine Nutztierhaltung
gibt?
"... Schlachthöfe, Schlachter ... Es geht um Geld, viel Geld ..."
Hier müsste man ansetzen. Warum sollen die Leute nicht halb
so viel Fleisch essen, das dann aber den doppelten Preis kostet? Dann gäbe es nur mehr halb so viele Nutztiere, die mit
größerem Aufwand besser gehalten würden, und der Markt muss deshalb nicht gleich zusammenbrechen.
Mit besten Grüßen,
Michael Berger
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 04.12.2005
Die Antwort von Frau Holsten
Sehr geehrter Herr Berger, gleich in medias res:
Der Panther: Es freut mich sehr, dass dieser nicht getötet wurde. Weniger erfreut
bin ich darüber, dass offenbar über den tieferen Grund des Angriffs keine Reflexion erfolgte. Ich habe nicht wissen
wollen, w i e der Panther die Pflegerin angegriffen und dabei getötet hat (das wäre ein bloßes Sensationsinteresse),
sondern warum er dies im konkreten Fall getan hat.
Das Wie interessierte nur dann näher, wenn es außerhalb des bekannten und
normalen Verhaltensspektrums dieser Tiere - auch in Freiheit - abgelaufen wäre. Dann ginge das Wie nahtlos in die Frage
eines Warum über. Aus dem normalen "Wie" allerdings womöglich so ohne weiteres den Schluss zu ziehen, der
Panther fühle sich in Gefangenschaft wohl (auch wenn Blutwerte des gefangenen speziellen Individuums keinen erhöhten
Stresshormonspiegel aufweisen, vgl. meine letzte Mail), würde ich für gewagt halten. Wir Menschen, gelangen wir in
Gefangenschaft, würden nicht anders töten als in Freiheit (auch nicht anders essen, zumal die Umstände, dass der
Panther so hungrig war, dass er die Pflegerin tötete, weil er sie fressen wollte, nach den Gegebenheiten nicht
anzunehmen sind).
Kennt das Tier nichts anderes als die Gefangenschaft, weil es im Zoo oder
Versuchslabor oder sonst wo in Gefangenschaft geboren und aufgezogen worden ist, dann können wir Menschen in
Freiheit uns mit der Argumentation beruhigen, dass wer seine Möglichkeiten nie kennen lernen und seine Fähigkeiten nie
austesten konnte, auch nicht unglücklich sein könne, sich also w o h l fühlen müsse (vorausgesetzt, die
Gefangenschaft läuft ohne Schmerzen und Leiden, sowohl physisch als psychisch ab). Diese Argumentationskette
müsste dann auch bei der "guten" Einzelhaltung sozial veranlagter Lebewesen halten. So ist es aber gerade
nicht.
Allein die motorischen Fähigkeiten, z.B. in ungehinderten Sprüngen ein Gelände
überqueren zu können bis die eigenen Kräfte nachlassen, dabei zusätzlich zu lernen, wie diese Kräfte richtig dosiert werden
müssen, dieses Ausleben angeborener Verhaltensweisen, werden durch den Menschen beschnitten. Ein noch so gut ausgebauter
Tierpark kann die Realitäten der Freiheit nicht erreichen.
Weiter ist es nicht vorrangig von Interesse, ob das Tier diese ihm aufgezwungene
Beschränkung seines Artverhaltens reflektieren kann oder nicht. War der Mensch Kaspar Hauser, Sie kennen das Beispiel? -
unglücklich bis zu seiner Befreiung? Nein, auch er konnte sein bisheriges "Unglück" erst durch den Vergleich
mit den Möglichkeiten seines anschließenden Lebens in Freiheit sinnlich erfassen. Würden wir deshalb kein Mitleid mit
einem gefangenen K.H. haben und uns wünschen, dass jedem Mensch so ein Schicksal erspart bliebe? Wie ergibt sich da des
Weiteren aus alledem ein Sinn, zwischen Mensch und Tier in Gefangenschaft zu differenzieren?
Doch nur dann, wenn wir dem einen Sinn geben w o l l e n , der vorrangig in
u n s e r e m menschlichen Interesse liegt.
"...dass man den anderen genauso wichtig nimmt ... Sie
scheinen Tiere in dieses Konzept mit einzuschließen. Ich tue das nicht ..."
Und hier scheiden sich die Geister. Ich beziehe die Tiere in dieses Konzept mit
ein, weil ich nicht nachvollziehen kann, wie man Gleiches ungleich behandeln kann.
"...denn in unserer Beziehung zu Tieren gibt es keine
Symmetrie, wie es sie in der Beziehung zu anderen Menschen geben kann ... deshalb nehme ich das aber nicht genauso
wichtig wie das, was Menschen wollen können."
Was verstehen Sie genau unter Symmetrie? Spiegelgleichheit, völlige Übereinstimmung
zweier durch eine (gedachte) Mittellinie getrennter räumlicher Gebilde, bezogen auf den Menschen den "Gleichklang
der Seelen"?, der zugleich die Möglichkeiten der Selbstreflexion über einen baugleichen Artgenossen ermöglicht?, bei
dem man also annimmt, er funktioniere aufgrund der Bestandteile seines Bauplanes im wesentlichen wie man selbst?
Ich muss, wie schon beim Panther, diese unbequemen Fragen über Fragen stellen. Sie
sind kein Selbstzweck oder ein Mittel, um Sie zu piesacken. Als unvoreingenommener Wissenschaftler, als der Sie
sicher gelten wollen, sollten Sie doch gerade Verständnis dafür haben. Es kommt der - vielleicht falsche - Eindruck
bei mir auf, Sie fühlten sich durch manche Fragen genervt. Warum? Sind die Fragen zu leicht und zu selbstverständlich?
Ich kann Ihnen versichern, dass ich zu den Tieren eine genauso große Symmetrie
verspüre, wie zu den Menschen. Dafür muss es einen Grund geben. Es mag daran liegen, dass ich von Geburt an
leiblichen Eltern ausgeliefert war, die mich physisch und psychisch willkürlich mit Mitteln behandelten, wie
man ein Tier behandelt. In ihren Augen war ich wohl nicht - viel - mehr. Meine Eltern waren für mich eine echte
Herausforderung und Bewährungsprobe.
"Wir müssen auf der spezifisch menschlichen Ebene
kommunizieren: ... Zusammengehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe ..."
Jein. Wenn wir das so tun, versperren wir uns das Verständnis für alle Lebewesen
außerhalb unserer Gruppe, ja sogar außerhalb unserer Art. Ich verweise auf meine Ausführungen zu Eigen- und Fremdgruppen,
die indirekt in meinem Kannibalenbeispiel angedeutet wurden. Der Zoologe Desmond Morris hat dazu in seinem Buch "Der
Menschenzoo" einen wunderbaren Beitrag geleistet, den hier wiederzugeben, den Rahmen dieser Schrift völlig
sprengen würde.
"Das mit dem Gefühl und dem limbischen System, das hört
sich vielleicht ganz gut an, aber in Wahrheit ist das ein total egoistisches System ..."
A. Einstein: "Der Intellekt hat ein scharfes Auge für Mittel und Werkzeuge,
ist aber blind für Ziele und Werte ..., er kann nicht führen, sondern nur dienen, und er ist nicht wählerisch in
der Wahl seines Herrn."
Wir sind "besser". Nur wir Menschen sind zu
altruistischem Verhalten fähig ..."
Nein. Nehmen Sie nur das Beispiel des Hundes, der in das brennende Haus rennt,
um "seine" Menschen zu warnen und zu retten und der dabei schließlich ums Leben kommt. Oder das
einer Katze, schön beschrieben bei Gay Gaer Luce, die im Wald immer wieder hilflose und verletzte Katzen
findet und Gay solange bedrängt, bis diese sich zu der Stelle hinführen lässt und sodann das Tier rettet.
Dies obwohl die rettungsbemühte Katze in einer großen Versammlung von vertrauten Katzen aller Alterstufen
lebt, also kein Bedürfnis nach Gruppenzuwachs verspüren müsste. Was treibt sie also an?
"... fühlen in uns dieses merkwürdige Bedürfnis,
"gut" zu sein." Ausnahmslos? Oder nur dann, wenn die "Chemie" stimmt? Ist
das "Bedürfnis" "Gutsein" also doch keine rein intellektuelle Leistung und damit nur dem
Menschen vorbehalten? Oder haben Tiere mehr Verstand, als wir ihnen zubilligen wollen?
"... Stresshormone. Nicht jede Ratte reagiert ...
gleich ..."
Dieser Gedanke kam mir spontan beim Schreiben der letzten Mail. Ich wusste
nicht, dass Wissenschaftler daran zweifeln konnten und deshalb eine Versuchsreihe gestartet haben. Ist es doch
eine so offensichtliche, allein durch (Selbst)- Beobachtung und logische Schlussfolgerung zu erfahrende
Tatsache. Oder trauten die französischen Wissenschaftler ihrer menschlichen Logik nicht? So wie die
Biochemie den Bauplan beeinflusst, so beeinflusst der Bauplan die biochemischen Vorgänge im Körper.
Da muss m.E. zwingend eine Wechselwirkung bestehen. Das führt zu der weiteren Überlegung, dass die
Erkenntnisse über den einen Bauplan und der dort vorhandenen bio-chem. Vorgänge, nicht zuverlässig
auf eine andere Art von Bauplan übertragen werden können, weil sich die Wesen trotz gleicher Entstehungswurzel
unterschiedlich entwickelt haben. Und schon allein deshalb halte ich Tierversuche für unzuverlässig
und wenig aussagekräftig in Bezug auf den Menschen. Ein schönes Beispiel: Der Wirkstoff Acetylsalizylsäure bringt
Katzen den Tod, bei Menschen wirkt er heilsam.
"Die Traditionen, eine tiefe Spur... "Ein
schönes Bild ..."
Was sich in den letzten Jahrtausenden (Sie gehen
von "Jahrhunderten"? aus) dramatisch verändert, ist nicht der Bauplan des Menschen. Der hat sich
seit dem Übergang der Hominiden in den homo nicht verändert, nach allem was die Anthropologen herausgefunden haben.
Der Mensch vor über 20.000 Jahren war baugleich dem heutigen Menschen. Begegnete man diesem Urahn auf der Straße,
würde man keine inneren und äußeren Unterschiede, vorausgesetzt er war beim Friseur und kleidete sich zeitgemäß,
feststellen können. Er würde sich allein dadurch von uns heutigen Menschen unterscheiden, dass er sich mit
den kulturellen Segnungen vertraut machen müsste. Es wäre also ein reiner Lernprozess nötig und allein die
Quantität des - wegen unseres menschlich kurzen Lebens - für ihn übermäßig schnell zu Lernenden würde ihn
so ziemlich sicher überfordern. Dieser Urahn wäre aber, wenn man ihm z.B. die Funktion des Autos erklären
würde, zur Bedienung und Steuerung des Fahrzeuges fähig.
Die ... ausgetretenen Pfade ... beziehen sich auf
den Erfahrungsschatz, den wir infolge unserer menschlichen Entwicklung angehäuft haben. Erfahrungen sind nichts
anderes als gelebte Wirklichkeit. Traditionen sind also nicht nur negativ zu bewerten, ich entschuldige mich für
meine verkürzte Darstellung in meiner letzten Mail. Was ich da sagen wollte, war schlicht und einfach, dass unsere
Erfahrungen auf Wertungen der Lebens":wirklichkeit" so wie wir sie empfinden beruhen, die zu ihrer
Zeit ihre Berechtigung haben konnten, aber immer wieder neu zu überdenken sind, weil sich die äußere Welt laufend
verändert durch das, was wir in sie einbringen (und das ist nicht immer gut, weder für den Menschen, noch den
Planeten Erde und allem was sich darauf noch befindet).
Diesem Schema unterliegt auch unsere "innere Welt", die dazu in
Wechselwirkung steht. Traditionen sind also nicht nur nützlich, indem sie dem Menschen die Sicherheit der Gewohnheit
mit auf den Weg geben, sie können auch ein erheblicher Ballast auf dem Weg einer - nicht nur ethischen - Weiterentwicklung
sein. Wie lange hielt sich z.B. die aufgrund der Glaubensüberzeugung kirchlich forcierte Tradition, die Erde
sei eine flache Scheibe? Gegen diese Sicherheiten des tradierten Verhaltens rebelliert die "normale" Jugend. (Am
Rande: Das Pubertätsverhalten konnte ich überspringen, da ich von Kindheit an ein "Rebell" war!) Sie will
ihre eigenen Erfahrungen machen, sie will damit ausbrechen aus den überkommenen Denkschemata und Verhaltensweisen. Nur
durch die Schaffung eines alternativen Planes lässt sich die Berechtigung des Vorhandenen überprüfen.
Nur so ist die Chance einer Weiterentwicklung gegeben. Der biologische
Bauplan, der die sog. Flegeljahre auslöst, hat also seinen Sinn. Die Pubertät ist ein Abschnitt im Reifungsprozess
des Individuums, ausgelöst durch Hormone, und dient dazu, die innere Nabelschnur zu den Erzeugern zu "zerreißen",
um das Individuum zu einem wahrhaft selbstständigen Wesen werden zu lassen. Sie ist also ein notwendiger Ablöseprozess,
so wie der Apfel (ich liebe Metaphern) vom Baum fallen muss, sich von seinem Erzeuger trennen muss, um wiederum
letztendlich selbst Früchte bringen zu können. Menschen, die sich zu sehr und unbedacht ihren tradierten
Verhaltensweisen, denen auch ein festgelegtes Denkschema unterliegt, hingeben, leben deshalb rückwärts gewandt. Ihnen
kann sich kein Blick nach vorne eröffnen, keine Erweiterung des Horizontes auftun.
"Wie kommen Sie auf die Idee, dass die Tiere "vor
uns da waren"? Was bedeutet überhaupt "Tiere" und "uns"? Würden Sie sagen,
Madonna ...."
Nach bisherigem Forschungsstand, soweit er mir zugänglich ist, haben sich die
Vorfahren des Menschen, die Hominiden, im Miozän aus den sog. "frühesten Menschenaffen" entwickelt. Die
Abspaltung der Hominiden erfolgte ca. zeitgleich mit derjenigen der Menschenaffen. Die frühesten Menschenaffen
gehen auf die frühesten echten Primaten, und von diesen in unsere gemeinsame Wurzel, zu den insektenfresserartigen
Primaten zurück. Mögen sich auch die Millionen von Jahren, die dieser Entwicklung bis hin zum modernen Menschen
zugrunde liegen, mal um ein paar Milliönchen von Jahren aufgrund neuer anthropologischer Funde verschieben, an
der Entwicklungsreihe von der Wurzel bis zum Stamm besteht bislang kein Zweifel. Oder sind sie mir unbekannt
geblieben? Dann bitte ich um einen Hinweis.
So gesehen wären also alle Lebewesen dieses Stammbaumes, auch soweit sie
auf weiteren Ästen dieses "Lebens"- Baumes sitzen, unsere Verwandten. Die Halbaffen genauso
wie die Affen und Menschenaffen. Wobei der Verwandtschaftsgrad der Menschenaffen zu uns, dem eines
sehr nahestehenden Verwandten, eines Cousins gleichkäme. Inzwischen soll es schon (einen?) Forscher
geben, der den Schimpansen unserer Art zurechnet. Ich persönlich hätte da nichts dagegen. Ich würde
mich in meiner Ehre nicht gekränkt fühlen. Die anderen nichtmenschlichen Lebewesen säßen so mal auf
einem Zweig der Mitte, mal auf einem kleinen Nebenast, mal mit in der Krone des Baumes, je nachdem,
wann ihre Art sich aus der gemeinsamen Wurzel herausgebildet hätte. So gesehen dürfte man den Menschen
nicht als Mensch bezeichnen, sondern müsste ihm den Namen Affenmensch geben. Und genau genommen ist er
eine weitere Tierart mit ganz besonders ausgeprägten Fähigkeiten, zumindest was die erweiterte Gehirnkapazität
betrifft. Man könnte aber auch sagen, alle Tiere dieses Baumzweiges sind Menschen unterschiedlicher
Entwicklungsstufe. Es kommt auf die Betrachtungsweise an. Im übrigen wähle ich den üblichen terminus
technicus (Mensch, Tier) um mich noch einigermaßen verständlich machen zu können.
Wir sind also der durch das Tier zur Wirklichkeit gewordene Mensch. Ohne die
oben aufgezeigte Ahnenreihe gäbe es uns nicht. So sind wir essentiell inkl. unserer bio-chemischen Bestandteile
schon von Anfang an im Tier enthalten gewesen, unser Erscheinungsbild, unser Soma kristallisiert sich aber viel
später heraus und nimmt dann seine eigene und spezifische bio-chemische Entwicklung auf. Interessant sind
Kameraaufnahmen von Embryos im Mutterleib. Ein Embryo hat im Alter von 4 Wochen Kiemenbögen, Formen, die
wir in diesem Stadium mit allen Wirbeltieren gemeinsam haben. Die Entwicklung vom befruchteten Ei bis hin
zum fertigen Menschen scheint im Schnellverfahren alle Stadien der evolutionären Bauplan-Entwicklung zu durchlaufen.
"... Madonna, Einstein,... das sind wir? Sind wir
Julius Caesar?"
Ich stelle mir mittels kreativem Denken folgendes vor: Ja, was den Arten - Bauplan
und die grundsätzlich bei jedem gesunden Lebewesen ablaufenden arteigenen und damit speziellen bio-chemischen
Vorgänge betrifft. Nein, was die - individuellen - Persönlichkeitsmerkmale betrifft, die sowohl durch das Genom
festgelegt sind, als sich auch durch die unterschiedlich intensive - bewusst wie unbewusste - Steuerung bestimmter
biochemischer Prozesse verwirklichen können und dadurch die Persönlichkeit sichtbar werden lassen. Also: Alle
normalen Menschen haben diese Anlagen zur Musikalität, Sensibilität, Kreativität etc. Nicht bei jedem
Menschen verwirklichen sie sich gleich, weil hierbei auch Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Wie stark
und intensiv diese Einflüsse an diesem Prozess mitwirken, ist immer noch umstritten. (Allerdings gibt es
doch die Forschung mit eineiigen Zwillingen. Diese Menschen sind nicht nur erbgutidentisch, sie zeigen auch
trotz einer frühen Trennung voneinander nur geringfügige Abweichungen in ihren Vorlieben auf). Und diese dadurch
so unterschiedliche Herausformung macht den Menschen dann so unverwechselbar zum Individuum, gesteigert bis zur
Persönlichkeit. Ich gehe bislang davon aus, dass die Stärke und Kompliziertheit der umweltbedingten Herausforderungen
die neuronalen Entwicklungen und damit die Komplexität der neuronalen Verknüpfungen bedingen. Nehmen Sie nur 10
unterschiedliche Komponenten, also Abstraktionsvermögen, Kreativität, Sensibilität, usw. Dann erstellen Sie
eine Skala von 1-10, auf der sich die Stärke dieser Fähigkeiten ausdrückt. Sie erreichen mathematisch sehr
große Variationsbreite. Sie sehen also, dass sich selbst mit wenigen Zutaten eine große Anzahl von Möglichkeiten
und Mischungsverhältnissen ergibt. Bei den restlichen Tieren verhält es sich nicht anders. Für uns mit bloßen
Sinnen wahrnehmbar sind individuelle Ausprägungen besonders bei den domestizierten Säugetieren. Ist die
gesteigerte Wahrnehmung außerhalb unserer selbst also gekoppelt an die Gefühlsbeziehung, an die
erforderliche Empathie? Wenn wir es nicht wahrhaben können, liegt es nicht zwingend an einem - teilweisen - Fehlen
von Komponenten, sondern möglicherweise an einer mangelhaften Empathie und/oder einer defizitären menschlichen
Sinnesleistung? Es gibt in Amerika eine Autistin, welche sich in Schlachttiere hineinfühlen kann und
deshalb in der Lage ist, deren innerstes Elend zu erfassen ist. Wie sie diese Erfahrung nutzt, findet
nicht meine volle Zustimmung. Sie entwirft und baut Schlachthäuser, die den Tieren den Stress, der vor
und während der Schlachtung vorhanden ist, ersparen soll. Da ist mir der Pferdeflüsterer schon bedeutend
sympathischer.
Warum die Frühmenschen Höhlenmalereien angefertigt
haben, weiß auch ich nicht. Andere Frühmenschen fertigten Tierskulpturen, Amulette mit Tiermotiven, sicherlich nicht
weniger mühevoll. Ihr Erklärungsversuch, dass diese Menschen sich ihre ihnen feindlich erscheinende Mitwelt
durch diese Mittel im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar zu machen suchten und ihre Ängste dadurch
zu bannen suchten, dass sie Abbilder schufen (vgl. auch meine Gedanken zur Schöpfung eines speziellen
Gottes durch Menschengeist), halte ich für durchaus wahrscheinlich. Macht zu haben ist auch, etwas
be"greifen" und dadurch be"wältigen" zu können. Die Kehrseite von Macht ist Ohnmacht. Die
abgebildeten Tiere besaßen in den Augen dieser Menschen Macht, waren "Götter". Sie waren ohne
erhebliche Lebensgefahr nicht zu töten. Das töten eines so mächtigen und wehrhaften Wesens kann mit Schuldgefühlen
verbunden gewesen sein. Und wie bewältigt, besser verdrängt man diese am besten? Indem man diese Wesen bildhaft
bannt, sie also in seinen Aufenthaltsräumen an die Wand malt und dort verehrt.
Könnte man diesen ersten Schluss aus der Art der abgebildeten Tiere ziehen?
Vor allem, wenn man bedenkt, wie zeitaufwendig und mühsam diese Malereien gewesen sein müssen. Spricht
womöglich auch die sehr "liebevolle" Anfertigung für die obige These des Schuldgefühls? Unsere Schuldgefühle
können wir auf verschiedene Art bewältigen. Z.B. indem wir das getötete Subjekt verehren, indem wir bei der
Tötung besonders grausam handeln, oder, indem wir uns einreden, dass Töten sei notwendig.
"Viele Jahrzigtausende lang waren wir Jäger. Das ist
unsere Natur ..."
Bin ich mir ganz und gar nicht sicher und neige eher zur gegenteiligen Ansicht.
Die Meinungen darüber gehen unter den Experten weit auseinander. Sie reichen von der "Raubaffen"- Begründung
des Desmond Morris bis hin zu anderslautenden Erklärungen einiger Evolutionsbiologen (so Jared Diamond) und
Anthropologen (so Nick Fiddes) der sich auf dem Gebiet der sozialen Anthropologie hervorgetan hat. Sein Buch
Fleisch "Symbol der Macht" ist in der Stringenz der Beweisführung beachtlich. Auch aus frühzeitlich
anthropologischen Funden, z.B. Zahnfunden, wird der Nicht-Fleischesser-Schluss gezogen. Unsere Darmlänge
spricht auch gegen diese Annahme. Vorwiegend Fleisch fressende Tiere haben einen wesentlich kürzeren Verdauungstrakt.
Nun verspeist auch einmal ein reiner Pflanzenfresser, z.B. ein Rind, soweit es noch eine solche Weide vorfindet,
aus Versehen einen in den Kräutern sitzenden Käfer, ohne Schaden daran zu nehmen. Die Körperfunktionen müssen
also zwingend ein Toleranzspektrum aufweisen. Das erscheint mir logisch, weil jede starre Einrichtung wegen
ihrer Unflexibilität keinerlei Überlebenschance hätte. Wird aber die arteigene Ernährung überwiegend durch
eine nicht artgerechte ersetzt, müssen die Folgen früher oder später zwingend verheerend sein, weil der
Organismus diese Umstellung nicht verkraften kann. Nicht umsonst sind diese Anpassungsleistungen der Organismen nicht
von heute auf morgen entstanden. Wenn der heutige Mensch also das Fleischessen "verträgt", dann kann daraus
allein nicht der Rückschluss gezogen werden, dass er schon immer ein Fleischesser war.
Unsere "Natur", wie die der restlichen Tiere, besteht aus
vielen Faktoren. Diese haben, wie z.B. die schon angesprochene Aggressivität einen biologischen Sinn.
Dieser Sinn ist auf das Überleben ausgerichtet. Überleben können wir Menschen auf verschiedene Art und
Weise. Man kann Tiere weiterhin - heute ohne Not - jagen und töten und aufessen, ganz so wie in der Steinzeit,
oder eben in Zeiten, wo ein Mangel an Vegetabilien war, oder die Suche nach denselben zu zeitraubend
und vielleicht auch gefährlich war. Man kann sich aber auch b e s i n n e n und über die Notwendigkeit
bestimmter Aggressionsverhalten nachdenken. Wer das nicht tut und sich schlichten Gemütes auf das uralte Kulturgut
Jagd beruft, um seine Aggressionen auf diese Art und Weise ableiten zu können, zeigt, dass er einen wenig
komplexen Denkapparat besitzt. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Fürchte den Menschen, Tiere ziehen vorüber."
"Warum sollen die Leute nicht halb so viel Fleisch
essen, ...?"
Das wäre natürlich rein rechnerisch eine erhebliche Verbesserung. Wem diese
zugute kommt, ist offen. Der Fleischerzeuger könnte den Mehrpreis in seine Tasche stecken, ihn also nicht
in eine verbesserte Haltung der Tiere stecken. Der Erfahrungswert zeigt, dass der Verbraucher bei dem von
Ihnen vorgeschlagenen Modell auch nicht ausreichend mitspielt. Er will seine Nahrungsmittel aus verschiedenen
Gründen grundsätzlich möglichst billig erwerben. Er bevorzugt Masse statt Klasse (Lidl und Aldi und alle
Discounterläden lassen grüßen). Also müsste der Staat ins Spiel kommen. Er müsste die "Mindest"- Preise für
Fleisch festlegen. Zugleich die Einhaltung der Haltungsbedingungen bei den Tieren überwachen. Da sich der
Staat, zumindest hier in Deutschland, immer mehr aus der Marktreglementierung und -Überwachung zurückzieht,
wird der Vorschlag nicht funktionieren. Also liegt das Los der Tiere auch auf diesem Sektor allein beim Verbraucher.
Das anschaulichste Beispiel dazu gibt das Verbraucherverhalten bei den Eiern. Umfragen
der Marktforschungsinstitute ergaben den überwiegenden Willen der Bevölkerung zum Kauf von Eiern aus Freilandhaltung.
Das Mitleid mit den Tieren spielte dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Nachdem diese - teueren - Eier in den
Handel gelangten, griffen die Verbraucher, wie gewohnt, kräftig bei den Eiern aus Batteriehaltung zu. Die
Freilandeier fanden wesentlich weniger Absatz, als es die Marktforscher vorhergesagt hatten. Nun wird im
Bundesland Niedersachsen, dem Land mit der größten Dichte an Tierhaltung schon wieder von der CDU-Partei
überlegt, wie man das für 2007 gesetzlich geregelte Aus für die Batteriehaltung von Hühnern kippen könne.
Mit freundlichen Grüßen
Barbara Holsten
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 14.12.2005
Die Antwort von Herrn Berger
"... so ohne weiteres den Schluss zu ziehen, der Panther fühle sich
in Gefangenschaft wohl ...Stresshormone ..."
Das kann ich nicht beurteilen, und darauf wollte ich auch nicht
hinaus. Ich kenne mich nur bei Ratten einigermaßen aus.
"... in ungehinderten Sprüngen ein Gelände überqueren zu können bis die eigenen
Kräfte nachlassen, dabei zusätzlich zu lernen, wie diese Kräfte richtig dosiert werden müssen, dieses Ausleben angeborener
Verhaltensweisen, wird durch den Menschen beschnitten. Ein noch so gut ausgebauter Tierpark kann die Realitäten der
Freiheit nicht erreichen ..."
Der beste "Tierpark" ist die Freiheit im natürlichen
Habitat. Aber es gibt schlechte und sehr schlechte Haltung. Für die Geparden hat man in Schönbrunn eine
Art "Schi-Lift" eingerichtet, damit man das Fleisch vor ihnen her"laufen" lassen kann. Wenigstens was.
Es ist doch besser, die bemühen sich und strengen die Fantasie an, es
für die Tiere etwas besser zu machen.
"... Hauser ... unglücklich bis zu seiner Befreiung?"
Sicher. Er konnte seine natürlichen Anlagen nicht ausleben. So
wie eine Ratte, die nur einzeln gehalten wird. Beides ist Quälerei.
"... ich zu den Tieren eine genauso große Symmetrie verspüre, wie zu den
Menschen..."
Ich kann auch etwas empfinden für Tiere. Einem Hund muss ich
immer Aufmerksamkeit widmen. Ich spüre eine Art Verstehen. Aber als Mensch habe ich andere Bedürfnisse als ein Hund. Ich
habe andere Eindrücke, andere Dinge sind für mich wichtig, ich verstehe die Welt ganz anders. Ein Hund fängt z.B. mit
seinem Spiegelbild überhaupt nichts an, und wenn man ihn mit der Schnauze an den Spiegel stubbst. Der Eindruck existiert
nicht für ihn. Ein Hund lebt hauptsächlich in seiner Geruchswelt, obwohl er auch gute Augen hat. Er kann im Gesicht des
Menschen lesen, wodurch er sich vom Wolf unterscheidet. Vor Kurzem war darüber eine schöne Arbeit in Current
Biology.
"... Nur wir Menschen sind zu altruistischem Verhalten fähig ... Nein.
Nehmen Sie nur das Beispiel des Hundes ... Oder das einer Katze ..."
Bei Tieren ist das selten, und wenn wir es einmal beobachten,
sind wir ganz gerührt; weil es eben nicht typisch ist für Tiere. Hunde sind ein Sonderfall, weil sie mit dem Menschen
eine enge Verbindung eingehen.
"... Nicht jede Ratte reagiert ... gleich ... Dieser Gedanke kam mir
spontan beim Schreiben der letzten Mail. Ich wusste nicht, dass Wissenschaftler daran zweifeln konnten ..."
Haben sie auch nicht. Sie wollten nur wissen, ob es einen
Zusammenhang mit Stresshormonen gab.
"... Was sich in den letzten Jahrtausenden (Sie gehen
von "Jahrhunderten"? aus) dramatisch verändert ..."
Ich hab die Änderung unserer Lebensweise gemeint. Wie wir
wohnen, arbeiten, was wir essen, Bildung, Kommunikation, diese Dinge.
"... Gegen diese Sicherheiten des tradierten Verhaltens rebelliert
die "normale" Jugend ... Der biologische Bauplan, der die sog. Flegeljahre auslöst, hat also seinen
Sinn ..."
Konrad Lorenz nimmt sogar an, dass es sich hier um eine biologisch
determinierte Verhaltensweise handelt, die sich für den Menschen im Verlauf der Evolution als Vorteil herausgestellt
hat.
"... wären also alle Lebewesen dieses Stammbaumes, auch soweit sie auf weiteren
Ästen dieses "Lebens"-Baumes sitzen, unsere Verwandten ..."
Sicher.
"... Ohne die oben aufgezeigte Ahnenreihe gäbe es uns nicht ..."
Das kann man für jede heute lebende Tierart sagen. Für jede
Art könnte man so eine Reihe aufstellen, von der Urzeit bis heute. Wir könnten einen Stammbaum zeichnen, mit der Biene
an oberster Stelle und irgendwo, ein Nebenzweig, relativ weit unten, gibt's auch einen Menschen. Und die Biene müsste
dann "dankbar", sein ihrer ganzen Ahnenreihe, ohne die es sie nicht gäbe.
"... Alle normalen Menschen haben diese Anlagen zur Musikalität, Sensibilität,
Kreativität etc. Nicht bei jedem Menschen verwirklichen sie sich gleich ... Bei den restlichen Tieren verhält es sich
nicht anders ..."
Sicher gibt es biologische Variabilität bei allen Tieren, nicht
nur bei uns. Bei uns fällt es uns nur deutlicher auf. Für uns Europäer schauen ja schon fast alle Chinesen gleich aus,
was umgekehrt übrigens auch zutrifft. Aber Tieren würde ich nicht Musikalität, Kreativität in unserem Sinn zusprechen. Sie
glauben, dass Tiere etwas Analoges erfahren können, etwas, das sie genauso stark empfinden wie wir? Ich glaube, dass es
hier klare Grenzen gibt. Tiere werden nie ein Theaterstück verfolgen können. Schon Kleinkinder können das nicht, müssen
erst lernen zu verstehen.
"... Die abgebildeten Tiere besaßen in den Augen dieser Menschen Macht,
waren "Götter". Sie waren ohne erhebliche Lebensgefahr nicht zu töten. Das töten eines so mächtigen und wehrhaften
Wesens kann mit Schuldgefühlen verbunden gewesen sein ..."
Klingt plausibel. Ich glaube, manche noch "natürlich"
jagende Menschen in Afrika entschuldigen sich, wenn sie ein Tier erlegt haben, beim Geist des Tieres.
"... Unsere Darmlänge spricht auch gegen diese Annahme. - Vorwiegend -
Fleisch fressende Tiere haben einen wesentlich kürzeren Verdauungstrakt ..."
Darüber hab ich vor Jahren gelesen, aber eher umgekehrt: Unser
Darm ist wesentlich kürzer als der Darm eines Schimpansen, weil wir wesentlich mehr Fleisch fressen als er. Wir sind keine
reinen Fleischfresser, deshalb haben wahrscheinlich reine Fleischfresser einen noch kürzeren Darm (?).
"... sich schlichten Gemütes auf das uralte Kulturgut Jagd beruft, um seine
Aggressionen auf diese Art und Weise ableiten zu können ..."
Die meisten berufen sich darauf, weil sie Fleisch essen wollen.
Jagen wollen sie gar nicht, die Aggressionen reagieren sie anders ab.
"...dass der Verbraucher bei dem von Ihnen vorgeschlagenen Modell auch nicht
ausreichend mitspielt ... griffen die Verbraucher, wie gewohnt, kräftig bei den Eiern aus Batteriehaltung zu ..."
Das käme auf einen Versuch an. Ich glaube, dass viele
Konsumenten mitmachen würden, denn es kommen ja mehrere Dinge zusammen. Nicht nur dass man damit artgerechtere Haltung
finanzieren könnte, auch die Ernährung wäre gesünder. Ich wäre da nicht so pessimistisch. Gerade bei den Eiern ist ein
neuer Markt entstanden. Vor kurzem hab ich von einer neuen Schweinehaltung im Weinviertel gelesen. Das sind erst kleine
Anfänge, und es wird noch Jahre dauern, bis sich das durchsetzt. So, ist spät genug geworden. Ich fühle mich durch Ihre
Fragen übrigens nicht genervt. Sie können gut beschreiben, was Sie empfinden. Ich kann also diese Worte aus der
anderen Welt ganz gut verstehen.
Mit besten Grüßen,
Michael Berger
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 04.01.2006
Antwort von Frau Holsten
Sehr geehrter Herr Berger,
etwas Verschnaufspause für Sie, vermute ich, und für mich, das weiß ich, war nötig. Ich werde mich
bemühen, das Tempo unsers Schriftwechsels einzuhalten, komme aber derzeit nur nachts zum Schreiben.
"... Aber als Mensch habe ich ganz andere Bedürfnisse als ein Hund ..."
Sind Sie sich da 100 Prozent sicher? Was ist mit Zuneigung, Liebe, Treue, Kameradschaft? Auch ein
Tier braucht das u n d kann das geben, vor allem der Hund. Vielleicht sogar besser als mancher Mensch, weil unbedingter. Wenn ein Tier
liebt, vor allem ein Hund, dann geschieht das voller Hingabe und ohne Vorbehalt. Ganz selbstlos. Selbst der schlecht behandelte Hund liebt
grundsätzlich seinen Halter unvoreingenommen. Das ist beim Menschen normalerweise nicht der Fall. Es muss viel mehr als beim Menschen
passieren, bevor ein Hund die Treue aufkündigt und sich seine Liebe in Argwohn, gar Bissigkeit verwandelt.
Sie werden einwenden, die Liebe, erwidert durch einen menschlichen Artgenossen sei mehr wert, weil sie
auf gleicher Ebene stattfände. Von Artgenosse zu Artgenosse. Weil sie dadurch eine größere Reflektionsbreite biete. Weil ein Mensch
die Liebe eines anderen Menschen besser verstehen könne, sie in ihrem ganzen Wesen erfassen könne.
Ich würde Ihnen antworten, dass diese Artgenossenfolgegründe in meinen Augen ein Trugschluss sind. Kein
Mensch kann einen Menschen in seinem ganzen Wesen erfassen, weil wir Menschen immer - oft unbewusst - einen kleinen Winkel unseres
Selbst zurückhalten und uns einem geliebten Menschen nicht bedingungslos anvertrauen, es gar nicht können. Da ist wohl ein Rest
Selbstschutz mit im Spiel, eine -unbewusste - Angst, durch den Artgenossen verletzt werden zu können. Ein Hund würde das nicht.
Er liebt uneingeschränkt, mit seinem ganzen Wesen, bis zum Tod. Er würde kraft seiner Instinkte spüren, was mit Ihnen los ist.
Er würde schon allein aufgrund seines außerordentlich guten Geruchssinnes wahrnehmen - aufgrund der Körpergerüche, die für unsere
Nasen nicht wahrnehmbar sind - wann es Ihnen nicht gut geht, selbst wenn Sie das in Gestik und Mimik gar nicht zeigen würden. Der Hund
nimmt über seinen Geruchssinn, die für ihn notwendigen Informationen bzgl. seiner Umwelt auf. Wir Menschen tun das im wesentlichen
mit dem Augen- und Gehörsinn, "sehen" damit aber bestenfalls nur einige Schichten tief unter die Oberfläche der Fassade. Der
Geruchssinn des Hundes erfasst viel mehr Informationen, als wir dies mit unseren gesamten Sinnen vermögen. Einem Hund können
Sie fast nichts vormachen, einem Menschen viel.
"..., andere Dinge sind für mich wichtig, ich verstehe die Welt ganz anders ...
"
Welche Dinge können wichtiger sein, als geliebt zu werden? Alle weltlichen Dinge werden nichtig,
wenn man ungeliebt ist. Stellen Sie sich vor, nur Ihr Hund liebte Sie und sonst kein Wesen. Spielt es da tatsächlich eine Rolle, ob
der Hund sein Spiegelbild erkennen kann oder nicht? Vielleicht ist es gut, dass er es nicht kann, er könnte wie Narziß werden. Da
sein Spiegelbild keinen Eigengeruch hat, ist es für ihn uninteressant. Die Voraussetzung zum Erkennen ist nicht gegeben.
Da Sie den Menschen, ganz unabhängig davon, welche menschlichen Qualitäten er hat, offenbar immer
über das Tier stellen (mein Eindruck bisher), stelle ich Ihnen trotzdem Fragen, denen ein kleiner Fall vorausgeht:
Sie befinden sich in einem Boot. Mit Ihnen im Boot sitzen Ihre -unterstellt ungeliebte - Schwiegermutter,
die Ihnen das Leben bisher schwer machte, Ihre Ehe nachhaltig bis auf den heutigen Tag stört, und Ihr Hund, dem Sie zutiefst verbunden
sind. Das Boot sinkt, sie können außer sich selbst nur ein Lebewesen retten. Wen retten Sie?
Wenn Sie jetzt ohne weiteres sagen, n a t ü r l i c h meine Schwiegermutter, dann pardon, würde ich
Ihnen das so ohne weiteres nicht glauben. Diese Antwort wäre zwar den gegebenen kulturellen Werten nach zu geben. Sie will von den
Artgenossen gehört werden. (Schließlich könnte ja jeder von uns in die Situation kommen und fände die Vorstellung nicht berauschend,
für einen Nichtartgenossen geopfert zu werden). Aber stimmte Ihre Antwort mit Ihrem Gefühl, mit dem was Sie wirklich wollen, überein?
Was ist mit der Ehefrau, die unter den Ehestörungen durch die alte unbelehrbare Dame ebenfalls unerträglich leidet? Würden Sie auch
daran denken?
Ich vermute, Sie würden tatsächlich die Schwiegermama retten, aber würden Sie es gerne tun? Oder würden
Sie den Menschen retten, weil Sie die Verantwortung vor sich selbst nicht zu tragen bereit wären, eventuell Angst hätten, zur
Verantwortung gezogen zu werden? Sie sehen, es gibt viele Gründe, die uns zu einem Tun bestimmen können. Aber ist der Grund, den
wir über unsere Lippen kommen lassen, immer der wahre Grund? Oder sind wir kulturell schon so dressiert, dass wir nicht mehr selbst
entscheiden können, sondern automatengleich tun, was man von uns erwartet? Und dies als Vernunft bezeichnen (wobei da unter der Flagge
des Arten(genossen)schutzes, wenn die Art bedroht ist, natürlich auch wiederum Vernunft im Spiel wäre; Entschuldigung, das war jetzt
sehr ironisch!).
Wie verträgt sich der Boot-Vorfall mit meiner Aussage zum Kannibalenfall? Wir kamen zum Mindestkonsens,
dass der Mensch lernen müsste, keinen anderen Menschen töten zu dürfen? Und wir würden ja Schwiegermama dadurch töten, dass wir den
Hund retten. Was würde ein Jaina im Bootsfall tun?
"... wir müssen das, was wir tun, als ganzer Mensch tun ..."
Unbedingt, das Gehirn ist ja dazu da, mit allen Teilen genutzt zu werden. Sonst hätten wir es ja
nicht so, wie es vorliegt. Da ist ja ein evolutionärer Sinn drin. Tun wir das nicht, betreffs der willkürlichen Teile, dann
verkümmert es, dann sterben Zellen ab.
Ich glaube, dass dieses Tieren, denen es gut geht, nicht passieren kann. Sie benutzen alle ihre Sinne und
das dahinter liegende Reizleitungs- und Verarbeitungssystem. Da wird schon eine Kapazitätsausschöpfung stattfinden, schon zwangsläufig,
weil für sie die Welt umfassend gefährlich ist. Ihnen droht ja mit wenigen Ausnahmen grundsätzlich von allen Seiten Gefahr. Deshalb
werden Tiere auch Situationen, die ihnen ausweglos erscheinen, viel nachhaltiger empfinden als Menschen, gerade weil sie in ihren
Möglichkeiten eingeschlossen sind. Sie sind dann ganz Gefühl, ganz Angst, ganz Panik, haben keine Möglichkeit das irgendwie aufzufangen,
und sei es nur durch eine vage Hoffnung, die dem Menschen immer noch bleibt, selbst in der größten Not. Das übersehen viele Menschen,
wenn sie glauben, ihre Not sei größer als die der Tiere.
"Altruismus.... Bei Tieren ist das selten."
Möglich. Doch er kommt vor, selbst bei nicht domestizierten Tieren, wenn ich mich recht erinnere. Wie
sieht es beim Menschen aus? Kommt er da häufig vor? Wie oft hört man doch schon wegen Kleinigkeiten den Spruch: "Meine Jacke ist
mir näher als die Hose!"
"... Haben Sie auch nicht. Sie wollten nur wissen, ob es einen Zusammenhang
mit Stresshormonen gibt."
Genau das fand ich logisch, nämlich, dass es den geben muss. Z.B. Nervosität als Anlage. Die
Körperchemie hängt - nicht nur, aber im wesentlichen - von der Anlage ab, wegen der schon erwähnten Wechselwirkung. Folglich müssen
bei einem Typ, der ohne Besonderheiten schon vor einem Test sichtlich nervös ist, schon Stresshormone im Blut sein. Welche anderen
Hormone als die sog. Stresshormone können denn sonst noch Nervosität auslösen?
Der Astheniker gilt doch auch als zur Nervosität neigend. Ist er also deshalb so zart und schmächtig,
weil er zur Nervosität neigt oder ist er nervös, weil er so zart und schmächtig ist? Erklärt also die zehrende Wirkung der Nervosität
die Konstitution oder spricht die Konstitution auch für ein schwaches Nervenkostüm. In beiden Fällen müsste der Astheniker
grundsätzlich, ohne besonderen stressauslösenden Grund, im vornherein Stresshormone im Blut haben. Ein solcher Typ Mensch dürfte
dann für spezielle Krankheiten vorprogrammiert sein.
"... Was sich in den letzten Jahrhunderten ..."
Habe ich tatsächlich falsch verstanden. Ich bitte um Entschuldigung. Der "Fortschritt" vor
allem auf dem technischen Sektor ist tatsächlich immens. Es gibt Experten, welche die Meinung vertreten, die Menschheit hinke ihren
Errungenschaften psychisch hinterher. Man müsste immer schneller Neues aufnehmen, weil die Innovationen sich die Klinke in die Hand
geben. Aber ich denke, man kann sich dem auch verweigern, zumindest in gewissem Umfang. Wer heute einen Computer bedient, braucht nicht
unbedingt zu wissen, auf welche Weise er funktioniert. Es reicht, wenn man ihn bedienen kann. Mit dem Fernseher war es ja auch nicht anders.
Die Gefahr besteht im unkritischen Konsumieren aller Neuheiten. "Die Lebensweise" ist
hektischer geworden. Wenn man alles mitnehmen möchte, dann wird man tatsächlich konfus im Kopf, vor allem wenn man älter wird. Die
jungen Leute kennen nichts anderes als das, was sie vorfinden. Sie sind in eine rasante Zeit hineingeboren, für sie ist das erst
einmal normal. Wenn das so weitergeht, dann werden sie im Alter ihre Jugend als "ruhig" empfunden haben. Bei irgendeiner Generation
wird dann die Kapazitätsgrenze der Aufnahmefähigkeit- und Bereitschaft erreicht sein und eine weitere Anpassungsleistung nicht mehr
möglich sein. Ich bin sicher, die Wissenschaft wird das Problem auf ihre Art und Weise lösen. Vielleicht kann man bis dahin ja Gehirne
verpflanzen (von besonders duldsamen Tieren, z.B. den Schafen). Die Xenotransplantation ist inzwischen ja auch schon möglich.
Die tiefe Spur der Tradition entsteht dadurch, dass sich die innere Struktur des Menschen,
seine Psyche und die daraus resultierenden Verhaltensweisen in vielen Bereichen seit Urzeiten nicht wirklicht verändert haben.
Sie haben sich nur unter dem Tarnmantel der Kultur versteckt. Das zeigt sich spätestens dann, wenn er seine Interessen durchsetzen
will. Und die sind kulturell verschieden betreffs des Umgangs der Menschen miteinander. Betreffs des Umgangs der Menschen mit den Tieren
sind sich fast alle Kulturen einig. Das Tier ist seiner Willkür unterworfen. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass das Tier selbst noch
sprachlich diskriminiert wird. Es heißt nicht menschisch, nicht pflanzisch, aber tierisch!
"Ohne die oben aufgezeigte Ahnenreihe gäbe es uns nicht. Das kann man für
jede heute lebende Tierart sagen ..."
Ich meinte nicht, dass irgendein Lebewesen seiner Ahnenreihe "dankbar" zu sein habe für seine
Existenz. Das wäre viel zu einfach gedacht. Die Dinge liegen komplizierter. Jedes Lebewesen ist über seine Ahnenreihe mit allen
anderen Lebewesen und deren Ahnenreihe verwandt, mal näher, mal weniger nah. Wie schon gesagt, wir sitzen alle - Mensch und Tier - im
Geäst eines einzigen "Lebensbaums". Wir haben alle die gleiche Wurzel. Diese Wurzel lebt in uns noch heute fort. Wir konnten
sie nie abschneiden und wir werden sie nie abschneiden können. Unsere Gene speichern dieses Wissen. Wir haben identische Verhaltensweisen
mit den Tieren, die aus dieser Erbinformation stammen. Dieses reflektierte Wissen, das nur wir Menschen haben, verpflichtet uns zu
einem ganz besonderen Umgang mit den Tieren. Sie sind unsere Brüder, ob es uns gefällt oder nicht. Wir können sie quälen, ausbeuten,
töten und für alle möglichen Zwecke, die uns so in den Sinn kommen, verwenden. Eines können wir aber nicht: Den Anteil von ihnen, der
durch die gemeinsame Wurzel in uns steckt, vernichten. Alles, was wir den Tieren antun, tun wir uns somit auch selbst an. Und deshalb
wird der Mensch, solange er die Tiere nicht in Ruhe lässt, selbst nicht zum Frieden mit sich und seinesgleichen kommen können. Es gibt
Menschen, die sagen, "beseitigt doch erst das Elend bei den Menschen, dann wird es auch den Tieren besser gehen. Sie haben nichts
verstanden.
"... Aber Tieren würde ich nicht Musikalität, Kreativität in unserem
Sinn zusprechen. Sie glauben, dass Tiere etwas Analoges erfahren können, etwas, das sie genauso stark empfinden wie wir?..."
Ja, das glaube ich. Als ich ein Kind war, gab es in meinem Elternhaus einen Hund. Immer wenn ich auf der
Violine spielte, begleitete mich der Hund gesanglich, mit einem unbeschreiblichen Gesichtsausdruck. Er könnte fast als verzückt gegolten
haben. Er hätte während meines Spieles aus dem Zimmer, ins Freie gehen können, wären ihm die Laute der Violine unangenehm gewesen. Er blieb.
Warum?
Vögel, z.B. Amseln, erfinden völlig neue Melodien. Auch Wale sind dazu fähig. Selbst Zimmerpflanzen sollen
auf zarte Musikklänge positiv im Wachstum ansprechen. Es gäbe bestimmt mehr Beispiele.
Und was die Kreativität anbelangt: Inwieweit sind wir Normalmenschen denn kreativ i.S.e. van Gogh,
Schinkels, Bachs, Beckett oder Shakespeare?
Warum verlangen wir bei den Tieren Nachweise, wenn wir sie noch nicht einmal selbst, von wenigen
Ausnahmen abgesehen, erbringen können?
Dennoch: Für kreativ halte ich jedes Tier, dass außerhalb angeborener Verhaltensweisen ein individuelles
Spielverhalten zeigt, das nur an ihm zu beobachten ist. Sicher, das sind nur rudimentäre Beispiele, aber es gibt sie. Für kreativ halte
ich meinen Kater, wenn er genau weiß, wie er mich um die Kralle wickeln kann. Wenn ich sehe, wie er sich stets Neues einfallen lässt,
um seinen Willen, noch einen zusätzlichen nächtlichen Spaziergang machen zu können, durchsetzt, so dass ich dann nachts aufbleibe,
bis er geruht wiederzukommen.
Oder Schimpansen, die eine wahre Leidenschaft fürs Malen entwickeln, gibt man ihnen Leinwand und Farbe.
Es sind schon Bilder von ihnen zu Höchstpreisen verkauft worden, weil die Erwerber glaubten, das Werk eines hochbegabten modernen
Künstlers zu erstehen.
"... Tiere werden nie ein Theaterstück verfolgen können ..."
Wir können mangels Kenntnissen der tierlichen Sprache auch nicht alle Fähigkeiten der Tiere erfassen!
Aber kommt es darauf an? Das wesentliche erfassen wir, wenn wir erkennen können, wie es um sie bestellt ist, ob sie leiden, unseren
Beistand brauchen, weil sie ihre Interessen allein nicht wahrnehmen können.
"... Unser Darm ist wesentlich kürzer als der Darm eines Schimpansen, weil
wir mehr Fleisch fressen als er ... reine Fleischfresser haben wahrscheinlich einen noch kürzeren Darm(?)..."
Ja, das stimmt m.E. völlig. Da hat sich bei mir ein Tippfehler eingeschlichen. Natürlich sollte es
heißen: "... z.B. Zahnfunden, wird der Nicht-Fleischesser-Schluss gezogen. Unsere Darmlänge spricht auch f ü r diese Annahme.
Übrigens fressen reine Fleischesser bevorzugt die Innereien des Tieres, den Darm mit seinem "grünen
Inhalt" außer der Galle die Knochen etc., also alles, was der fleischessende Mensch verschmäht. Aus der Sicht des reinen Fleischfressers
isst der Mensch die wertlosen Teile.
"... das uralte Kulturgut Jagd ..."
"Es stimmt völlig mit der zentralen Bedeutung von Fleisch als Symbol unserer Kontrolle der Umwelt überein,
dass sich die Jagd auf kühne, dem Menschen trotzende Tiere zu einer Beschäftigung entwickelt hat, die weitgehend den Reichen und Mächtigen
vorbehalten ist. Die Struktur der Ausbeutung der Naturressourcen entspricht der Kontrolle der menschlichen Ressourcen. Die Fuchsjagd
ermöglicht den wenigen aktiven TeilnehmerInnen, ihre Souveränität rituell zur Schau zu stellen, indem sie ein zugegebenermaßen intelligentes
Tier zu Tode jagen. Aber das ist nicht alles. Die Jagd ist auch ein Beweis der Souveränität über das gerittene Pferd, die kommandierten
Hunde, die beschäftigten Diener oder Arbeiter ... Denn, wie Veblen in diesem Zusammenhang feststellt: "Wenn wir die Ehrerbietung der
Menschen gewinnen und behalten wollen, genügt es nicht, Reichtum und Macht nur sein eigen zu nennen. Reichtum oder Macht müssen unter
Beweis gestellt werden, denn Ehrerbietung wird nur aufgrund von Beweisen geleistet" ... "Wir demonstrieren durch das
Jagen unsere Fähigkeit, das Wilde zu unterwerfen - gewöhnlich, indem wir kulturelle Werkzeuge wie Fallen und Flinten benutzen -, und
das Töten spielt dabei eine wichtige Rolle ..." ( Nick Fiddes, Fleisch, Symbol der Macht", Zweitausendeins)
Die Jäger berufen sich auf vieles, um ihr angeschlagenes Image zu verbessern. Ein Blick in eine
beliebige Jagdzeitschrift belehrt den Interessierten eines Besseren.
"... Eier aus Batteriehaltung ..."
Der Versuch läuft schon längst. Ich wäre nicht so pessimistisch, wenn der Verbraucher nicht schon
bewiesen hätte, wie weit bei ihm Reden und Handeln auseinanderliegen.
Vielen Dank für das Kompliment.
Mit freundlichen Grüßen, Barbara Holsten
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 30.01.2006
Die Antwort von Herrn Berger
"... Selbst der schlecht behandelte Hund liebt grundsätzlich seinen
Halter unvoreingenommen ..."
Natürlich finden wir das rührend. Dabei ist es
nur Verhaltens- Biologie. Hypothalamus, Oxytocin, Vasopressin, geprägtes Verhalten. Bedingungslose
Unterordnung unter den Rudelführer. Wir empfinden das geschmeichelt als "Liebe". Im zwischenmenschlichen
Kontakt schätzen wir eine solche "hündische" Liebe keineswegs. Sie romantisieren also schon wieder. Mir
bedeutet die Liebe eines Menschen mehr als die Liebe eines Hundes.
"... weil wir Menschen immer - oft unbewusst - einen kleinen Winkel unseres
Selbst zurückhalten und uns einem geliebten Menschen nicht bedingungslos anvertrauen, es gar nicht können.
Da ist wohl ein Rest Selbstschutz mit im Spiel, eine -unbewusste - Angst, durch den Artgenossen verletzt
werden zu können ......"
Sind Sie da sicher? Ich bin mir da nicht sicher. Zum Einen
bin ich mir nicht sicher, ob da immer so ein Rest Selbstschutz bestehen bleibt. Zum Anderen frage ich mich, ob
uns das bei einem geliebten Menschen stören müsste. Vielleicht schätzen wir das sogar, denn verlangen wir
in einer Beziehung tatsächlich die totale Aufgabe des anderen? Ein Beziehung könnte doch gerade davon leben, dass
man wechselseitig immer wieder die Grenzen spürt und austestet, die man beim anderen
überschreiten bzw. nicht
überschreiten darf.
"...Da sein Spiegelbild keinen Eigengeruch hat, ist es für ihn
uninteressant..."
Natürlich weiß ich das. Der "Spiegeltest" erfreut
sich einer gewissen Beliebtheit in der Bewusstseins- Forschung. Vielleicht haben Sie schon davon gehört: Wenn man
einem Schimpansen mit Lippenstift einen roten Fleck auf die Stirn malt und er sieht sich im Spiegel, so fasst er
sich selbst an die Stirn. Das funktioniert auch mit Gorillas, ob auch mit Orangs,
weiß ich nicht. Es funktioniert
weder mit Hund noch mit Katz. Und es funktioniert auch nicht mit anderen Tieren, die auch eher visuell orientiert
sind, wie wir.
"... Boot ... Schwiegermutter ... Hund ..."
Oh Gott, jetzt geht DAS wieder los. Entschuldigen Sie,
bitte, Sie können das nicht wissen, aber ein anderer Korrespondenzpartner wollte von mir wissen, wie hoch
ich den Wert eines Neugeborenen einschätze, das als einziges einen Flugzeugabsturz
überlebt und von einem Kannibalen
gefunden wird. An das musste ich jetzt denken.
Die Schwiegermutter ... Der Hund ... Ich fürchte, wir
würden alle 3 elendiglich ersaufen ... Aber bitte, ich will kein Spielverderber sein. Nehmen
wir es einmal an. Die beiden können natürlich nicht schwimmen, bzw. nur schlecht und wenig ausdauernd. Hunde
können doch immer schwimmen, und besser als wir, oder? Aber bitte, ich weiß eh, worauf sie hinaus wollen.
Was würde ich tun ... Ich kann also nur einen retten, denn beide zu retten wird mir zu viel. Stimmt's? Und ich
soll außerdem noch diese Schwiegermutter nicht besonders mögen; ich soll sogar in Versuchung geraten, mir zu
denken: Was für eine günstige Gelegenheit; und natürlich war es dann ein tragischer Unglücksfall.
Ich schätze, in einer solchen Situation sind wir direkt
mit unserem Gewissen konfrontiert. Wir können dann bei keiner Instanz mehr nachfragen, wir müssen selbst
voll zuständig sein für das, was wir für gut und für böse halten. Ich würde alles daran setzen, beide zu
retten, aber wenn wirklich nur einer zu retten ist, würde ich den Menschen retten, auch wenn es jemand ist,
den ich nicht leiden kann, und auch wenn es mein Lieblingshund ist. Denn es ist ein Mensch, und der Hund ist
nur ein Tier.
"... Was würde ein Jaina im Bootsfall tun?"
Ich schätze, er würde beim Versuch, trotzdem beide
zu retten, mit beiden solidarisch ertrinken.
"... dass das Tier selbst noch sprachlich diskriminiert wird. Es heißt
nicht menschisch, nicht pflanzisch, aber tierisch!... "
Dafür haben wir "menschlich"
und "pflanzlich".
"... Wir haben identische Verhaltensweisen mit den Tieren, die aus
dieser Erbinformation stammen. Dieses reflektierte Wissen, das nur wir Menschen haben, verpflichtet uns zu
einem ganz besonderen Umgang mit den Tieren. Sie sind unsere Brüder, ob es uns gefällt oder nicht ..."
Nein. So nahe verwandt sind sie uns nicht. Sie geben ja
selbst zu, dass nur wir Menschen "reflektiertes Wissen" besitzen. Das besitzen die Tiere nur in einem sehr
eingeschränkten Mass. Wenn die Tiere unsere "Brüder" wären, müssten sie das auch haben. Finde ich.
"...wird der Mensch, solange er die Tiere nicht in Ruhe lässt,
selbst nicht zum Frieden mit sich und seinesgleichen kommen ..."
Ich kann Ihnen bei Ihrer Argumentation ganz gut folgen.
Wir fühlen uns den Tieren verwandt, manchen mehr, manchen weniger. Deshalb können wir uns vorstellen, wie
sie sich in bestimmten Situationen fühlen. Z.B. sind die physiologischen Symptome der Angst bei vielen
Säugetieren ähnlich. Das beeindruckt uns. Wir empfinden als normaler gesunder Mensch Mitgefühl. Dieses
Mitgefühl müssen wir uns eingestehen, sonst nehmen wir Schaden an unserer Seele (sag ich jetzt einmal so).
Und wir dürfen nicht im Gegensatz dazu handeln. Wir müssen beim Umgang mit Tieren mitfühlend sein. Das ist
Allgemeingut ("Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz"). Das alles macht es mir aber
nicht unmöglich, eine Kuh zu melken, ein Schaf zu scheren, einer Henne das Ei zu klauen, oder den Bienen den
Honig. Wir achten darauf, dass die Kälber trotzdem genug Milch kriegen, dass die geschorenen Schafe nicht frieren,
die Hühner nicht aussterben, und dass die Bienen einen Ersatz bekommen und auch ohne ihren Honig
über den Winter
kommen. Und es macht es auch nicht unmöglich, Tiere zu töten, vorausgesetzt, wir machen daraus
für das
Tier keinen Horrortrip. Man kann das nicht mit dem himmelschreienden Unrecht gleichsetzen, das geschieht,
wenn ein Mensch von Menschenhand getötet wird (sag ich jetzt einmal sehr pathetisch; jetzt könnte man
über
die Todesstrafe diskutieren).
Aber Mitternacht ist gerade durch, und es gibt ja sicher
ein nächstes Mal. Es tut mir Leid, wenn ich Inhalte, die Ihnen wichtig waren, jetzt nicht behandelt hab.
Erinnern Sie mich ruhig daran.
Mit besten Grüßen,
Michael Berger
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 13.02.2006
Die Antwort von Frau Holsten
Sehr geehrter Herr Berger,
Zu: bedingungslose Liebe eines Hundes:
"... es ist nur Verhaltensbiologie, ... geprägtes
Verhalten. Bedingungslose Unterordnung unter den Rudelführer ..."
Mit anderen Worten: Des Hundes Liebe ist ein automatisch ablaufender Vorgang,
der zwar nicht jenseits seines Bewusstseins, aber ohne Einflussmöglichkeit durch den Hund selbst abläuft.
Der Hund kann gar nicht anders handeln, deshalb ist seine "Liebe", weil wir sie mit menschlichen
Maßstäben messen zwar "rührend", aber wertlos, denn sein Verhalten ist nicht Liebe, sondern beruht
auf schlichter Prägung, die dazu führt, sich bedingungslos unter den Rudelführer unterzuordnen.
Macht er das wirklich in meinem Beispielsfall des brennenden Hauses? Ich glaube,
wir müssen hier zweierlei Dinge auseinander halten, nämlich Gehorsam einerseits und Liebe andererseits.
1. Gehorsam als das bei Prägungsabschluss stabilisierte Verhalten bei einem
Rudeltier (der Mensch ist in diesem Sinne auch ein "Rudeltier"). Die Prägung ist das Ergebnis des
Lernprozesses eines Jungtieres, das sich in eine Gruppe einordnen muss, um von ihr nicht ausgestoßen zu werden.
Denn ohne Gehorsam, man könnte es auch Anerkennung der Spielregeln nennen, funktioniert kein Rudel. Deshalb müssen
die in einem Rudel lebenden Tiere untereinander die Rangfolge "ausmachen", wobei Jungtiere noch weitgehend
Narrenfreiheit genießen, ganz so wie es bei Menschenkindern auch ist. Diese Rangfolge wird nur solange beibehalten,
als sie Sinn macht. Der Rudelführer kann sich nur solange halten, wie seine Position dem Rest des Rudels nützt.
Das ist sein Preis, der Boss sein zu können. Übertragen auf den Menschen und seinen Hund bedeutet dies also, der
Hund müsste sich spätestens dann gegen seinen Menschen auflehnen, wenn dieser nicht mehr den Boss spielt, also
nicht den Überlegenen herauskehrt. Und so ist es in der Regel auch Das hängt aber auch von der Rasse und
dem "Gemüt" des Hundes ab, inwieweit der Hund dann seinen Menschen Mores lehrt. Oft zu beobachten bei
Hunden, die ihren Menschen nicht mehr als Rudelführer anerkennen und mit ihm machen, was sie wollen. Deshalb
ist es für ein gedeihliches Zusammenleben zwischen Hund und Hunden, Hund und Menschen, Menschen und Menschen
nötig, rechtzeitig die Spielregeln zu verdeutlichen. Bei Hunden wie auch Menschen gilt: "Was Hänschen
nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!" (oder nur unter sehr schmerzhaften Erfahrungen).
Im vorgegebenen, nicht erfundenen Fall, versuchte der Hund den Säugling
seines "menschlichen Rudelführers", der sich nebst Säugling schlafend im Haus befand, aus dem brennenden
Haus zu retten. Also o h n e dass er den Befehl dazu bekam oder zur Rettung von Kleinkindern abgerichtet war.
Dass er dabei sein Leben "aufs Spiel setzte" und verlor, geht m. E. über das normale "sozialadäquate"
Verhalten eines "Rudeltieres" hinaus. Denn es handelte sich nicht um einen "normalen" Feind,
sondern um ein sich rasch ausbreitendes Feuer. Der Instinkt jedes Lebewesens, in aussichtsloser Lage
zuerst das eigene Leben zu retten, war bei dem Hund außer Kraft gesetzt. Ganz genau so, wie es bei einer
liebenden Mutter gewesen wäre. Auch sie wäre schon rein instinktiv bereit, sich in die Flammen zu stürzen,
um ihr Kind zu retten, würde sie nicht zurückgehalten werden. Und diese Verhaltensweisen bezeichne ich als
altruistisch, letztendlich beruhend auf "Liebe".
2. Wir Menschen neigen offenbar dazu, zu glauben, dass nur die Liebe, die auf
einem - gesteigerten -reflektiertem Bewusstsein beruht, etwas wert ist.
Sind wir also in der Lage, unsere Gefühle, wie Liebe, bewusst zu steuern, ihnen
eine bestimmte Richtung zu geben, sie gar zu manipulieren? Können wir z.B. sagen, "ich will Dich
nicht lieben"? Ja, das können wir wohl. Welche Voraussetzungen und Folgen hat dies aber für uns. Wohl
diejenigen, dass wir Gründe finden müssen, um gegen unsere ursprünglichen Gefühle handeln zu können.
Die "Vernunfts"- Gründe verhelfen uns dazu. Letztendlich können wir unsere uns nicht in den Kram
passenden Gefühle aber nicht auslöschen, sondern nur verdrängen.
Die Rechnung eines solchen Verhaltens wird dann bezahlt durch ein Kranksein
an Körper und Seele.
3. Was ist aber "Liebe"? Ganz unpoetisch ausgedrückt :Gefühle
die auf körperchemischen Vorgängen beruhen. Die Konzentration des Hundes auf heutzutage wegen der üblichen
Kleinfamilien nur wenigen Mitglieder eines menschlichen "Rudels" mag dieses "Zusammengehörigkeitsgefühl"
stärken. Ich sehe "Liebe" aber nicht als notwendige Folgeerscheinung einer Prägung (s.o.), sondern eher
als einen biologisch notwendigen und vom Prägevorgang unabhängigen Vorgang an, der allerdings den
späteren Prägevorgang erleichtern kann.
Grund: Der Prägevorgang stabilisiert das Sozialverhaltens eines Individuums
in einem Interessenverband (Rudel), mehr m. E. nicht. Das Funktionieren eines solchen Verbandes hängt nicht in
erster Linie von Liebe, sondern von Gehorsam ab. Liebe erleichtert Gehorsam, ist aber keine notwendige
Voraussetzung für Gehorsam.
Bei den tierlichen Verbänden gebietet es grundsätzlich die Überlebensregel,
dass sich die Individuen dem Gruppeninteresse unterordnen. Bei den menschlichen Verbänden ist diese Regel
heutzutage gelockert. Sie gilt nur noch in Krisenzeiten.
Das Zusammengehörigkeits -"Gefühl" zwischen verschiedenen
Individuen wird als "Liebe" bezeichnet ( bei Mensch und Tier) Der biologische Zweck der Liebe,
auch beim Menschen, liegt in der Erhaltung der Art durch Weitergabe der Gene. Das bedeutende Steuerungsorgan,
der Hypothalamus, inkl. Oxytocin, Vasopressin findet sich bei Hund und Mensch. Ebenso das geprägte
Verhalten. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Mensch versuchen kann, sich gegen die Folgen
seines "Geprägt- worden- sein" mit Hilfe des Psychiaters zur Wehr zu setzen.
Die "hündische" Liebe (der Begriff diskriminiert nicht nur Tiere)
schätzen wir im zwischenmenschlichen Bereich in der Tat nicht. Wir wenden Sie aber als Menschen da an,
wo wir uns einer höheren Instanz völlig unterordnen und unsere Individualität hingeben. Ganz wie der
Hund dem Menschen. So gesehen müssten wir die Liebe all der Nonnen und Mönche, der Heiligen und anderen
Diener des Herrn als hündisch bezeichnen. Zudem setzen diese Menschen der Liebe des Hundes gegenüber
seinem irdischen Herrn noch etwas drauf. Sie lieben ebenfalls uneingeschränkt, aber in diesem Falle
ein unbewiesenes "höheres Wesen", dies aber nicht nur bei vollem, sondern zusätzlich
menschlich- reflektiertem Bewusstsein.
Ich finde es höchst eigenartig, aber wiederum bezeichnend für die
Eitelkeit der Menschheit, dass noch keiner, mir ist jedenfalls niemand bekannt, auf diese Art hündischer
Liebe hingewiesen hat. Im Gegenteil, die Damen und Herren, die sich dieser Art von Hingabe widmen, werden
hoch verehrt.
Auch mir bedeutet die Liebe eines Menschen mehr als die eines Tieres.
Auch dem Hund, hätte er die Wahl zwischen den Arten und Individuen, bedeutete doch sicher die Liebe seines
Artgenossen (das Zusammengehörigkeitsgefühl mit diesen) mehr als die Liebe des Menschen zu ihm.
Das "Mehr-Bedeuten" verstehe ich nicht im Sinne der Abqualifizierung des Nicht-Artgenossen. Ich würde
eher sagen, ich bemühe mich jedes Lebewesen auf die mir möglichst beste Art zu lieben und dies schließt
die Berücksichtigung seiner artspezifischen Anlagen und Interessen mit ein.
"... Selbstschutz ..."
Ja, ich bin mir ziemlich sicher. Sie haben schon verstanden, dass
ich nicht von der "Liebe" eines Säuglings zu seiner Mutter ausging, sondern von der Liebe zwischen zwei
erwachsenen Menschen. Menschen, die ihre ganz speziellen Erfahrungen im Umgang mit ihrer Art gesammelt
haben. Kein Mensch ist so rein wie frisch gefallener Schnee (heute auch nicht mehr), wenn er auf einen
potentiellen Liebespartner trifft. Er bringt, genau wie sein Gegenüber, eine Menge an verarbeiteten
aber auch unverarbeitenden Erlebnissen mit. Man spricht ja gerne von "meiner besseren Hälfte", wenn
man glaubt, den richtigen Partner fürs Leben gefunden zu haben.
Eigentlich haben Sie sich die Frage schon selbst beantwortet. Sie
sagten, Sie hielten nichts von einer "hündischen" Liebe im zwischenmenschlichen Bereich. Gemeint ist
damit wohl im gesteigerten Sinne die völlige Hingabe eines Menschen an sein erwähltes Liebessubjekt.
Sie setzte aber nahezu die Selbstaufgabe voraus, in diesem Falle den psychischen Offenbarungseid bis
hin in die letzten Winkel seiner Träume, Sehnsüchte, aber auch Ängste.
Im Normalfall hat unser Gegenüber aus der Zeit der gegenseitigen
"Werbung" ein bestimmtes Bild von uns gewonnen. Dieses Bild wird durch die Realitäten des gemeinsamen
Alltages etwas nach unten korrigiert. Andererseits bietet eine gute (besser: bewährte) Beziehung die
Substanz für gegenseitiges Vertrauen. Das Vertrauen, das man gibt, und das Persönlichkeitsbild, das
der Partner von einem hat, liegen mehr oder weniger auf gleicher Höhe in den Waagschalen einer
sensiblen Waage. Und ebenso verhält es sich umgekehrt. Die Statik einer guten Beziehung beizubehalten
erfordert ein hohes psychologisches Können und Einfühlungsvermögen in die situative Befindlichkeit
des jeweils Anderen.
Wer ist dazu schon konstant in der Lage? Und weil dies kaum einer
sein dürfte, kommt es zu den Winkelchen und Eckchen in unserer "Seele", die wir dem Partner nicht offenbaren.
"... Rest Selbstschutz ... ob uns das stören
müsste? ..."
Nicht unbedingt. Beziehungen können dadurch durchaus interessanter
werden. Allerdings darf man das Austesten der Grenzen nicht überstrapazieren.
"... dafür haben wir "menschlich"
und "pflanzlich" ..."
Ja, aber das tierlich haben wir uns erspart! Eine Sozialwissenschaftlerin
hat sich mit diesem Phänomen befasst und eine Tabelle erstellt. Bei Gelegenheit reiche ich sie rüber.
"... Sie geben ja selbst zu, ...Tiere besitzen
reflektiertes Wissen nur in einem sehr eingeschränkten Mass ..."
Ja, wir sind uns darin einig. Ich möchte aber den graduellen Unterschied nicht zu
Lasten der Tiere betont wissen, sondern folgere daraus eine besondere Verantwortung für den Menschen, der an
der Spitze der Pyramide steht. Andere Menschen wollen sich ihrer Verantwortung entledigen, indem sie auf Gott
und seine angebliche Erlaubnis verweisen, Tiere nach ihrem Belieben nutzen zu dürfen. Ist der monotheistische
Gott dann hier der Rudelchef? Oder sie berufen sich schlicht darauf, dass Tiere schließlich auch Tiere töten
würden. Sehen diese Menschen nicht, dass sie damit eine Löwenethik befürworten? Damit handeln wir gegenüber
den Tieren aber in Wirklichkeit aus der gewonnenen Machtposition heraus, die es uns erlaubt, mit ihnen
grundsätzlich zu machen, was wir wollen. Und dies, ohne zu erkennen, welchen Rückschlageffekt dies auf
unseren eigenen Umgang miteinander hat.
"... Wenn die Tiere unsere Brüder wären, müssten sie das
auch haben ..."
Wenn wir den Begriff "Bruder" allein auf das erhöhte reflektierte
Bewusstsein des Menschen reduzieren, dann haben Sie recht. Eine Verwandtschaft im technischen Sinne
liegt nicht vor, wohl aber im evolutionären Sinne. Abgesehen von den Feinheiten, die unser besonders
reflektiertes Bewusstsein entwirft (wie z.B. einen Gott), unterscheiden wir uns in den grundlegenden
Verhaltensweisen in nichts von den Tieren.
Auf die restlichen Punkte Ihrer Mail würde ich gerne das nächste Mal eingehen.
Mit freundlichen Grüssen
Barbara Holsten
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 27.02.2006
Die Antwort von Herrn Berger
"... versuchte der Hund den Säugling ... aus dem brennenden Haus zu
retten ... o h n e dass er den Befehl dazu bekam oder zur Rettung von Kleinkindern abgerichtet war ... dabei sein
Leben "aufs Spiel setzte" und verlor ... diese Verhaltensweisen bezeichne ich als altruistisch, letztendlich
beruhend auf „Liebe".Selbst der schlecht behandelte Hund liebt grundsätzlich seinen Halter
unvoreingenommen ..."
Ja, sie haben recht. Hunde können einem schon zu denken
geben. Lassie macht so was natürlich jeden Tag ...
"... Das bedeutende Steuerungsorgan, der Hypothalamus inkl. Oxytocin,
Vasopressin findet sich bei Hund und Mensch ... Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Mensch versuchen
kann, sich gegen die Folgen seines "Geprägt-worden-sein"... weil wir Menschen immer - oft unbewusst -
einen kleinen Winkel unseres Selbst zurückhalten und uns einem geliebten Menschen nicht bedingungslos anvertrauen, es
gar nicht können."
Das ist kein kleiner Unterschied. Wir können - und müssen
das jeden Tag - uns gegen das Naheliegende, Biologische entscheiden. Menschen, die das können, genießen unseren
Respekt, während wir andere, die das nicht können, manchmal verachten.
"... müssten wir die Liebe all der Nonnen und Mönche, der Heiligen und
anderen Diener des Herrn als hündisch bezeichnen ... lieben ... ein unbewiesenes "höheres Wesen"..."
Das ist ein Thema
für sich. Auf der einen Seite kann man
diese bedingungslose Unterordnung wirklich etwas merkwürdig finden.
Ein so offenkundiger Verzicht auf Selbstbestimmung findet in
unserer Zeit nicht mehr so einfach ungeteilten Beifall und Bewunderung. Auf der anderen Seite handelt es sich hier ja
nicht um Unterordnung unter ein herrisches Wesen mit all seiner Willkür und all seinen Launen. Es ist vielmehr die
bewusste Aufgabe der begrenzten privaten Identität zugunsten einer "Gemeinde", einer "Kirche", der
man dann angehört und die man dann bildet, gemeinsam mit den Mitschwestern und Mitbrüdern. Das kann man nicht so
einfach vergleichen. Höchstens gelegentlich, wenn eine Nonne oder ein Mönch ihre / seine Rolle falsch versteht.
"... dafür haben wir "menschlich" und "pflanzlich"...
"
Ja, aber das tierlich haben wir uns erspart! Und erspart
haben wir uns auch "menschisch" und "pflanzisch".
"... eine besondere Verantwortung für den Menschen ... sich ihrer Verantwortung
entledigen, indem sie auf Gott und seine angebliche Erlaubnis verweisen, Tiere nach ihrem Belieben nutzen zu dürfen
..."
Ja, wir haben eine besondere Verantwortung, und zwar unserem
Gewissen gegenüber. Wir können uns in andere Wesen hineinfühlen, auch in Tiere, und wir dürfen nicht gegen unser
Gewissen handeln und Tieren Böses antun, ihnen bewusst sinnloses Leid zufügen. Für mich hat das nur insofern mit Gott
zu tun, als Gott Mensch geworden ist und wir für unsere Handlungen jetzt selbst verantwortlich sind, uns nicht mehr
ausreden dürfen auf eine Instanz über uns. Das mögen Juden und Moslems anders sehen.
"... Abgesehen von den Feinheiten, die unser besonders reflektiertes
Bewusstsein entwirft (wie z.B. einen Gott), unterscheiden wir uns in den grundlegenden Verhaltensweisen in nichts
von den Tieren."
Sie halten das für "Feinheiten"? Im Sinne
von "feiner, kleiner" Unterschied? Das ist der entscheidende Unterschied.
Wieder einmal muss ich mich dafür bei Ihnen entschuldigen,
nicht auf jeden Punkt im Detail eingegangen zu sein. Ich habe mir das herausgepickt, was in mir etwas angesprochen hat.
Ich will mich aber nicht drücken. Wenn Sie also die eine oder andere Reaktion vermissen, erinnern Sie mich ruhig
daran.
Mit freundliche Grüßen,
Michael Berger
Die Antwort von Frau Holsten
Sehr geehrter Herr Berger,
nun nähern wir uns einem zentralen Punkt.
Zu: Mönche, Nonnen. "... es handelt sich hier ja nicht
um Unterordnung unter ein herrisches Wesen mit all seiner Willkür ... vielmehr die bewusste Aufgabe der ... Identität
zugunsten einer "Gemeinde", einer "Kirche", der man dann angehört ..."
Wenn wir die Unterordnung ernst nehmen, dann müssen wir das glauben, denken und
tun, was uns der "Chef" des Rudels, in diesem Falle Gott oder sein Stellvertreter auf Erden, der – unfehlbare -
Papst, vorgibt. Andernfalls droht die Exkommunikation, also der Ausschluss aus der Gemeinde der Gläubigen. Als
"Christ" darf man sich nur bezeichnen, wenn man die vorgegebenen Spielregeln der Gemeinde, der man
angehört, und deren Oberhaupt der Papst ist, einhält. Und zwar unabhängig, ob man beim Schummeln erwischt wird
oder nicht. Gilt natürlich auch für Muslime und Juden, die ihre eigenen Spielregeln haben.
Die Regeln verfolgen alle einen gemeinsamen Zweck: Der Stärkung des gruppeneigenen
Glaubens durch ritualisierte Gebräuche, um dadurch den Zusammenhalt der Gemeinde gegen äußere Feinde zu erreichen.
Nun hat der gläubige Mensch das Bedürfnis, sein Revier nicht nur zu erhalten, sondern
auch zu erweitern. Die Folgen kennen wir aus der Kirchengeschichte.
Deshalb sagt auch Karl-Heinz Deschner, der bekannte Kirchenkritiker: "Ich
denke, darum bin ich kein Christ!" Nun mag man einwenden, dass diese Methoden zur Glaubensverteidigung
und -verbreitung bei den heutigen Christen ja nicht mehr angewendet werden würden. Man beruft sich vorrangig auf
Jesus und seine gebotene "Feindesliebe". Aber nicht wahr, wir können unter dieser auch verstehen, dass es doch
auch Liebe sei, wenn wir den "Feind", natürlich zu seinem Besten, notfalls mit Gewalt zu bekehren versuchen.
Und damit sind wir wieder am Anfang allen Übels.
Die Fundamentalisten sowohl des Christentums, als auch der Juden und Moslems
sind nach wie vor treibend am Gange. Wie Sie sicher wissen, sind Fundamentalisten Menschen, die Bibel oder Koran
wörtlich nehmen. In Amerika, aber nicht nur dort, ist religiöser Fundamentalismus weit verbreitet.
Ich hatte vor kurzem eine sehr aufschlussreiche und umfangreiche Korrespondenz
mit einer christlich glaubenden Tante (in Deutschland lebend), die sich mit mir auf eine Diskussion über das
Christentum auf Grundlage der Bibel einließ. Die Erkenntnisse, die ich allein daraus über den Geisteszustand eines
traditionell Gläubigen gewann, waren im höchsten Grade erschreckend.
Ich darf Ihnen folgenden gekürzten, mir gerade übersandten Text, anbieten:
Laura Schlessinger (eine Fundamentalistin) ist eine US-Moderatorin, die Leuten, die in ihrer Show anrufen, Ratschläge
erteilt. Kürzlich sagte sie, als eine achtsame Christin, dass Homosexualität unter keinen Umständen befürwortet
werden kann, da diese nach Leviticus 18,22 ein Gräuel wäre.
Folgender Text ist ein offener Brief des US-Bürgers Jake an Dr. Laura, der
im Netz verbreitet wurde. Hier nun ein Auszug davon:
Liebe Dr. Laura,
vielen Dank, dass Sie sich so aufopfernd bemühen, den Menschen die Gesetze
Gottes näher zu bringen. Ich habe einiges durch Ihre Sendung gelernt und versuche das Wissen mit so vielen
anderen, wie nur möglich, zu teilen. Wenn jemand versucht, seinen homosexuellen Lebenswandel zu verteidigen,
erinnere ich ihn einfach an das Buch Mose 3, Leviticus 18,22, wo klargestellt ist, dass es sich dabei um
ein Gräuel handelt. Ende der Debatte.
Ich benötige allerdings ein paar Ratschläge von Ihnen in Hinblick auf einige
der speziellen Gesetze und wie sie zu befolgen sind,
1) Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiß ich, dass dies
für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (Lev.1,9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Geruch
sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?
2) Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in
Exodus 21,7 erlaubt wird. Was wäre Ihrer Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis für sie?
3) Ich weiß, dass ich mit keiner Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im
Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (Lev.15,9-24). Das Problem ist, wie kann ich das wissen? Ich
habe versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.
4) Lev.25,44 stellt fest, dass ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als
auch weibliche, wenn ich sie von einer benachbarten Nation erwerbe. Einer meiner Freunde meint, das würde auf Mexikaner
zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können Sie das klären? Wieso darf ich keine Kanadier besitzen?
5) Ein Freund von mir meint, obwohl das Essen von Schalentieren, wie Muschel
oder Hummer, ein Gräuel darstellt (Lev. 11,10), sei es ein geringeres Gräuel als Homosexualität. Ich stimme dem
nicht zu. Könnten Sie das klarstellen?
6) Ich weiß, dass das Berühren der Haut eines toten Schweines mich unrein macht.
Darf ich aber dennoch Fußball spielen, wenn ich dabei Handschuhe anziehe? Usw.
Ich weiß, dass Sie sich mit diesen Dingen ausführlich beschäftigt haben, daher
bin ich zuversichtlich, dass Sie uns behilflich sein können. Und vielen Dank nochmals dafür, dass Sie uns
daran erinnern, dass Gottes Wort ewig und unabänderlich ist.
Ihr ergebener Jünger und bewundernder Fan
Jake
Und nun zur weiteren Veranschaulichung ein Textauszug aus der Diskussion mit
meiner Tante. Ich schrieb: "Zunächst eine sinngemäße Wiederholung Deiner Ansicht (der Tante, Anm. Verf.): Weil
Adam und Eva Einsicht (Wissen um Gut oder Böse) gewinnen wollten, aßen sie vom Baum der Erkenntnis ."( Brief v. ...).
Dann schreibst Du: "Gott schuf den Menschen und gab ihm gleichzeitig das Gewissen mit. Damit ist das
Gewissen gottgegeben und keine Folge der Sünde".( Brief v. ...).
"Wenn ich Deine Ausführungen richtig verstehe, dann aßen Adam
und Eva nun doch nicht, wie zuvor behauptet, vom Baum der Erkenntnis, weil sie Erkenntnis wollten. Denn
diese hatten sie ja schon, weil ihnen Gott das Gewissen bei ihrer Erschaffung gegeben hatte und sie ergo
schon vor dem Essen des Apfels zwischen Gut und Böse zu unterscheiden wussten. Sie aßen also aus einem anderen Grund.
Welchem? Hunger? Wohl kaum, schließlich waren sie im Garten Eden. Neugier, ob Gott seine Ankündigung im Falle des
Verstoßes wahr machen würde (... werdet ihr des Todes sterben)? Naja, alles etwas weit hergeholt. Da erinnere ich
mich an Gen. 8,21 ...denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Sie
wollten sein wie Gott, klug! (Gen 3,5-6), mehr sein, als sie waren. Ja, die Jugend im Garten Eden. Nur,
so steht es leider nicht in der Bibel. Und das ist auch einer der Gründe, warum schon frühzeitig die christlichen
Apologeten vollbeschäftigt waren, weil die römisch-hellenistisch Gebildeten solcherart wörtliche Schwachstellen
und Ungereimtheiten der Bibel aufgriffen. Auch der christlich erzogene und sodann zum Heidentum konvertierte
Kaiser Julian setzte sich intensiv mit der Problematik auseinander. ... Ich glaubte, würde ich an den christlichen
Gott glauben, dass Gott den ersten Menschen eine Gewissensanlage gegeben hat, die ausreichte, einfache Verbote
zu verstehen, die Anlage sich aber erst nach dem Essen vom Baum der Erkenntnis (nicht wörtlich zu verstehen), entfaltet
hat. Die ursprüngliche Naivität der Beiden wich nun einer ausgefeilten Erkenntnis. Damit wäre dann das Gewissen nicht
alleinige Folge der Sünde. Die Sünde hätte lediglich das Gewissen „"geweckt", nicht aber geschaffen.
Die Ausformung des Gewissens muss m. E. erworben werden. Um die Gewissensfunktion
erfüllen zu können, muss der Mensch m.E. erst grundsätzlich wissen, w a s gut oder böse ist. Gewissenstätigkeit ist
Wertung von Verhaltensweisen(genauer: der Folgen von Verhaltensweisen). Ist der Verstoß gegen das Verbot Gottes
isoliert betrachtet böse? Ein Kind, das gegen ein elterliches Verbot, und ich unterstelle, dass dieses nicht nur
reine Schikane war, sondern sinnvoll und berechtigt, verstößt, wird den Verstoß erst dann als böses Verhalten
b e g r e i f e n, wenn es die Folgen des Verstoßes zu spüren bekommt. Mit der Folge S t e r b e n können Adam und Eva
vor dem Sündenfall noch nichts anfangen. Ihnen fehlt der Maßstab dazu, w a s Sterben bedeutet. Aber für Verbesserungen
in den Möglichkeiten – sein wie Gott – haben sie eher Vorstellungskraft.
Erkenntnis hat grundsätzlich auch mit Erfahrung zu tun. Zumindest höhere
Säugetiere, denen man lange – von Seiten der Kirche - ein Bewusstsein abzusprechen versucht hat, sind zu einer
Erkenntnisleistung fähig und ziehen Konsequenzen daraus, handeln also durchaus moralisch im menschlichen Sinne.
Beispiel: In einem Experiment setzten Wissenschaftler Rhesusaffen so in einen
Behälter, dass sie voneinander getrennt waren, sich aber sehen konnten. Immer wenn die eine Gruppe Affen Futter
zu sich nahm, bekam die andere, der kein Futter zur Verfügung stand, einen schmerzhaften Stromschlag: Was meinst
Du, was geschah? Die deutliche Mehrheit der Affen stellte das Essen ein, als sie dieses gewahr wurde und hungerte
lieber mehrere Tage, als ihren Artgenossen Leid zuzufügen. Was glaubst Du, liebe ..., wie sich Menschen verhalten
würden, würde man alle menschenbezogene Ethik von Bord werfen, die solche Experimente verbietet, und Menschen
diesem Test unterziehen? Übrigens gibt es den fingierten "Abrahamtest" bei Menschen. Die Erkenntnisse daraus
sind ein Augenöffner und zeigen uns deutlich, was es mit dem Gewissen auf sich hat."
"... Ja, wir haben eine besondere Verantwortung,
und zwar unserem Gewissen gegenüber ... wir dürfen nicht gegen unser Gewissen handeln und Tieren Böses antun,
Ihnen bewusst sinnloses Leid zufügen ..."
Wieso dürfen wir Ihnen sinnvolles Leid zufügen? Sinnlos oder sinnvoll, was
interessiert das die Tiere, wenn sie so oder so leiden müssen, weil der Mensch es so bestimmt? Ein Muslim, der
einen Vortrag über seine Religion gehalten hatte, antwortete mir auf eine Frage zum Schächten: "Ihr Christen
betäubt die Tiere ja nur aus schlechtem Gewissen heraus." Jesus selbst sagt in den Petrusakten, als er mit
ansehen musste, wie ein Mann ein Tier schlug: "Weh euch, die ihr nicht hört, wie es zum Schöpfer im Himmel klagt
und um Erbarmen schreit! Dreimal wehe aber über den, über welchen es in seinem Schmerz schreit und klagt." Im
Friedensevangelium der Essener lehrt Jesus: "Und das Fleisch geschlachteter Tiere in seinem Körper wird
sein eigenes Grab werden. Denn wahrlich, ich sage euch: Der, der tötet, tötet sich selbst, und wer vom Fleisch
erschlagener Tiere isst, isst vom Körper des Todes." Im Thomasevangelium warnt Jesus die Menschen, als sie ein
Lamm zum Fleischverzehr töten: "Werdet friedfertig, damit ihr nicht (auch) zum Kadaver werdet und man
euch verspeist."
Und der Kirchenvater Hieronymus erklärt: "Der Genuss des Tierfleisches war
bis zur Sintflut unbekannt; aber seit der Sintflut hat man uns die Fasern und die stinkenden Säfte des
Tierfleisches in den Mund gestopft; wie man in der Wüste dem murrenden, sinnlichen Volk Wachteln vorwarf.
Jesus Christus, welcher erschien, als die Zeit erfüllt war, hat das Ende wieder mit dem Anfang verknüpft, so
dass es uns jetzt nicht mehr erlaubt ist, Tierfleisch zu essen."
Sie sehen also, ich bin gegenüber der traditionell- christlichen Einschätzung
über die Herkunft des Gewissens, und dem, was dem Menschen nach heutigem christlichem Diktum so alles mit
den Tieren erlaubt sein soll, durchaus skeptisch eingestellt.
Mir persönlich ist es völlig egal, woran die einzelnen Menschen glauben,
solange dies nicht zu Nachteilen für andere Lebewesen führt.
Ich bin der Ansicht, jeder trage seine Last und die seiner arteigenen Gruppe,
verschone aber bitte die Mitglieder einer anderen Gruppe, die unser Elend und unsere Krankheiten nicht
"verschuldet" haben. Man ziehe bitte diejenigen zur Verantwortung, die schuldhaft Krankheiten auf die
Menschen bringen, weil sie aus Profitgier, mit Gewährung unserer Politiker, die wir alle einsetzen, und eben
deshalb gewissenlos handeln.
Dass die natürliche Nahrung eines Rindes oder anderer Pflanzenfresser nicht aus
vermahlenen Bestandteilen seines Artgenossen und anderen Tieren, versetzt mit Spülmittelwasser aus Reinigungsunternehmen,
Hühnerkot, altem Frittierfett und anderen Scheußlichkeiten- übrigens völlig legal – besteht, weiß jeder Trottel.
Was er nicht weiß -und vermutlich auch nicht wissen will -, ist, dass dieses
"schöne Stück Fleisch", dass er beim Metzger oder Discounter erwirbt, ein 3-5 Tage alter Leichnam ist
und nur deshalb so schön rot ist, weil das Fleisch nach der Schlachtung "kosmetisch" behandelt wird, um nicht
als grauschwarzes fasriges Leichenteil in der Auslage zu liegen.
Und wenn wir so leichthin sagen, sterben müssen wir alle einmal, um die Tötung
eines Tieres zu rechtfertigen, das ebenso gerne lebt, wie wir auch, dann frage ich mich, warum wir Menschen es gar
so tragisch nehmen, wenn wir vom Tod bedroht sind. Gerade für Gläubige müsste doch gelten – näher mein Herr zu Dir!
Es lässt sich halt leichter über den Tod eines anderen Lebewesens bestimmen, als
den eigenen Tod hinzunehmen.
Weil die Jainas das erkannt haben, halten sie den Selbstmord für gerechtfertigt,
ja sogar für ehrenvoll, wenn er frei gewählt wird, lehnen aber jegliche Tötung eines Lebewesens durch fremde Hand ab.
"... Gott ist Mensch geworden ..."
Das ist eine Frage des Glaubens.
"... und wir für unsere Handlungen jetzt selbst
verantwortlich sind ..."
So sahen das schon vor Jesus weise Menschen.
Noch ein Nachtrag zu Ihrer vorletzten Mail. Sie schrieben,
"... Wir müssen beim Umgang mit den Tieren mitfühlend sein. Das ist Allgemeingut ("
Quäle nie ..."). Das alles macht es mir aber nicht unmöglich, eine Kuh zu melken, ... Schaf, ... Henne das Ei ...,
Bienen den Honig. Wir achten darauf, dass die Kälber trotzdem genug Milch kriegen, ..."
Wie alle Säugetiere, einschließlich uns Menschen, produziert die Kuh von Natur
aus Milch nur nach der Geburt eines Kalbes und allein zu dem Zweck, dieses Jungtier zu ernähren. Die Milchkuh wird
jährlich geschwängert. Die Schwangerschaft dauert ca. 9 Monate. Für 6 bis 7 Monate im Jahr wird sie gemolken, während
sie noch schwanger ist. Schon wenige Stunden, spätestens 8 Tage nach der Geburt wird der Kuh das Kalb weggenommen –
würde es bei ihr bleiben, wäre dementsprechend weniger Milch für den Menschen übrig. Nach dieser Trennung trauert
sie viele Tage um ihr Kalb – das erschütternde Klagen der Kühe ist ein vertrauter Klang auf dem Land. Die meisten
Kälber kommen auf den Markt, um später, nach einer kurzen, aber leidvollen Existenz ohne Mutter, als Kalbfleisch
verkauft zu werden.
Die Kälber bekommen in der Mastanstalt prophylaktisch Medikamente aller Art.
Dann wird das Tier an einen Magermilchtrunk gewöhnt. Dieser führt in vielen Fällen zum Durchfall. Folge: Die Tiere
trocknen aus. Um sie am Leben zu erhalten, kommen sie an einen Tropf. In einem abgedunkelten Stall, eingezwängt in
eine kleine Holzbox, werden die Tiere nun größer und brauchen mehr Futter. Nun wird aber nicht die Futtermenge
erhöht, sondern die Konzentration der Nährstoffe darin. So wird das Futter bald eine Art Pudding, mit dem der Durst
nicht mehr gestillt werden kann. Dennoch gibt es kein Wasser, damit die Tiere immer heißhungrig auf den Pudding sind.
Schließlich muss das Kalb jeden Tag mehr als 1 kg zunehmen. Damit es nicht wieder zum Durchfall kommt, wird der
Pudding auf 38 Grad erwärmt. Das wiederum führt dazu, dass die Tiere beim Essen schwitzen. Juckreiz tritt auf, beim
Kratzen mit der Zunge werden Haare ausgerissen, die in den Pansen wandern und dort vor sich hinfaulen und Giftstoffe
entwickeln, bis das Tier geschlachtet wird. Damit das Kalbfleisch später eine schönweiße Farbe erhält, wird peinlich
darauf geachtet, dass nur sehr wenig Eisen im Pudding ist. Dadurch werden die Tiere blutarm. Sie bekommen schwere
Atembeschwerden und Kreislaufstörungen.
Nachdem der Kuh das Kalb weggenommen wurde, wird die Kuh zweimal täglich an die
Melkmaschine angeschlossen, um den Milchfluss anzuregen und aufrechtzuerhalten – ein Kalb hingegen würde natürlich
wesentlich öfters saugen. Jede Frau wird nachvollziehen können, wie es ist, wenn ihre empfindlichsten Stellen auf
äußerst unsensible Weise berührt und missbraucht werden. Den Milchfluss anzuregen, obwohl der Nachwuchs tot ist,
erscheint mir aufs tiefste abstoßend, und es fügt der physischen Verletzung die seelische Qual hinzu.
Die weiblichen Kälber, die nicht geschlachtet werden, durchleben das gleiche wie ihre
Mutter zuvor, nur um dann zum Dank zum Schluss, wenn sie nicht mehr ausreichend Milch geben können, weil ausgelaugt,
als Großmütter auch noch geschlachtet und verwurstet zu werden.
Kuhmilch ist entgegen der unverschämten Werbekampagnen der Milchindustrie kein für
Menschen notwendiges Nahrungsmittel und auch kein natürliches Geschenk der Kühe an uns. Im Gegenteil: Es ist ein
gesundheitlich höchst bedenkliches Nahrungsmittel und beugt auch keinesfalls Osteoporose vor, wie viele noch glauben.
Schafe werden vielerorts, entgegen der landläufigen Meinung, nicht mehr in warmen,
sondern in kalten Zeiten - kurz vor Einbruch des Winters - geschoren, wenn also das Fell eine besondere Güte hat und
wohl auch, weil Mensch keine Zeit beim Profitstreben vergeuden möchte. Unzählige Schafe verrecken dadurch erbärmlich
durch Erfrieren.
Hühner: Ein Kapitel für sich. Der menschliche Einfallsreichtum ist grenzenlos, oder
wollen wir besser sagen gewissenlos, wenn es darum geht, maximalen Profit aus der Manipulation anderer Arten zu
schlagen. Und es gibt unter den Nutztieren keine Spezies, die nicht schon seit Generationen genetisch manipuliert
wird. Im Grunde sind diese armen Kreaturen allesamt Missgeburten. Ihre Situation wird sich weiter verschlechtern, wenn
sich der Schrecken der Gentechnik weiter entfaltet.(In Israel wurden inzwischen Feder- und Flaumlose, also nackte Hühner
gezüchtet. Dass diese kaum jemals die Sonne zu sehen bekommen dürften, liegt auf der Hand!)
Für diejenigen, die Eier essen, hat die moderne Industrie die "Batteriehenne"
entwickelt. Sie verbringt "ihr" Leben hintern den Gittern eines winzig kleinen, völlig überfüllten Käfigs, bis
sie an den Folgen von Erschöpfung und Kannibalismus stirbt. Ihr Uterus ist durch das ihr abgezwungene andauernde Eierlegen
völlig ausgeleiert. Sie hat niemals etwas anderes gesehen als das Leid und den Tod ihrer Artgenossen – tagein, tagaus im
17-Stunden-Zyklus künstlichen Lichtes (durch den der natürliche Zyklus mit einem Rückgang der Eierproduktion im Herbst
durchbrochen wird).
Ihre natürlichen Instinkte sind aber noch vorhanden, und es ist arrogant
anzunehmen, dass die Henne unter diesen Bedingungen "glücklich" wäre, nur weil sie nichts anderes kennen gelernt
hat. Dies zeigt sich z.B. an der Geschwindigkeit, mit der sich befreite Hühner einer natürlichen Umgebung wiederanpassen.
Sie nehmen dann ihre natürlichen Verhaltensweisen wieder auf, wie Scharren, Staubbaden oder Sitzen auf Stangen – Dinge,
die ihnen nie erlaubt wurden, und die viele Generationen ihrer Familien nie erleben durften.
Eine "moderne" Henne wird in einer Einheit mit ca. 50.000 Tieren
gehalten (im Falle der "Freilandhaltung" sind es lediglich einige Tausend), und sie legt 300 Eier pro
Jahr. Für jedes Ei verbraucht die Henne 10 Prozent ihrer normalen Kalziumreserven. Trotz der massiven, unnatürlichen
Fütterungsmethoden führt dieser Abbau bei den meisten Hennen zu Osteoporose, und 30 Prozent der aussortierten,
"verbrauchten" Hennen haben gebrochene Knochen. Kommerzielle Legehennen (die entweder Eier "aus
Bodenhaltung" oder "frische" Eier legen) dürfen ein Jahr lang "leben", und viele sterben noch
vor Ablauf dieses einen Jahres an Erschöpfung.
Selbst Hühner in "Freilandhaltung", leben selten ein natürliches Leben, und
auch in diesem Fall haben die meisten Menschen die naive Vorstellung, dass die Bauersfrauen lediglich die übrig gebliebenen
Eier einsammeln, die die Natur im Überfluss liefert. Eine wilde Henne legt im Gegensatz zur domestizierten Henne in der
Regel nur einmal im Jahr 6, maximal bis zu 12 Eier und auch nur dann, wenn sie einen Partner hat. Die große Anzahl
von Eiern, die die heutigen Legehennen produzieren, entsteht einerseits durch das ständige Wegnehmen der Eier
und andererseits durch spezielle Ernährung. Heutzutage sind Eiweißkonzentrate, Farbstoffe (zum Färben des Eigelbs) und
synthetische Hormone gängige Zutaten von Hühnerfutter. Zwangsläufige Folgen sind Erschöpfung und eine frühe Schlachtung. Die
vegetarischen Eieresser übersehen außerdem gern, dass Hennen auch, wie Kühe, männlichen und weiblichen Nachwuchs in
gleicher Anzahl hervorbringen. Für fast jede existierende Legehenne wurde also ein männliches Küken getötet. Dies
gilt genauso für Freilandbestände. Die Details dieser Vorgänge in den modernen Brutanstalten sind nicht gerade appetitlich,
aber da diese Tiere nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt sind, ist ihre Schlachtung gesetzlich nicht geregelt.
So werden die unglückseligen männlichen Küken nach der Geschlechtsbestimmung manchmal lebend in den Fleischwolf geworfen
und zu Düngemittel oder Nahrung für andere Tiere verarbeitet. Mitunter werden sie einfach en masse in Plastikbeuteln
erstickt oder mit Kohlendioxid vergast. Einige Küken überleben jedoch und gelangen dann zwischen ihren toten Artgenossen
in die Wiederverwertungsanlagen. Wie es sich für Großkonzerne gehört, läuft all dies mit Hochgeschwindigkeit und
Fließbandeffizienz ab. Diese Wirklichkeit verbirgt sich hinter jenen Werbebildern von (in der Tat) flauschig-gelben und
munteren Küken, die besonders zu Ostern kommerziell in Szene gesetzt werden.
Ich setze das alles sehr wohl mit dem "himmelschreienden Unrecht", wenn ein
Mensch von Menschenhand getötet wird, gleich. Denn was der Mensch sich selbst antut, ist letztendlich seine Sache. Das
muss er unter sich ausmachen. Was haben die Tiere damit zu tun?
Die Bienen lasse ich jetzt außen vor, da die Mail schon ohnehin sehr lang geworden ist.
Fühlen Sie sich bitte mit einer Antwort nicht unter Druck gesetzt.
Mit freundlichen Grüssen
Barbara Holsten
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 10.05.2006
Die Antwort von Herrn Berger
"... Als "Christ" darf man sich nur bezeichnen, wenn man die
vorgegebenen Spielregeln der Gemeinde, der man angehört, und deren Oberhaupt der Papst ist, einhält."
Nein. Es geht dabei nicht um das "Einhalten
von Regeln". Das wäre zu einfach. Jesus hat z.B. provokant das Sabbath-Gebot missachtet.
"... gemeinsamen Zweck: Der Stärkung des gruppeneigenen Glaubens
durch ritualisierte Gebräuche, um dadurch den Zusammenhalt der Gemeinde gegen äußere Feinde zu erreichen ..."
Für mich ist die Religion etwas anderes.
"... offener Brief des US-Bürgers Jake an Dr. Laura ..."
Ja, ich kenne das. Ist köstlich!
"... Wieso dürfen wir Ihnen sinnvolles Leid zufügen?"
Tiere leiden, früher oder später. Ein "Garten
Eden", in dem das Lamm friedlich neben dem Löwen grast, ergibt keinen Sinn.
Für das Tier ist es irrelevant, ob das Leid von einem Menschen kommt oder von einer anderen Ursache. Wenn wir aber
schon Tiere leiden lassen, um sie oder ihre Produkte zu nutzen, haben wir die moralische Verpflichtung, dieses
Leiden gering zu halten.
"... Petrusakten ... Jesus selbst sagt ... dass es uns jetzt nicht mehr
erlaubt ist, Tierfleisch zu essen."
Ich kann Christ sein, und dennoch kann es
für mich unwichtig sein, welche Aussprüche in irgendwelchen Akten Jesus zugeschrieben werden. Es geht um den
Grundgedanken, nicht um Details. Es geht nicht mehr um Äusserlichkeiten. Das ist mit der Menschwerdung Gottes vorbei.
Früher gab es Rituale, komplizierte Anleitungen, alles Mögliche. Jetzt nicht mehr. Jetzt ist alles in unserem Inneren,
in unserem Gewissen. Person A kann etwas tun, und Person B tut das Gegenteil, und beide liegen richtig, wenn
ihr Gewissen rein ist, und beide liegen falsch, wenn nicht.
"... ... ist es völlig egal, woran die einzelnen Menschen glauben, solange
dies nicht zu Nachteilen für andere Lebewesen führt ..."
Was zum Nachteil des Artgenossen führt, ist
für den Menschen ein moralisches Problem. Denn kein Mensch ist besser und mehr wert als ein anderer. Aber wann
geschieht etwas zum "Nachteil" eines Tieres? Wie soll man das in den Moralkodex mit einschließen? Tut
der Mensch etwas zum "Vorteil" der Tiere, wenn er sie züchtet und füttert und pflegt, im Winter ihre
Unterkunft heizt? Wahrscheinlich denken Sie, er hätte sie von Anfang an in Ruhe lassen sollen, sie kamen wunderbar ohne
ihn zurecht. Aber sie haben auch ohne ihn gelitten, sind verhungert, wurden getötet, wurden krank.
"... Dass die natürliche Nahrung eines Rindes oder anderer Pflanzenfresser
nicht aus vermahlenen Bestandteilen seines Artgenossen und anderen Tieren ..."
Ja, und ich finde das auch schrecklich.
"... wenn wir so leichthin sagen, sterben müssen wir alle einmal, um die
Tötung eines Tieres zu rechtfertigen, das ebenso gerne lebt, wie wir auch, dann frage ich mich, warum wir
Menschen es gar so tragisch nehmen, wenn wir vom Tod bedroht sind ..."
Weil es ein Unterschied ist, ob ein Tier oder ein Mensch
stirbt. Ein Tier bedeutet anderen Tieren oder Menschen weniger als ein Mensch anderen Menschen.
"... spätestens 8 Tage nach der Geburt wird der Kuh das Kalb weggenommen ...
trauert sie viele Tage um ihr Kalb ..."
Auch ich finde es schlimm, wie unsere Nutztiere
behandelt werden. Deshalb bin ich ja der Ansicht, dass dieser Markt reformiert werden muss. Die Haltung muss
teurer werden, ebenso die Produkte. Man darf nicht alles auf Gewinnmaximierung anlegen, denn dann wird die
Lebensqualität der Tiere überhaupt nicht berücksichtigt. Der Mensch ist leider schlecht; er braucht Kontrolle, er
braucht Regeln, an die er sich halten muss, und Leute, die ihn regelmäßig daran erinnern und ihn
kontrollieren.
Ich kann jetzt ca. 1 Woche lang nicht in meine
Mail
schauen.
Mit freundlichen Grüßen,
Michael Berger
Die Antwort von Frau Holsten
Sehr geehrter Herr Berger,
" ... Nein. Es geht nicht um das "Einhalten von Regeln ..."! Das wäre zu einfach.
"Jesus hat ..."
Der natürliche Jesus als Mensch zählt für die Amtskirche nur indirekt im Gegensatz
zu Jesus Christus. Diese Kirche gibt durch ihre Päpste das Diktum heraus, was, wie und woran man zu glauben hat. Das
sind die (Spiel)-Regeln, an die sich ein Christ zu halten hat. Wenn Sie also z.B. die biologisch jungfräuliche Geburt
Marias leugnen, mögen sie auch noch so sehr an Jesus und seine Botschaft glauben, dann sind Sie ein Fall für die oberste
Glaubenskongregation, früher Inquisition genannt, weil sie ein Häretiker sind. Und Häretiker werden aus der Gemeinschaft
der Gläubigen ausgeschlossen. Somit wären Sie ein christlich ambitionierter Heide, aber eben dennoch ein Ungläubiger.
Da nützte alles christliche Handeln nichts.
Sie sind nicht der Einzige, der glaubt, dass Jesus das Sabbat-Gebot missachtet
habe. "Der Sabbat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Sabbat!" heißt es doch so schön.
Jesus hat, vorausgesetzt wir glauben an seine Historizität, (da gab es einen
interessanten öffentlichen Briefwechsel zwischen dem bekannten Romanautor Umberto Eco, der nebenbei auch Professor
für frühmittelalterliche Geschichte ist, und Kardinal Ranieri), das religiöse Regime der Sadduzäer(Hohepriester) und
der Pharisäer (Schriftgelehrte, niederer Priesterstand) als heuchlerisch abgelehnt. Jesus hielt aber im Gegensatz zu
Paulus am Gesetz (Leviticus) fest, er versuchte nur, das Gesetz sinnvoll auszulegen. Darüber sind sich sehr viele
Theologen einig. Diese Erkenntnisse werden den Gläubigen aber nur zugänglich, wenn sie in theologische Werke schauen.
Von der Kanzel gepredigt wird es nicht, und nicht mehr viele Pfarrer glauben nach ihrer Ausbildung selbst noch, was sie
auf Anweisung des hohen Klerus predigen müssen. Welche Worte in den Evangelien Jesus wirklich authentisch zugerechnet
werden können und welche Gemeindetheologie sind, versuchte die Leben- Jesu- Forschung durch verschiedene Methoden
zu ermitteln und kam also zu erschütternden Ergebnissen.
In Anbetracht dessen, dass ein Verstoß gegen das Sabbat-Gesetz nach dem Gesetz der
Juden mit der Todesstrafe belegt ist, und Jesus dadurch nicht zu Tode kam, gehe ich von einer nachträglich gebildeten
Gemeindetheologie aus, wenn behauptet wird, Jesus habe gegen das Sabbat- Gebot verstoßen. Jesus Rebellion gegen
das herrschende religiöse Regime bestand meinen Nachforschungen nach nicht in Taten gegen das Gesetz, sondern in
Worten; in Überzeugungsarbeit, die er mit dem Kopf, nicht den Händen leistete, sieht man einmal von seinen Heilungen ab,
die wiederum größtenteils als Gemeindetheologie unter den theologischen Insidern gelten. Dass er die Priesterschaft nicht
zu erreichen vermochte, lag nicht zuletzt am Interesse derselben, ihre Machtstruktur aufrecht zu erhalten. Wie erinnert
das doch an heutige Verhältnisse!
" ...Für mich ist die Religion etwas anderes ...
"
Die Sakramente, welche die Kirche spendet, sind ritualisierte Gebräuche zu
dem erwähnten Zweck. Ich weiß nicht, was Sie meinen und kann also nur Vermutungen anstellen, die ich hier nicht
äußern möchte, um Ihnen nicht zu nahe zu treten.
" ... Tiere leiden, früher oder später ..."
Ja, natürlich. Das tun wir auch.
"... Ein Garten Eden,... ergibt keinen
Sinn ..."
Warum nicht? Menschen leben von ihren Träumen. Auch von ihren Träumen von einem
Himmelreich, einer Erlösung. Vielleicht hilft ihnen das, zu verstehen, und dadurch besser zu werden. Mit dem
Garten Eden, dem „Paradies“ beginnt die Bibel ihre Erzählung über den Menschen. Im Paradies gab es keinen
Mord und Totschlag. Gen.1,28-31 benennt die dem Menschen und den Tieren von Gott zugewiesene Nahrung, die
kein Blutvergießen erfordert. Die Bibel spricht von einer Schicksalsgemeinschaft zwischen Menschen und Tieren.
Der Mensch reißt durch seinen Sündenfall die gesamte, ehemals gute, weil
friedliche, Schöpfung in den Abgrund.
Oder wollen wir annehmen, dass Gott ein Stümper war und Mängelwesen erschaffte,
die im vornherein darauf lauerten, sich gegenseitig umbringen zu können? Was für ein Gott wäre das denn? Wie könnte
dann Jesus von einem guten Gott, seinem Vater, sprechen?
Wie könnte vor allem Jesus, der geboren vor aller Zeit war, gut sein?
Nehmen wir das alles n i c h t w ö r t l i c h , was in der Bibel steht, dann steht
hinter der Aussage des friedlich neben dem Löwen grasenden Lammes eine weitere Deutung. Jesus wird oft als das Lamm
Gottes bezeichnet. Das Lamm ist das Symbol für Friedfertigkeit, aber auch Leiden. Der Löwe ist das Sinnbild für Stärke,
Macht und Herrschaft. Wie wäre es also mit folgender, mir, wäre ich katholischer Laie, unerlaubter Exegese: Macht und
Herrschaft verlieren ihren Schrecken, weil die Herrscher sie nicht mehr blutrünstig ausüben, nicht mehr die Schwachen
unterdrücken, sondern zum Wohl aller ausüben werden und damit Frieden zwischen den Geschöpfen schaffen, so dass der
Schwache ohne Furcht neben dem Starken bestehen kann.
nd so schließt sich der Kreis. Am Anfang war die Schöpfung gut und sie wird es
am Ende aller Tage nach dem Willen Gottes wieder sein, verkündet einer seiner Propheten. So wäre der Mensch
wahrhaft erlöst. Und: Selbst Paulus klammert die Schöpfung aus dieser eschatologischen Hoffnung nicht aus.
"... Für das Tier ist es irrelevant , ob das
Leid von einem Menschen kommt oder von einer anderen Ursache ..."
Denn leiden muss es eh? wie Sie schon sagten. Ist es also das Schicksal des
Lammes, getötet und gefressen zu werden? Das mag sein. Tragen wir etwa für dieses Schicksal die Schuld (s.o)?
Mag sein. Aber warum es nun auch noch von uns getötet und gefressen werden muss, das übersteigt meinen Horizont.
Haben wir denn keine Wahl? Sind wir denn nicht frei? Können wir so einfach sagen, das „Böse“ geschieht mit oder
ohne uns, also machen wir mit? Können wir also so einfach unser Handeln mit der Irrelevanz für das Schaf
entschuldigen? Vielleicht soll uns die von uns empfundene (schuldlose) Grausamkeit, die in der Natur herrscht,
den Blick für die eigene Grausamkeit öffnen (Die Natur als der Spiegel, in dem wir erkennen können, wie wir als
Erben Adams& Evas sind, aber nicht sein sollten?)
Im übrigen müsste Ihre Aussage mit der Irrelevanz auch für den Menschen gelten.
Folgende Zitate treffen meiner Ansicht nach so ziemlich ins Schwarze:
„Es ist der untrüglichste Maßstab für die Redlichkeit des Geistes einer
Gesellschaft, wie weit sie die Rechte der Tiere anerkennt. Denn während die Menschen sich nötigenfalls, wo
sie als einzelne zu schwach sind, um ihre Rechte wahrzunehmen, durch Koalition, vermittelst der Sprache, zu
allmählicher Erzwingung ihrer Rechte zusammenschließen können, ist die Möglichkeit solcher Selbsthilfe den
Tieren versagt, und es bleibt daher allein der Gerechtigkeit der Menschen überlassen, wie weit diese von
sich aus die Rechte der Tiere achten wollen." (Leonard Nelson 1882-1927, Philosoph, Jurist).
"Wenn der Mensch doch aufhörte, sich auf die Grausamkeit der Natur zu
berufen, um seine eigene zu entschuldigen! Er vergisst, wie unendlich schuldlos auch noch das Fürchterlichste
in der Natur geschieht." ( Rainer Maria Rilke)
"Die bisherige Ethik ist unvollkommen, weil sie es nur mit dem
Verhalten der Menschen zum Menschen zu tun haben glaubte. In Wirklichkeit handelt es sich aber darum, wie der
Mensch sich zu allem Leben, in seinem Bereich befindlichen Leben, verhält. Ethisch ist er nur, wenn ihm das
Leben als solches heilig ist, das der Menschen und das aller Kreatur." (A. Schweitzer)
"Es wird oft gesagt, dass die Menschen schon immer Fleisch gegessen hätten, als
ob dies eine Rechtfertigung wäre, dies weiterhin zu tun. Gemäß dieser Logik dürften wir nicht versuchen, Menschen
daran zu hindern, andere Menschen umzubringen, da dies auch schon seit jeher getan wurde." (Isaac Bashevis
Singer, 1904 –91, Schriftsteller, Nobelpreisträger)
"Man darf Tier, Vögel und Hunde nicht durch freundliches Zureden an sich
locken und sie dann greifen; denn es ist den Menschen nicht erlaubt, tierisches Vertrauen zu täuschen." (Jean
Paul (1763-1825, Dichter)
"... Es geht um den Grundgedanken, nicht um Details, ...
nicht mehr um Äußerlichkeiten. Das ist mit der Menschwerdung Gottes vorbei ... Jetzt ist alles in unserem Gewissen ...
beide liegen richtig, wenn ihr Gewissen rein ist, ..."
Das ist Gedankengut des Paulus. Danach sind wir freigeworden durch Jesus Christus,
und nicht mehr dem Gesetz unterworfen.
Das gilt auch für Frauen, die in den Augen von Paulus zwar schlechtere
(zweitrangige) Menschen, wohl aber etwas bessere Tiere sind.(vgl.1.Kor. 11,3 –13) Ein Ruhmesblatt für die Kirche,
der bis heute die Gleichstellung der Frau schwerfällt.
Die christliche Religion ist eine patriarchalische Religion. Frauen sind Heilige
oder Huren. Psychologisch ist das sehr interessant.
Zur Gottessohnschaft Jesu enthalte ich mich der Stimme.
Was das Gewissen betrifft: Das scheint 2000 Jahre lang den Schlaf des Gerechten
geschlafen zu haben. Keine Religion hat soviel Leid über Menschen und Tiere gebracht wie die christliche.
Irgendetwas muss da von den Christen falsch verstanden worden sein. Oder die christliche Bibel war eines nie:
Der Moralleitfaden freier Menschen.
Das Gewissen steht, ich führte dies schon aus, in Korrelation zu Verhaltensweisen,
gewonnen aus Erfahrungsauswertung. Dies alles im Zusammenspiel mit Gefühl und Vernunft. Das Gehirn ist da voll
im Einsatz.
"... Aber wann geschieht etwas zum "Nachteil"
eines Tieres? Wie soll man das in den Moralkodex mit einschließen? ..."
Ganz einfach: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem
anderen (Lebewesen) zu!"
"... Tut der Mensch etwas zum "Vorteil"
der Tiere, wenn er sie füttert, ..."
Alles was anderen Lebewesen ihr (artgerechtes) Dasein erleichtert, ist für
sie von Vorteil. Und: Es ist auch für den Menschen von Vorteil. Er wird dadurch nicht schlechter oder weniger
wert, wenn er sich auf Tiere einlässt, sondern besser. Denn durch die teilnehmende Fürsorge einem ihm gegenüber
unterlegenen Lebewesen schließt er sein „Herz“ auf. (auch wenn Ihnen das wieder zu romantisch klingen mag!)
Schieben wir dagegen die Not der Tiere aus unserem Blickfeld, laufen wir Gefahr, auch den Blick für menschliche
Nöte aus den Augen zu verlieren. Wenn wir Wertstufen anerkennen, dann kommt noch die andere Gefahr hinzu, dass
wir - wegen unserer Unvollkommenheit - alle Lebewesen, damit auch Menschen, zu Unrecht auf- oder abzustufen
versuchen. Wertstufen öffnen die Büchse der Pandora.
Ich bitte dies alles nicht zu verwechseln mit den "Tierliebhabern", die
ihre Tiere durch Überfütterung zu Tode lieben, oder sie zu ihrem Spielzeug machen, indem sie ihnen wie Puppen
Mäntelchen und Jacken anziehen, die Haare auffönen und was dergleichen noch so alles möglich ist.
"... von Anfang an in Ruhe lassen sollen,
sie kamen wunderbar ohne ihn zurecht ..."
Das wäre der Idealfall gewesen. Die Wirklichkeit sah wohl anders aus. Tiere
kamen auch auf den Menschen zu. Am Anfang vielleicht nur, weil sie Futter rochen, z.B. als Männer nach
der Jagd am Feuer saßen. Die Menschen wussten aus Beobachtung, dass manche Tiere gute Jäger waren, schneller
und geschickter als sie. So entstanden Interessengemeinschaften. Die Hunde halfen bei der Jagd, die Menschen
versorgten sie dafür und gaben ihnen Unterschlupf. Auch Katzen bildeten Interessengemeinschaften mit Menschen.
Man denke nur an die Kornspeicher der alten Ägypter, wo Katzen im Schlaraffenland waren, weil sie ihre
natürlichen Beutetiere im Überfluss vorfanden und so dem Menschen gleichzeitig einige Probleme abnahmen. Ein
Aufeinandertreffen, ein Kreuzen der Wege von Mensch und Tier war also unausweichlich und vielleicht als
Bewährungsprobe des Menschen gottgewollt. Aber wir haben uns mit diesem Gegenseitigkeitsverhältnis, von dem
beide Seiten Vorteile hatten, nicht begnügt. Es reichte uns nicht, sie im Rahmen ihrer Anlagen gewähren zu lassen.
Wir mussten auch noch züchterisch eingreifen. Und während am Anfang beide voneinander profitierten, ist es am
Ende nur noch einer: Der Mensch - der es verstand, die Tiere immer mehr für seine Interessen einzuspannen
ohne den Tieren die ihrigen zu lassen. Zusätzlich verdrängt der Mensch durch seine immense Landnahme ebenso Tiere,
in deren Interesse es gar nicht lag, mit ihm in Kontakt zu treten. Tiere haben kaum mehr Raum, wo sie sich vor
ihm geschützt zurückziehen können. Selbst die Luft und das Wasser hat der Mensch für sich erobert. Alles betrachtet
er als sein Eigentum. Alles für ihn allein. Wie ein kleines Kind, das in seinem noch grenzenlosen Egoismus
Ich, Ich schreit. Wiederholt sich da nicht der Sündenfall? – und sie wollten sein wie Gott? Die Größe des Menschen
könnte in seiner Fähigkeit liegen, sich zurück-zu–nehmen, sich nicht so übermäßig wichtig zu nehmen und dafür
mehr Mitleid und Erbarmen zuzulassen. So wie Jesus es vorgelebt hat. Die Größe liegt im Geben, nicht im
Nehmen. Sonst wird aus Mitleid sehr schnell Selbstmitleid. Und Selbstmitleid fordert Opfer von anderen,
nicht von sich selbst.
"... Aber sie haben auch gelitten, sind
verhungert, ..."
Ja, aber sie waren frei und sie hatten die Chance, ihrem Leben nachzugehen.
Und nichts hätte uns gehindert, ihnen Beistand zu geben. Jedes Wesen in Not hat
Anspruch auf Hilfe. Würden wir das nur einigermaßen beherzigen, könnte die Welt um vieles besser aussehen.
So aber klingt der Hilfeschrei des Menschen, der um alles in der Welt, um jeden Preis, medizinisch
wie seelisch gerettet werden möchte, schrill in den Ohren. Welche Angst ist im Menschen, dass er sich mit
aller Kraft ans Leben hängen will und seinen eigenen Tod nicht anzunehmen bereit ist?
"... Weil es ein Unterschied ist, ob ein Tier oder
ein Mensch stirbt ..."
Nein, es ist das Gleiche, sowohl physiologisch als auch psychologisch. Der
Unterschied besteht nur in der verschiedenen Sichtweise und der Art wie man Nähe zugelassen hat,
kulturell wie auch persönlich. Ich zitiere Konrad Lorenz:
"Die schlichte Tatsache, dass mein Hund mich mehr liebt als ich ihn, ist
einfach nicht wegzuleugnen und erfüllt mich immer mit einer gewissen Beschämung. Der Hund ist jederzeit bereit,
für mich sein Leben zu lassen. Hätte mich ein Löwe oder Tiger bedroht – Ali, Bulli, Tito, Stasi und wie sie
alle heißen, sie alle hätten ohne einen Augenblick zu zögern den aussichtslosen Kampf aufgenommen, um mein
Leben auch nur für einige Sekunden zu schützen. U n d i c h?"
Weiter sagt Lorenz: "Wer einen Hund oder Affen, ja jedes höhere
Säugetier wirklich genau kennt und trotzdem nicht davon überzeugt wird, dass dieses Wesen Ähnliches erlebt
wie er selbst, ist seelisch abnorm. Er gehört meines Erachtens in eine geschlossene psychiatrische Klinik,
da seine Schwäche ihn zu einem gemeingefährlichen Wesen macht."
Die Intensität der Trauerarbeit, die Sie wohl ansprechen wollten, hängt nicht
zwingend mit der Tiefe der vorangegangenen Gefühle zusammen. Sie kann, muss aber keine Reflexion darüber sein.
Sie muss auch nicht sichtbar werden. All dies kann zu großen Missverständnissen führen, weil jede Art ihr eigenes
Trauerverhalten hat. Selbst in der menschlichen Spezies gibt es da immense Unterschiede. Es würde uns sehr
befremden, tanzten und sängen Leute auf einer Beerdigung. Und doch ist das in manchen Kulturen so Brauch.
Andere zeigen keinerlei Anzeichen von Trauer, sondern verbergen ihre Gefühle. Wiederum andere kleiden sich
in weiß, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Gibt es kulturell schon große Unterschiede, wie sehr dann erst
individuelle.
Auch Tiere trauern ganz unterschiedlich nach Art und Individualität. Der
Vogel, der seinen Käfiggenossen verliert und nicht mehr singen mag. Elefanten, die zeit ihres Lebens immer
wieder das Stück Land aufsuchen, auf den sich die Artgenossen zum Sterben hingelegt haben?
Und wie sieht es also bei artübergreifender Trauer aus? Der Hund, der sich
auf das Grab seines Herrn legt und dort tagelang liegen bleibt und winselt und durch nichts von dort wegzubewegen
ist? Der Kater, der alle Lebensfreude verliert, als er glaubt, sein Mensch komme nicht wieder (syn. sei tot?) u.
v.a.m.
Und ich selbst? Ich habe noch nicht viele Trauerfälle erlebt, bei denen menschlich
nahestehende Angehörige verstorben sind. Ich kann nur sagen: Allein ihr Menschsein war es nicht, was mich zu
einer speziellen Trauer gebracht hat. Allein das Tiersein wäre es nicht. Es ist der Grad der gegenseitigen
Zuneigung, die man erfahren hat. Ich schäme mich nicht zu gestehen, dass ich um ein geliebtes Tier genauso
trauern könnte wie um einen geliebten Menschen. Nicht die Art wäre demnach für die Intensität der Gefühle
ausschlaggebend, sondern der Grad der Übereinstimmung, der erzielt werden konnte. Trauer wie Liebe sind sehr
persönliche Gefühle. Sie fallen dorthin, wohin sie fallen wollen, ganz unabhängig davon, ob das Subjekt der Liebe
gesellschaftsfähig ist oder nicht.
"... Auch ich finde es schlimm, wie unsere
Nutztiere behandelt werden ..."
Das spricht sehr für Sie.
"... der Ansicht, dass dieser Markt reformiert
werden muss ..."
Kurzfristig ja, langfristig nein. Ich weiß, dass die Annahme illusorisch ist,
die Nutztierhaltung löse sich nach einer gewissen Übergangszeit in Wohlgefallen auf.
Und es ist besser so viel wie nur möglich für die Tiere zu tun, als alle
Reformen abzulehnen und auf Abschaffung zu plädieren. Aber das ist die Vernunft, die spricht. Mein Gefühl
lehnt sich bei der Vorstellung heftig auf. Da ist eine so tiefe Betroffenheit, ein solches mit den Tieren
verwundet- sein zu spüren, dass das Gefühl dem Verstand Hohn spricht. Und der Mitmensch, der sein Fleisch,
seine Eier und seine Milch vor meinen Augen isst und trinkt und fröhlich ist, ahnt nichts davon, hat keine
Vorstellung davon, wie schon alleine der Blick auf seinen Teller auf mich wirkt.
Können sich so diejenigen gefühlt haben, die an einem Kannibalentisch
Platz nahmen und nicht wussten, wie erkläre ich meinem Gegenüber den Eindruck, den sein Verhalten auf mich
macht, ohne ihn in seiner Ehre zu kränken?
"... Der Mensch ist leider schlecht ..."
Nein, ich glaube das – entgegen der Bibel – nach wie vor nicht. Er wird
schlecht, weil er falsch angeleitet wurde. Er verhält sich schlecht, weil er, wenn er nicht frei ist, seinen
Traditionen verhaftet und ein Gewohnheitstäter geworden ist. Und vielleicht aus deshalb, weil ihm ein
überzeugender ethischer Rahmen und Vorbilder fehlen, die er akzeptieren kann. Aber er ist nicht schlecht
von Grunde auf. Das wird uns Menschen nur von den mächtigen Herren über die Religion eingeflösst, damit man
uns unfrei, abhängig, schuldbehaftet und damit erlösungsbedürftig machen kann. Der Mensch vermag auch Gutes
zu tun. In dem Glauben, dass er grundsätzlich gut ist, darin muss er bestärkt werden. Das gibt ihm Ansporn,
besser zu werden. Und nur so kann die Einsicht wachsen, Unrecht Gut gedeihet nicht.
Mit freundlichen Grüßen
Barbara Holsten
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 29.06.2006
Antwort von Herrn Berger
Sehr geehrte Frau Holsten, Sie schreiben:
"... Wenn Sie also z.B. die biologisch jungfräuliche
Geburt Marias leugnen,... dann sind Sie ...ein Häretiker ..."
Nein. So einfach ist das nicht. Alles ist relativ, alles
ist in Bewegung, auch in der Kirche, die ja eine lebendige Gemeinschaft in der Geschichte ist. Giordano Bruno wurde
verbrannt, und hier irrte die Kirche. Ich glaube, irgendein Papst hat sich inzwischen deshalb sogar schon
"entschuldigt", wenn ich das richtig mitgekriegt hab. Früher wurde leider vieles allzu wörtlich genommen,
weil in weiten Kreisen der Kirche das Grundverstaendnis fehlte. Die sogenannten Glaubenswahrheiten sind nicht so
einfach zu erklären, deshalb hat ja auch schon Jesus Zuflucht bei Gleichnissen genommen. Ein Gleichnis darf man
nicht wörtlich nehmen, genau das ist aber bei vielen verständnislosen Menschen geschehen. Die haben dann mehr an
Zauberei und Hokuspokusgedacht, nicht an das, was wirklich gemeint war. So verhält es sich auch mit der
angeblichen "jungfräulichen" Geburt Jesu: Es ist kein realer, materieller Vorgang gemeint. Das ist schwer
zu verstehen, und in der Vergangenheit haben das sogar viele wichtige Kirchenvertreter nicht wirklich verstanden. Leider
zeigt die Kirche selbst heute wenig Interesse daran, den Gläubigen die Dinge richtig zu erklären. Ich halte das für
einen schweren Fehler. Der christliche Glaube könnte, richtig erklärt, für alle Menschen viel befriedigender und
einleuchtender sein, wenn man endlich auf die alten Kindermärchen verzichten würde.
"...Der Mensch reißt durch seinen Sündenfall die gesamte, ehemals gute, weil
friedliche, Schöpfung in den Abgrund ..."
Nein, was ist denn der "Sündenfall"? Der Mensch aß
vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und Gott sagte: Siehe, er ist geworden wie unsereiner und weiss jetzt,
was gut und boese ist. Das ist unser "Sündenfall": Wir sind autonom geworden, selbst handelnd, bewusst als
eigene Autorität handelnd. Damit können wir auf einmal "Schuld" auf uns laden, deshalb also
"Sündenfall". Und Jesus hat uns schließlich aus dem Dilemma erlöst. Rückkehr ins Paradies hieße:
Rückkehr in die Bewusstlosigkeit, in die Unfreiheit, in die Abhängigkeit. Der Mensch aber will frei sein, selber
handeln, selber entscheiden, selber verantwortlich sein. Er handelt vor seinem Gewissen, und in Freiheit genügt ihm
das: vor seinem Gewissen selbst zu bestehen, als Autorität.
"... das Schicksal des Lammes ... warum es ...von uns getötet und gefressen
werden muss ... Sind wir denn nicht frei? Können wir so einfach sagen, das "Böse" geschieht mit oder ohne uns,
also machen wir mit?"
Das ist es ja gerade. Wir SIND frei. Wir sind die einzigen
"Tiere", die aus freien Stücken handeln können. "Böse" und "Gut" definiert
sich für uns aus unserer Freiheit. Wenn wir uns gehen lassen und unseren "Trieben" folgen, sind wir unfrei
und handeln "böse". Wenn wir jemanden hassen, handeln wir schon böse, auch wenn wir demjenigen noch gar nichts
getan haben. Wir handeln "gut", wenn wir bei dem, was wir tun, nicht auf unseren momentanen Gewinn
und Genuss achten. Das Kriterium dafür, was gut und böse ist, wurde durch die Erlösung durch Jesus Christus
"internalisiert": Nur jeder selbst weiss, was richtig und was falsch ist. Es gibt keine äußeren Kriterien mehr.
Es gibt für unser Gericht nur mehr die totale Wahrheit: was in jedem von uns wirklich drin ist, unsere Gedanken,
Gefühle, geheimsten Wünsche, all das gilt jetzt, und nichts anderes, nichts Sichtbares, Messbares. Damit sind wir vom
Materiellen befreit. Deshalb heisst es von Jesus, er habe Kranke geheilt, ja sogar Tote auferweckt, weil das
Biologische mit ihm irrelevant geworden ist. Was zählt ist nur mehr die jeweilige innere persönliche Geschichte, die
Bestand haben kann oder nicht. Das weiss nur jeder Mensch für sich allein. Wir können und müssen einander dabei
helfen ("Liebe"). Das Töten eines Tieres, so es nicht aus Hass geschieht, bedeutet keinen "schwarzen
Punkt" auf unserem Punkteführerschein "Seele". Es ist ein realer Vorgang, wie jeder andere reale
Vorgang auch.
"... wie unendlich schuldlos auch noch das Fürchterlichste in der Natur
geschieht ..."
Und Rilke hat recht: Da Tiere keine Eigenverantwortung
kennen, kennen sie natürlich auch keine Schuld. Deshalb sind Tiere aber nicht besser als Menschen. Tiere sind
gewissermassen immer noch im Paradies. Vielleicht wird sich ja in ein paar Hunderttausend Jahren bei Schimpansen
der "Sündenfall" ereignen, wer weiss..."
"... der Mensch ... Ethisch ist er nur, wenn ihm das Leben
als solches Heilig ist, das der Menschen und das aller Kreatur."
Was heisst "heilig"? Wieder sage ich: Nichts ist
öese und falsch und unheilig, nur weil es einem bestimmten aeusseren Vorgang entspricht (z.B. das Töten eines
Tieres).
"... Menschen schon immer Fleisch gegessen ... eine
Rechtfertigung ... dies weiterhin zu tun ... andere Menschen umzubringen, da dies
auch schon seit jeher getan wurde ..."
Nein. Das ist ein grosser Unterschied. Es geht nicht um die
Frage, ob wir andere Menschen umbringen oder nicht. Es geht um die Frage, ob wir andere Menschen hassen; ob wir
uns ueber den Tod eines anderen Menschen einen Vorteil verschaffen. Das ist der Kern der Sünde, nicht die Tat an
sich.
"... Frauen, die in den Augen von Paulus zwar
schlechtere (zweitrangige) Menschen ..."
Immer wieder dreht man dem armen Paulus aus ein paar
Stellen seiner Briefe einen Strick. Natürlich klingt da manches aus heutiger Sicht blöd. Für mich wird damit das
andere, was er geschrieben hat, nicht entwertet.
"... Jesus ... eine der wenigen Ausnahmeerscheinungen ... Ich wage zu
bezweifeln, dass eine solche Selbstaufgabe jedem "gewöhnlichen" Gewohnheits-Menschen in vollem Umfang
möglich wäre."
Das "Neue Testament" soll quasi eine Anleitung
dazu sein, am Beispiel eines Menschen, der´s geschafft hat. Nicht jeder hat das Zeug dazu, sein Leben zu einer
solchen Demonstration zu machen.
"... durch die teilnehmende Fuersorge einem ihm
gegenüber unterlegenen Lebewesen schließt er sein "Herz"auf."
Ich akzeptiere das gerne. Kann ich gut nachvollziehen. Das
hat auch etwas "Christliches" an sich. Denken wir an Franz von Assisi.
"... Wenn wir Wertstufen anerkennen, dann kommt noch
die andere Gefahr hinzu, dass wir – wegen unserer Unvollkommenheit – alle
Lebewesen, damit auch Menschen, zu Unrecht auf- oder abzustufen versuchen.
Wertstufen öffnen die Büchse der Pandora."
Was heisst denn das, "Wert"? Sagt das,
wie "wichtig" etwas ist? Wieviel Aufmerksamkeit ich widmen muss? Wieviel Sorgfalt? Wenn etwas fuer
mich einen "Wert" hat, dann sagt das doch etwas darüber aus, was ich zu investieren bereit bin, wie viel
ich bereit bin, für dieses Etwas zu tun. Und da soll ich nicht abstufen? Gar nicht? Wie soll das funktionieren? Irgendwo
muss ich doch Grenzen ziehen, ich kann nicht die ganze Biologie als eine einzige Masse mit "Wert",
mit "gleichem Wert" betrachten. Da wird ich doch verrückt. Darf ich auf keinen Grashalm treten, weil das ein
Lebewesen ist? Keinen Pilz aus dem Wald mitnehmen? Muss ich den Notarzt holen, wenn ich versehentlich auf eine
Ameise getreten bin? Es bleibt uns doch gar nichts anderes übrig, als Grenzen zu ziehen. Wo ziehen Sie die
Grenze?
"... Interessengemeinschaften. Die Hunde halfen bei der
Jagd ... Katzen ... Kornspeicher der alten Ägypter ... Der Mensch – der es
verstand, die Tiere immer mehr für seine Interessen einzuspannen ..."
In den letzten 10.000 Jahren ist der Mensch zahlreiche
"Symbiosen" mit Tieren eingegangen und hat sie zu "Haustieren" gemacht. Symbiosen verlaufen zum
beiderseitigen Vorteil und sind gleichzeitig mit wechselseitiger Abhängigkeit verbunden. Das ist in der Biologie weit
verbreitet. Sie sind irreversibel. Eine Trennung der beiden Symbionten ist oft gar nicht mehr möglich, und wenn man
es doch schafft, gehen die voneinander getrennten Wesen zugrunde. Haustiere wuerden zugrunde gehen. Der Mensch auch,
wenn er von allen Haustieren getrennt werden würde. Ich finde nichts Verwerfliches daran, mit Tieren Symbiosen
einzugehen. Dass der Mensch diese Tiere dabei auch so behandelt, dass sie sich möglichst wohl dabei fühlen,
empfinde ich eigentlich als eine Selbstverständlichkeit, als etwas, was man moralisch fordern muss. Dass da vieles im
Argen liegt, ist mir klar, so, wie auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen vieles im Argen liegt. Deshalb soll
man aber nicht die Nutzung von Haustieren generell verteufeln. Man muss danach streben, dass es Verbesserungen gibt,
dass Missstaende abgestellt werden.
"... verdrängt der Mensch durch seine immense Landnahme
ebenso Tiere ..."
Ja, und das ist ein grosser Jammer. Ich wollte, der
"Mensch" würde sich da etwas mehr zurückhalten. Jedes Jahr sterben etliche Tierarten aus. Wir zerstören
unsere Umwelt, und uns wird das eines Tages noch sehr Leid tun. Ich kann leider auch nicht mehr dazu sagen. Ich fürchte,
das wird noch eine ganze Weile so weitergehen. Zwar ist die Verschmutzung der Umwelt in den hoch industrialisierten
Ländern in den letzten Jahren wieder zurückgegangen, aber das dicke Ende steht uns – fürchte ich – noch
bevor.
"... Wie ein kleines Kind schreit, das in seinem noch
grenzenlosen Egoismus Ich ..., Ich ... schreit. Wiederholt sich nicht da der
Sündenfall?"
Gar kein schlechtes Bild; in gewissem Sinne: Ja!
"... Die Größe des Menschen könnte in seiner Fähigkeit
liegen, sich zurück – zu – nehmen ... wie Jesus es vorgelebt hat ..."
So seh ich das auch. Der Suendenfall schickte uns auf den
Egotrip, und die Erlösung befreit uns vom triebhaften, materialistischen Ego und lässt uns zu uns selbst kommen, zu
unserer wahren, inneren Existenz, die durch Argumente aus der ausseren oberflächlichen Welt nicht mehr zu bestechen
ist.
"... aber sie (die Tiere) waren frei ... hatten die
Chance, ihrem Leben nachzugehen ..."
Sollte inzwischen klar sein, was ich dazu sagen werde: Nein,
Tiere sind nicht frei. Frei kann nur der Mensch werden – wenn er sich bemüht.
"... Weil es ein Unterschied ist, ob ein Mensch oder
ein Tier stirbt ... Nein, es ist das Gleiche ..."
Okay, ich glaube, diese Frage haben wir jetzt oft genug
erörtert, wir werden auf keinen grünen Zweig kommen. Sie denken, es ist das Gleiche, ich nicht. Dabei müssen wir
es wohl belassen.
"... dass ich um ein geliebtes Tier genauso trauern
könnte wie um einen geliebten ..."
Menschen ...
Das kann ich ja auch durchaus nachvollziehen. Natürlich
hab ich auch schon einmal um den Tod eines Tieres getrauert, vielleicht sogar mehr als um den Tod bestimmter
Menschen, die mir nicht besonders nahe standen.
"... Nutztierhaltung ... eine so tiefe Betroffenheit, ein
solches mit – den – Tieren – verwundet sein ..."
Nur wenige Menschen sind wirklich vertraut mit allen
Vorgaengen, die dazu beigetragen haben, dass sie ein Schnitzeln auf dem Teller, ein Ei zum Frühstück, ein Glas Milch
auf dem Tisch haben. Mag sein, dass so manchem der Appetit verginge, so wie er Ihnen vergangen ist. Sie haben in Ihrer
vorletzten Mail einige schreckliche Details aus der Nutztierhaltung wiedergegeben. Ich glaube, wenn ich immer an solche
Dinge denken müsste, ich brächte auch nichts mehr runter. Ich frage mich jedoch, ob das, was Sie da erzählt haben,
wirklich in aller Regel zutrifft, oder ob Sie da nicht nur die schlimmsten Szenarien vor Augen haben. Letzte Woche, bei
meiner Bergtour, habe ich viel Nutzvieh gesehen: Rinder, Pferde, Schafe. Sie bewegen sich in den Sommermonaten auf
der Alm, und sie machen mir keinen gequälten Eindruck. Es gibt Auswüchse, und das, was Sie mir erzählt haben,
betrachte ich als schlimme Auswüchse, die man unbedingt abstellen sollte. Ich finde, wir Menschen laden tatsächlich
"Schuld" auf uns, wenn wir unsere Haustiere derart behandeln.
"... Der Mensch wird schlecht, ... weil er, wenn er
nicht frei ist, seinen Traditionen verhaftet und ein Gewohnheitstäter geworden ..."
Was ist "schlecht"? Moralisches Fehlverhalten, um es
geschraubt auszudrücken. Was ist "Moral"? Ein Verhalten, das nicht nur den eigenen Vorteil anstrebt, das
eigene Vergnügen. Deshalb ist Stehlen "schlecht", Morden "schlecht", Lügen "schlecht",
lauter klassische Fehlverhalten, aufgezeichnet seit Hammurabbi. Der "freie" Mensch, was ist das, Ihrer Meinung
nach? Das sogenannte "Wolfskind", ist das ein "freier" Mensch? Ist ein "freier"
Mensch eo ipso "gut"? Und wird er erst schlecht, indem man ihn dazu zwingt, sich gegen seine ursprüngliche
Natur zu verhalten? Nein. Seiner "ursprünglichen" Natur nach verhält sich der Mensch egoistisch, er stiehlt,
mordet, lügt. Wir schärfen unseren Kindern ein, das sie das nicht tun dürfen, dass man das dem Nächsten nicht antun
darf, was man selber nicht gerne erleiden möchte. Durch Erziehung geben wir dem Menschen ein Gefühl für
"moralisches" Verhalten. Der "gute Wilde" ist ein Märchen. Es gibt ihn nicht. Natürlich kann bei
dieser "Erziehung" auch viel schief laufen, und heraus kommt dann doch ein "schlechter" Mensch,
leider nur allzu oft.
"... Aber er ist nicht schlecht von Grunde auf."
Doch.
"... In dem Glauben, dass er grundsätzlich gut ist ..."
Dieser Glaube ist Unsinn. Der Mensch ist seiner
spezifischen Neigung nach ein Kulturwesen. Er hängt vollkommen ab von der Tradition, von der Sozietät, von dem, was
ihm von den Vorfahren anvertraut wird. Das Kind wächst in die jeweilige Gemeinschaft hinein, üßbernimmt die Werte
der Gemeinschaft. Im Heranwachsen hinterfragt es diese Werte, rebelliert dagegen, kann sie durch geänderte Werte
ersetzen, aber immer im Rahmen des dynamischen Gesellschaftsmodells, das seine Wurzeln durch viele Generationen
zieht. Ohne Mitmenschen, Vorfahren, Überlieferung, Erziehung ist der Mensch nicht Mensch. Dann sind wir wieder im
Paradies, das vielleicht. Wir könnten unseren Speicherinhalt wie bei einem Computer löschen, bei allen Menschen.
Zack. Was würde geschehen? Erst einmal würde fest gestorben werden, von selber durch Hunger oder Krankheit, und von
Menschenhand. Dann gäbe es ein paar Millionen Überlebender, die wieder eine Sprache erfinden würden, das ginge
relativ schnell, innerhalb einer Generation, denn diese Fähigkeit ist uns angeboren. Und nach und nach würde uns,
über viele Generationen hin, wieder alles "einfallen", besser gesagt: wir würden so ähnliche Dinge, wie
wir sie bereits in den letzten 100.000 Jahren nach und nach erfunden hatten, halt wieder erfinden. Das wurde
schrecklich langsam gehen. Die Tiere wären wieder lauter wilde Tiere. Die "Haustiere" würden natürlich
verschwinden, die meisten würden einfach sterben, weil sich niemand mehr um sie kümmert. Der "Mensch"
wäre wieder im Paradies, dort, wo Sie sich hinsehnen. Er hätte noch keine "Moral" in unserem Sinne, nur
kleine Ansätze dazu. Auch hier würde er ganz von vorne anfangen, denn als "tabula rasa": was sollten die
Menschen ihren Kindern sagen? Was sollten sie ihnen gebieten, was verbieten? Natürlich zunächst einmal
nur das, wovon sie selbst am meisten profitieren, ihr eigenes körperliches Wohl betreffend, das ist am naheliegendsten.
Schlechte Zeiten für Kinder. Aber es wird besser werden. Allmählich werden sich seltsame Ideen durchsetzen und
herumsprechen. Das es besser ist, Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen, denn dann nehmen die anderen Menschen
auch Rücksicht auf einen selbst. Sowas in der Art. Und irgendwann passiert´s dann wieder: der "Mensch weiss
plötzlich, was "gut" und "böse", ist. Und dann geht´s erst richtig los ...
Ich rede mir den Mund fusselig – besser gesagt, schreibe
mir die Finger wund. Aber ich fürchte, Sie verstehn´s einfach nicht. Vielleicht geht´s Ihnen ja mit mir auch
so ...
Ein erschöpfter Michael Berger
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 09.09.2006
Antwort von Frau Holsten
Sehr geehrter Herr Berger,
Zu: biologisch-jungfräuliche Geburt Marias
"... Nein. So einfach ist das nicht ..."
Doch, siehe § 103 I (1) kanonisches Recht (aus: Handbuch des kath. Kirchenrechts,
Pustet Verlag, Regensburg, 1983). Automatische Exkommunikation bei Leugnen oder hartnäckigen Zweifeln an
einer "Glaubens"wahrheit. So auch Kardinal Ratzinger, der oberste Hüter der Glaubenswahrheiten, der
in seinem "Glaubensrapport" (Rapporto sulla fede) den hartnäckigen Zweifel an einer Glaubenswahrheit
als ein "Verbrechen gegen die Religion und die Einheit der Kirche" ansieht (gemäß Kanon 751 des neuen
vatikanischen Kirchenrechts von 1983; Verstoß = Exkommunikation!). Der (hohe) Klerus scheint dies anders
als Sie zu sehen.
"... Alles ist relativ, alles in Bewegung, auch in
der Kirche ..."
Ja, kann man so sehen, nur leider rückwärts, in Richtung eines verstärkten
Fundamentalismus. Der katholische Theologe und Pfarrer Drewermann, der Bewegung in die verkrusteten Strukturen
zu bringen versucht hat, hat dies zu spüren bekommen. Er sieht die Anfänge des Christentums anders als das
kirchliche Lehramt, leugnet z.B. die Stiftung des Sakraments der Eucharistie und die Einsetzung des Priestertums
durch Jesus, sieht in der jungfräulichen Geburt Jesu durch Maria nur ein Symbol (E.Drewermann, "Worum es
eigentlich geht" – Protokoll einer Verurteilung, Kösel-Verlag, 1992). Aber: Selbst die
"progressiven", "liberalen", "kritischen" und "linken" Theologen und
Schriftgelehrten, wie das Kirchenvolk, übersehen, dass jede monotheistische Religion von Anfang an
fundamentalistisch ist ( also auch Judentum und Islam).
"Typisch für jeden Fundamentalismus ist auch das ekstatische Festhalten
an fundamentalen Lehrsätzen (Dogmen), die willkürliche Setzung von Grenzen ("Bis hierher und nicht weiter
darfst du denken, sonst versündigst du dich gegen "Gott" oder den "Großen Führer" oder
den "Propheten" oder die "Heilige Schrift" oder die "Heilige Gemeinschaft" oder
die "Heilige Überlieferung" oder die "Partei" usw.). Kein Fundamentalismus also ohne
grundlegende Denkverbote, ohne radikales Misstrauen und Skepsis gegenüber anderen Weltbildern und Lebensentwürfen
und deren Anhängern." (Hubertus Mynarek, "Denkverbot" – Fundamentalismus im Christentum und Islam,
Knesebeck, 1992). Ein ausgezeichnetes Buch, ein sehr kluger Kopf, der Herr Professor Mynarek. Übrigens ehemals Dekan
der Theologischen Fakultät Wien. Sein Austritt aus der Kirche und der Vernichtungsfeldzug, der von Seiten der
Amts-Kirche gegen ihn, den unbequemen Denker, der das Heucheleiprogramm durchschaute, und seine Familie losgetreten
wurde, sind sehr schön in seinem Buch "Herren und Knechte der Kirche" beschrieben. Wen es da immer noch
nicht vor dem kirchlichen Verein und seinen Anhängern, die sich doch die Feindesliebe auf die Fahnen geschrieben
haben, graut, der hat die Mechanismen nicht begriffen oder betreibt eine Vogel-Strauß-Politik. Nicht nur ich
behaupte: Wer in der katholischen Kirche bleibt, und sei es nur als Steuerzahler, der macht sich mitschuldig an
deren ganzen Unwesen. All dies ist überprüfbar! Ich halte es da lieber mit A. Schweitzer, der dem Glauben an einen
persönlichen Gott eine eindeutige Absage erteilte: "Die Religion der Liebe kann ohne eine die Welt beherrschende
Persönlichkeit existieren!" Es liegt eine Tragik darin, dass der Mensch in seiner Unvollkommenheit zum
Metaphysischen tendiert, dies aber nie gültig und endgültig, unfehlbar und irrtumsfrei entschlüsseln und entschleiern
kann. Jede Struktur, die Unbeweisbares (Gott) zu einer unanfechtbaren "Wahrheit" erhebt, um sich selbst
zu erheben, entlarvt sich selbst. Es gilt der Satz, "Der Wunsch (gottesebenbildlich zu sein) ist der Vater
des Gedankens!"
"Keiner der religiös ist, gelangt zur Philosophie, er braucht sie nicht. Keiner, der wirklich philosophiert,
ist religiös: er geht ohne Gängelband, gefährlich, aber frei ...&quiot;(Schopenhauer 1811 in seinen
Kollegnachschriften als Randbemerkung zu einer entgegengesetzten Windbeutelei Schleiermachers).
"... Giordano Bruno ..."
... war ein christlicher Mystiker. Alle solchen waren in der Kirche schon im
vornherein in größter Lebensgefahr (und wären es auch heute noch, hätte die Kirche noch die Macht über Leben und
Tod zu entscheiden). Meister Eckart, ebenfalls Mystiker, war auch in den Fängen der Inquisition. Erlauchte Köpfe
fallen immer Institutionen zum Opfer, die zur Voraussetzung die Massen der von ihnen beherrschten Menschheit haben:
das soldatische, das kirchliche und das politische Regime.
"... hier irrte die Kirche ..."
Sie irrte niemals! Nicht in den Glaubenspostulaten! Die Herren der Kirche können
sich noch so modern, weltaufgeschlossen und aufgeklärt geben, es bleibt auch heute bei dem, was Papst Innozenz III.
(1198-1216) einst so formulierte: "Man muss dem Papst gehorchen, selbst wenn er Böses befiehlt." Eine
kirchliche Kommission, die den Fall Galilei in den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts nochmals aufgerollt hatte,
kam zu dem Ergebnis, das Rom damals unter den gegebenen zeitgeschichtlichen Umständen und angesichts der
lehramtlichen Vorgegebenheiten Galilei rechtmäßig verurteilt habe. Man dürfe, so die kirchlichen Herren, dabei
nicht übersehen, dass Galilei unter anderem die "Todsünde" begangen hatte, das "Buch der
Natur" als eine andere Quelle göttlicher Offenbarung neben die heilige Schrift und wegen seiner Präzision
teilweise sogar über diese zu stellen. Damit gehörte auch er zu jenen, die nicht an die exklusive Offenbarung
Gottes in der allein von der Kirche legitim gedeuteten Schrift glaubten und war somit verdammenswürdig.
"... irgendein Papst hat sich ... deshalb schon
sogar entschuldigt ..."
Es war Papst Johannes Paul II, im Jahre 2000. Lesen Sie seine
"Entschuldigung" und urteilen Sie selbst, was davon zu halten ist! Im 16. Jahrhundert gab es auch
schon mal eine päpstliche Entschuldigung (irgendeiner der Hadriane, der VI (?). Ich müsste jetzt nachsehen,
denke aber, es kommt darauf nicht an. Sie sind sich alle mehr oder weniger gleich. In Fragen der Moral sind sie
alle Fundamentalisten, die von der Wiederauferstehung religiöser Werte träumen. Es kommt nicht von ungefähr,
dass der Vatikan bei der UNO-Konferenz zur Familienplanung 1994 in Kairo mit radikalen Islamisten paktiert hat, um
eine Resolution zu Empfängnisverhütung und Abtreibung zu verhindern. Und die christlichen Fundamentalisten-Gruppen
in Europa und USA haben nicht zuletzt Zulauf aus den vom Papst emsig geförderten charismatischen Bewegungen
der katholischen Kirche. Haben Sie schon einmal von des Papstes JP II Lieblingskind "Opus Dei" gehört?
"... leider zeigt die Kirche selbst heute wenig
Interesse daran, den Gläubigen die Dinge richtig zu erklären ..."
Daran kann sie aus oben angeführten Gründen kein Interesse haben. Sie würde sich
selbst das Wasser abgraben: Und die Jungfräulichkeit von Jesu Geburt auch im biologischen Sinne ist Dogma! Das war
ein grotesker Streit zwischen Erzbischof Degenhardt und E. Drewermann (seitenlang nachzulesen im Buch, s.o.).
"Der christliche Glaube könnte, ..., ... auf die alten
Kindermärchen verzichten würde ..."
Nein, es gäbe dann keinen christlichen Glauben mehr. Lesen Sie z.B. von Rudolf
Augstein "Jesus Menschensohn", dtv, 2002. Die Amtskirche weiß das wohl und wird sich hüten! Die wirklich
großen Theologen haben dies erkannt. Entweder haben sie sich (inkonsequenterweise) in den Christusglauben geflüchtet
(z.B. Bultmann´sche Erkenntnistragik) oder sie haben sich konsequent aus der Religion verabschiedet (z.B. A.
Schweitzer). Die Tragik von E. Drewermann besteht darin, die Religion tiefenpsychologisch retten zu wollen, da auch
er die Einsichten der historisch-kritischen Methode (Leben-Jesu-Forschung) kennt. Wenn aber Jesus nicht Gottessohn
ist, weil die Evangelien dazu aber auch rein gar nichts hergeben, dann fällt der ganze christliche Osterglaube,
der von den Glaubenden so vehement verteigt wird, wie eine Seifenblase in sich zusammen. So scheint es, dass es
immer die beiden gegensätzlichen Klassen der vielen Glaubenden (im weitesten Sinne des Wortes) und der wenigen
Denkenden geben wird. Nicht, dass nicht auch die Denkenden glauben. Aber sie glauben hypothetisch, provisorisch,
vorläufig und sind bereit, auch liebgewordene Hypothesen und Theorien, an die sie, z.B. in der Wissenschaft,
mitunter recht lange geglaubt haben, aufzugeben, wenn sie widerlegt werden. Das Gehirn des Menschen, das seiner
mit Klauen, Raubtierzähnen, weit überlegenen Körperkräften und Sinneswerkzeugen ausgestatteten tierischen
Umwelt durch sein bisschen Voraussicht so turmhoch überlegen war und ist, hat sich als entscheidende Waffe
im Kampf ums Dasein entwickelt. Der Wille hat sich, wie Schopenhauer das ausdrückt, im Intellekt eine Lampe
angezündet. Aber ihr Schein erleuchtet nur die allernächste Umgebung, er dringt in überirdische Bereiche
nicht hinein. Der Zwang zum Paradox, zum widerspruchsvollen Ansatz im Denken – sei es in der Philosophie,
sei es in der Naturwissenschaft – ist ein Notbehelf, um mit im Grunde unqualifiziertem Werkzeug die Weltbewältigung
zu versuchen. Es ist der physiologische Schwachsinn des Menschen, der überall sich zeigt und sich als eminente
Klugheit nur zu tarnen vermag in seinen relativ am wenigsten dummen Exemplaren, in seinen Genies nämlich.
(Prof.Dr. Horst Geyer, Mediziner und Anthropologe, „Über die Dummheit“ – Ursachen und Wirkungen).
"... Sündenfall ..."
Da spielte ich argumentativ den advocatus diaboli. Wie Sie sicher schon
erkennen konnten, bin ich keine Anhängerin einer monotheistischen Religion. Dieselben bauen aber auf dem Sündenfall
auf. Erst der Sturz aus paradiesischen Höhen, dann die Erlösung aus erdenhafter Schwere durch den Christusglauben.
Es geht da also nach Segung des Zeitlichen um die Rückkehr zum "Vater", die aber nur über Christus, den
vermeintlichen Sohn Gottes, möglich sein soll. Wie frei kann eigentlich ein Mensch sein, der diese absolutistische
Religion als große Trösterin braucht? Wenn unser Gewissen in Freiheit genügt, wozu dann noch den Christusglauben?
Stehen Ihre Ausführungen zum Sündenfall nicht auch im Widerspruch zur Erbsünde, der Begleiterscheinung des
Sündenfalls? Wenn aber Erbsünde, dann handelt es sich um eine Individualschuld, die sich zu einer kolossalen
Kollektivschuld gemausert hat, woran dann selbst gewissenhaftes Handeln des Einzelnen in Freiheit nichts
ändern könnte. So gedacht muss also der Christusglauben zwingend her. Jesus als natürliche Person war nicht
Christus. Zu diesem wurde er erst nach seinem Tode gemacht durch Paulus. Paulus war der Geburtshelfer der
christlichen Religion. Paulus war das religiöse Genie, dass sich die Lehre vom Christus ausdachte. Und
Paulus war auch derjenige, der die Heidenmission anleitete. Die Jerusalemer Urgemeinde (Judenchristen) u.a.
zeitweise mit Petrus (Kephas) an der Spitze, war auf Paulus gar nicht gut zu sprechen. Deshalb ließ sich Paulus
dort kaum sehen und wenn, dann gab es Streit über die Art, wie Paulus seine Missionierungen betrieb. Wem ist
eher zu glauben? Dem Petrus, der als einer der ersten Jünger im Gefolge Jesus war oder Paulus, der Jesus niemals
persönlich kennen gelernt hatte?
"... in Freiheit ... vor seinem Gewissen selbst
zu bestehen, als Autorität ..."
Ja, hört sich toll an. Aber was steckt eigentlich hinter der mahnenden inneren
Stimme, die wir Gewissen nennen? Freud nahm an, dass es die verinnerlichte "Eltern"-Stimme sei, das
sogenannte Über-Ich, das die Persönlichkeit (das Ich), welches dem Es (Trieben) von Natur aus zuneigt, zu beherrschen,
anzuweisen sucht. Das Gewissen als die Ge- und Verbotsstation! Danach wäre eigentlich nur der "Gewissenlose"
(der meist sehr intelligente Schwerkriminelle) frei, vielleicht auch noch der minderbegabte Verdrängungskünstler?!
Versuche ich es mal positiv zu sehen. Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, mit sich im Reinen zu sein, integer
zu sein, zu handeln mit gutem Gewissen, also im Einklang mit Verstand und Gefühl. Liegt das nicht vor, hat der
bewusst handelnde Mensch "Gewissensbisse". Wir haben alle eine mehr oder weniger gute "Erziehung"
genossen. Traditionell versteht man unter einer solchen, dass wir gesellschaftstauglich, ein integrationsfähiges
Individuum geworden sind. Nun gibt uns unsere jeweilige Kultur "Werte" vor, die wir irgendwann einmal
im Laufe unserer (religiösen) Erziehung angenommen und sodann verinnerlicht (Über-Ich) haben. Wenn diese
Werte z.B. darin bestehen, dass es völlig normal und absolut korrekt ist Tiere nutzen, schlachten, und essen zu
dürfen, dann werden wir gar nicht mehr auf die Idee kommen, dieses Tun zu hinterfragen. Werden wir irgendwann
mit der gegenteiligen Ansicht konfrontiert, dann reagieren wir spontan entweder völlig verblüfft oder
verständnislos bis abwehrend. Umso abwehrender wir reagieren, umso schmerzhafter war die erzieherische
Verankerung des Nutzungsrechts über die Tiere ursprünglich, musste also gegen den Widerstand des kindlichen
Ichs stattgefunden haben.
1965 verurteilte die Amtskirche die Sklaverei! Glauben Sie, dass sich da
plötzlich ihr Gewissen geregt hat? Oder war es nicht vielmehr kirchenpolitisches Kalkül, diesen längst
überfälligen Schritt zu vollziehen? Wissen Sie, dass im Vatikan schmutziges Geld aus Mafia- Geschäften
gewaschen wird? Wer war denn ein erbitterter Feind der Aufklärung und suchte sie mit allen Mitteln zu
verhindern? Gewissenlose Altherrenriege! Damals wie heute. Die wenigen Ausnahmen werden geduldet, weil
sie, solange sie im Verein bleiben, der Kirche das Image tolerant zu sein verleihen. Aus keinem anderen Grunde!
"... Wir sind frei. Wir sind die einzigen "Tiere",
die aus freien Stücken handeln können ..."
Könnten, könnten, s.o. Wir glauben nur wir können es, sind aber zeitlebens
grundsätzlich Gefangene unseres Milieus, in dem wir groß geworden sind. Unser "Gewissen" ist keine
self-made-Angelegenheit. Wir glauben dies nur, müssen es vielleicht sogar glauben, sonst würde der Selbstbetrug nicht
funktionieren. Deshalb kann grundsätzlich nicht jeder aus sich heraus wissen, was richtig und falsch oder gut und böse
ist. Schon garnicht derjenige Mensch, der gut dressiert und konditioniert werden konnte. Darin liegt doch
gerade das "teuflische". Den Menschen glauben zu machen, das, was sie wollen und tun dürften, sei auf
ihrem eigenen Mist gewachsen. Die innere Stimme, die als Eigen angesehen wird und in Wirklichkeit ein aufgepfropfter
Fremdkörper ist.
".... all das gilt jetzt, und nichts anderes, nichts
Sichtbares, Mesbares. Damit sind wir vom Materiellen befreit ..."
S.o., das ist eine weitere Idealisierung und leibfeindlich dazu. Für die Asketen
mag dies Geltung haben, nicht für den Normalsterblichen.
"... Deshalb heißt es von Jesus, er habe Kranke geheilt, ja
sogar Tote aufgeweckt, weil das Biologische mit ihm irrelevant geworden ist ..."
Vergleichen Sie: Johannes 11,11- 44 mit Lukas, Apg 62,23 und Paulus im 1.
Korinther-Brief 15,20: "Christus ist auferweckt worden von den Toten als E r s t l i n g der Entschlafenen."
Was stimmt hier eigentlich? Wenn Paulus und Lukas recht haben im Widerspruch zu Johannes, dann hat es k e i n e
Auferstehung von den Toten v o r Jesu Auferstehung gegeben. Damit werden auch die anderen Geschichten von
Auferstehungen in der Bibel als frei erfunden hingestellt! Selbst die Auferstehung Jesu steckt voller Widersprüche.
Im griechischen Urtext steht nicht das geringste von einer Morgendämmerung des ersten Tages der Woche, da Maria
Magdalena das Grab aufsucht. Und: Die Juden hatten schon früher von Jesus gefordert, "Meister, wir wollen von
dir ein Zeichen sehen." (Matth.12,38-40). Die ganzen angeblichen Wunder, Weinvermehrung zu der Hochzeit
von Kana, Brotvermehrungen, Geister-Austreibungen, Krankenheilungen und gar Toten-Auferweckungen waren
demnach den Leuten gar nicht bekannt. Das kann doch nur bedeuten, es hat sie nicht gegeben! Man hat Jesus diese
Geschichten später zugeschrieben, um ihm noch mehr Wunderkraft beizumessen denn seinen antiken Vorgängern. Jesus
selbst antwortet: "Dieses böse und ehebrechererische Geschlecht will ein Zeichen. Aber es wird ihm kein
Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Jonas." U.s.w. Es gibt unzählige Beispiele in der Bibel,
die haarsträubend widersprüchlich sind. Sehr schön zusammengestellt von Erich Mertes, "Lügt die Bibel?"
"... Was zählt ist nur mehr die jeweilige innere
persönliche Geschichte ... Wir können und müssen einander dabei helfen ("Liebe")... "
Gewissensfestigung durch Liebe im gemeinsamen Glauben an unsere Erlösung? Diese
Gleichung scheitert m.E. an der Unbekannten (der Erlösung).
"... Das Töten eines Tieres, so es nicht aus Hass
geschieht ..."
Weil der Hass unsere Seele schwarz färbt. Es geht gar nicht ums Tier, es geht
nur um uns selbst und um unseren Gemütszustand. Natürlich. Wir sind ja die Krone der Schöpfung. Nur einmal
angenommen: Ein Mafiosi aus bella italia tötet völlig leidenschaftslos einen anderen Menschen. Seine einzige
Sorge ist es, nicht erwischt zu werden. Gleichzeitig ist er tief gläubig. Wird er erlöst? Sie müssten das wohl
annehmen müssen. Das 5. Gebot, "du sollst nicht töten", muss nicht so streng gesehen werden. Und:
Schließlich hat ja auch Jesus seine Mutter teilweise recht verächtlich behandelt und damit gegen das 4. Gebot
verstoßen (Du sollst Vater und Mutter ehren), denken Sie nur an seine schroffe Reaktion ihr gegenüber bei der
Hochzeit zu Kana. Auch in der Apg findet sich dazu einiges. Gegen die Sklaverei hatte er auch nichts als Kind
seiner Zeit.
Wenn Sie und Ihre Kollegen von Tierversuchsgegnern angegriffen werden, dann
müssten Sie doch für diese das größte Verständnis haben. Dennn jene handeln ja auch aus ihrer Gewissensüberzeugung
heraus. Paulus fordert: Wenn dein Tun einen anderen in Gefahr bringt, vom Glauben abzufallen, dann musst du aus
Liebe heraus dein Tun einstellen, auch wenn dein Gewissen rein ist ( vgl. Röm 14,13-23). Ich glaube, dass sehr
viele Menschen deshalb nicht glaubensfest werden können, weil sie einen Glauben, der dieses Tun mit Tieren zulässt,
nicht gutheißen können.
"... Tiere bilden keine "Gesellschaft"
im menschlichen Sinn ..."
Wir bilden aber oft eine "Gesellschaft" im "tierischen" Sinn!
So "schweinisch" wie ein Mensch sich benehmen kann, benimmt sich kein Tier. Die Möglichkeit einer
Selbsthilfe ist auch dem Säugling versagt. Lassen Sie uns ein Barbecue veranstalten. Wenn wir ein reines
Gewissen haben, brauchen wir nur noch Ketschup!
"... Und Rilke hat recht ..."
Ich habe keinen Orts behauptet, dass Tiere besser seien als Menschen. Tiere
sind so wie sie sind, ganz in sich geschlossen. Der Mensch war das auch einmal, dann schloss er (seinen Verstand)
auf und warf den Schlüssel weg. Seitdem ist frei und unglücklich, weil er fast schon zwanghaft nach dem Sinn
des Lebens sucht, statt dass er einfach lebte und leben ließe.
"... Es geht um die Frage, ob wir andere Menschen
hassen, ... über den Tod eines anderen Menschen einen Vorteil verschaffen. Das ist der Kern der Sünde, nicht
die Tat an sich."
Gut, lassen sie uns obiges Barbecue machen. Sie bringen ein Tier ihrer Wahl,
ich irgendeinen Säugling und das Ketchup mit. Wenn die Polizei kommt, führen Sie die Verhandlungen (Ja, ja, ich
weiß schon, das mit der Polizei war ein Scherz.)
"... Immer wieder dreht man dem armen Paulus ... einen
Strick ..."
Der arme Paulus stellt die Stränge bereit.
"Das "Neue Testament" ... Nicht jeder hat das
Zeug dazu ..."
Es gab im Rahmen der Leben-Jesu-Forschung psychiatrische Gutachten zu den
als authentisch unterstellten Verhaltensweisen Jesus. Sie scheinen sie nicht zu kennen.
"... Denken wir an Franz v. Assisi ..."
Der gute Franz verriet Katharer und Waldenser an die Inquisition und verfügte
dies als "christliches" Verhalten auch testamentarisch an seine Ordensbrüder. So ist das mit den
klassischen Tierschützern.
"... "Wert"? ... Wenn etwas für mich einen Wert
hat, dann sagt das doch etwas darüber aus, was ich zu investieren bereit bin ..."
Investieren klingt sehr kaufmännisch-technisch. Nun gut: Der Glaube ist in
Ihren Augen doch sicher ein hoher Wert. Nun steht er ja nicht als leerer Begriff im Raum, sondern muss mit
Glaubensinhalten gefüllt werden. Das ist ja nun schon jedem Gläubigen durch seine Kirche abgenommen worden.
Welchen Wert diese Inhalte für jeden einzelnen Gläubigen haben, bestimmt sich danach, ob er die Werte, so
wie sie vorgegeben sind, 1) als richtig empfindet oder erst dadurch, dass er 2) nach persönlicher
Sortierung persönlichen Nutzen daraus zu ziehen zu können glaubt. Die klassische abendländische Wertereihenfolge
bei den Lebewesen lautet: Gott, Mensch, Tier, Pflanze. Gott und die Pflanzen sind die Klammer. Bei beiden weiß
ich nicht, ob und wie stark leidensfähig sie sind. Bei Menschen und vielen Tieren weiß ich es sehr wohl.
Deshalb lehne ich eine bewusste willentliche Verletzung von leidensfähigen Lebewesen, egal unter welchem
Vorwand diese geschieht, ab. Diese Grenzziehung halte ich für zumutbar.
"... Ich finde nichts Verwerfliches daran, mit Tieren
Symbiosen einzugehen ... Dass der Mensch diese Tiere ..."
Wenn gutbehandelte, leidensfrei gehaltene Tiere nach einem arbeitsreichen Leben
für den Menschen in den wohlverdienten Ruhestand gehen dürften, wäre eine Symbiose noch akzeptabel. Tiere
werden aber nicht genutzt, sie werden ausgenutzt nach Strich und Faden. Man hat sie durch (Qual-)Züchtungen
in eine unerträgliche Abhängigkeit zu den vermeintlichen menschlichen Bedürfnissen gebracht. Die Werdenfelser
Milchkuh, ein gesundes robustes Tier brachte eine gute Milchleistung im Jahr. Das war den Damen und Herren namens
Profitgier zu wenig. Also wurde hochgezüchtet. Diese Kühe bringen inzwischen das x-fache. Schauen Sie sich
mal diese Bilder an. Bei diesen Kühen hängen die unnatürlich schweren Euter fast bis zum Boden. Diese Kühe
verbringen "ihr" deformiertes Leben fast ausschließlich im Stall. Wie alleine ihre Gelenke aussehen,
können Sie sich sicher vorstellen. Sie werden diese Missstände ebenso wenig abstellen können, wie die Züchtung
von Schäferhunden, deren Kruppe aus "Schönheitsgründen" stark abzufallen hat. Diese Hunde haben elende
schmerzhafte Rückenverkrümmungen und lahmen sehr leicht an den Hinterbeinen. Die einzige Chance, diese Missstände
abzustellen, besteht im verantwortlichen Verbraucherverhalten. Oder wissen Sie, wie es den Schlachtrindern der
EU gehen kann? Wenn Sie Glück haben, karrt man sie "nur" ein paar Tage durch die Lande. Haben sie Pech,
dann kommen sie auf die berüchtige Tour in den Libanon. Dort kommen sie wegen der wochenlangen Transportstrapazen
per Schiff mehr tot als lebendig an, um zu guter Letzt dann noch bei lebendigem Leib geschächtet zu werden. Aber
wer wird denn in die Ferne blicken, wenn es doch im guten alten Europa schon genug Teufeleien mit Tieren gibt.
"... die Erlösung befreit uns vom triebhaften,
materialistischen Ego und lässt uns zu sich selbst kommen ..."
Nein, ich fürchte genau das Gegenteil ist der Fall. Das (vermeintliche)
"Erlösungsgeschehen" hat uns arrogant gemacht. Da es nur für uns Menschen reserviert zu sein scheint,
können wir uns als etwas Besseres fühlen. Mehr-Wert durch das exklusive Sohnes-Sühne-Opfer. Gleichzeitig sind
wir beschämt durch den Opfergroßmut. Das halte ich für keine gute Mischung.
"... Nein, Tiere sind nicht frei. Frei kann nur der
Mensch werden – wenn er sich bemüht."
Tiere sind frei innerhalb ihrer natürlichen Unfreiheit. Freiheit ist nicht
als cerebrale Freiheit gemeint, sondern als Freiheit des artgemäßen Verhaltens in einer artgerechten Umgebung.
"... Schnitzel auf dem Teller ... Mag sein, dass so manchem
der Appetit verginge, so wie er Ihnen vergangen ist ..."
Mir ist nicht nur der Appetit vergangen. Ich verstehe heute gar nicht mehr, wie
ich so was überhaupt essen und trinken konnte, ohne nur einen Gedanken daran zu verschwenden, woher das alles
kommt und wie es "produziert" wird. Ich bedaure es sehr, nicht schon früher von allem Kenntnis erhalten
zu haben. Aber ich lebte lange Zeit ziemlich aus der Welt und da ich in meiner knappen Freizeit eine "Lese –
keine Fernsehratte" bin, habe ich tatsächlich nichts mitbekommen.
"... Ich frage mich jedoch, ob das, was sie erzählt haben,
wirklich in aller Regel zutrifft ..."
Es ist noch schlimmer, als ich es Ihnen geschrieben habe. Es ist grauenhaft
und unvorstellbar, wenn man die Bilder nicht gesehen hat. Wir sind keine Masochisten, die Spass daran finden,
uns solche Szenarien auszudenken. Und Sie können es mir glauben. Ich war nicht gerade ein Sensibelchen. Die
Filme und Bilder über das Tierelend sorgten dafür, dass ich nächtelang heulte und fassungslos war, wie so
etwas in einem angeblich kultivierten Land denn möglich sei. Solche Bilder werden kaum abgedruckt, geschweige
denn über den Sender geschickt.
"... Letzte Woche, bei meiner Bergtour, habe ich viel
Nutzvieh gesehen: Rinder, Pferde, Schafe ..."
Die folkloristischen Tiere auf den Almen haben jeden Grund glücklich zu sein,
weil es ihnen unvergleichlich besser geht als über 99 Prozent ihrer Artgenossen. Dies betrifft aber nur die
Freilandhaltung. Alles andere, künstliche Besamung, schnellstmöglicher Entzug ihrer Kinder, Schlachten bei
Nachlassen der Milchleistung etc. teilen sie mit ihren des Lebens unter Tageslicht und frischer Luft beraubten
Leidensgenossen. Fragen Sie doch einmal ganz harmlos die Bauern danach, wie das so abläuft. Vielleicht bekommen
Sie eine ehrliche Antwort. In Rente geht bestimmt keines der Tiere. Und nicht wenige Bauern werden behaupten, dass
sie ihre Tiere lieben!
"... Was ist "schlecht"? ... Ist ein
"freier" Mensch eo ipso "gut"? ... Nein. Seiner ursprünglichen Natur nach verhält sich der
Mensch egoistisch, er stiehlt ... Durch "Erziehung" geben wir dem Menschen ein Gefühl für "moralisches
Verhalten". Der "gute Wilde" ist ein Märchen."
Stellen Sie sich vor, Sie würden von frühester Kindheit an zu hören bekommen,
Sie seien schlecht von Grunde auf und man wolle Ihnen das schon noch mittels Erziehung austreiben. Was würden
Sie empfinden? Wie würden Sie sich verhalten? Wie würden auf Sie solche "Erzieher" wirken? Solche
Äußerungen sind pädagogisch äußerst unklug. Man erspare sich besser solche erzieherischen Maßnahmen. Die beste
Erziehung ist die, die ohne große Worte auskommt, und die durch Glaubwürdigkeit in eigener Person überzeugt.
Wer anderen einredet, sie seien schlecht, darf sich nicht wundern, wenn diese irgendwann aus der Not eine
Tugend machen!
Zu:"... Aber er ist nicht schlecht von Grunde auf ... Doch. So steht es in
der Bibel."
Sie argumentieren kulturhistorisch. Da wir nunmal von den Primaten abstammen,
wäre es die logische Schlußfolgerung, dass alle Primaten (Gorilla, Schimpansen, etc,) schlecht sind. Wenn schon
diese, warum dann nicht gleich alle Tiere. Mit zunehmender Entfernung von unserem tierischen Ursprung werden wir
zwar im Kern nicht besser, aber wir lernen uns besser (ziviler) zu benehmen. Unser neo Kortex ermöglicht es uns
(theoretisch), unsere Wurzeln, die im Tierreich liegen, weitgehend unter Kontrolle zu bringen. Wenn es Gott nicht
gäbe, müssten wir ihn erfinden. Denn wir selbst sind zu schwach, um die volle Verantwortung für unser Tun
übernehmen zu können. So dient das Modell Gott einem guten Zweck. Er – der große liebende Vater – entschuldigt
unser Verhalten, wenn wir nur an seinen eingeborenen Sohn glauben, und er legitimiert uns gleichzeitig dazu,
uns als mehrwertige Nutznießer dieser Welt zu fühlen. Wir können uns geborgen fühlen. Unser Heim ist gerichtet.
"... Der "Mensch" wäre im Paradies, dort, wo
Sie sich hinsehnen ..."
Das wissen Sie so genau? Ich will keine Utopie, sondern das Machbare
verwirklichen. Das, was den Menschen so unendlich wenig "kosten" würde im Vergleich zu dem, was für die
Tiere gewonnen wäre; und auch letztendlich für ihn selbst. Aber scheinbar lernen Menschen nur aus Katastrophen.
Ich weiß nicht, woran das liegt. Vermutlich an der Trägheit des gut Eingerichteten, der seinen Hintern im Warmen
hat und der es nicht gerne vorgehalten bekommt, dass andere Lebewesen im kalten Regen stehen. Denn schuld will
er daran ja eigentlich nicht sein, aber man möge ihm doch bitte seine Verdrängungsrituale lassen. Schließlich
lebt man ja nur einmal. Ich glaube nicht, dass der Mensch im allgemeinen kaltschnäuzig Elend akzeptiert oder
zu einem gesteigerten Mitleid nicht fähig ist. Er ist nur so verdammt bequem veranlagt, ein typisches
Gewohnheitstier eben.
"... Ich rede mir da den Mund fusselig - ... Aber ich
fürchte, Sie verstehn´s einfach nicht. Vielleicht geht es Ihnen ja mit mir auch so ..."
Ich glaube, ich verstehe schon sehr gut, was Sie sagen wollen. Vielleicht
wurden sie Hirnforscher, um die These von der Schlechtigkeit des Menschen begründen zu können (immerhin gab es
ja schon Forschungsansätze, im Gehirn nach dem Zentrum der Religiosität zu suchen) und vielleicht
studierte ich Jura, weil ich wissen wollte, was es so mit der (Ge)recht(igkeit) auf sich habe. Ich
vermute, wir haben beide keine sehr erhebenden Erfahrungen gesammelt.
Mit freundlichen Grüßen
Barbara Holsten
P.S.: Der zuletzt erwähnte Briefwechsel fand zwischen Umberto Eco und Kardinal
Martini, nicht Ranieri, statt.
A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee / 22.01.2007
Fortsetzung folgt.
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