Die zwölf Jahrtausend-Mantras von Marc Bekoff und Jane Goodall Aus dem Buch "Das unnötige Leiden der Tiere" von Marc Bekoff, Professor für Ökologie und Evolutionsbiologie, Universität Colorado, Boulder, USA. Tierrechte - Was jeder Einzelne tun kann Das neue Jahrtausend hat begonnen. Wir sollten uns klar darüber werden, wer wir sind und wohin uns unser Weg führt. Ist es annehmbar, nicht nur menschliches Leid, sondern auch die maßlose Not der anderen Lebewesen, mit denen wir unseren Planeten teilen, zu beklagen? Können wir z.B. um "Sissy" weinen, den schwer misshandelten Elefanten im Zoo von El Paso, oder um die Schimpansin "Trudy" aus dem Chippenfield Circus in England? Können wir auch um die Millionen von Tieren in den Laborgefängnissen und um die Milliarden von Tieren, die zu Nahrungs- und Bekleidungszwecken gefoltert und geschlachtet werden, trauern? Können wir die Zerstörung der Natur, das Verschwinden der Wälder, der Sümpfe, der Savannen und der Gewässer aufrichtig bedauern? Wir hoffen, dass diese zwölf Leitsätze für zukünftige Generationen etwas verändern werden. Eins: Mitgefühl und Einfühlungsvermögen für Tiere bringt Mitgefühl und Einfühlungsvermögen für Menschen hervor. Grausamkeit gegenüber Tieren bringt Grausamkeit gegenüber Menschen hervor. Zwei: Jedes Leben hat einen Wert und sollte respektiert werden. Jedem Tier wohnt sein oder ihr je eigener Lebensfunke inne. Tiere sind nicht unser Eigentum. Alle lebenden Kreaturen verdienen diese elementaren Rechte: das Recht auf Leben, den Schutz vor Folter und die Freiheit, sich ihrer individuellen Natur gemäß zu entfalten. Wenn wir dem zustimmen, würden wir in anderer Weise mit Tieren umgehen. Jemand, der diese Rechte missachtet, sollte zwingende Gründe angeben können, und jedes Tier, welches wir schädigen oder verletzen, sollten wir um Verzeihung bitten. Drei: Behandle andere so, wie du von Ihnen behandelt werden willst. Stell dir vor, wie es wäre, eingesperrt, gefangen, unterdrückt, isoliert, verstümmelt und geschlagen zu werden, zu verhungern, sozialer Kontakte beraubt zu werden und kopfüber hängend den Tod erwarten oder mit ansehen zu müssen, wie andere geschlachtet werden. Biologische Daten zeigen eindeutig, dass viele Tiere körperlich und seelisch leiden und Schmerz empfinden können. Vier: Herrschaft ist nicht gleichzusetzen mit Tyrannei. Unsere "Vorherrschaft" über die Tiere resultiert ausschließlich auf unserem mächtigen und allgegenwärtigen Intellekt - und nicht etwa aus der Tatsache, dass wir moralisch überlegen wären, oder daraus, dass wir ein "Recht" hätten, diejenigen auszubeuten, die sich nicht selbst verteidigen können. Lasst uns unseren Verstand benutzen, um uns von der Tierquälerei abzuwenden und uns dem Mitgefühl zuzuwenden, um statt kalter Gleichgültigkeit Mitleid zu empfinden und um den Schmerz der Tiere in unseren Herzen zu fühlen. Fünf: Menschliche Wesen stehen nicht außerhalb des Tierreichs. Sie sind ein Teil des Tierreichs und nicht vom Tierreich abgetrennt. Die Trennung zwischen "uns" und "ihnen" liefert ein falsches Bild und ist für sehr viel Leid verantwortlich. Die gruppenspezifische Wahrnehmung und Bewertung von Lebewesen, d.h. die Unterscheidung von "Eigengruppe" und "Fremdgruppe" ist ein Faktor, der zur Unterdrückung der Schwachen durch die Starken führt, sei es in ethnischen, religiösen, politischen oder sozialen Konfliktbereichen des Menschen. Lasst uns unsere Herzen für eine wechselseitige Beziehung mit anderen Tieren öffnen, eine Beziehung, bei der jeder der Beteiligten sowohl gibt als auch nimmt. Es wird reines und unbeschwertes Vergnügen bereiten. Sechs: Stell dir eine Welt ohne Tiere vor: kein Vogelgezwitscher, kein Summen Honig suchender Bienen, keine quakenden Frösche und keine blökenden Schafe. Der Gedanke an einen "stummen Frühling" ("silent spring"), den Rachel Carson entfaltet hat, hat uns berührt. Nun müssen wir mit der Aussicht auf stumme Sommer, Herbste und Winter rechnen. Sieben: Geh behutsam mit Tieren um. Greif nur dann ein, wenn es im besten Interesse der Tiere sein wird. Stell dir eine Welt vor, in der wir alle Tiere wirklich respektieren und bewundern, ihnen aufrichtiges Mitgefühl, Mitleid und Verständnis entgegenbringen. Stell dir vor, wie wir dadurch von Schuld befreit würden, bewusst oder unbewusst. Acht: Triff mit dem, was du kaufst, tust oder siehst, eine moralische Wahl. In einer konsumorientierten Gesellschaft können unsere individuellen Entscheidungen, sofern wir sie gemeinschaftlich zum Wohl der Tiere und der Natur einsetzen, die Welt schneller verändern, als Gesetze es könnten. Neun: Beweise Zivilcourage. Sag niemals nie. Handle vorausschauend und beuge dem Missbrauch von Tieren vor, bevor er entsteht. Habe den Mut, Dinge beim Namen zu nennen, um die kostbaren und empfindlichen Ressourcen der Welt zu retten und zu erhalten. Lebe so gut es geht in Harmonie mit der Natur und respektiere den inneren Wert allen Lebens und des außerordentlichen Zusammenspiels von Erde, Wasser und Luft. Zehn: Jedes Individuum ist von Bedeutung und hat eine Aufgabe zu erfüllen. Unsere Taten bewirken etwas. Der Druck der Öffentlichkeit war bereits für viele soziale Veränderungen verantwortlich, einschließlich einer "humaneren" Behandlung mit Tieren. Couragierte Arbeitnehmer haben unhaltbare Zustände in Laboratorien, Zirkussen, Schlachthöfen und vielen anderen Bereichen aufgedeckt, oft sogar auf Kosten ihres Arbeitsplatzes oder Berufs: Henry Spira organisierte friedliche Demonstrationen, die dazu geführt haben, den Draize-Test, bei dem Kaninchen oder andere Tiere verletzt werden, um etwas über die Wirksamkeit von Lidschatten zu erfahren, in Frage zu stellen. Seine Erfolge führten außerdem zur Entstehung von Zentren, die sich der Entwicklung von nicht - tierlichen Alternativen widmen und von den Kosmetikfirmen selbst unterstützt werden. Öffentlicher Druck führte auch zu einem beachtlichen Rückgang des Kalbfleischkonsums, und ein großer Kaufhauskonzern stellte nach Bekannt werden der Missstände die Förderung des Ringling Brothers Barnum & Baily Circus ein. Helen Steel und Dave Morris haben McDonald`s den längsten Prozess in der britischen Geschichte beschert ( den so genannten "McLibel-Fall" ) und unter anderem gezeigt, dass McDonald`s schuldhaft verantwortlich ist für die grausame Behandlung von Tieren. Das sind nur wenige Beispiele dafür, dass es möglich ist, Zustände, die wir nicht länger akzeptieren können, zum Besseren zu wenden. Elf: Sei ein leidenschaftlicher Visionär, ein mutiger Vorkämpfer. Bekämpfe Tierquälerei und verbreite Mitgefühl. Hab keine Angst davor, Gefühle zu zeigen. Hab keine Angst davor, zu großzügig oder zu hilfsbereit zu sein. Es gibt trotz allem gute Gründe, optimistisch zu bleiben, auch wenn vieles im Argen liegt. Lasst uns die außergewöhnlichen Fähigkeiten, über die wir Menschen verfügen, nutzbar machen. Gemeinsam können wir diese Welt zu einem besseren Ort für alle Lebewesen machen, und im Hinblick auf unsere Kinder und nachfolgende Generationen müssen wir dies auch tun. Wir müssen mit unseren Verwandten harmonisch zusammenleben, statt uns immer weiter von Ihnen zu entfernen. Zwölf: Wenn die Tiere verlieren, verlieren wir alle. Jeder einzelne Verlust schwächt uns selbst ebenso wie die großartige Welt, in der wir alle zusammen leben. Wir danken Marc Beckoff und Lukas Trabert (Herder-Verlag) ganz herzlich für die Genehmigung, diesen Text auf unseren Seiten publizieren zu dürfen. Mehr über Marc Beckoff können Sie in unseren Literatur- und Filmempfehlungen finden. A.K.T.E. - Redaktion / Sabine Jedzig |
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