Aus der Perspektive einer Tierrechtlerin Der Autor bekennt, ein sinnlicher Mensch zu sein, was kaum Wunder nimmt
bei dem gewählten Thema des Buches. Die sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit wird begriffen als eine doppelte
Wirklichkeit: Die des inneren und äußeren Auges, wobei er von der Poesie als dem "Zeugnis der Sinne"
spricht." In sehr kunstvollen Umschreibungen vergleicht der Autor immer wieder die grundsätzlich andere Ebene und ihre feinen Verästelungen, auf der sich die Erotik zur Sexualität, wie das Verhältnis der "Poesie zur Sprache", befindet. Er analysiert jeden dieser Begriffe und dessen Funktion und Bedeutung im Vergleich mit den sublimeren Formen. Diesen Formen "höherer" Ausdrucksweisen der Sinne, insbesondere der "mystische(n) Dichtung", begegnen fundamentalistische Organisationen, so z.B. Kirchen oder andere Religionsgemeinschaften, mit tiefem Misstrauen. Dies liegt daran, dass jede verfeinerte Form Inhalten andere Bedeutungen zuweisen kann, selbst wenn dies vom Autor nicht beabsichtigt ist. Gerade weil dadurch die Imagination der Leser angeregt und individuell verschiedene Vorstellungen erzeugt werden. Jede Kunstform, jede Verfeinerung eines Ausdrucks- oder Stilmittels, kann durch die erzeugte Imagination gesellschaftliche Veränderungen hervorbringen. Hierin liegt deren Kraft, aber auch deren Gefahr für fest gefügte Ordnungen. Sexualität, Erotik und Liebe werden leicht miteinander verwechselt, schreibt Paz, weil sie "Aspekte ein und desselben Phänomens, Manifestationen dessen, was wir Leben nennen", sind. Soweit kann ich ihm problemlos zustimmen. Ab da wird es langsam kritisch. Der Sexus ist die Basis von Erotik und Liebe, wenngleich er durch deren Verfeinerungen - sowohl ins Positive als auch Negative - umgestaltet werden kann, wodurch er seine eigentliche Funktion, die der Fortpflanzung, verliert, schreibt O. Paz. Für ihn sind die über den Sexus hinausgehenden verschiedenartigen Manifestationen der Erotik und Liebe Kulturgut des Menschen, geschaffen durch Imaginationen, damit Geisteswerk, und sollen somit, weil menschliche Schöpfung, - alleiniges! - Kulturgut des Menschen sein. Und hier scheiden sich die Geister. Unverkennbar hantiert der äußerst sprachbegabte Paz mit freudianischem
Gedankengut. Aber nicht nur Freud, auch viele Anthropologen waren überzeugt, dass es innerhalb der menschlichen
Spezies zu zügelloser Sexualität käme, gäbe es nicht "in allen Gesellschaften einen Komplex von Verboten und
Tabus - auch von Anreizen und Vergünstigungen - die dazu bestimmt sind, den Geschlechtstrieb zu regulieren und
zu kontrollieren." (so auch Paz, S.22). Dem widerspricht die Tatsache, dass Individuen, die von frühester
Kindheit gemeinsam aufwachsen, nachgerade eine gegenseitige sexuelle Abneigung entwickeln. Interessant ist ferner der Zirkelschluss der These, die auch Paz vertritt: Wir sind das Produkt der Kultur, weil die Kultur unser Produkt ist! Im Wege dieser - westlichen - Denkungsart liegt es nahe zu verbieten, Kultur und Natur auf eine Stufe zu stellen. Und doch sind beide das Ergebnis der natürlichen Selektion. Der Primatenforscher de Waal differenziert wesentlich feiner: "Kultur ist ein Bestandteil der menschlichen Natur" (vgl. DaudS, S.15). Die Betonung liegt auf Natur! Werden anderenfalls, wie bisher, die Begriffe Natur und Kultur scharf getrennt definiert, erleichtern sie zwar die Organisation unseres Denkens, es gehen dabei aber komplexe Sachverhalte und Bedeutungsnuancen verloren." Die wenigsten Denker können mit zwei sich widersprechenden Gedanken im Kopf leben, und doch ist genau dies häufig nötig, um zur Wahrheit vorzustoßen. So trifft es zwar zu, dass jedes Verhalten durch Lernen beeinflusst ist, doch zugleich ist es auch genetisch bedingt, was bedeutet, dass kein Verhalten, ob menschlich oder tierisch, ausschließlich dem einen oder anderen Verhalten unterliegt." (DAudS, S.14) Die scharfe Grenze zwischen Menschen und Tieren und zwischen Kultur und Natur gibt es so nicht. Sie dient dennoch seit geraumer Zeit als Leitdifferenz der Humanwissenschaften. Frans de Waal, einer der derzeit bekanntesten Primatologen der Welt, zeigt in seinem Buch auf, dass auch die Tiere in Kulturen leben, die allen Definitionen des Begriffes genügen, wie Lernen, Symbole, Werkzeuggebrauch, Spiel, Weitergabe von Wissen, sogar "regionale Dialekte". Die bisherige Trennung hat nur ihren Grund in einer willkürlichen Selbstüberhebung des Menschen über die restliche Tierwelt. Der Autor Paz, der nun verschiedene Fortpflanzungsmethoden der belebten Natur aufzählt, weist das Tierreich mit bestimmten Pflanzenarten der schlichten zweigeschlechtlichen "Insel der Sexualität" zu. Diese Ausgangsbasis der Bisexualität habe zwar das Menschengeschlecht mit diesen gemeinsam, schreibt er, aber im übrigen reichten die Möglichkeiten des Menschen weit darüber hinaus. Angefangen bei den "so genannten einsamen Freuden", bis hin zu den diversen Spielarten der erotischen Fantasie reiche die Imagination des menschlichen Eros, so Paz. Hier irrt der Autor entscheidend, nimmt man die Erkenntnisse der Biologen und - Mensch/Tier- vergleichenden – Verhaltensforscher zur Kenntnis. Abgesehen davon, dass Paz, gewöhnlich traditionell eingeübt, keine entwicklungsbedingten Differenzierungen zwischen Amöben bis hin zu Menschenaffen vornimmt, finden sich auch im "Tierreich" Verhaltensweisen, die durchaus auf "Imaginationen", die über den reinen Sexus hinausgehen, schließen lassen. Wir können aus dem Umstand, dass z.B. auch bei höher entwickelten Tierarten Masturbation vorkommt, durchaus gleiche Rückschlüsse auf den Ursprung dieser erotischen Spielarten schließen, auch wenn wir die Tiere nicht befragen können. "So treiben es Bonobos (Menschenaffen) in allen erdenkbaren Stellungen und in praktisch sämtlichen Partnerkombinationen miteinander. Sie widersprechen der Vorstellung, der Zweck der Sexualität bestehe ausschließlich in der Fortpflanzung. Ich schätze, dass drei Viertel der sexuellen Aktivitäten, die ich im Zoo zu sehen bekam, nichts mit Fortpflanzung zu tun hatten: Häufig waren daran gleichgeschlechtliche Artgenossen beteiligt, oder sie erfolgten während der unfruchtbaren Tage des weiblichen Monatszyklus. Zu sexuellen Aktivitäten kam es meistens in Augenblicken der Spannung, wenn beispielsweise Rivalitäten um Futter aufkamen, oder als Mittel zur Versöhnung nach einem Kampf." (DAudS, S.127) Wenn die reine Funktion der Sexualität die Fortpflanzung ist, so haben also bestimmte Tierarten diese Funktion durch das gezeigte sexuelle Verhalten außer Kraft gesetzt und zeigen damit, genauso wie Menschen, Lust an dieser dem Sexus zweckentfremdeten Art der Beschäftigung mit dem Körper. Der vom Autor genannte "erste Unterschied zwischen der animalischen Sexualität und der menschlichen Erotik" ist somit schon nicht gegeben. Es finden sich auch im Tierreich innerhalb einer Art Variationen der sexuellen Praktiken, und sie sind wie beim Menschen von diversen Einflüssen abhängig ("Klima, Gesellschaft, dem Individuum, den Temperamenten", etc.). Auch paaren sich Tiere (Individuen innerhalb einer Tierart) also durchaus nicht "immer auf dieselbe Weise". "Mein Wissen um das subjektive Erleben meiner Mitmenschen und meine Überzeugung, dass auch ein höheres Tier, etwa ein Hund, ein Erleben hat, sind miteinander nahe verwandt. Beide beruhen nicht auf Analogieschlüssen, wie das von Geisteswissenschaftlern sehr lange angenommen wurde. Du-Evidenz: Auf sie ist eine merkwürdige erkenntnistheoretische Inkonsequenz mancher großer nichtrealistischer Philosophen zurückzuführen, die zwar das Zeugnis der Sinne und der Wahrnehmung für null und nichtig und daher das An-sich-Seiende für grundsätzlich unerkennbar erachten, aber dennoch, von ihrem Standpunkt aus eigentlich ganz ungerechtfertigtermaßen, die Existenz von anderen, dem Philosophen ähnlich erlebenden Mitsubjekten annehmen, obwohl sie von deren Existenz doch auch nur durch ihre ach so verachteten Sinnesorgane Kenntnis besitzen." (Konrad Lorenz, Über tierisches und menschliches Verhalten (ÜtumV), Bd.II. S. 360) Mir scheint doch sehr deutlich zu sein, dass der Autor Paz hinsichtlich aller sonstigen Tierarten ("der Tierwelt") etwas blind ist und einen mechanistischen Standpunkt vertritt und damit - zur beabsichtigten Aufwertung der Menschentiere - in eine geradezu gewollte Ganzheitsblindheit gegenüber den Leistungen der anderen Tiere und in einen extremen, methodisch fehlerhaften Atomismus fällt, als dessen schädlichste Auswirkungen der Erklärungsmonismus "Instinkt", wenngleich unausgesprochen, aber im Kontext wohl nicht anders zu verstehen, fällt. So: "Die Tiere paaren sich immer auf dieselbe Weise". "Monotonie der Paarungsriten", etc. Um diesen unzulässigen Menschen-Tierarten-Vergleich zu belegen, verweise ich
auch auf das Buch von Vitus B. Dröscher, "Sie töten und sie lieben sich" – Naturgeschichte sozialen
Verhaltens, Hoffmann und Campe, 1974). Die kannibalischen Hochzeitsbräuche der Mitglieder der Gottesanbeter, welche
Paz als "grausam" bezeichnet, unterliegen einem doppeltem Irrtum. Offenbar hat er keine Kenntnis davon,
dass "Weit verbreitet war der Glaube, "Gefühle in reiner Form", wären
allein dem Menschen vorbehalten – weil Poeten sie dichterisch verklärt und Musiker sie besungen hätten. Was für ein
grotesker Irrtum! Was für eine Verkennung des wahren Unterschiedes zwischen Mensch und Tier! Der Unterschied
zwischen Mensch und Tier liegt im geistigen Bereich, im höheren Niveau seines Sprachvermögens und im Ausmaß,
Erkenntnisse auf die Nachkommen zu überliefern. Gefühle haben höher entwickelte Tiere (so weit wir bisher wissen
also keine so genannten "niederen" Tiere, z.B. Regenwürmer) und Menschen gleichermaßen. Ja in der Welt der
Gefühle sind wir vielen Tieren eher unterlegen, also auch – ich muss es leider sagen – in der Liebe. Wir sind
lediglich in der Lage, unsere Gefühle in künstlerisch überhöhter Form zum Ausdruck zu bringen. Dafür ist die
Gefühlswelt der Tiere von noch überwältigender Wucht. ... Damit wurden die Gefühle zum Motor des Verhaltens bei Tier
und Mensch. Auch der Mensch unternimmt fast nichts, wenn er sich nicht dazu getrieben fühlt, es sei denn, er steht
unter Zwang. Praktisch alles, was er tut, findet seinen Antrieb in Trieben, die in die großen Bereiche der
Existenzsicherung, des Prestiges, der sozialen Bindung, des Sexuallebens, der Aggression oder der Angst
gehören." (Dröscher, a.a.O., S. 115 f.) Es soll und muss keineswegs geleugnet werden, dass der Mensch (konkreter: seine intelligentesten und klügsten Individuen, die sodann ihre Erkenntnisse auf Menschenart weitergegeben haben) erstaunliche kulturelle Leistungen vollbracht hat. Doch kulturelle Leistungen sind keineswegs auf den Menschen beschränkt und es "mehren sich die Belege für eine tierische Kultur – zumeist versteckt in Feldnotizen und Aufsätzen in Fachzeitschriften - die es verdienen, einem größeren Publikum bekannt gemacht zu werden ... müssen wir vorübergehend einige liebgewordene Konnotationen von "Kultur" aufgeben. Bei diesem Begriff denken wir unwillkürlich an Kunst und klassische Musik, Symbole und Sprache und an ein Erbe, das vor der Massenkonsumgesellschaft geschützt werden muss. Eine sogenannte kultivierte Person besitzt einen raffinierten Geschmack, verfügt über einen hochentwickelten Intellekt und vertritt einen bestimmten Komplex von Werten und moralischen Grundsätzen. Das ist nicht die Bedeutung, in der Wissenschaftler den Begriff "Kultur" im Hinblick auf Tiere gebrauchen. Kultur bedeutet einfach, dass Kenntnisse und Gewohnheiten von anderen – häufig, aber nicht immer, die ältere Generation – erworben wurden, was erklärt, warum zwei Gruppen derselben Spezies unterschiedliche Verhaltensformen zeigen können. Da Kultur das Lernen von anderen beinhaltet, müssen wir ausschließen, dass die Individuen bestimmte Merkmale aus sich heraus erworben haben, bevor wir diese als kulturelle bezeichnen." ( DaudS, S.13 f.) Demnach enttäuscht es, wenn ein auf hohem schriftstellerischem Niveau schreibender Autor, wie Paz, Begriffe verwendet und Sachlagen annimmt, die mit den ethologischen Fragestellungen und Erkenntnissen der Neuzeit nicht in Einklang stehen. Wegen dieser sachlichen Inkompetenz (oder sollte man eher von einer Ignoranz der Faktenlage ausgehen?) wird in erheblichem Maße das Fundament, auf dem Teile seiner weiteren Ausführungen stehen, geschwächt. Man kann Paz ungefährdet und mit Vergnügen hinsichtlich dessen Fabulierkunst lesen, wenn man sich der Tatsache der fehlerhaften Dichotomie bewusst ist und entsprechende naturwissenschaftliche Vorkenntnisse besitzt oder sich der Mühe des Nachschlagens in neuester Literatur auf diesem Felde unterzieht. Anderenfalls ist das Buch ein weiteres Steinchen in dem Gemäuer menschlich unbegründeter Eitelkeiten, das auf einer unzulässigen wie sachlich unzutreffenden Abwertung der anderen Tierarten beruht. Das Buch von Paz ist dienlich, den irrtumsbedingten tiefen Graben zwischen der Tier- und Menschwelt aufrecht zu erhalten und die weitere brutale Ausbeutung der anderen Tiere durch eine vermeintliche – allumfassende - Sonderstellung des Menschen zu rechtfertigen, wie sie Ausdruck gerade westlicher Denkungsart ist. Die Frage nach den Besonderheiten menschlicher Kulturleistungen ist, unabhängig von der Einordnung des Begriffes der Kultur (s.o.), eng mit der Frage nach unserem tradierten Selbstverständnis verknüpft und inwieweit wir als Individuen in der Lage und bereit sind, unsere Einstellungen zu anderen empfindenden Lebewesen kritisch zu durchleuchten. Paz verfügt ohne Zweifel und rein bezogen auf die Welt der Menschen über ein breitgefächertes Wissen, innerhalb dessen er seine Thesen mit spielerischer Leichtigkeit aufbereitet, gesellschaftliche Realitäten aufzeigt, Querverbindungen zieht, Beispiele auflistet, Erklärungsmodelle verschiedener Entwicklungen innerhalb der menschlichen Spezies anbietet und das Trennende wie Gemeinsame herausarbeitet. Dennoch stellt er auch hier Thesen oder Vermutungen auf, die unzutreffend sind. (Stichwort Inzest, S.129: Er arbeitet mit überholtem Freudianischen Gedankengut). Er bietet einen kulturhistorischen Abriss und kann eine anregende Fundgrube für dieses und jenes Gedankengut sein – vorausgesetzt, man ist sich bewusst, dass Begriffe (wie z.B. Seele, Bewusstsein) verwendet werden, die selbst keineswegs sicherer Boden der Erkenntnis sind, sondern zu fassen und erfahren suchen, was eigentlich, und dies schon ganz im Wortsinne, - schon sinnlich! - nicht zu fassen ist. "Die Idee der – unsterblichen - Seele" und der ihr anhaftenden "Würde", gesetzt in ein wertendes hierarchisch gestuftes Weltbild, wenngleich zeithistorisch in verschiedenen Kontext gesetzt, ist m. E. letztendlich nichts anderes als eine Phantasterei des Geistes und Ausfluss übergroßer menschlicher Angst angesichts der Unerklärlichkeit nicht nur der eigenen Existenz sondern auch dieser Welt. Die sich selbst verliehene unsterbliche Seele führt zwanglos zu weiteren Überspanntheiten hinsichtlich der Bedeutung der eigenen, menschlichen, Existenz und menschlicher Fähigkeiten. Schafft der Adam und Eva eingehauchte göttliche Odem ein unerschöpfliches Reservoir an Seelen für alle Nachkommen? Verdünnisieren sich die zwei Seelen etwa immer mehr mit wachsender Nachkommenschaft? Woher kommen denn alle die Seelen für die Milliarden heutiger Menschen? Selbst eine Reinkarnation kann kein solches Aufgebot an benötigten Seelen aufstellen. Oder haucht eine mystische Gottheit heute immer noch? Nichts für Ungut! Paz, S. 201: Sinngemäß: Früher war alles besser. Mit dem Verlust "der Idee der Seele" geht der Glaube an die "Einzigartigkeit" jedes menschlichen Individuums verloren. Und warum nur die des Menschen? Hier kommt die ganze anthropozentrische Grundausstattung der Denkweise Paz wieder zum Ausdruck. Es ist geradezu bezeichnend für eine bestimmte Art von Arroganz, wenn sie erst dann aufschreit, wenn die eigene Individualität und Integrität des Körpers in Gefahr gerät. Dass diese Gefahr durch die überhöhte – idealistische - Entfremdung zur restlichen belebten Welt erst heraufbeschworen wurde, wird leider nicht wahrgenommen. Doch nicht genug: Paz hat aus dieser, durch des Menschen im Verhältnis zur Empfindungsfähigkeit überregen Geistestätigkeit, geschaffenen Gefahr nichts dazugelernt. Er schreibt: "Wie alle Tiere lebt er vom Töten, doch um zu töten, braucht er eine Doktrin, die ihn rechtfertigt." Nein, der Mensch muss, jedenfalls heutzutage, nicht vom Töten
(empfindender Lebewesen) leben. Er will dies nur glauben. Weder zum Nahrungserwerb (ganz im Unterschied zu
bestimmten Tierarten, deren Physiologie sie zwingend zum Fleischfresser bestimmt), noch aus anderen Gründen.
Wenn er es dennoch tut, dann als Ausdruck einer tradierten, auch auf Religionen gestützten Gewohnheit, die kaum
mehr hinterfragt wird. Im übrigen schützte die Idee der Seele weder Menschen noch Tiere. Und selbst die
besondere – unsterbliche - Seele des Menschen bewahrte unliebsame Menschen nicht vor dem Schicksal der Tiere, denen
von Seiten der Kirchen und ihrer Scholastiker wie den restlichen Tieren entweder zunächst schlicht eine unsterbliche
Seele abgesprochen wurde (Frauen, Sklaven), oder die menschliche Verbrecher recht einfallsreich gleich in Richtung
Tiere abstuften (Juden im 3. Reich: Untermenschen, Schädlinge, Ungeziefer), um mit ihnen tun zu können, was man gerne
tun wollte. Die "Seelenrettung" der Ureinwohner Lateinamerikas bestand darin, sie abzuschlachten oder ihnen
im Rahmen der Christenmissionierung Arme und Beine abzuhacken und sie allen erdenklichen Foltermethoden
auszusetzen (vgl. das ausgezeichnete Buch von Horst Herrmann, "Sex & Folter in der Kirche - 2000 Jahre Folter
im Namen Gottes", Orbis Verlag, 1994, ISBN 3-572-10010-0). Die Behauptung, das Christentum habe einen erhebenden Einfluss auf die Moral, kann nur aufrechterhalten werden, wenn man sämtliche historischen Beweise ignoriert oder fälscht" (Bertrand Russell). Die Begriffe der "Seele" und der "Würde" sind geistige Konstrukte, welche nach Bedarf und Gelüst von den jeweiligen Machthabern neu definiert werden können. Sie bieten und boten keine endgültige Sicherheit vor Verfolgung und Tod. Paz, S. 210: "Eine schöpferische Kraft, Gott, das höchste Wesen, schöpft das
Nichts aus sich selbst ... Wie konnte ohne einen allmächtigen Schöpfer das Sein aus dem Nicht-Sein auftauchen?" Paz, S. 199: Hier beklagt er sich über die moderne Reduzierung der "Seele" als rein körperliche Wesenheit. Sicher, man kann ihn insoweit verstehen: Die Entmystifizierung der Seele ist genauso wenig angenehm wie das Erwachen aus einem schönen Traum. Man könnte auch feststellen: Wer hoch stapelt, fällt irgendwann tief. Oder treffender: Mensch fällt von einem Extrem ins andere. Paz (S.205) möchte "eine Vision, die in zeitgerechten Begriffen jedes menschliche Wesen als ein einzigartiges, einmaliges und kostbares Geschöpf betrachtet". Als könnte sich ein Hitler oder Stalin-Wesen nicht wieder einfinden. Und: Auch hier bleiben die restlichen Tiere außen vor. Paz weiter: "Um die Liebe neu zu erfinden, ... , müssen wir den Menschen neu erfinden." Ich glaube es war Einstein, der einmal auf die Frage, wie denn eine bessere Welt zu schaffen sei, bemerkte: "Dazu bedarf es besserer Menschen!" Dem stimme ich voll und ganz zu. Der Mensch muss nicht neu erfunden werden, es wäre schon viel erreicht, begönne er, seine schlechten Angewohnheiten abzulegen. Und zu diesen gehört der unerhört freche Hochmut seiner Spezies. Wozu dient ihm denn seine besondere Intelligenz? Um sich als Ungeheuer auszuzeichnen, oder die ohnehin vorhandene Tragödie Leben noch zu potenzieren? Zu Paz, S.213: Der Biologe Nicholas Humphrey hat in seinem Buch "Naturgeschichte des Ich" eine m.E. sehr gut begründete Theorie über das Wie der Erstehung des Lebens auf diesem Planeten geliefert. (s.a. S. 226: Die Theorie von Edelmann scheint der von Humphrey nahe zu kommen, allerdings behauptet H. keinen, nur in rudimentärsten Formen vorhandenen, Geist bei den angeführten Tierarten). Diese ständigen massiven Abqualifizierungen aller Tierarten auch durch selektiv ausgewählte Quellen werfen ein sehr bezeichnendes Licht auf den Autoren Paz. Zu Paz, S.219: Die Buddhisten halten in der Tat das Ich für eine Illusion. Um dies zu verdeutlichen, fragen sie, wann das Ich eigentlich vorläge. Da sich unsere Gefühle und Gedanken in einem ständigen Fluss befinden und somit von Augenblick zu Augenblick verändern, sei das Ich nicht fassbar. Eine Kette von sich ständig verändernden Bedingtheiten würde somit ein sich ebenfalls ständig sich veränderndes, vergängliches Ich und somit die Illusion eines Ich bedeuten. Bei den Buddhisten ist dies keine Glaubens- sondern Erfahrungswahrheit, und diese stünde, so behaupten sie, jedem Menschen grundsätzlich offen. Der Buddha Gautama Siddharta habe jeden seiner Anhänger dazu aufgefordert, ihm nicht zu glauben, sondern den Weg selbst zu beschreiten, um die Wahrheit seiner Lehren zu überprüfen. Zu Paz, S. 22O: "Seit der Mensch zu denken begann, d.h., seit er begann
Mensch zu sein, sieht ein schweigender Zeuge ihn denken, genießen, leiden und, mit einem Wort leben: sein
Bewusstsein." Zu Paz, S. 221: "Wie verwandeln sich dann aber die elektrischen Entladungen,
welche die Bewegungen der verschiedenen Teile des Geistes auslösen, anstatt zu sichtbaren und hörbaren Bildern zu
werden, in unsichtbare Gedanken, die keinen Platz im Raum einnehmen?" Zu Paz, S. 231: " ... alle Pläne erfordern einen Planer. Wer entwirft die
neurologische Partitur?" Zu Paz, S. 232: "Der Buddhist muss das Ich vernichten, wenn er dem Unglück,
wiedergeboren zu werden, entgehen..." Paz, S. 236 f: Paz zeigt hier wiederholt, dass er aus der anthropozentrischen Schleife seines Denkens nicht herauskommt. Seine Sorgen und Befürchtungen sind zwar im Ergebnis richtig, sein Denken greift aber zu kurz, da es sich nur um die Gefahren der modernen Wissenschaften für die conditio humana dreht. Die erforderliche philosophische Reflexion muss m.E. aus der bisherigen Nabelschau herausfinden, eine andere Perspektive gewinnen, um für alles Leben auf diesem Planeten fruchtbar werden zu können. Das Schicksal des Menschen ist eng verknüpft mit dem seiner tierlichen Verwandten. Alles was wir den Tieren antun, kommt auf uns selbst zurück. Möge sich jeder vor der Fehlvorstellung hüten, die Gentechnik, Biotechnologie usw. würde vor der Manipulation des Menschen halt machen. Betrachtet man die herrschende Ethik, wüsste ich nicht, woher dieser Optimismus kommen soll. Die unsägliche Wissbegier des Menschen, gepaart mit Profitinteressen, wird auch vor seinesgleichen nicht halt machen und auch den eigenen Artgenossen zum Forschungsobjekt degradieren. Das ist nur eine Frage der Zeit und der Umstände. Gnade denjenigen, die sich dann nicht wehren können! Die Gefahr liegt in der Inkongruenz menschlicher Vorstellungen und seiner Empfindungen. Paz, S. 257 f: Hier nun, fast ganz am Ende seines Buches, schreibt er: "Heute,
am Ende der Moderne, entdecken wir wieder, dass wir Teil der Natur sind ... Die Liebe kann heute, wie in der
Vergangenheit, ein Weg zur Wiederversöhnung mit der Natur sein. Wir können uns nicht ..., in Vögel oder Stiere
verwandeln, aber wir können uns in ihnen wiedererkennen." A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee |
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