"Tödliche Gefängnisse" - unser Wohlstandsmüll Liebe Leserinnen, liebe Leser, vor einiger Zeit hatte ich ein Erlebnis, das mich zu sehr zum Nachdenken brachte, und von dem ich Ihnen berichten möchte.
Ich hatte mich auf dem Nachhauseweg über die achtlos weggeworfenen Flaschen und Dosen geärgert, die im Straßengraben lagen. Ich begann die Flaschen und Dosen einzusammeln; ein Straßengraben ist schließlich keine Müllhalde. Meine Aufmerksamkeit wurde dabei auf eine Bierdose gelenkt, die sich leicht zu bewegen schien. Ich hob sie auf und hielt sie gespannt an mein Ohr. Aus dem Inneren der Dose drang ein leises Kratzen. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wer oder was das Kratzen verursachen könnte, aber intuitiv musste es meiner Meinung nach etwas "Größeres" sein. Da ich unter Zeitdruck stand, packte ich ärgerlich, aber zugleich sehr neugierig, die schmutzigen Flaschen in eine Tüte. Mit der "lebendigen Dose" in der anderen Hand eilte ich mit großen Schritten nach Hause. Dort angekommen, zeigte ich meiner Familie den mysteriösen Dosenfund. Um ins Innere der Dose sehen zu können, mussten wir sie mit einer Blechschere öffnen. Als wir die Dose vorsichtig geöffnet hatten, trauten wir unseren Augen nicht, denn dort saß eine kleine, nasse Spitzmaus. Erleichtert stellten wir fest, dass sie trotz des unfreiwilligen Aufenthalts in ihrem Alugefängnis unversehrt war. Wie lange das Mäuslein in der Dose gefangen war, konnten wir nicht beurteilen. Aber es dürfte nur für kurze Zeit gewesen sein, denn andernfalls wäre sie natürlich verhungert. Sie hatte Glück im Unglück gehabt. Angezogen vom süßlich-herben Geruch des Bieres, kroch sie durch die Öffnung der Dose, die zur tödlichen Falle wurde. Von dem Rest des Bieres war die Spitzmaus wahrscheinlich ein wenig "benebelt" und ungestüm, so dass die Dose in eine aufrechte Position geraten war; sie war darin gefangen. Ob sie aus eigener Kraft die Dose hätte verlassen können, ist zu bezweifeln. Das spiegelglatte Aluminium im Innenraum ihres Gefängnisses hätte für sie ein unüberwindbares Hindernis dargestellt. Wäre mir die "bewegte Dose" nicht ins Auge gefallen, wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen - ein langsamer Tod durch Verhungern und Verdursten. Nun gut, "unsere" Spitzmaus hatte an diesem Tag durch zufällige Umstände eine riesige Portion Glück gehabt. Sie erhielt ihre Freiheit zurück, und wir alle waren glücklich darüber, dass wir dieses winzige Lebewesen aus seiner Todesfalle befreit hatten. Leider können wir nicht überall sein, um den Zivilisationsmüll an Wiesen- und Waldrändern, zu entsorgen. Wenn ich die vielen Flaschen und Dosen beim Autofahren in Straßengräben und Trümmergrundstücken liegen sehe, die verantwortungslose Menschen einfach weggeworfen haben, graut es mir, denn dort könnte sich die gleiche Tragödie abspielen. Dort könnten unzählige kleine Tiere elendig zu Grunde gehen, nur weil gedankenlose oder verantwortungslose Mitbürgerinnen und Mitbürger ihren Müll zum Autofenster hinauswerfen. Dass der weggeworfene Müll die Landschaft verschandelt, hat mich schon immer gestört. Dass aber dieser Müll Leben vernichtet und überdies die Artenvielfalt gefährdet, war mir bis zu diesem Tag nicht bewusst geworden. Todesfallen einer arglosen Wohlstandgesellschaft, die sich zivilisiert nennt. Sinnloses Sterben, das durch gedankenloses Verhalten der Menschen verursacht wird. Seit diesem Erlebnis ertappe ich mich immer häufiger, dass ich beim Spaziergang mit meiner Hündin Sissi Flaschen und Dosen, die im Straßengraben liegen, aufhebe, und sie mir genauer ansehe, bevor ich sie in der nächsten Mülltonne entsorge. Wenn wir uns für Tierrechte engagieren, wenn wir die Tiere lieben, dann müssen wir auch liebe- und respektvoll mit Mutter Erde umgehen, denn sie ist die Heimstatt, die allen gehört - uns und den Tieren! Fakten: Die Biologin Claudia Schuster veröffentlicht erschreckendes Zahlenmaterial. Im Rahmen einer Untersuchung über die Kanarenspitzmaus stellt sich heraus, dass neben Hunderten Käfern, Ameisen, Asseln, Fliegen und Spitzmäusen auch die kleine, nur auf den Kanaren vorkommende Atlantische Echse betroffen ist. In 35 von 44 untersuchten Glasflaschen fanden sich insgesamt 70 tote Echsen. In einer einzigen Dreiviertelliter-Flasche wurden 22 Echsen gezählt. Im Südschwarzwald kommen auf eine konventionelle Bierflasche bis zu 70 tote Käfer, darunter besonders geschützte Insekten: Laufkäfer, Totengräber, Waldmistkäfer, Waldgrablaufkäfer, Kurzflügelkäfer und eine Aaskäferart. In Virginia (USA) geht man von 24 bis 71 Kleinsäugern pro Straßenkilometer aus, die in Flaschen zugrunde gehen, die aus Fahrzeugen geworfen werden. A.K.T.E. - Redaktion / Sabine Jedzig |
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