Kolumne

"Also reden wir Tacheles ..."


AKTE-Logo

Kampf gegen Windmühlen und Endsieg

Liebe Leser/innen,

in China, Indien und Indonesien leben rund 40 Prozent der Weltbevölkerung. Addiert man die asiatischen und südostasiatischen Anrainerstaaten wie Bangladesh, Pakistan, Sri Lanka, Thailand, Laos, Kambodscha, Vietnam, Malaysia, die Philippinen und Südkorea dazu, entspricht dies annährend der Hälfte der Weltbevölkerung. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung in diesen einstigen Entwicklungs- und Schwellenländern sind in den vergangenen Jahren weit mehr als eine Milliarde kaufkräftige Konsumenten zu den wohlhabenden Bewohnern der reichen Länder hinzugekommen. Zusammen entspricht die Kaufkraft dieser Konsumenten mittlerweile der der USA. Die verbesserten Einkommensverhältnisse werden nach einer Studie der WTO zu einem rasanten Anstieg der Nachfrage nach fleischhaltigen Nahrungsmitteln führen. Folge: Die Massentierhaltung wird sich in den kommenden Jahrzehnten vervielfachen. Tierleid und Tiermord werden quantitativ und qualitativ Größenordnungen annehmen, die heute noch unvorstellbar sind.

Allein auf China entfällt bereits jetzt 28 Prozent des weltweiten Fleischverbrauchs; er hat sich zwischen 1988 und 1998 verdoppelt. Obwohl in China pro Kopf relativ wenig Fleisch gegessen wird (pro Kopf und Jahr etwa 50 Kilogramm), war der gesamte Fleischkonsum bereits 1996 mehr als doppelt so hoch wie derjenige der USA. Der Jahreskonsum betrug 42 Millionen Tonnen, in den USA rund 20 Millionen Tonnen.

Würden die Chinesen ihren Fleischkonsum den US-Amerikanern angleichen, müssten sie jährlich rund 50 Millionen Tonnen mehr Fleisch produzieren oder importieren. Dafür würden etwa 343 Millionen Tonnen Getreide als Futtermittel benötigt, was ziemlich genau der gesamten Getreideernte der USA entspricht.

Wasserverbrauch spielt beim Fleischkonsum in China eine wesentliche Rolle: 70 Prozent der Anbauflächen für Futtermittel werden künstlich bewässert (in den USA sind es dagegen nur 15 Prozent). Der Wasserverbrauch zeigt bereits katastrophale Folgen: In Peking sank der Grundwasserspiegel 1999 um 2,5 Meter ab. Seit 1965 sank er unter der Stadt um ganze 59 Meter.

Ganz ähnliche Tendenzen sind auch in Indien und Indonesien zu verfolgen. Ernährte sich noch vor 100 Jahren in Indien der Großteil der Bevölkerung vegetarisch oder fast vegetarisch, sind es heute nur noch knapp 19 Prozent. Mit einem weiteren Rückgang ist zu rechnen.

In den Schwellenländern Süd- und Mittelamerikas sowie in den ehemaligen Ostblockstaaten sind ähnliche Tendenzen, jedoch mit einer geringeren Zuwachsrate des Fleischkonsums, zu beobachten.

Unser Kampf gegen Tierausbeutung ist ein Kampf gegen Windmühlen. Tierleid und Tiermord werden weltweit zunehmen, egal was wir Tierrechtler/innen machen, egal, ob wir in unserem eigenen Lande kleine Verbesserungen der Lebensbedingungen für die "Nutztiere" erkämpfen, egal, ob die Zahl der Vegetarier und Veganer bei uns langsam aber stetig zunimmt. Unser Kampf ist – global betrachtet – schlicht und ergreifend verloren!

Die Zukunft wäre mehr als hoffnungslos, wenn es nicht ein systemimmanentes "Regelwerk" geben würde. Mit anderen Worten: Die Quittung für den Frevel an den wehrlosen Kindern der Natur ist schon längst ausgeschrieben, aber noch nicht dem Adressaten zugestellt. Es ist allerdings nur eine Frage der Zeit bis "Mutter Natur" mit geballter Faust zurückschlagen wird – nicht als Akt einer Vergeltung, so betörend dieser Gedanke auch für esoterisch angehauchte Zeitgenossen erscheinen mag, sondern einfach als kausale Folge der Bedingungen, die der Mensch selbst geschaffen hat, als Folge seiner irrationalen Philosophie, seiner irrationalen Ideologie und seiner irrationalen Ökonomie.

Das Chaos ist vorprogrammiert und mittlerweile unabwendbar geworden!

Die Gründe dafür liegen auf der Hand:

Zuerst treibt es die "schlitz- und mandeläugigen Massen" Asiens an die Fleischtöpfe – sie haben nach Jahrhunderten, wenn nicht nach Jahrtausenden des unfreiwilligen "Darbens" einen immensen Nachholbedarf. Aber nur wenig später wird es sie zu den Statussymbolen der mobilen und morbiden Zivilisation treiben, hinter die Lenkstangen knatternder und stinkender Motorräder und hinter die Steuer schmucker PKW’s … mit Klimaanlage versteht sich. Und die neue Mittel- und Oberschicht besteigt standesbewusst - als Zeichen einer prosperierenden Wirtschaft – den Jetliner von Boing oder Airbus-Industries.

Derzeit entfallen bereits rund ein Fünftel des weltweiten Auto-Bestands auf die Schwellen- und Entwicklungsländer. Es ist also abzusehen, dass sich die asiatischen Menschenmassen mobil machen werden. Und wenn sich diese Massen mittels fahrbarem Untersatz "mobilisieren", werden die globalen Erdölreserven im günstigsten Fall noch für vierzig Jahre ausreichen. Dieser offiziellen Schätzung ist genauso wenig zu trauen, wie dem üblichen Lügengeschwätz unserer Damen und Herren Politiker und Wirtschaftsmagnaten. Das Ende des Erdölzeitalters wird wahrscheinlich früher eingeläutet werden.

Einhergehend – und zwar proportional - mit den Zuwachsraten des asiatischen Fleischkonsums und der "Mobilisierung" wird die Verschmutzung der Atmosphäre durch das Methangas aus dem Verdauungstrakt von Millionen Nutztieren und dem Kohlendioxid aus den Verbrennungsmotoren jener mobilisierten Massen zunehmen und den Treibhauseffekt und damit den sich abzeichnenden Klimakollaps beschleunigen. Die Kosten, die dadurch für die Länder in den betroffenen Regionen der nördlichen Hemisphäre entstehen, werden zu einer weiteren Schwächung ihrer ohnehin angeschlagenen Wirtschaftssysteme beitragen, die durch die Globalisierung und Verschiebung der Produktionsstätten in Billiglohnländer, vor allem in den asiatischen Raum kontinuierlich zunehmen wird.

Erdölpreise, die über der 40 Dollarmarke pro Barrel liegen, sind die ersten Anzeichen für die beginnende Verknappung, die im letzten Stadium zu weltweiten kriegerischen Auseinandersetzungen zur Sicherung der Energie-Reserven führen wird.

Die heraufziehende Energie-Krise allein ist schon genug, um unsere heutige Zivilisation und Kultur ins Schlingern zu bringen. Aber der Quittungsblock ist längst voll geschrieben.

Durch die Energie-Kosten-Katastrophe und die Globalisierung (damit verbunden die Verschiebung der Produktionsstätten in Billiglohnländer) beschleunigt, wird eine zunehmende Staatsverschuldung die internationalen Finanzmärkte bis ins Mark erschüttern. Die Volksseuche Nummer 1 der USA, die Fettleibigkeit (jeder zweite Amerikaner leidet unter Übergewicht und infolge davon unter Herz-Kreislauferkrankungen) wird verstärkt in "good old Europe" auftreten, die maroden Sozialsysteme zum Einsturz bringen und immense Summen an Volksvermögen vernichten.

"Der Untergang des Abendlandes ist gewiss", prophezeite der Philosoph Oswald Spengler in seinem Hauptwerk, das Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts Aussehen erregte. Er vergaß dabei nur das dem Abendland innewohnende Aggressionspotential. Wenn das Abendland untergeht, nimmt es das Morgenland kurzerhand mit, und sei es mittels Gewalt. Wozu sonst Armeen in einer blockfreien Welt? Bomben existieren noch immer!

Den Rest werden anthropogene Pandemien und kleinere "Ereignisse à la Bin Laden" erledigen. H.I.V. ist ungebrochen auf dem Vormarsch. 40 Millionen Menschen sind – ohne Dunkelziffer – bereits infiziert; die weltweit vierthäufigste Todesursache ist mittlerweile Aids. Mit einer jährlichen Zuwachsrate von nur 5 Millionen Neu-Infizierungen wird das Problem jedoch heruntergeredet. Pandemien verlaufen aber nicht immer linear, sondern auch progressiv. Hühnergrippe, SARS, Ebola oder sonst etwas ... wer weiß, was in jenem Quittungsblock noch geschrieben steht?

Das Chaos wird also kommen, und wir sind seine Verursacher … und die Zeitzeugen seiner Anfänge. Pessimisten sprechen von 30 bis 40 Jahren, Optimisten von 80 bis 100 Jahren. Es ist angesichts der Fakten unwahrscheinlich, dass es nicht eintreten wird. Aber der Begriff der Unwahrscheinlichkeit ist im Bereich der menschlichen Geschichte kein Argument, denn man muss zugeben, dass der Mensch schon rein biologisch betrachtet das unwahrscheinlichste aller Lebewesen ist, und seine geistige Konstitution ihn zwingt, sich gegen die Regeln der Wahrscheinlichkeit aufzulehnen und in den meisten Fällen zu behaupten. Aber der Krug geht nur so lange zum Brunnen bis er bricht.

Warum dann aber überhaupt für die Tierrechte auf die Barrikaden gehen, wenn doch einerseits der Kampf – global betrachtet - verloren ist, andererseits "Mutter Natur" bzw. das Prinzip der Kausalität dem Treiben eines fernen Tages ein Ende bereiten wird?

Auch hierfür liegen die Gründe auf der Hand:

Erstens: Es ist einfach ein ethischer Grundsatz, auch in einer auswegslosen Situation, dem Schwachen und Wehrlosen zur Seite zu stehen.

Zweitens: Alles hat ein Anfang und ein Ende, so auch das heraufziehende Chaos. In der Zeit danach wird eine zukünftige Generation von Tierrechtlern/innen die Reste jener alten Unkultur und Zivilisation in ihre Schranke weisen müssen, um eine Wiederholung der Fehler und des Frevels zu verhindern; eventuell dann sogar durch den Einsatz von Gewalt. Nur wird dann niemand mehr "Gewalt" kritisieren, da Gewalt zur Alltäglichkeit geworden ist. Leider! Wir sind heute das Rekrutierungsbüro für diese zukünftige Tierrechtler-Generation.

Drittens: Ein Sprichwort lautet – wenn mich meine Lateinkünste nicht verlassen haben: "Dum spiro, spero." - Solange ich atme, hoffe ich. Und so hoffe ich, trotz der negativen Vorzeichen und entgegen besseren Wissen, dass es gelingen möge, das scheinbar Unabwendbare doch noch zu verhindern und diese Welt zu einem friedlichen Ort für alle Lebewesen zu gestalten.

 

A.K.T.E.- Redaktion / Stefan Bernhard Eck

Im Übrigen meine ich, dass Fleischessen und wahre Menschlichkeit sich nicht vertragen.


Zur Rubrik-Übersicht