Kolumne

"Also reden wir Tacheles ..."


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Tierrechtsbewegungen – Wo stehen wir, wie geht es weiter?

Liebe Leser/innen,

manchmal wird etwas zum Gesprächsstoff, was es eigentlich gar nicht gibt. So die zum causa belli erdichteten Massenvernichtungswaffen des Irak. Oder die "Tierrechtsbewegung" in deutschen Landen.

Plakative Vereinfachungen sind bequem, volksnah und daher angesagt. Warum?

1. Wir leben in einem Zeitalter der geistigen Trägheit, weil dem Masse-Menschen durch permanente Reizüberflutung vorverdaute "Gedankenkost" entgegenkommt. Eigenständiges und vertieftes Überdenken ist zur Ausnahme geworden.

2. Weil dadurch Vernichtungsfeldzüge und Diskriminierungen gegen Andersdenkende viel einfacher werden. Aus Pauschalisierungen entstehen Vorurteile, aus Vorurteilen endgültige Urteile: die traditionellen Waffen von Demagogen!

Unter einer "Bewegung" stellt man/frau sich in der Regel einen Zusammenschluss von Menschen vor, die sich geschlossen für die Erreichung irgendeines Zieles engagieren. Aber handelt es sich bei unserer "Tierrechtsbewegung" tatsächlich um eine homogene Gruppe Gleichgesinnter? Mitnichten!

Die Gemeinsamkeit liegt - wenn überhaupt - nur in dem verschwommen erkennbaren Fernziel: der Abschaffung der Tierausbeutung in allen Bereichen.

Die Akteure/innen der "Tierrechtsbewegung" sind keinesfalls eine homogene Einheit. Sie bringen sowohl unterschiedliche Weltanschauungen und verschiedene tierethische Ausgangspositionen, als auch entgegen gesetzte politische Ausrichtungen mit. Sie differieren in ihren Strategien und in ihrem Argumentationsstil. Viele sind in Gruppen, Vereinen oder Verbänden organisiert, aber nicht wenige sind autonom und versuchen, ihre auserkorenen Ziele als Einzelkämpfer anzugehen. Manche Akteure/innen beschäftigen sich ausschließlich mit einem einzigen Spezialgebiet und schauen dabei nur selten über die Grenzen desselben hinaus. Andere wiederum versuchen, gleichzeitig auf allen Ebenen zu agieren, und sind dadurch nur zu oft maßlos überfordert. Aber die Akteure/innen dieser Bewegungen unterscheiden sich nochmals - nämlich in dem Grad der konsequenten oder weniger konsequenten Umsetzung dessen, was sie postulieren. Viele von ihnen leben mehr oder minder in Einklang mit ihren Zielen vegan. Einige leben sogar noch "veganer" - nach der Maxime "das Vermeidbare vermeiden" und übersehen dabei in ihrem Eifer, dass in der Übergangsphase zu einer tierproduktfreien Lebensweise die entgegenwirkenden Kräfte um so stärker sind, je mehr sich das Geforderte vom Althergebrachten unterscheidet und je schwieriger die konsequente Umsetzung für eine auf Konsum und Genuss orientierte Gesellschaft ist. Einen cerebralen Spagatakt vollbringen Vegetarier/innen mit dem Ovo oder Lacto oder beidem als Zufügung und Begriffserklärung, aber immerhin ist der Verzicht auf Fleisch ein guter Anfang, auch wenn die ursprüngliche Bedeutung von Vegetarismus damit ad absurdum geführt wird. Durch die Zunahme des Angebotssortiments von wohlschmeckenden Alternativen für Milchprodukte in jüngster Zeit hat sich noch eine weitere Sonderform des Vegetarismus entwickelt, die zwischen Ovo-Lacto-Vegetarismus und Veganismus anzusiedeln ist, und in der Milchprodukte reduziert und durch vegane Alternativprodukte ersetzt werden, Eier als Nahrungsmittel nur noch ganz selten oder nur in Form von minimalen Beimischungen vorkommen und auch auf tierversuchsfreie Kosmetika und tierproduktfreie Kleidung geachtet wird. Schließlich gibt es sogar omnivore Zeitgenossen, die sich einem "Tierschutz mit Tendenz zu Tierrechten" verschrieben haben, solange die Einzelforderungen nicht jene Grenze tangieren, ab der triviales Eigeninteresse übermächtig wird.

Die "Tierrechtsbewegung" ist also heterogen, und richtigerweise sollte man/frau von Tierrechtsbewegungen sprechen. Es verwundert daher nicht, dass konzertiertes Vorgehen die Ausnahme und unkoordinierter Aktionismus die Regel ist. Jedes Grüppchen kocht sein Süppchen; nicht zuletzt aus eitler Vereinsmeierei und pathologisch anmutendem Futterneid. Von "der Tierrechtsbewegung" kann also kaum die Rede sein, was aber von einer bestimmten Journaille gerne übersehen wird, da sie durch ein simplifiziertes Feindbild logischerweise jene Gruppierung in unserer Gesellschaft bedient, der sie ihre Existenz verdankt: den Profiteuren der Tierausbeutung.

Retrospektive

Nach einem unverhofft guten Start Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der auch mit der deutschen Veröffentlichung des Buches "Animal Liberation" des australischen Philosophen Peter Singer in etwa zusammenfiel, hatte es fast den Anschein, dass gravierende Verbesserungen im Tierschutz oder sogar die Befreiung der Tiere innerhalb von ein, zwei oder drei Generationen erreichbar seien. Aus der anfänglichen Grasroots-Bewegung formierten sich in relativ kurzer Zeit regional organisierte Aktions-Gruppen, Vereine und bundesweite Verbände, die recht geschlossen auftraten und sich als erstes Ziel die Abschaffung der Tierversuche auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Je mehr die "Tierrechtsbewegung" aber in die Jahre kam und je umfangreicher die Palette der Forderungen wurden, desto mehr machte sich ein Auseinanderdriften der Bewegung bemerkbar, zumal sich durch weitere Publikationen von Tierethik-Konzepten auch die ethischen Ausgangspositionen der Akteure/innen veränderten.

Aus der "Tierrechtsbewegung" waren Tierrechtsbewegungen entstanden.

Was haben diese Tierrechtsbewegungen in den letzten 30 Jahren erreicht? Sie haben bis heute trotz hoher Fluktuationsraten überlebt. Das ist immerhin bemerkenswert, denn es wäre ebenso gut möglich gewesen, dass mangels motivierender Erfolge oder durch die Sucht nach der gewohnten Leichenkost und nach anderen Tierqualprodukten sich die Tierrechtsbewegungen nach und nach zu Tode geschrumpft hätten. Sogar ein mediales Interesse an Tierschutz und Tierrechten stellte sich ein, man/frau denke nur an Heiligabend 1977, beste Sendezeit 20.15 Uhr: Bemerkungen über das Rotwild von Horst Stern.

Aufbruchstimmung war angesagt!

Die Deutschen kümmerten sich mehr um ihre Tiere, vor allem um ihre "Heimtiere", was zu Folge hatte, dass durch vielfältige Privatinitiativen die schon vorhandenen karitativen Einrichtungen für Tiere zu einem flächendeckenden Netz von Tierheimen, Tierstationen und Gnadenhöfen ausgebaut wurden, das im Vergleich zu anderen Ländern geradezu vorbildlich ist. Auch die so genannten Nutztiere profitierten durch die erwachte "Tierliebe" der bundesrepublikanischen Bürger/innen - wenn auch nur in sehr geringem Maße. Die Jagd wurde von einem beachtlichen Teil der Gesellschaft als unzeitgemäß abgelehnt, ebenso Tierversuche, Tiertransporte und archaische Schlachtmethoden wie etwa das betäubungslose Schächten. Gesetzgeberische Verbesserungen wurden zugunsten der Tiere - auch in der landwirtschaftlichen Tierhaltung erreicht. Ein großer Erfolg war, dass das Tier von einem zum anderen Tag in unseren Gesetzen nicht mehr als Sache, sondern als Mitgeschöpf anerkannt wurde. Auf dieser Grundlage gelang anno domini 2002 der wohl spektakulärste Erfolg der Tierrechtsbewegungen, die Festschreibung Tierschutz als Staatsziel. Die Verordnung zur Batterie-Käfig-Haltung und die Einführung der Klassifizierung von Eiern nach ihrer Produktionsart waren wichtige Meilensteine nach einem viele Jahre andauernden Kampf, die zukünftig für Verbesserungen in der landwirtschaftlichen Haltung anderer "Nutztierarten" eine entscheidende Rolle spiele dürften.

Es waren also nach etwas mehr als 30 Jahren - das ist im historischen Vergleich mit anderen Befreiungsbewegungen eine winzig kleine Zeitspanne - erste nennenswerte Erfolge zu verzeichnen. Trotzdem ist das Leben der meisten "Nutztiere" in unserem Lande immer noch die Hölle auf Erden.

Aber Deutschland hat im internationalen Vergleich wenn nicht das beste, dann zumindest eines der fortschrittlichsten Tierschutzgesetze der Welt, und die Tierrechtsbewegungen sind zu einem festen Bestandteil in unserer Gesellschaft geworden. Laut Statistik ernähren sich fast 8 Prozent der Deutschen vegetarisch; darin ist wohl auch der weitaus geringere Anteil jener Menschen enthalten, die vegan leben. Tierrechtler/innen werden immer seltener als tierliebe Spinner abgekanzelt, sondern als eine an Einfluss gewinnende Gruppierung in unserer pluralistischen Gesellschaft wahrgenommen und deshalb ... auch mehr und mehr gefürchtet und angefeindet. Eine typische Entwicklung, die als Zeichen des Fortschritts der Tierrechtsbewegungen bewertet werden sollte, denn nur wer seine Ziele erreicht oder zu erreichen droht, schafft sich dadurch Feinde.

Wem war dies alles hauptsächlich zu verdanken? Etwa den Tierrechtler/innen? Auch, aber ebenso den zahlreichen traditionellen Tierschützern/innen, die gegen das Schächten und das Urteil des Bundesverfassungsgericht mobil machten, und auch jenen Menschen, die zwar meilenweit vom Tierrechtsdenken entfernt sind, denen aber mehr und mehr bewusst wurde, dass der herkömmliche Tierumgang so nicht weitergehen konnte. Selbst die an Tierschutz meist desinteressierten Politiker/innen wurden vorübergehend wahre Tierfreunde, vor allem dann, wenn eine Bundestagswahl ins Haus stand. Das Image der Tierrechtsbewegungen in der Bevölkerung war so lange gut, wie die Aktionen Erfolge zeigten und sich einigermaßen im Rahmen der Legalität und der persönlichen Akzeptanz bewegten.

Von nun an ging’s bergab ...

Erste Imageverluste traten durch Anschläge auf Fleischerläden ein, Aktionen, die dem/der "anständigen Bürger/in" dann doch zu suspekt waren. Durch etliche TR-Skandale mit kriminellem Hintergrund, bei denen es stets um große Summen von veruntreuten Spendengeldern ging, gerieten die Tierrechtsbewegungen noch mehr ins Gerede. Andere eingefahrene "Erfolge" gerieten auch ins Wanken, z.B. in Sachen Pelz. Vielleicht waren die Besprühungsaktionen eben nicht nachhaltig genug. Sie wirkten zwar auf den Pelzmantel, nicht aber auf das Gewissen der Pelzträger und der Modemacher ein. Der Erfolg in der Batterie-Käfig-Haltung von Legehennen wird dadurch getrübt, dass weiterhin rund 80 Prozent der Konsumenten Eier aus Käfighaltung kaufen, obwohl sie sich zuvor gegen Batterie-Käfige ausgesprochen hatten. Wenn es an die eigene Geldbörse geht, bleibt die Moral dann doch auf der Strecke. Eine einheitliche Regelung zur Mastkaninchenhaltung steht seit Jahr und Tag noch aus, als ob Kaninchen, die in gleichen Batteriekäfigen gehalten werden wie Legehennen, weniger leidensfähige Tiere wären als das liebe "Federvieh". Der Tierschutz im Grundgesetz hat bisher spektakuläre Verbesserungen für die Tiere nicht eingefahren, und EU-Politiker planen den größten Tierversuch aller Zeiten, um zu Ergebnissen über Chemikalien zu gelangen, die seit Jahren schon bekannt sind. Der Kampf gegen Tierausbeutung ist ein Kampf gegen Windmühlen, sobald man/frau beginnt, global zu denken. Tierleid und Tiermord werden weltweit zunehmen, einfach weil die Weltbevölkerung und deren Durchschnittseinkommen stetig wachsen. Egal was wir Tierrechtler/innen machen, egal, ob wir in unserem eigenen Lande kleine Verbesserungen der Lebensbedingungen für Tiere erreichen, egal, ob die Zahl der Vegetarier und Veganer bei uns stetig zunimmt, unsere Anstrengungen werden - global betrachtet - mit der Zunahme der Tierausbeutung nicht Schritt halten können. Es sieht also nicht gut aus für die Tiere!

Leider auch nicht für die Tierrechtsbewegungen!

Und der Mut ist so müde geworden ...

Nach einem kometenhaften Aufstieg - jedenfalls wieder in historischen Maßstäben betrachtet - ist eine Phase der Stagnation eingetreten. Und an dieser Situation ändert auch Schönrederei nichts mehr.

Was ist geschehen?

Trotz der Notwendigkeit, noch härter und effizienter für die Tiere zu arbeiten, um wenigstens das Mögliche auch möglich zu machen, ergehen sich die Tierrechtsbewegungen weiterhin in ihren Einzelaktionen, anstatt sich zur Geschlossenheit zu entscheiden, um mit vereinten Kräften ein Ziel nach dem anderen ins Visier zu nehmen. Der Hinweis auf den positiven Aspekt der Pluralität dient mehr als Alibi für eine Verweigerung aus ganz anderen Gründen. Vereinsmeierei, Futterneid, Profilierungsgehabe und sogar persönliche Animositäten verhindern nämlich meistens die so dringend benötigte Bündelung der Kräfte. Selbst vor einer Torpedierung von Aktionen anderer Gruppen oder Vereine wird nicht mehr halt gemacht. Intrigen und Verleumdungen, hinterhältige Ausgrenzungen und Anfeindungen sind an der Tagesordnung. Der kursierende Satz "Wenn zwei Tierrechtler sich treffen, trennen sie sich" ist leider zur Faktizität geworden. Damit stehen die "Feinde der Tiere" auch in den eigenen Reihen, und der Schiller’sche Satz, dass gegen die Dummheit die Götter selbst vergebens kämpfen, hat sich bewahrheitet.

Stagnation auch auf dem Felde der philosophischen Grundlagenarbeit im Bereich der Tierethik. Selbst bei großen TR-Organisationen rangiert dieser wichtige Teilbereich der TR-Arbeit unter ferner liefen; vielleicht ein Grund, warum erst kürzlich einer der "großen Köpfe" das Handtuch geworfen hatte und sich obendrein von seiner bisherigen Tierethik distanzierte. Die wenigen Philosophen, die zum Thema Tierrechte etwas zu sagen haben, werden von der Basis nicht gelesen, wahrgenommen, angesprochen und ermutigt. Oder einfach nicht verstanden! Selbst auf der Führungsebene besteht ein Manko in der tierethischen Theorie; man/frau hat einmal "angelesen" oder "gehört". Die meisten Tierrechtler/innen sind damit überfordert - nicht zuletzt aus zeitlichen Gründen, und so ist die philosophische Grundlagenarbeit das Stiefkind der Tierrechtsbewegungen geworden.

Eine besondere Energieverschwendung hat sich seit dem World-Wide-Web-Zeitalter durch die Möglichkeit von öffentlichen Diskussionen per Internet eingestellt. Nicht wenige Tierrechtler/innen verbringen unverhältnismäßig viel Zeit in einschlägigen TR-Foren und Chaträumen, anstatt sich an jene Adressaten mittels Protest-Briefen, Info-Ständen, Aktionen, Flugzettelverteilung und anderen TR-Aktivitäten zu wenden, die tatsächlich von Tierrechten noch nicht überzeugt sind. Ein Großteil der dort publizierten geistigen Ergüsse und Elaborate haben mit TR-Themen oft nicht mehr viel gemeinsam und sind nicht selten dazu geeignet, nur noch zur Erheiterung der gegnerischen Leserschaft beizutragen. Auch hat der Argumentationsstil ein Niveau erreicht, der in der Außenwirkung den Tierrechtsbewegungen nur allzu oft mehr Spott als Anerkennung bescheren dürfte. Trotzdem wird "gepostet" auf Teufel komm raus und dies dann noch als produktive Tierrechtsarbeit verkauft. Selbstbetrug par excellence! Man/frau muss sich doch selbstkritisch zwei Fragen stellen:

1. Warum sollte ein omnivorer Masse-Mensch überhaupt TR-Foren besuchen?

2. Wie viele dieser Zeitgenossen, die sich auf TR-Foren verirrt haben, werden dadurch zum Vegetarismus oder Veganismus bekehrt?

Die "Ausbeute" dürfte im Verhältnis zum Einsatz nicht gerade berauschend ausfallen. Wenn überhaupt, dann taugen TR-Foren und Chaträume für den Szene-internen Kontakt. Aber selbst dies auch nur bedingt, denn nirgendwo sonst kommt es zu so vielen Missverständnissen und verbalen Scharmützeln wie auf TR-Foren. Als Bestandteil einer informativen TR-Webseite können sie sicherlich Vorteile bringen und zu einem besseren Verständnis des Tierrechtsgedankens beitragen, aber die Priorität darauf zu verlegen führt unweigerlich in eine Sackgasse.

Immer häufiger werden aber auch heftige ideologische Grabenkämpfe zwischen den verschiedenen Fraktionen auf diesen Foren in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Es geht, auch wenn dies auf Anhieb nicht ersichtlich ist, wieder einmal um die Frage der richtigen Strategie: Abolutionismus oder Reform UND Abschaffung; Fundis gegen Realos. Neu an dieser Auseinandersetzung ist, dass nun auch unterschiedliche Weltanschauungen und politische Richtungen der konkurrierenden Tierrechtler/innen für diesen Disput als Instrument der Diskreditierung der Gegenseite herangezogen werden. Neuerdings bilden sich Fraktionen, denen es um die gleichzeitige Befreiung der Tiere und die des menschlichen Geistes von einer politischen und religiösen Schieflage geht. Ein Unterfangen, das immer zu Lasten der Tiere ausgehen wird, weil einfach die Kräfte nicht ausreichen, um in einem Zweifrontenkrieg Siege zu erringen.

Es gibt auch keinen vernünftigen Grund, warum die Forderung nach Beendigung der Tierausbeutung einem einzigen konkreten politischen Standort entsprechen muss. Warum auch? Sind alle diejenigen, welche den Standort X nicht einnehmen, gleich abzustempelnde Faschisten? Oder sind diejenigen, die sich für den Holocaust-Vergleich aussprechen, gleich antisemitisch eingestellt? Sind all diejenigen, die sich für die Strategie der Reform UND Abschaffung einsetzen - und zwar mehr gezwungenermaßen als freiwillig - gleich Verräter/innen der Tiere? Sind Tierrechte und Religion unversöhnliche Gegensätze? Müssen die großen Kirchen und kleinere Glaubensgemeinschaften bekämpft werden, um sich Tierrechtler/in nennen zu dürfen?

Alle diese kontrovers diskutierten Fragen münden schließlich in die alles zu entscheidende Frage: Wie viel Toleranz ist innerhalb der Zieldefinition der Tierrechte möglich?

Antwort: So viel als nötig und sowenig wie möglich. Persönlicher Glaube und politische Haltungen sind Tierrechten nicht zwingend hinderlich. Die traditionelle Verhinderung von Tierrechten im Westen basiert auf einer vermeintlichen Sonderstellung des Menschen, welche ihm Herrschaftsbefugnisse über andere Arten einräumte. Gläubige, die Tierrechte vertreten, werden diese Lehrmeinung entweder nicht aufrechterhalten oder sie umdeuten in eine gewaltfreie Herrschaft. Und politische Haltungen? Jede hat ihr Gewaltpotential schon gezeigt - aber auch das Gegenteil. Tierrechtler/innen werden sich dort politisch nicht engagieren, wo sich Tierqual-Industrien eingekauft haben und Politiker hofieren. Sie werden rechtslastige Wirrköpfe meiden, weil "braunes Gedankengut" massiv zu Menschenrechtsverletzungen und auch zu Tierrechtsverletzungen geführt hatten, wie uns dies die Geschichte deutlich lehrt.

Wie MUSS es weitergehen?

Angesichts der Notwendigkeit der Eindämmung der inzwischen globalen, massiven Tierausbeutung wäre es ein Verbrechen an den Tieren, wenn sich die verschiedenen Kräfte der Tierrechtsbewegungen in unserem Lande nicht auf einen Minimalkonsens einigen könnten und weiterhin gegenseitig bekämpfen. Was ist zu tun?

Die 7 goldenen Regeln

1. Die Missgunst untereinander, der Futterneid, die Vereinsmeierei und der latente ideologische Grabenkrieg MÜSSEN beendet werden, wenn die Tierrechtsbewegungen in den kommenden Jahrzehnten erfolgreich arbeiten wollen.

2. Die Tierrechtsbewegungen MÜSSEN ihre Meinungsverschiedenheiten auch mit klassischen Tierschützern und Naturschützern zurückstellen und versuchen, diese Gruppierungen - wo immer es möglich ist - zu integrieren.

3. Die vorhandenen Energien DÜRFEN nicht weiterhin auf "Nebenkriegsschauplätzen" vergeudet werden. Schwerpunkte sind Tierethik, ihre Umsetzung und unmittelbarer Tierschutz. Eine Beschäftigung mit diesen drei Themenbereichen MUSS von der Basis bis zur Spitze der Tierrechtsbewegungen stattfinden.

4. Auf nationaler Ebene MÜSSEN die Tierrechtsbewegungen eine Bündelung der Kräfte herbeiführen, indem sie sich für Kooperationen öffnen und ihre Aktionen koordinieren.

5. Im Zeitalter der Globalisierung MÜSSEN die Tierrechtsbewegungen global agieren; Kooperation auf internationaler Ebene ist die logische und notwendige Fortsetzung der nationalen Bündelung der aller verfügbaren Kräfte, um der globalen Tierausbeutung Paroli zu bieten. Nur eine geeinte Bewegung ist eine starke Bewegung.

6. Strategische Einzelziele MÜSSEN in politisch umsetzbare Forderungen münden, um durch eine Politik der "kleinen Schritte" das Tierleid hier und jetzt einzudämmen und zu helfen, wo Hilfe möglich ist.

7. Tierrechtler/innen MÜSSEN ihre zeitlichen Ressourcen wieder sinnvoll für die Tiere einsetzen und sich beispielsweise nicht in Endlosdiskussionen in Foren oder Chaträumen verlieren. Die Diskussion MUSS durch einen verstärkten Dialog mit Vertretern der Politik, der Geistes- und Naturwissenschaften, der Amtskirchen, der Wirtschaft und mit dem/der Mann/Frau auf der Straße neu belebt werden.

Abschließend: Eine selbstkritische Betrachtung des Ist-Zustandes und seiner Bilanzierung ist vor allem in Zeiten der Stagnation angebracht. Sie eröffnet neue Perspektiven, indem sie auf vorhandene Fehler aufmerksam macht, aber auch die Erfolge nicht herunterredet. Dies wurde hiermit getan - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - und es bleibt zu hoffen, dass die vorgebrachten Gedanken um der Tiere willen nicht auf taube Ohren stoßen werden.

Seien Sie gegrüßt

A.K.T.E.- Redaktion / Barbara Hohensee / Stefan Bernhard Eck

Im Übrigen meinen wir, dass Fleischessen und wahre Menschlichkeit sich nicht vertragen.


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