Kolumne

"Also reden wir Tacheles ..."


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Warum die Mühe, wenn doch alles zum Teufel geht?

Liebe Leser/innen,

vor einigen Wochen hatte ich für Harry Harper einen neuen Titel für unsere geplante CD "Im Namen der Tiere ..." geschrieben. (Ist mittlerweile auch schon hervorragend vertont.) Bitte, lesen Sie einmal ... dann fahre ich mit meinen Gedanken fort.

Die Krone der Schöpfung

1.
Es begann mit einem Lichtblitz aus reiner Energie.
Alles hat einmal ein Ende auf Grund der Entropie.
Die gute, alte Erde bleibt auf Ewig nicht besteh’n.
Im Gluthauch unsrer Sonne wird sie einmal untergeh’n.
Entstehen und Vergehen - Weltenlauf seit Anbeginn.
Vergeblich ist die Suche nach des Daseins wahrem Sinn.

Refrain:
Unser Platz im Weltgetriebe ist bedeutungslos und klein.
Können niemals Herrenrasse, niemals Auserwählte sein.
Nicht die Krone einer Schöpfung, nicht der Mittelpunkt im All.
Keine Schöpfung und kein Schöpfer, nur Big Bang, ein großer Knall.

2.
Der Menschen freier Wille ist in Wahrheit Utopie.
Die unbewussten Triebe führen meistens die Regie.
Wir sind auch nur Primaten, "homo sapiens" uns genannt.
Der Unterschied zu Bruder Tier ist höchstens der Verstand.
Doch bei Intensivbetrachtung wird auch er zur Illusion.
Die Geisteskräfte nutzt der Mensch doch meist zur Aggression.

Refrain:
Folterkammern, Scheiterhaufen, Hexenwahn und Sklaverei.
All die Hungerkatastrophen und bei uns herrscht Völlerei.
Auschwitz, Dachau und Treblinka, Hiroshima und Vietnam.
Welch perfekte Mordmethoden doch des Menschen Geist ersann.

3.
Die Ideale sind verflogen, und das Leben ohne Sinn.
Gier nach Luxus, Lebensstandard, und dem Fraß gibt man sich hin.
Bald zerstört ist Mutter Erde, denn man rottet alles aus.
Man verwandelt den Planeten in ein wahres Leichenhaus.
Sinnenkrise in der Welt, Fortschrittswahn, Profitkultur.
Massenmord an Bruder Tier und Overkill an der Natur.

Refrain:
Krone der Schöpfung, Inbegriff der Arroganz!
Krone der Schöpfung, ein Beweis für Ignoranz!
Krone der Schöpfung, die Bastion der Eitelkeit!
Krone der Schöpfung, steht für Ungerechtigkeit!
Krone der Schöpfung, Freibrief für den Massenmord!
Krone der Schöpfung, verflucht sei dieses Wort!
Krone der Schöpfung, kulturelle Pandemie!
Krone der Schöpfung, absolute Idiotie!

Ziemlich pessimistischer Grundtenor, nicht wahr? Es entspricht aber meiner Weltsicht. Und häufig werde ich gefragt, warum ich mir all die Mühe und Arbeit in Sachen Tierrechte und Moral-Philosophie mache, wenn doch alles eines Tages zum Teufel gehen wird, wenn doch alles vergänglich ist, wenn sich alles in einem ständigen Wandel befindet, wenn nichts bestehen bleibt, wenn wir nur in größeren Zeiträumen denken. Nicht unsere Kultur, unsere technischen Wunderwerke, nicht unsere "Moral", nicht einmal die Erinnerung an uns, weil einfach niemand mehr da sein wird, der sich unserer erinnern könnte.

Warum also dann die Quälerei, warum nicht in der Sonne sitzen und Bier trinken, es sich so richtig gemütlich machen?

Ich will Ihnen mit einer Geschichte aus dem Tipitaka (Pali-Kanon, die "Bibel" der Buddhisten) die Antwort geben. Nageln Sie mich aber bitte nicht fest, wo genau das steht. Ich habe die Stelle vergessen und bin einfach zu faul, um zu suchen. Ich glaube aber, dass ich es im Samyutta-Nikaya gelesen hatte.

Und ich erzähle Ihnen den Inhalt in meiner unorthodoxen Art und Weise.

Einst weilte der Erhabene mit seinen Schülern unter einem schattigen Baume und hielt eine seiner langatmigen Lehrreden über die Vergänglichkeit. Als er zum Ende seiner Rede gekommen war, fragte er seine Schüler, ob diese zu dem Vortrag noch Fragen hätten. Ein junger Mönch, der erst seit kurzer Zeit mit Buddha durch die Gegend zog, meldete sich.

"Meister, wenn alles vergänglich ist, dem steten Wandel unterliegt, nicht der Realität entspricht ... und alles eines Tages doch zum Teufel gehen wird, warum machen wir uns dann überhaupt die ganze Mühe und Arbeit, meditieren bis zum Umfallen, denken stundenlang über die Erlösung nach und leben nach solch schwierigen Regeln? Es hat doch anscheinend keinen Zweck!"

Der Erhabene blinzelte durch die Zweige des Baumes in die Sonne, dachte angestrengt nach und bat schließlich den Schüler durch ein Handzeichen sich vor ihn zu setzen. Wie üblich im Lotussitz.

"Mein Schüler", sagte er, "schließe Deine Augen! Ich werde dich unterweisen!"

Der junge Mönch freute sich, denn er empfand es als große Ehre, von seinem Meister in einer "Privataudienz" unterrichtet zu werden. Freudig wartete er auf die Dinge, die da kommen sollten und schloss seine Augen.

"Ananda, (der Adjutant des Erhabenen) man reiche mir meinen Wanderstab!"

Als Ananda mit dem Wanderstab angerannt kam, erhob sich der Buddha. Wahrscheinlich hatte er auch schon Krämpfe in die Waden vom langen "Lotussitzen" bekommen und war für die Abwechselung dankbar. Er umfasste mit beiden Händen den Stock aus knochenhartem Tropenholz, holte weit aus ... und schlug seinem jungen Schüler auf die Schulter.

"Aaauuuu ... KREISCH!"

Das Schlüsselbein brach zum Glück nicht, aber der junge Mönch schrie verzweifelt und völlig überrascht auf und weinte vor Schmerzen.

"Ananda, man bringe meinen Stab wieder weg!" sagte der Meister lächelnd. Er lächelte immer, Tag und Nacht.

Der Erhabene ließ sich wieder nieder ... im Lotussitz natürlich und wartete bis sich der Mönch einigermaßen von seinem Schock erholt hatte.

"Mein Schüler", sagte der Buddha liebevoll, "auch wenn alles vergänglich ist, dem steten Wandel unterliegt, nicht der Realität entspricht ... und auch wenn eines Tages alles zum Teufel gehen wird, so existiert doch das Leiden und der Schmerz hier und jetzt sicherlich. Spürst du es, mein Sohn? Und weil wir angetreten sind, dieses Leiden, diesen Schmerz zu vermindern, machen wir uns heute die ganze Mühe und Arbeit, meditieren bis zum Umfallen, denken stundenlang über die Erlösung nach und leben nach solch schwierigen Regeln. Ist das für dich nun einleuchtend, hast du nun den Zweck unserer Arbeit erkannt?"

Der junge Mönch wischte sich die Tränen aus den Augen und nickte eifrig. Es wird in der Geschichte noch berichtet, dass er nach dieser Belehrung durch seinen Meister kurze Zeit später das Stadium der Erleuchtung erreichte.

Übrigens: Dem Erhabenen wurde niemals wieder eine so blöde Frage gestellt.

Liebe Leser/innen, seit geraumer Zeit ich bin am Schnitzen meines Wanderstabes, ein richtig knorriger Knüppel aus altem Eichenholz. Bis ich fertig bin, dauert es aber noch eine Weile.

Seien Sie gegrüßt

A.K.T.E.- Redaktion / Stefan Bernhard Eck

Im Übrigen meine ich, dass Fleischessen und wahre Menschlichkeit sich nicht vertragen.


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