Moralische Bewertung der Verwendung von Arzneimittel
Medikamente dienen der Krankheitsbekämpfung, der Lebensverlängerung und letztendlich der Lebenserhaltung. Die Anwendung von pharmazeutischen Produkten kann also von existenzieller Notwendigkeit sein. Bei einer moralischen Abwägung bezüglich der Verwendung von Medikamenten stehen starke Interessen – Schmerzfreiheit, Gesundheit oder das Überleben eines Menschen - ähnlich starken oder gleich starken Interessen - nämlich der Wunsch nach Leidensfreiheit und Leben der betroffenen Versuchstiere - gegenüber. In der Regel wird die Einnahme von Medikamenten zur Erhaltung der körperlichen oder geistigen Gesundheit oder des Lebens eines Menschen als ein so starkes Interesse bewertet, dass diesem Interesse unbedingungslos die Interessen der Versuchstiere untergeordnet werden. Mit dem Argument der zwingenden Notwendigkeit werden gleich starke oder stärkere Interessen dieser Versuchstiere übergangen oder nur marginal berücksichtigt. Die Einnahme von Medikamenten wird leider häufig von den meisten Tierrechtlern/innen unkritisch als ethisch gerechtfertigt bewertet, weil auf den ersten Blick eine typische "Pattsituation" vorliegt. Ist diese Beurteilung korrekt? Außer Frage steht sicherlich, dass Versuche, die einem empfindungsfähigen Lebewesen erhebliche Leiden und den Tod verursachen, ethisch nicht zu rechtfertigen sind. Es ist und bleibt das "schwärzeste Verbrechen der Menschheit" wie es Mahatma Gandhi richtig erkannte. Durch den Kauf und die Einnahme von Medikamenten fördern wir nicht nur direkt das Unrechtssystem im Ganzen, sondern akzeptieren damit auch stillschweigend die Praktiken, die bei der Erprobung von Arzneimitteln angewendet werden. Um eine plausible Rechtfertigung für die Arzneimittelverwendung zu bieten, greift man oft zu dem Argument, dass hier nur noch die starken Interessen der erkrankten Patienten bestünden, weil die betroffenen Versuchstiere, die im Tierversuch benutzt wurden, überhaupt keine Interessen mehr hätten, weil sie bereits tot seien. Man kennt den Satz: "Die Tiere sind wenigstens nicht umsonst gestorben." Seltener wird mit der humanistischen Begründung der Sonderstellung des Menschen oder mit dem "Recht der Selbsterhaltung" argumentiert. Das Hauptargument besteht aber meistens darin, dass behauptet wird, es gäbe keine Alternativen für die betroffenen Menschen. Diese Begründungsversuche der Anti-Tierversuchsbewegung, aber auch der meisten Tierrechtler/innen empfinde ich sehr unbefriedigend, denn weder die postulierte "Sonderstellung des Menschen in der Natur" noch das "Recht der Selbsterhaltung" rechtfertigen die Einnahme von Medikamenten, die im Tierversuch gestestet wurden. Aus der postulierten Sonderstellung des Menschen in der Natur ergibt sich noch lange kein Recht, andere Lebewesen für sich quälen und töten zu lassen. Die Sonderstellung des Menschen in der Natur könnte nämlich auch dahingehend interpretiert werden, dass wir Menschen die ethische Verpflichtung haben – kraft unserer überlegenen Kognitionsfähigkeit – alles zu unternehmen, um dem natürlichen Leidensprozess in der Natur entgegenzuwirken. Das " Recht der Selbsterhaltung" macht ohnehin keinen Sinn, da es sich bei einer Einnahme von Medikamenten nicht um eine Notwehr-Situation handelt, die dann eine dementsprechende Handlung ethisch legalisieren würde. Das Versuchstier bedroht nicht das Leben des Menschen. Die Einnahme von Medikamenten ist vielmehr unsere freie Entscheidung und damit letztendlich keine zwingende Notwendigkeit, denn wir besitzen schließlich die Freiheit, die Verwendung dieser Medikamente auch abzulehnen. Das Argument der fehlenden Alternativen, der Nichtwahlmöglichkeit, stellt sich überhaupt nicht. Unrecht bleibt Unrecht, egal ob wir über Alternativen verfügen oder nicht. Außerdem müssten wir den Nachweis erbringen, dass alle moralisch zulässigen Mittel und Heilungsmethoden voll ausgeschöpft wurden und nicht zu einer Eindämmung oder Beendigung der Krankheit geführt haben. Dies wird in der Regel jedoch meistens unterlassen. Für die moralische Bewertung ist es auch bedeutungslos, ob unserer Handlung ein triviales Motiv oder ein existenzielles Motiv zu Grunde lag. Die bewusste Inkaufnahme des Leidens oder des Todes eines empfindungsfähigen Lebewesens ist und bleibt einzig und allein nur dann ethisch legitim, wenn wir uns in einer akuten Situation der Notwehr befinden. Wie ist die Einnahme von Medikamenten also zu bewerten? Wenn die meisten Tierrechtler/innen behaupten, dass sie keinen prinzipiellen Unterschied in ihren Wertsetzungen zwischen Mensch und Tier tolerieren, aber sie nicht dazu bereit sind, die Forderung eines Verzichts auf Arzneimittel zu stellen, die im Tierversuch getestet wurden, bedeutet dies doch nichts anderes als ein logischer Bruch in ihrer Argumentationslinie. Entweder existieren in den moralischen Wertsetzungen Unterschiede oder es existieren keine Unterschiede. Ich stelle nun eine einfache, aber entscheidende Frage: Würden wir Arzneimittel-Versuche, die mit erheblichen Schmerzzuständen und dem Tod der Versuchsopfer verbunden sind und die Einnahme von Produkten, die auf diesen Versuchen beruhen, auch dann tolerieren, wenn sie nicht an Tieren, sondern gewaltsam an Menschen durchgeführt worden wären? Würden wir auch dann das Endprodukt dieser Ungerechtigkeit zur eigenen Gesundung und zur eigenen Lebensverlängerung oder Lebenserhaltung ohne Skrupel in Anspruch nehmen, oder würden wir uns dieser Produkte enthalten? Ich nehme an, dass die meisten Menschen "Menschenversuche" und die Endprodukte dieser Versuche ablehnen würden. Wenn wir also intuitiv erkennen, dass diese Versuche am Menschen moralisch unzulässig sind, und die Verwendung von Medikamenten aus "Menschenversuchen" ebenso moralisch abzulehnen ist, sollte man eine Antwort parat haben, warum die Verwendung von Medikamenten moralisch erlaubt sein soll, die gegen den Willen der Versuchstiere stattgefunden haben und mit erheblichen Schmerzen und dem Tod der betroffenen Tiere einhergeht. Was ist der entscheidende und moralisch relevante Unterschied zwischen Mensch und Tier, der diese höchst unterschiedliche Wertsetzung und Beurteilung rechtfertigen sollte? Ich kenne keinen, der einer rationalen Überprüfung standhalten würde. Wie ist dann die Verwendung von Medikamenten, die im Tierversuch getestet wurden, ohne Wenn und Aber moralisch zu bewerten? Erwerb und Verwendung von Medikamenten, die im Tierversuche getestet wurden, bedeuten schlicht und ergreifend ein " moralisches Versagen". Denn wenn wir unseren eigenen Überzeugungen konsequent folgen wollen, und auch dies ist eine rationale und moralische Forderung, der wir uns nicht entziehen können, dann dürfen wir auch nicht die Früchte unmoralischer Handlungen, die wir strikt auf Grund unserer ethischen Wertsetzungen ablehnen und als Unrecht empfinden, für uns in Anspruch nehmen. Wer Tierversuche als unmoralisch und unrecht empfindet, sollte auch den Erwerb und die Verwendung von Produkten, die auf der Basis solcher Versuche entwickelt wurden, als Unrecht empfinden. So wie sich Mediziner geweigert hatten, die Erkenntnisse weiterzuentwickeln, die durch gewaltsame und unmoralische Versuche an Menschen im Dritten Reich gewonnen wurden, so sollten wir uns weigern, die Verwendung von Arzneimitteln, die im Tierversuch getestet wurden, unkritisch und selbstbetrügerisch als ethisch legitim zu bewerten, nur weil sie sich für unsere Gesundheit und unser Leben als segensreich erweisen. Die Verwendung bereits entwickelter Medikamente stellt ebenso ein Unrecht dar wie ihre augenblickliche Entwicklung, denn für das Versuchstier macht es keinen Unterschied, ob wir direkt sein Leiden und seinen Tod verursachen oder nur die Begünstiger seines Leidens und Todes sind. Wenn wir angesichts einer sehr schweren Krankheit "schwach werden" und diese Medikamente verwenden, dann sollte dies mit dem Gefühl und dem Eingeständnis unseres "moralischen Versagens" verbunden sein. Jedes weitere Dementi führt hier nur in die falsche Richtung und untergräbt unsere Bestrebungen nach einer angemessenen moralischen Berücksichtigung der Tiere und darüber hinaus unsere Glaubwürdigkeit. Ich will aber einen Gedankengang darlegen, der die Verwendung von Arzneimittel, die im Tierversuch getestet wurden, zumindest aus der Gesamtperspektive wieder ethisch "legalisieren" könnte und ein wenig unser "schlechtes Gewissen" beruhigen wird. Ein Argument, das für die Verwendung von Medikamenten spricht, ist die Vermeidung der Abschreckung unserer speziesistisch geprägten Gesellschaft gegenüber unserem Ziel, einer angemessenen moralischen Berücksichtigung der Tiere. Würden wir einen radikalen und bedingungslosen Boykott von Medikamenten einfordern, so stieße dies in unserer heutigen Gesellschaft auf sehr wenig Verständnis. Diese Forderung würde als fanatisch und irrational beurteilt und würde mit einer kategorischen Ablehnung quittiert. Die Nachteile, die daraus für das Vorankommen der Tierrechtsbewegung insgesamt entstünden, würde die Erreichung unseres Zieles verzögern. Auf lange Sicht würde dies - wiederum in der Gesamtperspektive betrachtet - zu mehr Leid und Tod von Tieren führen. Es ist also ratsam, die Gesellschaft mit maßvollen Forderungen in Beziehung auf die Verwendung von Arzneimittel zu konfrontieren, auch wenn diese aus ethischer Sicht prinzipiell nicht legitim sind. Auf Grund dieser Überlegung kann auch die Forderung der Anti-Tierversuchsbewegung als rational bezeichnet werden. Es ist aus ethischer Sicht zu tolerieren, einerseits die Einnahme von vorhandenen Medikamenten - möglichst mit dem Gefühl und dem Eingeständnis eines "moralischen Versagens" - zu erlauben, andererseits aber mit aller Härte zu fordern, dass zukünftig keine Tierversuche mehr stattfinden sollen und dafür Alternativmethoden einzusetzen sind. Fazit: Unsere persönlichen Boykottmaßnahmen bei der Verwendung von Arzneimitteln, deren Grad jeder letztendlich selbst bestimmen muss, sollten bewirken, dass das Unrecht, das die Tiere durch Menschenhand erfahren, nicht vermehrt sondern vermindert wird. Hier sollte jeder nach bestem Wissen und Gewissen handeln und seinen Konsum an Medikamenten auf das absolut notwendige Maß reduzieren. Dieser Verzicht sollte sich aber "im Stillen" abspielen. Die Frage, mit welchen Forderungen wir an die Gesellschaft herantreten können, ist schwierig zu beantworten. Was kann man der Gesellschaft zumuten, ihr verständlich machen, und was nicht? Die Kunst wird darin bestehen, die Grenze des der Allgemeinheit vernünftig Erscheinenden quasi unmerklich und nach und nach immer weiter in Richtung Tierrechte und Veganismus zu verschieben. Aus diesen Gedankengängen folgt aber auch, dass selbst der konsequenteste
Tierrechtler in bestimmten Situationen "moralisch versagen" kann. Wenn wir ehrlich sind, dann sollten wir
zugeben, dass wir im Endeffekt sehr oft "versagen", denn wer lebt tatsächlich nach der "Maxime der
Vermeidung des Vermeidbaren"? Wer aus diesem Versagen jedoch ein Scheitern unserer ethischen Vorstellungen
und unserer gesamten Bemühungen für die Beendigung der Ausbeutung der Tiere ableiten will, verkennt die menschliche
Natur und das "Mangelwesen Mensch". Ein partielles Versagen bedeutet kein Versagen im Ganzen. Aus
Erkenntnis erwächst der Wille zur Veränderung; bis zur Perfektion in der Umsetzung neuer Erkenntnisse bedarf
es aber viel Geduld. A.K.T.E. - Redaktion / Stefan Bernhard Eck |
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