"Tiere sind keine Maschinen In unserer Zeit verspeist ein deutscher Mensch im Laufe seines Lebens durchschnittlich 22 Schweine, sieben Rinder, 20 Schafe, 600 Hühner sowie zusätzlich Wildtiere, See- und Meeresfische. Der Fleischhunger des Menschen scheint so unersättlich wie seine Respektlosigkeit gegenüber dem Tier grenzenlos ist. Die meisten Tiere, die wir uns einverleiben, werden heute künstlich erzeugt, maschinell gemästet und am Fließband geschlachtet – genau so wie es Reinhard Mey in seinem Lied "Die Würde des Schweins ist unantastbar" besungen hat. "Artgerechte" Tierhaltung ist zwar gesetzlich vorgeschrieben, doch hunderte Millionen Tiere werden auch in Deutschland geboren, gefoltert und getötet für "ökonomische Sachzwänge". Die meisten Hühner und Schweine kennen nur diesen Lebensrhythmus: aufstehen, fressen, hinlegen, aufstehen ... sterben. Was aber ist, wenn der Mensch tatsächlich ist, was er isst? Nur die vier Prozent Biobauern, die es heute in Deutschland gibt, haben sich zu artgerechter Tierhaltung verpflichtet. Für die Tiere heißt das: Stroh statt Spaltböden aus Beton, Tageslicht statt künstlicher Beleuchtung, im Stall Bewegungen und Auslauf statt lebenslanger Isolation oder Käfighaltung, langsame Mast statt Hormone und Antibiotika, Verzicht auf Tier- und Knochenmehl sowie weitgehend auf Importfutter, schonende Transporte ins nächste Schlachthaus statt tierquälerischer Fahrten durch halb Europa oder nach Nordafrika zum einzigen Zweck des billigeren Geschlachtetwerdens. An deutschen Hochschulen gehören neben Insekten, Krebsen und Ratten auch Tauben, Kaninchen, Hunde und sogar Pferde noch immer zu den Versuchstieren. Frösche sind trotz jahrelanger Proteste und gerichtlicher Auseinandersetzungen als Demonstrationsobjekte in Biologie- und Medizinpraktika noch immer beliebt. Lebenden, nicht betäubten Fröschen wird der Kopf abgeschnitten und das Rückenmark aufgebohrt, um das Funktionieren des zentralen Nervensystems zu zeigen. Nach dem Versuch landen die zerstümmelten Tiere im Mülleimer. Auch ansonsten aufgeklärte Menschen geben sich dabei ganz abgeklärt: die Wissenschaft brauche solche Versuche, heißt es. Tierliebe sei sentimental und kitschig. Diese entsetzliche Tierquälerei ist nicht nur unverantwortlich; es ist erwiesen, dass sie auch unnötig ist. Der Dachverband der Europäischen Wissenschaftsgesellschaften hat sich soeben erst eindeutig für die Förderung und Anwendung von Alternativen zum Tierversuch ausgesprochen. Mit Hilfe von interaktiven Computerprogrammen könnten die bisherigen Tierversuche ersetzt werden. Dass alternative Methoden ausreichen, beweist zum Beispiel die Philipps-Universität in Marburg seit Jahren. Jedes zweite Küken landet bei der fabrikmäßigen Kükenproduktion auf dem Müll, weil es das falsche Geschlecht hat. Wir mästen Truthähne bis zum Unfallen und stopfen Hähnchen in 30 Tagen bis zur "Schlachtreife" voll. Die eigentliche Misere der europäischen Landwirtschaft ist nicht der "Rinderwahn", sondern der alltägliche Menschenwahn, der zur Massentierhaltung, zu Futterimport aus armen Dritt-Welt-Ländern, zu Überschussproduktion, zu grauenhafter Tierquälerei, zu Schweinepest und schließlich BSE führte. Hauptsache satt - Hauptsache billig! Haben Tiere eine Seele? Vegetarisch lebenden Tieren Tierabfälle zu füttern ist praktizierter Kannibalismus. Und dieser Kannibalismus ist wahrscheinlich die Ursache von BSE. Diesen Skandal nennt der britische Theologe Andrew Linzey "eines der wichtigsten moralischen Probleme aller Zeiten". Und er macht die Kirche des Abendlandes entscheidend mitverantwortlich dafür, "dass wir Millionen Tieren Schmerz, Leid und Tod zufügen". Im Gegensatz zum buddhistischen Kulturkreis ist Tierethik heute der blinde Fleck in der abendländischen Theologie- und Philosophiegeschichte. In unserer Geschichte ist das Verhältnis Religion-Tier immer ein Verhältnis praktizierter Gewalt gewesen. "Tiere haben keine Seele", "Tiere sind Sachen", "der Mensch im Mittelpunkt" - so lautet das Credo einer 2000 Jahre alten christlichen Theologie. Der bis heute tonangebende mittelalterliche, vom "ewigen Leben" für sich selbst natürlich überzeugte Theologe Thomas von Aquin formulierte es so: "Die Seele des Tieres ist nicht teilhaftig eines ewigen Seins." Die logische Konsequenz für heute: erst das Schnitzel, dann die Moral! Deshalb gelten Tiere bei uns auch als Sperrmüll. Die Seele des Menschen verroht, wenn er die Seele der Tiere leugnet. Alles, was wächst, ist beseelt – wie sollte es sonst wachsen? Das gilt für jedes Tier und jede Pflanze. Wenn ich sehe wie ein Wurm am Haken eines Anglers sich windet, dann kann mir niemand einreden, dass dieser Wurm keine Schmerzen empfindet. Im Jahr 2000 ließ eine norddeutsche protestantische Bischöfin in einem Brief folgendes schreiben: "Die Bischöfin überlegt derzeit, ob man Tieren eine Seele zusprechen könne und ob dies im Einklang mit der christlichen Theologie stehe." Wer in Kontakt zu Tieren steht, braucht keine bischöfliche Antwort. Die Bischöfin würde auch auf jeder Kuhalm eine Antwort finden. Dort könnte sie beobachten, dass Kühe Freundschaften schließen, dass sie trauern und weinen, aber auch ihr Bedürfnis nach Zuneigung, Nähe und Körperkontakt befriedigen – ähnlich wie Menschen. Und jede Almbäuerin könnte die Bischöfin darüber aufklären, dass Kühe nicht träge und blöd sind, es aber werden, wenn wir dumm mit ihnen umgehen. Die Kirche trat offiziell nie für die Rechte von Tieren ein. Und der "Tier-Heilige" Franziskus ist nur die berühmte Ausnahme von dieser Regel. Täglich rotten wir zur Zeit 150 Tier- und Pflanzenarten aus. Unwiederbringlich. Es gibt auch heute noch keine einzige römisch-katholische Autorität, die sich im katholischen Spanien gegen Stierkämpfe ausspricht. In Kanada unterstützen angloamerikanische und katholische Bischöfe die Jagd auf Seehunde und den unsäglich tierquälerischen Pelztierfang. In England hat die christliche Staatskirche nichts gegen sogenannten Jagdsport auf kircheneigenem Land einzuwenden. Papst Pius IX. hat die Eröffnung eines Tierschutzheimes in Rom noch mit der Begründung boykottiert, Menschen hätten keinerlei Pflichten gegenüber Tieren. Der Mann hat offensichtlich die falsche Bibel oder die Bibel falsch gelesen. Es hätte ihm sonst zum Beispiel das Jesus-Wort vom guten Hirten und den Schafen auffallen können oder auch sein Hinweis: "Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben." Zur Frage, ob Tiere eine Seele haben, schreibt der Spiegel: "Vor allem in den letzten Jahren gelangen Verwaltungsforschern erstaunliche Entdeckungen, die das Bild von seelenlosen und strohdummen Biomaschinen fast völlig zum Einsturz gebracht haben: Ratten lernen, vergiftete Köder zu erkennen, und geben dieses Wissen sogar an nachfolgende Generationen weiter; Elefanten scheinen tatsächlich um ihre Artgenossen zu trauern; Rhesusaffen bestehen Mathematiktests - Tiere, vor allem Primaten, verfügen offenbar über Fähigkeiten, die ihnen bis vor kurzem noch kaum jemand zu getraut hätte." Graugänse trauern jahrelang, wenn sie ihren Lebenspartner verloren haben; Seelöwinnen heulen schrecklich, wenn ihr Baby geraubt wurde. Und Affenmütter suchen tagelang nach ihren Jungen, wenn sich diese verirrt haben. Elefanten können sogar weinen und pflegen ihre verwundeten Verwandten. Zoologen können wunderschöne Liebesgeschichten von Tieren erzählen. Der Naturfilmer Dietmar Keil hatte Murmeltiere beobachtet, die sich vor Lebenslust kugelten - stundenlang. Der neuseeländische Biologe David Penny sagt: "Es gibt sehr viele Hinweise darauf, dass Menschenaffen mindestens so intelligent sind die 4-jährige Kinder." Wenn Tiere reden könnten, würde uns vermutlich schnell klar: durch Misshandlungen verletzen wir nicht nur die Würde der Tiere, sondern unsere eigene. Menschenwürde bedeutet in der Geschichte des abendländischen Denkens auch, dass wir für die Würde der ganzen Schöpfung mitverantwortlich sind. Im Markus-Evangelium sagt Jesus zu seinen Freunden: "Gehet in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur." Der Tierheilige Franziskus hat diesen Hinweis ganz wörtlich genommen. Und warum sollte der Vorschlag "Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst" nicht auch gegenüber Tieren gelten? Mit dem Humanitätsideal Goethes ist die heutige Tierquälerei ebenfalls nicht vereinbar. Und der Theologe Guido Knörzer schreibt: "Jedes Stück Fleisch, das wir heute weniger essen, ist ein Stück Weg zu Gott." Die Zoologin Joyce Poole studiert in Kenia seit 25 Jahren das Verhalten von Elefanten. Die Dickhäuter, sagt sie, haben Gefühl wie "Freude, Glück, Liebe, Freundschaft, Überschwang, Leidenschaft und Achtung." Der Dalai Lama sieht die Tauglichkeit und Authentizität jeder Religion darin, dass sie uns hilft bei der Verwirklichung von Herzensgüte, Achtsamkeit, Toleranz, Mitgefühl und Frieden. Diese universalen Tugenden werden zwischen Menschen eine umso größere Bedeutung bekommen, wie wir sie auch im Umgang mit Tieren beachten. Franz Alt Wir danken Franz Alt ganz herzlich für die Genehmigung, seinen Text auf der A.K.T.E. - Webseite publizieren zu dürfen. Den bekannten Fernseh-Moderator und Buchautor konnte ich am 27.02.2006 bei seinem Vortrag "Die Sonne schickt uns keine Rechnung - Neue Energie - Neue Arbeitsplätze" in Chemnitz im "Tietz" persönlich kennenlernen. Seit Jahren plädiert Franz Alt für die Nutzung alternativer Energiequellen ebenso wie für eine ökologische Wirtschaftsreform. Wer sich gerne umfassend darüber informieren möchte, kann das im Internet unter "Sonnenseite" tun. Er berichtet hier über politische Ereignisse mit den Schwerpunktthemen Energie und Umwelt. Was mich besonders freut, ist die Tatsache, dass Franz Alt Vegetarier ist. Er setzt sich auch für die Rechte der Tiere ein. Und so sprach ich den liebenswürdigen, menschlichen Buchautor an, als er mein neu erworbenes Buch signierte, ob es ihm zeitlich möglich wäre, für A.K.T.E. einen kleinen Text zum Thema Massentierhaltung / Umweltverschmutzung zu schreiben. Mein Anliegen übergab ich ihm noch einmal mit einem Kurzportrait über unseren Arbeitskreis in einem Brief. Mit einer spontanen mündlichen Zusage wanderte der Brief in seine Sakko-Innentasche und zwei Tage später bekam A.K.T.E. Post von Franz Alt. Darüber haben wir uns sehr gefreut. Ein großes Dankeschön an Franz Alt! Wie sagt Franz Alt: "Die Zukunft können wir nicht vorherwissen, aber wir können sie mitgestalten. Wer wenn nicht wir? Wann wenn nicht jetzt? Wo wenn nicht hier?" A.K.T.E. - Redaktion / Sabine Jedzig Zum Autor:
Franz Alt Jahrgang 1938 Studium: Politische Wissenschaften, Geschichte, Tätigkeiten: Web-Seite: www.sonnenseite.com |
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