Prolegomena

Die Holocaust-Analogie


Die Verwendung des Holocaust-Begriffs in der Tierrechtsarbeit

Begriffserklärung:

Das Wort "Holocaust" ist griechischen Ursprungs und bezeichnet ein hebräisches Opfer, bei dem ein Tier dem Gott Jahweh durch Verbrennen des gesamten Körpers geopfert wurde. Der Begriff "Holocaust" betraf also ursprünglich zum Schlachtopfer bestimmte Tiere. Die Benutzung dieses Begriffs für den Massenmord an Juden durch das NS-Regime basiert auf der Analogie der jüdischen Opfer mit den Opfertieren und wurde vor allem durch amerikanische Juden geprägt. Europäische Juden verwenden hingegen meistens den Begriff "Shoa", der aus dem Hebräischen stammt und "große Katastrophe" bedeutet, weil er aus etymologischen Gründen und aus Sicht der Opfer und Überlebenden aussagekräftiger ist.

Ursprung des "Holocaust-Vergleichs" und einige seiner Befürworter:

Isaac Bashevis Singer, amerikanischer Autor, selbst Jude und Opfer des NS-Regimes (Familienangehörige wurden im KZ ermordet), Nobelpreisträger für Literatur (1978). Auf der Grundlage seiner eigenen Erfahrungen war er einer der ersten, die den Massenmord an Menschen demjenigen der Tiere, wie wir ihn tagtäglich in Schlachthöfen erleben, gleichsetzte. Er übertrug auf eine Figur in einer seiner Geschichten das, was er selbst glaubte:

"In Bezug auf die [Tiere], sind alle Menschen Nazis; für [sie] ist es ein ewiges Treblinka."
"Solange Menschen darin fortfahren, das Blut der Tiere zu vergießen, wird es niemals Frieden geben. Es ist nur ein kleiner Schritt vom Töten der Tiere zum Erschaffen von Gaskammern à la Hitler und Konzentrationslagern à la Stalin. Es wird keine Gerechtigkeit geben, solange der Mensch sich hinstellt mit einem Messer oder Gewehr in der Hand und diejenigen umbringt, die schwächer sind als er selbst."

Theodor Adorno, Jude, deutscher Philosoph, Soziologe und Musiktheoretiker, einer der führenden Vertreter der Frankfurter Schule und Mitbegründer der "kritischen Theorie":

"Die Tiere spielen fürs idealistische System virtuell die gleiche Rolle wie die Juden fürs faschistische."
"Auschwitz fängt da an, wo jemand einen Schlachthof anschaut und denkt: Es sind ja nur Tiere."

Martin Niemöller, ehemaliger Präsident des Weltkirchenrates und selbst KZ-Insasse von 1938 bis 1945 war einer der Ersten, der die Bezeichnung des "Hühner-KZ´s" gebrauchte.

Hans Wollschläger, deutscher Autor beginnt sein Buch "Tiere sehen dich an oder Das Potential Mengele" mit dem Satz:

"Sie werden in Gefängniszellen gehalten, so eng wie die Stehsärge von Oranienburg ..."

Charles Patterson, Jude, amerikanischer Sozialhistoriker, bekundete im Jahre 2000 im Namen der jüdischen Mitarbeiter von PETA, von denen die Idee zur Kampagne "Holocaust auf Ihrem Teller" stammt:

"Die Absicht dieser Ausstellung besteht darin, die Menge der Grausamkeit auf dieser Welt zu verringern und nicht das menschliche Leid zu bagatellisieren, das während des Holocaust stattfand."

Stephen R. Dujack, Enkelsohn von Isaac Bashevis Singer, selbst Jude, Autor und Herausgeber einer Umweltzeitschrift in Washington, D.C. schreibt:

"Ich applaudiere PETA - und das hätte auch mein Großvater getan, der sich weigerte, die Kanarienvögel, die er sich als Gefährten in seinem berühmten Appartement in der 86th Straße in New York hielt, in Käfige zu sperren - weil sie den Mut aufbringen, diesen angemessenen Vergleich zu ziehen, denn das ist notwendig. Ein Vergleich mit dem Holocaust ist nicht nur angebracht, sondern unausweichlich, denn Kühe, Hühner, Schweine, Truthähne und all die anderen Tiere mögen vielleicht nicht unseren Grad an Intelligenz besitzen, sehr wohl aber besitzen sie unsere Fähigkeit zu leiden. All diejenigen, die den modernen Holocaust von heute an den Tieren verteidigen, indem sie sagen, dass Tiere zur Nahrungsgewinnung getötet werden, um uns zu erhalten, möchte ich daran erinnern, dass die Nazis Sklavenarbeit einsetzten und "Gebrauchsgegenstände" wie z.B. Lampenschirme und Seife etc. aus ihren Opfern herstellten. Das war scheußlich! Und mit Tieren soll das anders sein? Schmerz bleibt Schmerz, und egal, welchen "Nutzen" wir vielleicht aus den Opfern der Gewalt ziehen, so müssen wir doch immer versuchen, Leben aus dem Blickwinkel der Unterdrückten zu betrachten.
"Es sind doch nur Tiere", sagen die Amerikaner jetzt. "Es sind doch nur Juden", sagten viele Europäer damals."

Ingrid Newkirk, Autorin, Tierrechtlerin, Vorsitzende von People for the Ethical Treatment of Animals:

"Es ist daher sehr betrüblich mit anzusehen, wie Menschen sich aufs äußerste bemühen, den Holocaust nur als etwas Spezifisches für diejenigen aufrechtzuerhalten, mit denen sie sich am meisten verbunden fühlen oder sympathisieren, anstatt aus der Geschichte zu lernen und ihn dahingehend zu nutzen, unseren Geist und unsere Augen zu öffnen und unser Handeln gegenüber denjenigen zu ändern, die wir nicht vollständig verstehen oder an denen uns heute wenig liegt. Es ist an der Zeit, das Blutvergießen und die fortwährende Ausbeutung anderer, die als "des Lebens unwürdiges Leben" bezeichnet werden und wurden, zu beenden. Juden und Nicht-Juden bei PETA wagen es, die Wahrheit offen auszusprechen. Diejenigen jedoch, die sie zum Schweigen bringen und den Horror fortdauern lassen wollen, benutzen dieselben Argumente, die schon die Nazis benutzten, um ihre Kritiker mundtot zu machen und ungestört in ihrem schrecklichen Treiben fort zu fahren."

Dr. Helmut Kaplan, Autor und Tierrechtsphilosoph:

"Unsere Enkel werden uns einst fragen: Wo wart ihr während des Holocaust gegen die Tiere? Was habt ihr gegen diese entsetzlichen Verbrechen gemacht? Ein zweites Mal können wir uns nicht darauf hinausreden, nichts gewusst zu haben."

Analogieverwendung von Tieren auf Menschen:

Unter einer Analogie versteht man ein Verhältnis von Gleichartigkeit oder Ähnlichkeit zwischen zwei oder mehreren Dingen. Analogien werden zu verschiedenen Zwecken verwendet. Literarische Analogien werden verwendet, um lebensnahe Bilder in Worten darzustellen, während wissenschaftliche Analogien erklärenden Zwecken dienen. In der Philosophie hat zum Beispiel Platon seine Ideen anhand von Analogien geschildert. Analogien zu Tieren werden aus pädagogischen Gründen in Fabeln und Märchen eingesetzt, um eine starke emotionale Reaktion zu erzeugen. In Analogien in der Alltagssprache steht das Tier oft als Metapher für das Schmutzige, das Böse, das Abartige oder das Unmoralische, um damit eine Herabsetzung oder Disziplinierung zum Ausdruck zu bringen. Aus dem Schimpfwort-Vokabular kennen wir: "Du blöde Kuh", "Du dreckiges Schwein", "Du gemeiner Hund" oder "Man erschlug ihn wie einen Hund", "Man schlachtete sie ab wie Vieh".

Es werden aber auch positive Analogien in der Alltagssprache verwendet. "Er ist tapfer wie ein Löwe.", "Er hat Kräfte wie ein Bär." oder "Er ist ein schlauer Fuchs." - und man erkennt hieraus ein Muster: Solange sich aus einer Tier-Mensch-Analogie ein "positiver Nutzen" für Menschen ergibt, wird diese, ohne Anstoß daran zu nehmen, gebilligt.

Analogieverwendung von Menschen auf Tiere:

In diesen seltener verwendeten Analogien steht der Mensch fast ausschließlich als Metapher für das Erstrebenswerte, das Gute und das Moralische. "Der Hund ist schlau wie ein Mensch.", "Die Löwin verteidigte ihre Jungen wie eine fürsorgliche, menschliche Mutter.", " ... der König der Tiere". Auch aus diesen Analogieverwendungen lässt sich deutlich herauslesen, dass, solange ein positiver Aspekt für das Menschsein damit verbunden ist, die Mensch-Tier-Analogie in unserem Sprachgebrauch toleriert wird.

Fazit:

Da in unserer Sprachkultur solche Analogien also eingebettet sind und bisher nicht unsere sittlichen Normen und unser sittliches Gefühl tangierten, sollte logischerweise auch nichts dagegen sprechen, den Massenmord des NS-Regimes an Menschen mit dem heutigen Massenmord an "Nutztieren" als Analogie zu verwenden, zumal dadurch eine Gleichsetzung im Sinne einer Wertigkeit nicht vorgenommen wird. Bei diesem Vergleich existieren zwar Aspekte, die gleich oder ähnlich sind, aber es existieren durchaus auch Aspekte, die ganz verschieden sind. Bei dieser Analogieverwendung ist jedoch entscheidend, dass sich die Objekte des Vergleiches in relevanter Hinsicht ähneln, denn beim Vergleich des Holocaust, seiner Instrumente und Methoden und seiner Begleitumstände mit der Massentierschlachtung bzw. der Behandlung der zum Schlachten bestimmten Tiere bestehen doch ohne Zweifel Aspekte, die eine solche Analogie rechtfertigen.

Ohne jegliche Kritik wurde bisher bei den Opfern des Holocaust häufig davon gesprochen, dass sie "wie Vieh" in Waggons gepfercht, dass sie "wie Arbeitstiere" behandelt oder in den Labors von Auschwitz als "menschliche Versuchskaninchen" benutzt wurden. Diese Analogien wurden und werden verwendet, weil sie in der Beschreibung der Vorkommnisse durchaus korrekt sind. Logischerweise sollte nun auch umgekehrt der Vergleich des Holocaust mit der Massentierschlachtung bzw. der Behandlung der zum Schlachten bestimmten Tiere möglich sein, zumal das Charakteristikum eines Vergleiches darin besteht, dass die Objekte des Vergleiches beliebig austauschbar sind.

Rechtfertigungsargumente:

Ähnliche Begleitumstände: Unheimlich waren die Juden den andersgläubigen Menschen schon immer, da sich vor allem die orthodoxen Juden innerhalb Deutschlands stark abgrenzten. Eine Heirat außerhalb der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft war und ist sehr schwierig, wenn nicht unmöglich und führt oftmals zum Ausschluss aus dieser. Da Menschen es gewohnt sind, eine pauschalierende, entindividualisierende Denkweise gegenüber allem anzuwenden, was nicht Mensch oder was "fremd" ist, sollte es niemanden wundern, wenn allzu schnell in dieses Schema verfallen wurde. Was ein wenig aus dem Rahmen etablierter gesellschaftlicher Strukturen fällt, was fremd ist, wird als Bedrohung empfunden. Alles Böse und Schlechte wurde auf "die Juden" projiziert. Man assoziierte sie mit Eigenschaften von Tieren, die Menschen als Ekeltiere betrachten. Und gerade diese Fremdheit führte dazu, sie als "die Juden" zu bezeichnen - so wie man Tiere als "die Tiere" bezeichnet.

Als in den Augen der Nazis schädliche und hassenswerte Objekte, konnte man "die Juden" in der Folge als Arbeitssklaven, als Versuchsobjekte, als "unwertes oder minderwertiges Leben", etc. instrumentalisieren, auch wenn dies nicht das eigentliche Ziel war. Die Nazis wollten die jüdische Rasse mit ihren wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen vernichten. Es ging nicht um die Vernichtung einer Glaubensgemeinschaft - auch wenn dies heute fälschlicherweise betont wird. Indem sie "die Juden" instrumentalisierten, wurde die Entindividualisierung komplett. Sie wurden wie Tiere zu Nutzobjekten degradiert. Man behandelte sie so, wie man ein Pferd behandelt und benutzt, das nur zum Arbeiten da ist. Das Pferd als Individuum wird nicht gesehen, nur seine Funktion ohne Eigenwert. Diese Denkweise erleichterte den NS-Tätern die Misshandlung und systematische Ermordung.

Für die meisten Menschen verkörpert auch das Tier Minderwertigkeit, Andersartigkeit und Fremdheit." In den Märchen der Nationen kehrt die Verwandlung von Menschen in Tiere als Strafe wieder. In einen Tierleib gebannt zu sein, gilt als Verdammnis. Kindern und Völkern ist die Vorstellung solcher Metamorphosen unmittelbar verständlich und vertraut. Auch der Glaube an die Seelenwanderung in den ältesten Kulturen erkennt die Tiergestalt als Strafe und Qual. Die stumme Wildheit im Blick des Tieres zeugt von demselben Grauen, das die Menschen in solcher Verwandlung fürchteten. Jedes Tier erinnert an ein abgründiges Unglück, das in der Urzeit sich ereignet hat." (Theodor Adorno)

Der wertneutrale Begriff "Tier" wird begleitet von der negativen Assoziation: Es sind "die Tiere" oder "Es sind nur Tiere". Sie sind zu Nutzobjekten geworden, zum bloßen Objekt geworden, dem das Subjektive und Individuelle genommen wurde, instrumentalisiert und entindividualisiert: Arbeitssklaven, Versuchsobjekte, "unwertes, minderwertiges Leben" oder Rohstoff und Ressource, aber niemals Individuen. Und genau diese Denkweise erleichtert den heutigen "Tätern" die Misshandlung und systematische Ermordung von "Nutztieren".

Die Opfer sind zwar nicht dieselben. Gemeinsam ist jedoch bei beiden "Tatbeständen" die Mitleidlosigkeit der Täter, ähnlich sind die Instrumente und Methoden, die Art des Umgangs und das Verhalten der beteiligten Gesellschaft.

Die Denkweise, die es zuließ, dass in der NS-Zeit Millionen Menschen abgeschlachtet wurden, war gekennzeichnet durch Apathie und Gleichgültigkeit. Kühl und berechnend werden heute Tiere ermordet, und die Gesellschaft sieht gleichgültig zu. Das ungeheure Leid und die Ungerechtigkeit wurden von der Gesellschaft damals verdrängt oder gelassen hingenommen, genauso wie das ungeheure Leid und die Ungerechtigkeit, die den so genannten Nutztiere heute widerfährt, von der Gesellschaft verdrängt oder hingenommen wird. Zum Holocaust konnte es nur kommen, weil die Gesellschaft es vorzog, die außergewöhnliche Unterdrückung, Ausbeutung und den Mord an Unschuldigen zu ignorieren. Der Massenmord an den so genannten Nutztieren kann heute nur deshalb stattfinden, weil die Gesellschaft es ebenfalls vorzieht, die außergewöhnliche Unterdrückung, die grausame Ausbeutung und den Massenmord an Unschuldigen einfach zu ignorieren.

"Es sind ja nur Juden" war damals die Rechtfertigung für Massenmord." Es sind ja nur Tiere" ist heute die Rechtfertigung dafür, Tiere schlecht zu behandeln oder zu töten." Wir sehen das Leid, und wir interpretieren es neu", erklärt James Q. Wilson in seinem Buch "Das moralische Empfinden".
"Um mit Kummer und Leid fertig zu werden, verlangt das Moralempfinden vom Menschen, dass er die Situation neu interpretiert, um die Grausamkeit oder Gleichgültigkeit zu rechtfertigen."

Matthew A. Prescott schreibt: "Die Opfer heute sind andere als damals, aber das System von Einpferchen, Missbrauch, Vorurteil und Abschlachten ist dasselbe. Alljährlich werden alleine in Europa zehn Milliarden Tiere in Konzentrationslagern, die wir "Massentierhaltung" nennen, gepfercht. Nach vielen Jahren kontinuierlichen Leidens werden sie zusammen getrieben und mit LKWs bei jedem Wetter Hunderte von Kilometern gekarrt, bevor man sie durch die Tore zur Schlachtebene treibt und tötet. All dies geschieht, während der Durchschnittsbürger sein normales Leben lebt und seine Augen vor dem Leiden verschließt. Vergleiche mit dem Holocaust sind unausweichlich, nicht nur weil wir Menschen mit den Tieren die Fähigkeit des Leidens gemein haben, sondern auch weil die von der Regierung sanktionierte Unterdrückung von Abermillionen Lebewesen einfach hingenommen wird, obwohl jeder etwas tun könnte, um sie zu beenden."

Ein weiterer Begleitumstand besteht darin, dass viele Menschen ein Ichbewusstsein besitzen, das primär auf das eigene Ich gerichtet ist. Man nennt diese Geisteshaltung Solipsismus. Der Philosoph Michael Hauskeller: "Der Solipsist betrachtet Menschen und natürlich auch andere Lebewesen nur aus dem Blickwinkel seiner eigenen Interessen." Er nennt dies "die Ausblendung der Wirklichkeit des Anderen". Dies ist die entscheidende Voraussetzung für den Akt seiner Verletzung oder Vernichtung. Sie wird erleichtert, wenn das Opfer von einer anderen Art ist als der Täter oder von diesem als zu einer anderen Art gehörig gedacht und empfunden wird. So werden Menschen zu Untermenschen erklärt oder durch Beschimpfungen, moralische Diskreditierung oder einfach die Betonung ihrer Andersheit aus der Gemeinschaft ausgegrenzt." Genauso ist es üblich, die "Wirklichkeit der Tiere" auszublenden; dies fällt viel leichter als sie als Individuen zu sehen. Wer diese Wirklichkeit ausblendet oder sie nicht sehen kann, verschont sich vor einem schlechten Gewissen und befindet sich in seiner Vorstellung im Recht.

Zygmunt Baumann: "Die Entmenschlichung der Objekte und die positive moralische Selbsteinschätzung verstärken sich gegenseitig." Und nicht nur das, er - der Mensch - hat ein Gefühl der Macht und Stärke. Er fühlt sich überlegen. Je mehr Macht ein Mensch über andere hat, egal ob Menschen oder Tiere, desto stärker und folglich auch besser und wertvoller fühlt er sich. "Macht ist ein Aphrodisiakum", weiß der Sozialpsychologe Philip Zimbardo: "Wo sich dem Menschen die Möglichkeit bietet, andere ungestraft zu terrorisieren, tut er dies auch." Der "Herrenmensch" der NS-Ära fühlte sich dem Juden überlegen, hatte Macht über ihn; der "Herrenmensch" unserer Tage fühlt sich dem Tier überlegen – Kraft seiner biologischen Vormachtstellung.

Ähnliche Vernichtungsmaschinerie: Raul Hilberg (Holocaust-Forscher) schreibt: "Die besonderen Merkmale einer Bürokratie sind Zweckrationalität und Routine; ihre typische Haltung ist Leidenschaftslosigkeit." Alexander Osang, Redakteur beim Spiegel: "Hilberg hat sich ein Leben lang mit der bürokratischen Maschine beschäftigt, die die Judenvernichtung ausführte. Mit Erlassen, Verfügungen, Anweisungen, Gesetzen, Verordnungen, Durchführungsbestimmungen und Bekanntmachungen. Er hat die Fahrpläne der Reichsbahn studiert, die die jüdischen Gefangenen in die Vernichtungslager transportierte, ..."

Zur "Endlösung der Judenfrage" bedurfte es einer ausgeklügelten Maschinerie, die durch Leidenschaftslosigkeit und Routine gekennzeichnet war. Zu den Verladerampen, den Transporten in überfüllten Eisenbahnwagons, ohne genügend Wasser und Nahrung, der Selektion nach dem "Nutzungsgrad", der Tätowierung und Registrierung, der Behandlung mit Stockschlägen zum Antreiben der Kolonnen entkräfteter Menschen, der Verbrennung der Leichen in den Öfen und zu vielem mehr existieren Parallelen zu der Massentierschlachtung bzw. der Behandlung der zum Schlachten bestimmten "Nutztiere".
Denn ebenso leidenschaftslos werden heutzutage die so genannten Nutztiere behandelt. Sie werden in Aufzuchtslager unter extrem beengten Verhältnissen gesperrt, die in vielen Aspekten den damaligen KZs ähnlich sind. Man nimmt keine Rücksicht auf ihre arteigenen Bedürfnisse. Sie werden vergewaltigt, gebären Kinder, die sie nicht selber aufziehen dürfen. Es gibt Verladerampen, Transporte in überfüllten Eisenbahnwagons oder LKWs, ohne genügend Wasser und Nahrung, es wird selektiert nach dem "Nutzungsgrad", tätowiert und registriert, mit Stockschlägen oder Elektro-Schockstäben angetrieben, die nicht verwertbaren Leichenteile werden verbrannt oder zu anderem Tierfutter verarbeitet. Mit Erlassen, Verfügungen, Anweisungen, Gesetzen, Verordnungen und Durchführungsbestimmungen wird heute genauso mitleidslos und berechnend die Maschinerie gelenkt, in der das Tier das Nutzungsobjekt ist wie die damalige Maschinerie, in der Menschen die Vernichtungsobjekte waren.

Aus der Sicht der TR-Philosophie:

"Warum soll der Missbrauch von Menschen auf alle Fälle schlimmer sein als der Missbrauch von Tieren? Warum soll der Missbrauch von Menschen nicht mit dem Missbrauch von Tieren verglichen werden dürfen? Was ist der moralische Unterschied zwischen Menschen und Tieren, der diese unterschiedliche Bewertung und Behandlung von Menschen und Tieren rechtfertigen soll? Ist es die unterschiedliche Behaarung oder Anzahl der Beine? Oder ist es die höhere Intelligenz des Menschen? Aber warum soll man jemanden quälen dürfen, weil er weniger intelligent ist? Ist es die unsterbliche Seele des Menschen? Aber WIE LANGE ein Wesen lebt, ist doch für die Frage, wie wir es behandeln, WÄHREND es lebt, bedeutungslos. Und wenn wir wirklich eine unsterbliche Seele haben, dann haben wir auch eine Aussicht auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits, die uns für hier erlittenes Leiden und Unrecht entschädigt. So gesehen, müssten wir Tiere sogar BESSER behandeln, weil sie nur dieses eine Leben und keine Aussicht auf ausgleichende Gerechtigkeit haben. Der Punkt ist schlicht: Es gibt keinen Unterschied zwischen Menschen und Tieren, der unsere Bewertung und Behandlung von Tieren rechtfertigen könnte: "Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: Können sie sprechen? - sondern: Können sie leiden?" (Jeremy Bentham)

Aber auch die Merkmale, die beim Gefoltertwerden und Ermordetwerden keine Rolle spielen, stützen in keiner Weise die übliche Bewertung und Behandlung von Tieren. Denn KEIN Merkmal, das von irgendjemandem als moralisch relevant angesehen wird, verläuft entlang der Speziesgrenze Mensch-Tier. Mehr noch: Es gibt immer Menschen, bei denen das betreffende Merkmal sogar schwächer ausgeprägt ist als bei vielen Tieren: Viele geistig behinderte oder senile Menschen zum Beispiel, sowie alle kleinen Kinder befinden sich auf einem deutlich niedrigeren Niveau als viele Tiere - etwa Hunde, Katzen, Rinder und Schweine, denen wir in Versuchslabors, Tierfabriken und Schlachthöfen tagtäglich unsägliche Qualen zufügen. An dieser Tatsache ist nicht zu rütteln. Tierrechtler ziehen daraus aber nicht den Schluss, dass die betroffenen Menschen schlechter als bisher behandelt werden sollten, sondern dass die betroffenen Tiere besser als bisher behandelt werden sollten!"

"Die Kritik an der Analogieverwendung (der Peta-Kampagne) besteht aus einer Serie von Vorurteilen und Fehlern. Während den Befürwortern der Kampagne fälschlicherweise Menschenverachtung vorgeworfen wird, betreiben die Gegner der Kampagne in Wirklichkeit Wahrheitsverachtung." (Dr. Helmut Kaplan, Tierrechtsphilosoph)

Widerlegung des Vorwurfs des Antisemitismus:

Die Analogieverwendung des Holocaust mit der Massentierschlachtung bzw. der Behandlung der zum Schlachten bestimmten Tiere hat absolut nichts mit Antisemitismus zu tun, denn nicht nur Juden wurden vom NS-Regime verfolgt und systematisch umgebracht, sondern auch Christen, Roma und Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und viele andere Menschen, die den Nazis ein Dorn im Auge waren.

Gerade die Philosophie der Tierrechtsbewegung ist ein Garant für die strikte Ablehnung jeder Art von Rassismus - einschließlich des Antisemitismus. Wer in seinem ethischen Denken so weit geht, dass er auch die elementaren Bedürfnisse der Tiere moralisch berücksichtigt, respektiert und danach lebt, wird wohl kaum einen Menschen diskriminieren, der einer anderen Religionsgemeinschaft oder Volksgruppe angehört als der eigenen. Die Tierrechtsbewegung ist die logische Fortführung anderer Befreiungsbewegungen, die zur Abschaffung der Sklaverei führten, für die Emanzipation der Frauen eintreten, die Unterdrückung und Ausbeutung von Kindern anprangern oder den Militarismus bekämpfen.

Die Tierrechtsbewegung fordert die Abschaffung moralischer Diskriminierungen. Die Ausbeutung und Diskriminierung auf Grund der Artzugehörigkeit ist für Tierrechtler/innen genauso willkürlich und falsch wie Rassismus, Sexismus, die Kinderausbeutung.

Widerlegung des Vorwurfs der Bagatellisierung des Holocaust:

Der Holocaust war eines der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte, das Menschen gegen Menschen verübt hatten. Der Holocaust war aber nur ein Verbrechen unter vielen: die "stalinistischen Säuberungsaktionen" mit ihren Gulags, der Völkermord an den Armeniern durch die Türken, die Sklaverei, die Kolonialisierung / Missionierung des amerikanischen Kontinents mit Feuer und Schwert, usw., usw. ... die Aufzählung all dieser Verbrechen wäre schier endlos. Der Holocaust tritt deshalb aus dieser Aufzählung besonders hervor, weil er sich erst vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert ereignet hatte und eine dermaßen kaltblütige und perfekte Vernichtungsmaschinerie bei anderen Massen- und Völkermorden bis dahin unbekannt war.

Wer aber ausschließlich den Holocaust hervorhebt, läuft Gefahr, die anderen großen Verbrechen gegen die Menschheit zu bagatellisieren.

Der Holocaust wird niemals von verantwortungsbewussten Menschen bagatellisiert, weil er nicht zu bagatellisieren ist. Wer durch eine direkte Gegenüberstellung von Tieren in der Massentierschlachtung bzw. der Behandlung der zum Schlachten bestimmten Tiere mit den Opfern des nationalsozialistischen Völkermordes diesen als Bagatelle betrachtet, würde auch ohne eine solche Gegenüberstellung dieses unbeschreibliche Verbrechen gegen die Menschheit bagatellisieren.

Der Vorwurf der Menschenverachtung und der Beleidigung der Opfer:

Der Holocaust-Vergleich wird nicht leichtfertig und unbekümmert verwendet. Vielleicht werden durch eine direkte Gegenüberstellung von Tieren in der Massentierschlachtung bzw. der Behandlung der zum Schlachten bestimmten Tiere mit den Opfern des nationalsozialistischen Völkermordes die Gefühle von Überlebenden des Nazi-Regimes oder die Gefühle von Abkömmlingen der Überlebenden verletzt. Die Inkaufnahme einer Verletzung der Gefühle wird zur Abwägungsfrage. Eine Verletzung der Gefühle der Überlebenden des Nazi-Regimes oder der Gefühle von Abkömmlingen der Überlebenden steht in keinem Verhältnis mit dem Leiden und Tod der Tiere und mit der Chance, dass durch eine Analogieverwendung eine Verminderung des milliardenfachen Tierleids - wenn auch nur partiell - herbeigeführt werden könnte.

Abschließend:

Eine zukünftige Analogieverwendung mit anderen menschlichen Opfern z.B. der Vergleich mit der Sklaverei oder die Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen, sollte dann auch fairer Weise unterlassen bleiben. Der Vergleich der Sklavenhaltung und der Tierausbeutung stünden nämlich dann auf brüchigem Fundament. Die Frage wäre nämlich erlaubt, warum die Opfer der Sklaverei oder die Nachkommen dieser Opfer durch eine Analogieverwendung eventuell in ihren Gefühlen verletzt werden dürfen, nicht aber die Opfer des Holocaust - also vor allem Juden. Es könnte leicht der Eindruck einer Klassifizierung entstehen, was strikt abzulehnen ist.

Die moralische Entwicklung des Menschen, die mit der Überwindung von Sexismus und Rassismus (auch des Antisemitismus) einherging, ist nun im Begriff, den Speziesismus zu überwinden. Der Verzicht auf die Analogieverwendung des Holocaust stellt eine Preisgabe einer wichtigen Argumentationsschiene dar. Unsere Glaubwürdigkeit in Bezug auf die Verwendung und Forderung des Gleichheitsgrundsatzes und des Universalisierungsgrundsatzes käme ins Wanken. Mit einer Ablehnung der Analogieverwendung des Holocaust wird deutlich, dass auch für manche Tierrechtler/innen beträchtliche Unterschiede in ihren Wertsetzungen zwischen Menschen und Tieren leider immer noch existieren. Eine Bezugnahme auf das Singer’sche Ethik-Konzept (Präferenz-Utilitarismus) - eine  bedeutende Bastion in der TR-Ethik - würde damit, nämlich aus Konsistenzgründen, geradezu unmöglich.

Seriöse Tierrechtsorganisationen verlangen nicht mehr und nicht weniger als die Berücksichtigung des Gleichheitsprinzips bei Mensch und Tier. Dieses Prinzip ist immer wieder Anlass für fatale Missverständnisse. "Wo und soweit Menschen und Tiere ähnliche Interessen haben, da sollen diese ähnlichen Interessen auch gleich berücksichtigt werden. Also: Wo verschiedene Menschen ähnliche Interessen haben, da müssen wir diese ähnlichen Interessen auch gleich berücksichtigen, d.h. ihnen das gleiche moralische Gewicht verleihen. Und wo Menschen und Tiere ähnliche Interessen haben, da müssen wir ebenfalls diesen ähnlichen Interessen das gleiche moralische Gewicht verleihen: Weil Menschen ein Interesse an angemessener Nahrung und Unterkunft haben, müssen wir dieses Interesse auch bei allen Menschen in gleichem Maße berücksichtigen. Und weil sowohl Menschen als auch Tiere leidensfähig sind, müssen wir das Interesse, nicht zu leiden, bei Menschen und Tieren gleich berücksichtigen, das heißt gleich ernst nehmen." (H.F. Kaplan, "Leichenschmaus - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung")

"Menschen, die dies intellektuell nicht begreifen können oder wegen des arteigen gepflegten Egoismus nicht begreifen wollen, sind die eigentliche Gefahr für einen Fortschritt in Richtung einer humaneren Gesellschaft." (H.F. Kaplan)

Durch die Analogieverwendung des Holocaust und der Opfer des nationalsozialistischen Terrors mit Tieren in der Massentierschlachtung bzw. der Behandlung der zum Schlachten bestimmten Tiere wird gerade deutlich, wie gefährlich es ist, Lebewesen leichtfertig zu klassifizieren: denn wir behandeln diese dementsprechend. Die leichtfertige Schematisierung bzw. Klassifizierung von Tieren ist die Wurzel allen Übels. Man darf behaupten, dass es niemals zu der Ermordung von Juden und Menschen anderer Volksgruppen gekommen wäre, wenn die Menschen zu der Überzeugung gelangt wären, dass alle Lebewesen und ihre elementaren Bedürfnisse moralisch zu respektieren sind.

Zuerst wurden wir uns unserer selbst bewusst (Ichbewusstsein), und wir stehen erst am Anfang der Entwicklung des Bewusstwerdens der "Anderen" (alle Lebewesen: Pflanzen und Tiere), der Transzendenz des Ichbewusstseins, der Bewusstwerdung unserer Nächsten. Es ist an der Zeit, dass wir uns auch der anderen Lebensformen - der nicht-menschlichen - bewusst werden. Die Analogieverwendung des Holocaust und seiner Opfer mit Tieren in der Massentierschlachtung wird diesen Prozess des Umdenkens, diese Weiterentwicklung des Bewusstseins beschleunigen. Sie ist gerechtfertigt und sollte deshalb beibehalten werden. Sie würde darüber hinaus dem Aufkeimen des Antisemitismus sogar entgegenwirken, was Tierrechtler/innen ohnehin anstreben, da sich die Tierrechtsbewegung als eine erweiterte Menschenrechtsbewegung begreift.

A.K.T.E. - Redaktion / Stefan Bernhard Eck, Manuela Schmidt 


Anhang:

Anfang 2004 versuchte die Tierrechtsorganisation PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) mit der Kampagne "Holocaust auf Ihrem Teller" mit Foto-Dokumenten des Massenmordes an Juden, Homosexuellen, Roma und Sinti, geistig Behinderten und anderen Regime-Gegnern während der Nazi-Herrschaft auf die Behandlung der Schlachttiere wie Hühner, Kühe, Schweine, etc. und auf die Apathie und Gleichgültigkeit der Menschen, die zuließen, dass die NS-Verbrechen geschehen konnten, aufmerksam zu machen.

Dies hat bereits im Jahr 2003 eine heftige Diskussion unter Tierschützern und Tierrechtlern ausgelöst.

PETA weist ausdrücklich darauf hin, dass es weder die Aussage noch das Ziel dieser Kampagne ist, den begangenen Massenmord an Juden, Homosexuellen und geistig Behinderten mit der Massentierschlachtung gleich zu setzten. Vielleicht ist es auch hilfreich zu wissen, dass die Kampagne "Holocaust auf Ihrem Teller" von einem jüdischen Philanthropen finanziert wurde, der seit 25 Jahren mit bedeutenden jüdischen Organisationen zusammenarbeitet, die auf die Gräueltaten während des Holocaust aufmerksam machen. Dieser Spender ist einer von vielen mitfühlenden Menschen, die die moralische und ethische Notwendigkeit erkennen, die Öffentlichkeit von den Parallelen in Kenntnis zu setzen, was Juden und anderen Menschen im 2. Weltkrieg angetan wurde, und was heute den Tieren angetan wird, die in Intensivhaltungssystemen gehalten und für ihr Fleisch geschlachtet werden.

Der Zentralrat der Juden hat am 19. März 2004 eine einstweilige Verfügung gegen die Tierschützer von Peta erwirkt. Die Kampagne "Der Holocaust auf Ihrem Teller" ist damit vorerst gestoppt. Bis zu 250.000 Euro Ordnungsgeld drohen der Organisation, wenn sie weiterhin auf Plakaten die Bilder von KZ-Häftlingen und Bilder von Tieren in der Käfighaltung nebeneinander zeigt. Der Tierschutz-Organisation wird jede Verbreitung der Bilder - sei es auf Plakaten, Handzetteln oder im Internet - gerichtlich untersagt, da die direkte Gegenüberstellung von Tieren mit Opfern des nationalsozialistischen Völkermordes menschenverachtend und verharmlosend sei.

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt zudem in Richtung Volksverhetzung gegen PETA. Die Internationale Liga gegen Rassismus und Antisemitismus (LICRA) hat gegen die Kampagne Anzeige bei der Polizei erstattet.

In Österreich war die Untersagung der Auftaktveranstaltung auf Grund des Versammlungsgesetzes nicht möglich gewesen. Die Veranstaltung sei aber dokumentiert, und der Akt umgehend der Staatsanwaltschaft übergeben worden, sagte die stellvertretende Direktorin des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) Alice Höller. Die strafrechtliche Relevanz werde überprüft.


Zur Rubrik-Übersicht