Prolegomena

Narzisstische Illusionen


Argumente gegen den Hochmut

Die Vorstellungen der meisten Menschen über die Welt, über ihr Dasein, über ihre Mitlebewesen und über ihre Stellung in der Natur sind erschreckend antiquiert. Sie machen sehr deutlich, mit welcher Selbstüberschätzung und Ignoranz sich der Mensch noch immer als "Mittelpunkt der Welt", als selbsternannte "Krone der Schöpfung" erachtet, auf den Daseinsgrund und Daseinsziel angeblich ausgerichtet sind. Michelangelo Die jüdisch-christlich-moslemischen "Jenseits-Spekulanten" und "narzisstischen Seligkeitsverkäufer" haben ganze Arbeit im Laufe der Jahrhunderte geleistet. Sie haben den Menschen blind und taub gemacht gegenüber dem Schmerz und den Schreien ihrer nächsten Verwandten, den Tieren. Der Mensch hat sich zum auserwählten Geschöpf "Gottes" auserkoren, das allein schon auf Grund seiner "Gottesebenbildlichkeit" mit der Natur schalten und walten kann wie er will. Jener willkommene Odem "Gottes" bestimmt seither das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitlebewesen. Die Mitwelt, die mit milliardenfachem Leben angefüllt ist, spielt in seiner verengten und anthropozentrischen Perspektive, trotz aller naturwissenschaftlicher Erkenntnisse über das Allerkleinste und das Allergrößte und trotz des Wissens über die "Bedeutungslosigkeit" und Endlichkeit der Gattung homo sapiens im Weltganzen, bis heute eine eher nebensächliche Rolle. Im Grunde genommen sind die Erkenntnisse der Naturwissenschaften spurlos an der Menschheit vorüber gezogen. Noch immer geistert in den Köpfen der Menschen das alte, von Selbstüberschätzung strotzende Weltbild umher, als habe es das Zeitalter der Aufklärung und der naturwissenschaftlichen Revolution niemals gegeben.

Vielleicht hält die Menschheit nur deshalb an ihrem traditionellen Weltbild so verzweifelt fest, um dem scheinbar sinnlosen Dasein doch noch einen Sinn abzuringen. Vielleicht liegt dahinter aber auch der psychologische Aspekt eines unbewussten Verdrängens verborgen, auf den Sigmund Freund verweist, dass nämlich die Menschen sich bewusst oder unbewusst sträuben, diejenigen Fakten zur Kenntnis zu nehmen, die zum Zusammenbruch ihrer narzisstischen Illusionen führen.

Die Wissenschaft hat der Menschheit bis heute drei traumatische Kränkungen zugefügt, die zwar die Fundamente der alten Weltsicht eine zeitlang zum Wanken brachten, aber von den meisten Menschen heute tunlichst übergangen oder nur am Rande wahrgenommen werden.


Die kopernikanische Kränkung und ihre Implikationen

Dem polnischen Astronom Nikolaus Kopernikus (1473 - 1543) gelang es trotz der Unterdrückung seiner Theorie durch die Römisch-Katholische Kirche, das geozentrische Weltbild zu widerlegen. Die Erde wurde an ihren bescheidenen, aber tatsächlichen Platz im Weltganzen gerückt, und damit auch der Mensch. Heute wissen wir, dass unser Universum durch eine kosmische Explosion unvorstellbaren Ausmaßes, die wir Urknall nennen, vor etwa 15 Milliarden Jahren entstanden ist. Seither expandiert das Weltall an seinen Rändern mit annährender Lichtgeschwindigkeit. Der Durchmesser des Weltraumes mit seinen Milliarden und Abermilliarden Galaxien beträgt nach heutigem Erkenntnisstand rund 13 Milliarden Lichtjahre, das sind 13.000 Millionen mal 9,5 Billionen Kilometer, eine Größe, die zwar mit Zahlen auszudrücken ist, sich unserem Vorstellungsvermögen jedoch entzieht. Jede Galaxie beheimatet wiederum hundert bis zweihundert Milliarden Sonnen; viele davon werden von Planeten umkreist, so wie die Erde ihre Bahn um unsere Sonne zieht. Es ist anzunehmen, dass auf vielen dieser Planeten der Kreislauf von Geburt und Tod, dieses einerseits so tragische, aber andererseits so wundervolle Schauspiel des Lebens seit schier endlosen Zeiten abläuft.

Das Universum wird nach einem unendlichen langen Prozess der Expansion nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik in eisiger Erstarrung enden oder durch die Kräfte der Gravitation sich wieder zusammenziehen und in einer kosmischen Katastrophe implodieren, die vielleicht dann die Geburtsstunde eines neuen Universums ist. Viel früher jedoch wird auf unsere Sonne der letzte Rest an Helium verbrannt sein, sie wird sich aufblähen und die Erde mit ihrem Gluthauch verhüllen. Falls die Menschheit den Beginn dieses grandiosen Schauspiels wider Erwarten erleben sollte, wenn sie nicht schon früher durch eigene Hand sich ein Ende bereitet hat, wird nichts bleiben von ihr auf dieser Welt. Es wird überhaupt nichts bleiben von uns allen, nicht die Früchte unserer Mühen und Anstrengungen, nicht unsere Kulturen und technischen Wunderwerke, nicht unsere Träume und Hoffnungen, nicht einmal mehr die bloße Erinnerung an uns.

Denn da ist niemand mehr, der sich unserer erinnern könnte. Es wird so sein, als hätte es uns niemals gegeben.

Kosmisch gesehen, wird das Verschwinden der Erde, der Menschheit, der Tiere und Pflanzen nur eine unbedeutende Bagatelle sein. Mit dem unausweichlichen Ende müssen wir uns wohl oder übel abfinden. Wenn sich unser Denken von den Scheuklappen der Welt- und Selbsterkenntnis befreien kann, und wir realistisch sind, müssen wir zugeben, dass die Erde und ihre Bewohner leider nur "Nebensächlichkeiten" im Weltganzen sind, mit einem Stellenwert unendlich weit hinter dem Komma.

Die Welt wird also untergehen und das Leben auf ihr erlöschen. Aber wir sollten auch etwas Positives darin erkennen, denn jeglicher Schmerz, jegliches Leid wird dann auch definitiv einmal ein Ende haben.

"Denn nicht bevor sich die Sichel des Trabanten hinieden in tausend Kraterseen spiegelt, nicht bevor Vor- und Nachbild, Mond und Welt, ununterscheidbar geworden sind und Quarzkristalle über den Abgrund einander zublinzeln im Sternenlicht, nicht bevor die letzte Oase verödet, der letzte Seufzer verklungen, der letzte Keim verdorrt ist, wird wieder Eden sein auf Erden." (Ulrich Horstmann, Schlusssatz seiner philosophischen Geschichtsbetrachtung)

Der Glaube, dass die Erde und ihre menschlichen Bewohner die zentrale oder eine besondere Stellung im Weltganzen einnehmen, hätte mit der kopernikanischen Kränkung eigentlich ad acta gelegt werden können. Aber wider besseres Wissen betrachten sich die Menschen noch immer als Mittelpunkt der Welt. Die Auswirkungen dieses Irrglaubens gipfeln im Speziesismus.


Die darwinistische Kränkung und ihre Implikationen

Im 19. Jahrhundert wurden der Kreationismus und die Vorstellung eines essentiellen Unterschiedes zwischen Mensch und Tier durch die Evolutionslehre von Charles Darwin widerlegt. Durch sein Werk über die Entstehung der Arten bewies er unwiderlegbar, dass auch der Mensch aus dem Tierreich hervorgegangen ist.

Noch heute werden die Fakten und Implikationen, die sich aus der Evolutionstheorie insgesamt ergeben, von den Vertretern der Kirche angefochten, die seine Lehre schon zu Lebzeiten Darwins hartnäckig bekämpften. Tatsächlich lehnen viele Christen die Lehre der natürlichen Entstehung der Arten nach wie vor ab. Sie behaupten, ohne dafür einen anderen Beweis als die biblische Schöpfungsmythologie zu erbringen, dass alle Lebewesen, einschließlich der heute ausgestorbenen, gleichzeitig von Gott erschaffen wurden. Durch eine Neuinterpretation der betreffenden Passagen der Genesis wurde es Papst Johannes Paul II. erst im Oktober 1996 möglich, die Evolutionstheorie offiziell anzuerkennen.

Die Erde entstand vor etwa 4,5 Milliarden Jahre. Die ersten Spuren von Leben finden sich schon in 3,8 Milliarden Jahre altem Sedimentgestein. Vor ungefähr 2 Milliarden Jahren tauchten die ersten Einzeller mit Zellkern auf, aus denen alle anderen Arten hervorgingen. Quallen und Hohlkörpertiere bevölkerten vor 560 Millionen Jahre schon die Urmeere. Im Kambrium, entfaltete sich die Fauna und Flora erstmalig zu einer großen Artenfülle. Vor 450 Millionen Jahre traten die ersten Wirbeltiere auf und schließlich vor rund 220 Millionen Jahre die ersten Säugetiere.

Durch einen kosmischen Zufall in Form eines Meteorideneinschlages vor 65 Millionen Jahre wurde die über 160 Millionen Jahre währende Herrschaft der Dinosaurier abrupt beendet, und der Aufstieg der Säugetiere, deren letzter Spross wir Menschen sind, begann. Unsere Vorläufer, die Hominoiden, betraten erst im Pleistozän vor 2,5 bis 3 Millionen Jahre die Erdenbühne. Vor etwa 2 Millionen Jahren erschien der homo erectus und ihm folgte vor etwa 300.000 - 200.000 Jahren der Neandertaler, ein dem homo sapiens vorausgegangener Typus. Vor nicht mehr als 100.000 Jahren erschien der Homo sapiens sapiens, nicht als stolzes Endprodukt der Evolution, sondern als eine Art unter Millionen anderer Arten. Ob unsere Art eine Zeitspanne von 160 Millionen Jahre wie die Dinosaurier überdauern wird, ist in Anbetracht der Möglichkeit des atomaren Suizids oder des anthropogenen Weltkollaps jedoch fraglich.

Diese Rückblende in die Geschichte des Lebens ist notwendig, um die Vorstellung des verstorbenen Paläontologen, Stephen Jay Gould, der Professor an der Harvard Universität war, verständlicher zu machen. Für ihn ist der Mensch ein Zufallsprodukt im Lotteriespiel der Evolution, nicht einmal der vorläufige End- oder Höhepunkt irgendeiner Entwicklung. Er steht als Außenposten, als ein höchst fragiles Gebilde einsam am Rand der Natur. Er werde vergehen, kaum anders als die Wunderwesen der Artenexplosion im Kambrium. Kosmisch gesehen, bleibe dann der Auftritt selbstbewusster Lebewesen nicht mehr als ein kurzes Zwischenspiel.

Die darwinistische Kränkung hat leider nicht viel bewirkt. Die ewig Gestrigen halten unverdrossen an der biblischen Schöpfungsmär fest, um ihren Herrschaftsanspruch zu begründen. Sie werden für wissenschaftliche Erkenntnisse ohnehin blind und taub bleiben, da neben ihrem irrationalen Glauben auch ihre Profit- und Fressgier eine Rolle spielen dürfte. Auch das Argument der biologischen Sonderstellung unserer Spezies unter den Arten entlarvt sich angesichts unserer Herkunft und unserer betrüblichen Zukunft zu nichts anderem, als einem grotesken Versuch, die traditionelle Hierarchie und den damit verbundenen Freibrief zur Tyrannei über die Erde und ihre Bewohner aufrecht zu erhalten.

Aus paläontologischer Perspektive wurde dem Menschen mit der Evolutionslehre Darwins alle Berechtigung zur Herrschaft über die Natur entzogen.


Die freudianische Kränkung und ihre Implikationen

Durch die Psychoanalyse und die Erkenntnis, dass unser Denken von Trieben und dem Unbewussten geleitet werden, widerlegte Sigmund Freud (1856-1939), ein österreichischer Arzt und Neurologe, die Annahme eines souveränen menschlichen Willens.

Freud war durch die Sichtweise des Philosophen Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) beeinflusst, der ein knappes halbes Jahrhundert zuvor in seiner Preisschrift "Über die Freiheit des Willens" den Kerngedanken der Psychoanalyse vorgeprägt und ein grundlegend anderes Menschenbild damit gezeichnet hatte. Die Ratio des Menschen, so Schopenhauer, sei nur ein Oberflächenphänomen, während das Handeln weitgehend durch verborgene Triebregungen gelenkt wird.

Was Schopenhauer durch einen geschulten philosophischen Geist ersonnen hatte, wurde durch Sigmund Freund bestätigt. Er erbrachte durch klinische Untersuchungen den Nachweis der Existenz und der Wirkungen des Unbewussten. Ein völlig neues Verständnis der menschlichen Persönlichkeit war entstanden. Das Ich war nicht mehr Herr im eignen Haus. Auch die Theorie des großen Schweitzer Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung, der ein kollektives Unbewusstes postulierte, weist in die gleiche Richtung. Der Biologe Richard Dawkins, Professor für Wissenschaftsvermittlung an der Oxford-Universität, deutet in seinem Bestseller "Das egoistische Gen" an, dass Gene und Meme (Meme = memory, Gedächtnis, Gesamtheit der soziokulturellen Leistungen der Menschheit) in einem weit größeren Umfang sich auf das Verhalten des Menschen auswirken, als bisher angenommen wurde.

Durch die Erkenntnisse der modernen Neuropsychologie, einem Spezialgebiet der Kognitionsforschung, ist von der einstigen Willensfreiheit der "Überrasse" innerhalb weniger Jahrzehnte nur noch ein kläglicher Rest übrig geblieben; er schrumpft, je weiter mit Computertomographie und Elektronenmikroskop in das menschliche Gehirn und in die menschliche Psyche eingedrungen wird.

Auch in der evolutionäre Erkenntnistheorie wir die Frage aufgeworfen, inwieweit die Motive für moralisches Verhalten auf der Grundlage sozialer Instinkte beruhen. Angesichts moral-analoger Verhaltensweisen zugunsten der Gruppe oder der Art im Tierreich, ist anzunehmen, dass die Evolution moralisches Verhalten begünstigt und unmoralisches Verhalten durch Selektion unterdrückt. Wenn unsere Moralen bzw. bestimmtes moralisches Verhalten durch Instinkte aus tiefsten, vormenschlichen Schichten unserer Person beeinflusst sind, um die Überlebenschancen der Gruppe oder Art zu erhöhen, ist auch das Argument der Sonderstellung des Menschen als einziges moralfähiges Lebewesen in einem neuen Licht zu sehen.

Das Kantsche Argument der Sonderstellung des Menschen gegenüber dem Tier auf Grund seiner Autonomie ist ebenso brüchig geworden wie das Argument der Sonderstellung auf Grund der einzigartigen menschlichen Moralfähigkeit. Aber auch dieser Blick auf die "Rückseite des Spiegels" (Konrad Lorenz) ist ohne nennenswerte Auswirkungen auf unser Selbstverständnis und unsere Ethik geblieben.

Fazit:

Wenn wir alles Metaphysische, unseren Stolz und unsere Eitelkeit abstreifen und die wissenschaftlichen Fakten genau überdenken, dann wäre eine demütigere Selbst- und Weltsicht angebracht, die unserer "Bedeutungslosigkeit" und Endlichkeit mehr angemessen wären. Denn wenn wir uns diese unleugbaren Fakten vor Augen führen, sind doch berechtigte Zweifel an der herkömmlichen Sichtweise der Stellung des Menschen im Naturganzen angebracht und darüber hinaus am Sinn unseres Daseins.

Für den philosophisch denkenden Menschen sollten diese Zweifel zumindest ausreichen, um ernsthaft den speziesistischen Herrschaftsanspruch über die Natur in Frage zu stellen.

Damit stellt sich aber auch die Frage, wozu eigentlich noch Ethik, warum menschliches und nicht-menschliches Leben überhaupt moralisch berücksichtigen, wenn wir nicht mehr sind als intelligente, religiöse Tiere, deren moralisches Verhalten zu einem großen Teil von der Evolution und unseren Instinkten diktiert wird. Warum die ganze Mühe, wenn es weder himmlischen Lohn für Tugendhaftigkeit noch höllische Qualen für Schlechtigkeiten gibt und ohnehin alles eines fernen Tages zum Teufel geht? Warum nicht betrügen, stehlen, fressen, saufen, quälen und töten - was das Zeug hält - solange es uns einen Nutzen oder einen Lustgewinn einbringt? Gibt es überhaupt triftige Gründe oder Letztbegründungen, die für ein ethisches Verhalten sprechen?

Auf diesen Fragenkomplex soll in "Überlebensfrage Ethik - Argumente für eine gerechte Ethik" ausführlich eingegangen werden.

A.K.T.E. - Redaktion / Stefan Bernhard Eck


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