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Prolegomena
Instrumentarium
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Methodik - Untersuchungskriterien und Regeln
Um schwierige naturwissenschaftliche Probleme zu lösen, bedienen
wir uns Regeln und Formeln, die wir uns zuvor angeeignet haben. Problemlösungen in der
Mathematik, Chemie, Physik und vielen anderen Bereichen lassen sich ohne einen soliden
Grundstock an spezifischen Regeln und Formeln nicht bewältigen. Mit philosophischen und ethischen Fragen, die
manchmal viel komplizierter und vielschichtiger sind als mathematische Problemstellungen,
verhält es sich nicht anders.
Aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen versagt im Bereich
der Ethik die menschliche Logik, denn hier wird wider besseres
Wissen einfach "aus dem Bauch heraus" argumentiert, als ob überhaupt keine
Regeln existierten und zu beachten wären. Mit anderen Worten: Die Regeln, die auf einer
jahrzehntelangen gedanklichen Auseinandersetzung mit ethischen Fragen von
den "großen Männern und Frauen" der Philosophie erarbeitet wurden, werden einfach nicht beachtet.
Jeder redet "frei Schnauze" und ist selbst auch noch von dem Wahrheitsgehalt seiner
"Kaffee-Kränzchen-Philosophie" überzeugt.
Mit der vorliegenden Methodik haben wir uns feste
Regeln und Untersuchungskriterien zusammengestellt, die bei der Analyse der verschiedenen
Ethik-Konzepte, Theorien und Einzelthesen und bei der Ausarbeitung eigener
ethischer Positionen beachtet werden sollen, um nicht in das seichte Fahrwasser
jener "Pseudo-Philosophen" abzugleiten.
Zur Bewältigung unserer Aufgabenstellung,
speziell bei der Formulierung eigener Thesen, betrachten wir es als legitim, aus
einem bereits bestehenden Konzept Einzelthesen zu entnehmen, wenn diese mit
unseren Vorstellungen und Forderungen prinzipiell übereinstimmen. Wenn sie nur
in Teilaspekten unseren Vorstellungen entsprechen, werden wir sie überarbeiten
und einem anderen oder unserem Konzept beifügen. Wir betrachten es auch als legitim,
gewisse Grundzüge eines Konzeptes, falls dies möglich und notwendig sein sollte,
neu zu interpretieren, solange das Resultat einer Überprüfung nach den unten
aufgeführten Kriterien standhält.
Unsere Sprache sollte einerseits so wissenschaftlich wie
erforderlich sein, andererseits so allgemeinverständlich wie möglich bleiben, da
die Ergebnisse unserer Arbeiten auch einem mit Ethik, Philosophie und Naturwissenschaften
nicht vertrautem Publikum zugute kommen sollen.
Unsere Untersuchungskriterien und Regeln im Einzelnen:
Logisch und rational vorgehen: Die wichtigste
Voraussetzung für die Beschäftigung mit dem Themenkomplex Tierrechte und Ethik ist
eine auf Logik und Rationalität beruhende Vorgehensweise. Unsere Arbeitsergebnisse
sollen allein auf logischen und rationalen Argumenten basieren.
Das Ockhamsche "Rasiermesser-Prinzip" beachten: "Entia
non sunt multiplicanda sine necessitate." - Die Seienden sollen nicht ohne Notwendigkeit
vervielfacht werden. Das Ökonomieprinzip der formalen Logik, demzufolge einfache
Denkmodelle den komplizierten vorzuziehen sind, ist auch für uns eine wichtige
und zu beachtende Regel, die der englische Philosoph Wilhelm von Ockham vor
rund 700 Jahren aufgestellt hat.
Wissenschaftsorientiert und mulitvalent arbeiten: Wir leben
in einer wissenschaftsorientierten, multikulturellen Gesellschaft, die sich in einem Stadium
der geistigen Säkularisierung befindet. Deshalb sollte auch unsere Arbeitsweise
wissenschaftsorientiert sein und neben der Philosophie auch Wissensgebiete wie
Anthropologie, Ethologie, Biologie, Kognitionswissenschaft, Psychologie und
vergleichende Religionsgeschichte in die gedankliche Auseinandersetzung mit einbeziehen.
Auf die Verifizierbarkeit achten: Unsere Arbeit soll
auf der Basis einer philosophischen und naturwissenschaftlichen Beweisführung beruhen. Im
Endeffekt sollten alle Argumente an ihrer Verifizierbarkeit gemessen werden.
Intuitionen sollten nur zur Erhärtung bewiesener Thesen als zusätzliches Argumentationshilfsmittel
in Anspruch genommen werden.
Konzeptionell klar und stichhaltig formulieren: Bei der Analyse
und Kritik von Ethik-Konzepten oder Einzelthesen und bei der Formulierung
eigener Positionen ist zu beachten, dass diese stichhaltig und konzeptionell klar
sein sollten und alle verfügbaren wissenschaftliche Erkenntnisse und Sachverhalte berücksichtigen.
Auf Konsistenz achten: Die einzelnen Argumente innerhalb
eines Ethik-Konzeptes sollten sich nicht gegenseitig widersprechen und einer Überprüfung
auf Konsistenz standhalten. Sie sollten auch nicht mehrdeutig sein, also sich nicht in
ihren Grundaussagen individuell interpretieren lassen.
Weltanschauungsneutral bleiben: Ethik-Konzepte oder
Einzelthesen und die darin verwendeten Begriffe sollten weltanschauungsneutral sein, um
der Forderung nach Objektivität gerecht zu werden. Religiöse und idealistische
Begriffe, die unbewiesen oder in ihrer semantischen Bedeutung unklar sind oder
nur auf der Basis und im Kontext einer religiösen Weltanschauung einen Sinn
ergeben, sollten vermieden werden.
Induktiv und deduktiv vorgehen: Unsere Betrachtungsweise
sollte sowohl induktiv sein, das heißt, ein besonderer Einzelfall ist in Beziehung auf die
Grundsatzaussagen bzw. auf das Hauptziel zu überprüfen, als auch deduktiv, das heißt, unter
Berücksichtigung der Grundsatzaussagen und des Hauptzieles sollen Schlüsse und Urteile für
den Einzelfall abgeleitet werden.
Gleichheitsprinzip berücksichtigen: Das Gleichheitsprinzip
stellt den entscheidenden Grundpfeiler einer gerechten und universalen Ethik dar, in dem es
fordert, dass Gleiches, respektive Ähnliches gleich, respektive ähnlich behandelt wird, und
Ungleiches dementsprechend unterschiedlich behandelt wird. Wir wollen also die gleichen
oder ähnlichen Bedürfnisse und Interessen all derer, die von unseren Handlungen betroffen
sind, gleich oder ähnlich moralisch gewichten.
Im Einzelnen ist zu beachten, dass gleiche oder ähnliche Interessen
gleich oder ähnlich gewichtet werden und stärkere Interessen gegenüber
schwächeren Interessen stets stärker gewichtet werden. Umgekehrt sollen
schwächere Interessen gegenüber stärkeren Interessen dementsprechend schwächer gewichtet werden.
Auf Universalisierbarkeit achten: Unsere Urteile und
Argumente sollten nach Möglichkeit universalisierbar sein, das heißt, bei gleichem
Sachverhalt unabhängig von dem Betroffenen auch gleiche Geltung haben. Dieses Untersuchungskriterium
ist von größter Bedeutung, denn bei seiner Anwendung stellt sich schnell heraus, ob
sich speziesistische Tendenzen eingeschlichen haben.
Standpunkt des imaginären "unparteiischen
Beobachters" einnehmen: Philosophen wie Hutcheson, Hume und Adam Smith forderten
bereits im 18. Jahrhundert, im Falle von moralischen Abwägungen und
Urteilen den Standpunkt eines "unparteiischen Beobachters" einzunehmen. Um unsere Urteile
zu prüfen, sollten wir den Standpunkt eines imaginären "unparteiischen Beobachters" einnehmen.
Wir übernehmen die Forderung von John Rawls,
dass wir es vor der Urteilsbildung offenlassen, wer die
Betroffnen unserer Urteile sein werden, so dass es möglich wäre, dass wir
selbst von den eigenen Urteilen betroffen sein könnten.
Zukunftsorientiert denken: Ethik-Konzepte und
Einzelthesen sind auch dahingehend zu überprüfen, ob daraus abgeleitete Urteile
und infolge Handlungen in der Gegenwart nicht zu Auswirkungen in der Zukunft führen,
die ethisch nicht zu vertreten sind. Zukünftige direkte und indirekte Wirkungen und
Folgen sollten so weit wie möglich bedacht und berücksichtigt werden.
Skeptisch sein: Wir wollen generell bei
ethischen Aussagen und Positionen skeptisch sein und auch die Motivation, die
der betreffenden Aussage bzw. Position zu Grunde liegt, untersuchen und berücksichtigen,
weil wir wissen, dass kein Mensch sich gänzlich von seinem soziogenetisch bedingten
Speziesismus und seinem angeborenen Egoismus befreien kann.
Emotionen und das Unbewusste im Auge behalten: Wir wollen
vermeiden, dass das Unbewusste und das Emotionale in uns eine objektive Sichtweise behindert.
Freiheit des Denkens setzt die Fähigkeit einer vorübergehenden Abkoppelung von der Emotionalität
voraus. Sie kann zu Selbstindoktrinierungseffekten führen oder das Verdrängen negativ
empfundener Bewusstseinsinhalte fördern. Unsere Wahrnehmung projiziert mittels der
in sie eingebauten Vorurteile oft Menschenmerkmale in die Umwelt oder
wir bewerten Tiere oft als unterschiedlich edel, mutig oder niedlich, was
eine objektive Sichtweise behindern kann. Auch kulturspezifische Präferenzen
können eine unvoreingenommene Betrachtung erschweren.
Positive philosophische Grundhaltung einnehmen: Wir sollten
eine positive philosophische Grundhaltung einnehmen und Argumente, Positionen
oder Zielsetzungen nicht daran ausrichten, ob diese vielleicht von Einzelnen
oder von der Gesellschaft verfälscht oder missbraucht werden können. Wenn wir in
unserem Denken nur vom Negativen ausgingen, wäre die Suche nach einer
gerechten und friedfertigen Ethik ohnehin sinnlos.
Balance zwischen Ethik und Pragmatismus halten: Pragmatismus
und Ethik vertragen sich selten, und unsere Vorstellungen über eine gerechte
und friedfertige Universal-Ethik werden sich nicht nach der heutigen Machbarkeit
oder der Schwierigkeit ihrer praktischen Umsetzung richten. Aber wir sollten auch
nicht die Realität aus den Augen verlieren und uns vor pragmatischen Erfordernissen
gänzlich verschließen.
Unkonventionell denken: Unser so genanntes Gewissen
ist durch fragwürdige tradierte Werte beeinflusst und kann deshalb allein
keine verlässliche Entscheidungsgrundlage sein. Wir wollen uns nicht durch
tradierte kulturelle oder gesellschaftliche Normen, Konventionen oder Tabus in unserer
gedanklichen Auseinandersetzung einschränken lassen. Dies würde unsere Suche nach
einer universalen Ethik, nach einem neuen ethischen Haus, in dem Platz für Menschen
und Tiere ist, nur erschweren. Die Menschheitsgeschichte erinnert und
ermahnt uns, dass unreflektiertes Übernehmen von Normen, Konventionen
und Verhaltensweisen oft zu Ungerechtigkeiten geführt hat.
Mit dieser Methodik wurde ein solider Grundstock
an Untersuchungskriterien und Regeln für unsere Arbeit gelegt. Es ist nicht
auszuschließen, dass sich im Verlauf unserer gedanklichen Auseinandersetzung
mit dem Themenkomplex Tierrechte und Ethik weitere zu beachtende Aspekte
ergeben, die wir dann in unsere Methodik nachträglich einfügen werden.
Arbeitskreis Tierrechte & Ethik - A.K.T.E.
/ 01.01.2002
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