"Transzendieren, universalisieren, internationalisieren" Wie stellen wir uns eine tierproduktfreie Gesellschaft der Zukunft vor? Auf jeden Fall ohne Tierleidverursachung durch den Menschen, daher verantwortungsvoll, rücksichtsvoll, symbiotisch. Die Beantwortung dieser Frage ist müßig, denn vor uns liegt ein langer, steiniger Weg. Und es steht heute noch nicht einmal fest, ob wir jemals das Ende dieses Weges erreichen werden. Wir wollen deshalb unsere Gedanken auf die vor uns liegende Wegstrecke und auf die geistigen Fortbewegungsmittel richten, die notwendig sind, um unseren Traum von einer "besseren und gerechteren Welt" zu verwirklichen. Erfolg oder Misserfolg bei der Verbreitung und Umsetzung des TR-Gedankens werden zukünftig mehr denn je davon abhängen, ob seine heutigen Protagonisten zunächst die Notwendigkeit des "Transzendierens, Universalisierens und des Internationalisierens" erkennen und dementsprechend handeln. Dieses "überschreitende Denken" in zweifacher Hinsicht - im Denkvorgang selbst und in der räumlich grenzüberschreitenden Verbreitung des Gedachten - lässt sich von dem TR-Gedanken nämlich nicht trennen; es ist regelrecht "systemimmanent". Es ist das tragende Fundament für das gesamte Gebäude, damit entscheidend für das Gelingen oder für das Scheitern des heute noch so fernen Zieles, das Ende der Ausbeutung der Tiere. Diese neue Art des Denkens beeinflusst und verändert den Menschen. Ob ein Mensch Tiere respektiert oder ignoriert, ob er den Wunsch verspürt, sie zu schützen, auszubeuten oder zu misshandeln, hängt zwar in der Regel davon ab, welche Erfahrungen und Prägungen seiner Kindheit zugrunde lagen und inwieweit die Kultur, in der er eingebettet ist, tradierte Normen und Wertungen als absolut stellt. Aber der Mensch kann sich verändern durch sein "Offensein" gegenüber dem Anderen, durch ein "Wiedererkennen" im Anderen. Im Jenseits seines Selbst liegenden "Wiedererkennen" seiner eigenen Natur, seines eigenen Daseins, seiner Ängste und Hilflosigkeit, seiner Vergänglichkeit und seines Schmerzes erfährt er sich im Bruder Tier. Diese Chance, aus dem traditionellen Mensch-Tier-Umgang auszubrechen oder diesen zumindest auf seine Berechtigung zu hinterfragen, wird primär bewirkt durch die Fähigkeit des "Sich-Einfühlen-Könnens", vorausgesetzt, es liegt keine kulturell-traditionelle Blockierung der Wahrnehmungsfähigkeit durch überlagernde Denkmodelle vor, die sich den Anstrich der Wissenschaftlichkeit geben, letztendlich aber nur der Vertretung egoistischer sowie speziesistischer Interessen dienen. Solche Interessen werden aber niemals Gutes bewirken. So ist jeder einzelne Mensch aufgerufen, sittliche Defizite zuvorderst zu erfühlen, sodann zu erkennen und sie schließlich "kraft des Mutes, sich des eigenen Verstandes zu bedienen" (Kant), zu überwinden. In der Psychologie nennt man diese den Vorgang auslösende Fähigkeit "Empathie". In den Upanischaden war es das "Tat tswam asi" (Das bist du). In den Heiligen Büchern aller Hochreligionen war es der Satz: "Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füge keinem anderen zu." Wird die Fähigkeit des "Offenseins" und "Überschreitens" genutzt, ist der erste Schritt zu einer moralischen Berücksichtigung Anderer gemacht; diese muss zwangsläufig, weil zwingend logisch, eben denknotwendig, auch die Grenzen der eigenen Art überschreiten. Kurz gesagt, das Denken muss transzendieren, um zu einer Universalisierung gelangen zu können. Tierrechtler/innen sollte es bewusst werden, dass dieses Transzendieren nicht nur das Resultat eines "natürlichen", logischen Prozesses, sondern denknotwendige Verpflichtung ist und deshalb eine moralische Verpflichtung darstellt. Wenn das Wort Pflicht in einer auf Rechte pochenden Gesellschaft negativ besetzt ist, dann beruht dies nicht zuletzt auf dem Umstand, dass das Wort Pflicht mit dem unangenehmen Beigeschmack einer Freiheitsbeschneidung und damit eines Verlustes assoziiert wird. Wir haben bislang nicht begriffen, dass dieses Verständnis von Pflicht oder Verpflichtung nicht haltbar ist und halten deshalb auch am Anthropozentrismus fest, als sei dieser geeignet, uns auf Kosten unserer tierlichen Mitlebewesen die Sicherheit eines Überlebens auf diesem Planeten zu garantieren. Wir sollten erkennen, dass es auf Dauer nur der ethisch denkende Mensch ist, der dies gewährleisten kann, und nicht der Mensch, der seine faktische Macht unter dem Deckmantel einer Pseudo-Humanität ausübt, die - falls überhaupt - nur gegenüber dem Artgenossen Geltung hat. Der Mensch ist, wie wir seit Darwin wissen, aus dem Tier entstanden und hat - dies kann nicht oft genug wiederholt werden - im Laufe seiner Geschichte einen künstlichen Graben zwischen sich und den Tieren gezogen, um sich "guten Gewissens" der moralischen Berücksichtigung der fundamentalen Interessen der Tiere zu entziehen, die den seinen entsprechen. Tier-Ethik darf nicht isoliert betrachtet werden - also aus- und abgegrenzt von einer "Menschen-Ethik" allein im "philosophischen Raum" stehen, sondern muss als Teilaspekt einer zu entwickelnden universalen Ethik verstanden werden, die als Wegweiser zu einer friedlichen Koexistenz von Mensch, Tier und Mitwelt dient. Mensch, Tier und Mitwelt sind als interagierende Teile eines Ganzen untrennbar verbunden, was den zerstörungs-mächtigen Menschen auch im wohlverstandenen Eigeninteresse zur moralischen Berücksichtigung zwingt. Wer Tiere misshandelt, ist in hoher Gefahr auch Menschen zu misshandeln. Wer die Natur ausbeutet wird auch Teile dieser – und das sind wir Menschen auch - ausbeuten. Aggressionspotentiale gegenüber Menschen und Tieren und der Natur bedürfen Schranken und Hemmschwellen, die erst durch eine neue, "universale Ethik" durch ein Erlernen, Annehmen und Ausüben des Transzendierens entstehen können. Hierbei ist freilich erforderlich, wie schon angedeutet, dass die Sensibilität gegenüber tierlichen Interessen nicht durch gedankliche Konstrukte, die ihre Ursprünge in Zeiten der Unwissenheit haben, sich aber bis heute im negativen Sinne transzendiert und dadurch gehalten haben, unterdrückt wird. Das positive Transzendieren findet seine logisch höchste Ausformung im Gleichheitsgrundsatz. Ferner sollten Urteile und daraus resultierende Handlungen universalisierbar sein, das heißt, bei gleichem oder ähnlichen Sachverhalt unabhängig von dem Betroffenen auch gleiche Geltung haben, also auf Menschen und Tiere übertragbar sein. Ähnliche oder gleiche Interessen auch ähnlich oder gleich bewertet werden, und zwar unabhängig von den Betroffenen dieser Wertsetzung. Der denknotwendige Ausgangspunkt – das naturgegebene Fundament – in dem sich dieses Denken vollzieht, ist die Erkenntnis, dass alle moralischen und ethischen Facetten unseres Wahrnehmens und Wollens eine gemeinsame Grundlage besitzen: die archetypischen Prädispositionen, die prinzipiell jedem lebenden Wesen innewohnen: 1. der Drang nach Selbsterhaltung, nach Dasein. Alles Handeln, alles Streben, alles Sein jeglicher Kreatur ist darauf ausgerichtet: aus dem einfachen Grund des Strebens nach Wohlsein und der Angst vor Unwohlsein. Für Tierrechtler/innen sollte sich die Verpflichtung des Transzendierens auch im Praktischen niederschlagen, nämlich in ihrer Arbeitsweise. Dies bedeutet zunächst, dass die hier noch immer häufig einzeln Agierenden sich über alle dogmatischen Streitigkeiten hinweg des gemeinsamen Zieles wegen einer Kooperation öffnen, um damit einerseits Synergieeffekte zu nutzen und andererseits ein äußeres Zeichen der denknotwendigen Grenzüberschreitung und Universalisierung zu setzen. Oftmals sind es Nebensächlichkeiten und kleinliches Denken, welche ein geschlossenes Auftreten immer noch verhindern. Der TR-Gedanke wäre verfehlt, würde er sich isoliert innerhalb eines ein- und abgegrenzten Bereiches vollziehen. Er muss zwingend transzendieren, d.h. die Grenzen der reinen Ethik und Moralphilosophie überschreiten und auf allen Ebenen des menschlichen Miteinanders vorgetragen werden. Die TR-Idee muss ebenso interagierend in Kunst, Musik, Literatur, Politik, Religion, Wirtschaft, Wissenschaft usw. Fuß fassen. Nur durch ein solches Weitertragen unserer Forderungen auf alle kulturell-geistigen Ebenen des Lebens wird es möglich sein, neue Werte zu setzen und alte Werte zu verdrängen. Nur ein selbstkritisches und mutiges Offenlegen jener Mechanismen, die zu diesen alten Werten führten, bietet die Möglichkeit neue Werte nachhaltig zu setzen. Mit anderen Worten: Nichts führt an einem "Bruch" vorbei, auch wenn er schmerzlich sein wird für unser Weltbild und unser Selbstbild. Auch dieser Bruch stellt ein Transzendieren dar. Im Praktischen darf diese Öffnung des Geistes nicht an geografischen oder kulturellen Grenzen enden; es muss in ein Internationalisieren übergehen. Das neue Denken schlägt sich nieder in dem Gefühl der "großen Familie". Aber es darf nicht nur bei einem Gefühl bleiben, denn allein mit Gefühlen verändern wir nicht die Welt, setzen wir keine neuen Werte. Die Welt ist definitiv kleiner geworden und die Antagonisten unserer Idee haben sich globalisiert. Wir Tierrechtler/innen müssen daher auch global denken und handeln. Und dieses globale Denken einer geeinten TR-Bewegung muss sich in besser gegenseitiger Unterstützung niederschlagen.
Martin Luther King schloss 1963 seine historische Rede vor dem Lincoln- Memorial in Washington mit den Worten: "I have a dream ..." Wir haben auch einen Traum – we have a dream - eine von Harmonie und gegenseitigem Respekt getragene weltweite TR-Bewegung, die Hand in Hand zusammenarbeitet. A.K.T.E.- Redaktion / Barbara Hohensee / Stefan Bernhard Eck Text: Unser Beitrag aus dem Taschenbuch "UTOPIA TODAY - REALITY TOMORROW A VEGETARIAN WORLD". (Vegi-Verlag / 2006 / ISBN: 3-909067-05-0) |
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