Prolegomena

Rechtfertigungsdilemma


Konsistenzmängel beim Ovo-Lakto-Vegetarismus

Die Beschäftigung mit den ethischen Grundlagen menschlichen Verhaltens - hier sollen speziell unsere Ernährungsgewohnheiten im Blickpunkt der Betrachtung stehen - deckt Brüche in der Ethik auf, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind.

Um zu dieser Einsicht gelangen zu können, muss der Maßstab der praktischen Philosophie angelegt werden, welcher uns Aufschluss darüber gibt, inwieweit wir Menschen der Neuzeit unsere Erkenntnisse tatsächlich in die uns von den Altvorderen vorgeformte und von uns gelebte Realität umsetzen. Die moralische Einsicht, dass Gewalt immer verwerflich ist, die ohne Not oder ohne ein berechtigtes Interesse gegen Lebewesen ausgeübt wird, ist nicht neu. Dies gilt ganz unbestritten für den Umgang von Mensch zu Mensch, aber auch von Mensch zu Tier. Neu ist der ethische Spagat, den wir versuchen, um einer Entscheidung auszuweichen, zu der uns sowohl neuzeitliche Erkenntnisse über nichtmenschliche Tiere wie auch die industriellen Tier-Folterstätten zwingen würden, wären wir gewillt, sie in ihrem ganzen Ausmaß zur Kenntnis zu nehmen. Auf unsere bloße Gesinnungsethik, bessere Menschen zum Vorteil für uns und unsere Mitwelt sein zu wollen, weist in frappierender Weise unsere fehlende Handlungsethik hin. Tausenderlei Gründe und angebliche Sachzwänge werden angeführt, warum es eben nicht oder kaum möglich sei, das eigene Verhalten zu ändern. Und so streiten sich die Gelehrten und weniger Gelehrten um den richtigen Weg, erschlägt ein vermeintlicher Beweis den anderen, um die Gewalt, die unsere Handlungen allerorts erzeugt, nicht in ihrer ganzen Hässlichkeit als solche offenbaren zu müssen. Wir sind eine Gesellschaft, die Gewalt relativiert, sie schön und steril verpackt als vernünftigen Grund präsentiert, als zweckdienlich und nützlich, wobei bei solch gehirnstrukturiertem Denken verständlicherweise die Frage, inwieweit tatsächlich eine in der bloßen Nützlichkeit verwirklichte Gewalt zwingend notwendig sein könnte, weitgehend unbeachtet bleibt.

Die Reflektion über den Begriff der Gewalt würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Allerdings ist es aus Verständnisgründen unumgänglich, wenigstens grobe Umrisse aufzuzeigen.

Gewalt kann körperlich wie seelisch-geistig, kann durch Tat wie allein durch das Wort ausgeübt werden. Gewalt beginnt da, wo in das ureigene Interesse eines Lebewesens eingegriffen wird und endet spätestens in der Auslöschung dieses Lebens. Dazwischen finden sich ferner mannigfache Abstufungen hinsichtlich der Qualität und Intensität der Gewaltausübung. Ganz allgemein gelten Maßnahmen einer - der Situation angemessenen – Gewaltausübung als gerechtfertigt, wenn sie aus vernünftigem Grund vorgenommen werden, wenn sie also von der Mehrheit der Bevölkerung - dies ist Ausfluss des Demokratie- und Philosophieverständnisses, man denke an den Utilitarismus – gebilligt werden. Es überrascht wegen des arteigenen Egoismus nicht, dass menschliche Tiere bei sich einen anderen Maßstab angelegt haben wollen als bei nichtmenschlichen Tieren, selbst dort, wo es keinerlei Grund für eine abweichende Beurteilung gibt.

Aber: Kein normaler Mensch handelt vernünftig, nur weil er ein Mensch ist. Erst wenn er Verstand, Willen und Gefühl in Einklang gebracht hat, ist er zur Vernunft befähigt. Da die vermeintliche Vernunft gerne erst dann bemüht wird, wenn sie vorrangig menschliches Wollen befördert, sind absurde Ergebnisse nicht verwunderlich.

Ein gutes Beispiel für diesen Fall liefert das geltende Deutsche Tierschutzgesetz, das Schmerzen, Leiden oder Schäden bei Tieren zulässt, wenn ein "vernünftiger Grund" für dieses Tun vorhanden ist. Was ist ein vernünftiger Grund im Sinne des Gesetzes? Er liegt dann vor, wenn das Handlungsmotiv aus moralischer Sicht der Allgemeinheit zumindest gleich schwer wiegt wie der dem Tier zugefügte Nachteil. Das bedeutet im Falle des breiten Konsenses in der Bevölkerung, Tierfleisch essen zu wollen, nichts anderes als die Feststellung, dass es kein moralisches Unrecht sei, Tiere zu Nahrungszwecken zu töten. Die Moral geht in diesem Falle also durch den Magen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich die so beschaffene Art der menschlichen Moral nicht an Notwendigkeits- sondern an Nützlichkeitserwägungen orientiert. Nützlich ist dabei alles, was das – vermeintliche - Wohlbehagen des Menschen steigert. Bei den moralischen Erwägungen spielt es keinerlei Rolle, ob der Mensch auf den Verzehr von Tierfleisch oder Tierprodukte objektiv überhaupt angewiesen ist. Da es zur kulturellen Identität der Menschen des Abendlandes gehört, Tiere auf alle denkbaren Arten zu nutzen, kann man daher wohl zu Recht annehmen, dass diese Kultur allenfalls darauf erpicht ist, sich den Appetit nicht durch Tierquälereien verderben lassen zu wollen. Im übrigen schweigt das Gewissen, da es diesen Menschen nicht originär um die Tiere selbst und deren Lebensinteressen geht, sondern vorrangig um eine vordergründige Gewissensberuhigung. Andernfalls müsste auf den Verzehr von Tierbestandteilen verzichtet werden. Es könnte mit der anlässlich einer Tagung gehörten Bemerkung eines dozierenden Muslims, "die Christen betäubten ihre Tiere vor dem Schlachten nur wegen ihres schlechten Gewissens" (überhaupt ein leidensfähiges Lebewesen zu töten), also durchaus seine Richtigkeit haben!

Während einerseits Fleischesser bei ihrem Tun und geltender Moral keine moralischen Skrupel haben (müssen), da ihre traditionelle Gewohnheit bislang deckungsgleich mit dem kulturellen Fundament ist, auf dem sie sich bewegen, wächst andererseits die Anzahl der Mitbürger, die sich vom Fleischkonsum abwenden. Nicht selten werden dafür ethische Gründe angeführt.

In einem Gastkommentar der EVU (Europäische Vegetarierunion) in der Zeitschrift "Natürlich vegetarisch" war zu lesen, dass Vegetarier jedes Töten von Tieren aus Gewissensgründen ablehnen. Doch wie sieht die Realität aus? Ist sie so gewaltfrei wie behauptet? Mitnichten!

Auch innerhalb der Vegetarierbewegung verläuft ein logischer Bruch in der ethischen Argumentation. Milch (-produkte), Eier und Honig sind keine gewaltfrei gewonnenen Lebensmittel und diese nichtvegetarischen "Produkte" sind Bestandteil der Ernährung von ovo/lacto-Vegetariern, welche somit also mit einem Bein noch im Lager der Tiernutzer stehen und sich gleichzeitig mit dem anderen Bein auf die Seite der Menschen zu schlagen versuchen, die eine Tierausbeutung konsequent ablehnen. Die Gewinnung dieser Nahrung geht, ob "Bio" oder nicht, direkt oder indirekt mit der Ausbeutung und letztendlich Tötung von Tieren oder deren "überflüssiger Nachkommen" einher. Als Beispiel dient hier die Milch, die nicht umsonst als das weiße Blut bezeichnet wird.

Wer also das Töten von Tieren ablehnt, ist, will er glaubwürdig sein, gezwungen, unblutige Perspektiven für die mit diesem Konsum untrennbar verbundenen Folgen sowohl für die Milchkuh als auch deren männliche Kälber aufzuzeigen. Andernfalls bleiben ovo/lacto-Vegetarier weitgehend in einer schlichten Gesinnungsethik stecken, die sich im Ergebnis für die Tiere nur minimal von der Ethik der Fleischesser abhebt. Es findet zwar nur eine auf wenige Tierarten konzentrierte Ausbeutung, aber wegen des vegetarischen Massenzugriffs auf diese Produkte gleichzeitig eine Potenzierung der Not dieser auserwählten Tiere statt. Solange diese Vegetarier in die Mechanismen der Tier ausbeutenden Industrie verstrickt bleiben, verkünden sie zwar eine Gesinnungsethik, eine konsequente Handlungsethik bleibt aber auch hier auf der Strecke.

Verständlicherweise ist eine gehörige "Anspannung des Gewissens" in einer Kultur schwierig, die von einem selbstverständlichen, weil traditionell gewachsenen Nutzungsrecht des Menschen über die Tiere ausgeht. Traditionen, die unhinterfragt in den Köpfen der Menschen verankert sind, erschweren Gewissensüberprüfungen und blockieren Veränderungen lieb gewordener Lebensgewohnheiten. Dies ist auch der Grund dafür, dass das Gewissen von Menschen in der Regel beim klassischen Tierschutz samt seiner Symptome, die in anthropozentrischen Zweckmechanismen bestehen, endet. Solche Menschen begreifen frühestens dann, wenn Katastrophen über sie hereinbrechen, wohin sie der Zug gebracht hat, auf dem sie mit gedanklich leichtem Gepäck gefahren sind. Wenn die Menschheit mit ihrer Vermehrungsrate so weiter macht wie bisher, wenn sie weiter den Verbraucher im Schlaraffenland spielt, wenn sie weiter die Wohnstatt aller Lebewesen mit ihrem Tun vergiftet, wozu auch die enorme Umweltschäden verursachende Nutztierhaltung gehört, wird sie irgendwann auf einen anderen Planeten auswandern oder sich selbst durch Territorialkriege und Kämpfe um natürliche Ressourcen dezimieren müssen. Schöne Aussichten, nicht wahr?

Es bleibt festzuhalten: Ein Vegetarier, der das Töten von Tieren aus Gewissensgründen ablehnt, verhält sich nur dann ethisch, wenn er alles unterlässt, was zur Tötung eines Tieres führt. Für die Beurteilung des ethischen Verhaltens spielt es keine Rolle, ob das Tier durch einen unmittelbaren (Fleisch) oder mittelbaren Konsum (Milch, Milchprodukte, Eier, Honig) einem gewaltsamen Tode zugeführt wird oder dessen Tod noch in einer weiteren lukrativen Ausbeutung (Leder, Wolle) besteht. Vegetarier, die vor dieser Logik, nach der ein ethischer Anspruch niemals teilbar oder relativierbar ist, die Augen verschließen, sind deshalb in ihrem ethischen Anspruch nicht sehr überzeugend.

Solche Vegetarier sollten schon allein aus strategischen Gründen ihre Überzeugungskraft auf die gesundheitlichen und ökologischen Aspekte ihrer fleischfreien Ernährung lenken und die ethischen Argumente von denjenigen Vegetariern vertreten lassen, die den ethischen Anforderungen auch voll entsprechen. Das bedeutet nicht, dass ovo/lacto-Vegetarier ihr grundsätzliches Mitleid mit den Tieren, die nichts zur Bereicherung ihres Speiseplans beitragen, zu verleugnen hätten. Die Kritik, die konsequente Vegetarier, also Veganer, gegenüber Vegetariern äußern, ist deshalb berechtigt in der Sache. Sie mag manchmal als zu scharf im Ton sein , hat aber ihren Grund in der unüberhörbaren Mahnung, ethische Ziele zu verwirklichen. Insoweit ist diese Wort-Gewalt eine Gewalt, die Leid verhindern und nicht schaffen will. Dagegen ist die Kritik derjenigen ovo/lacto-Vegetarier, die im Chor mit den eingefleischten omnivoren Essern Veganer als Fanatiker abstempeln wollen, kontraproduktiv. Sie versuchen nicht nur, die konsequente Handlungsethik der Veganer in Frage zu stellen, sondern verraten dadurch auch ihre eigene ethische Überzeugung und zeigen eine ethische Stagnation an, die zu überwinden sie sich doch gerade auferlegt hatten. Somit verhindert diese Haltung eine ausreichende Motivierung der Fleischesser, sich dem Vegetarismus aus ethischen Gründen zuzuwenden, und darüber hinaus ein Fortschreiten auf den Veganismus hin und damit die Erreichung einer Gesellschaft, die nachweislich weniger Tierleid verursachen würde. Umgekehrt birgt die unkritische Akzeptanz von Vegetariern durch Veganer die Gefahr der Verzögerung einer tierproduktfreien Gesellschaft.

Die anhaltenden Auseinandersetzungen in Deutschland zwischen Veganern und Vegetariern sind selbstverständlich bedauerlich. Sie binden Kräfte, die an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt werden könnten. Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte der A.K.T.E.- Kaplan- Konsens darstellen.

Es versteht sich von selbst, dass dieser nur diejenigen Menschen erreichen kann, welche das Unrecht der Tierausbeutung einsehen und den guten Willen haben, dieses durch ihr Verbraucherverhalten nicht weiter befördern zu wollen. Er zeigt ebenso, dass rationale Tierrechtler erkennen, dass auch kleine Schritte, wenn diese aus ethischen Überlegungen getätigt werden, einen Wert haben und dass jede Verringerung des Leidens der Tiere, jede Verbesserung ihrer Lebensqualität ein Schritt in die richtige Richtung ist. Diesen Überlegungen liegt das Wissen um die grundsätzliche Schwäche der menschlichen Natur zugrunde, welche, solange sie glaubt die Wahl zu haben, immer den bequemeren Weg bevorzugen wird. Es darf davon ausgegangen werden, dass die meisten Menschen in ihre Gewohnheiten verstrickt sind. Deshalb empfinden sie die Forderung nach einer unverzüglichen und vollständigen Umsetzung ihrer gewonnenen Einsichten als zu einschneidend. Um ihre Überforderung zu vermeiden und zu ihrer gleichzeitigen Ermunterung muss diese Politik der kleinen Schritte angeboten werden, auch um den furchtbaren Preis der Verlängerung des unsäglichen Tierleides. Jede andere Vorgehensweise wäre aus den genannten Gründen im vornherein zum Scheitern verurteilt. Daneben benennt der Konsens deutlich das anzustrebende Ziel, nämlich eine Ethik, die Menschen- und Tierrechte sowie den ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Schutz der Mitwelt umfasst und sich danach ausrichtet, jegliche Ausbeutungsformen zu vermeiden, ohne dabei die heutige gesellschaftliche Situation aus den Augen zu verlieren.

A.K.T.E. - Redaktion / Barbara Hohensee


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