Prüfstand

Vorbemerkungen


Über die Rubrik "Prüfstand"

Sehr verehrte Leserinnen und Leser,

in der Rubrik "Prüfstand" werden wir die Ethik-Konzepte der Tierschutz- und Tierrecht-Bewegung beschreiben und einer kritischen Betrachtung unterziehen.

Philosophen haben zu allen Zeiten auch über die Frage nachgedacht, wie der Mensch seine nächsten Verwandten, die Tiere behandeln soll. Dementsprechend umfangreich ist das Schriftwerk darüber. Schon in den "Heiligen Schriften" der großen Religionsstifter des indischen Subkontinents (Mahavira, Jainismus und Gautama Siddharta, Buddhismus), die in um das Jahr 500 vor Christus lebten und wirkten, treffen wir auf ausführliche Kommentare, die dieser Frage gewidmet sind. Die Schriften des Konfuzius und des Mengtse, aus derselben Epoche, geben uns Aufschluss über die Stellung Mensch und Tier im Reich der Mitte. Aus der Bibel erfahren wir, wenn auch nur durch wenige Textstellen, die jüdisch-christliche Sichtweise zu diesem Themenkomplex kennen. Sie beeinflusste die großen Kirchenlehrer, allen voran Augustinus und Thomas von Aquin, die das abendländisch-christliches Denken entscheidend geprägt haben. Die Werke von Aristoteles (Metaphysik), Plutarch (Moralia) und einiger anderer Philosophen, die für die Entwicklung der europäischen Philosophie von großer Bedeutung waren, geben uns Auskunft über die Stellung Mensch, Tier und Natur im antiken Griechenland. Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts waren es vor allem angloamerikanische Philosophen, die zu einem Überdenken des moralischen Status der Tiere in der humanistisch geprägten Ethik aufforderten.

Vor allem sind Henry Salt und Jeremy Bentham zu nennen, die die Pionierarbeit für den heutigen Tierrecht-Gedanken geleistet haben.

Aber auch Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer hatten sich eingehend mit der Frage eines moralischen Tierumgangs in ihren Werken beschäftigt. Albert Schweitzer wurde durch seine "Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" Anfang des 20. Jahrhunderts zur Lichtfigur des erstarkenden Tierschutz-Gedankens im europäischen, vor allem im deutschsprachigen Raum.

Etwa ab 1960 befassten sich vorwiegend in England und in den USA Philosophen sehr intensiv mit dem Bereich der angewandten oder praktischen Ethik (applied ethics), wobei ein großer Teilbereich die Fragestellungen einer moralischen Berücksichtigung der Tiere einnahmen. Damit hatte die Tier-Ethik eine neue Dimension angenommen, und die Schriften von Peter Singer, Tom Regan, Richard Ryder, Bernard Rollin, Rachel Carson und Ruth Harrison wurden zur Initialzündung der modernen Tierrecht-Bewegung.

Bei unserem kurzen Streifzug durch die Welt der Tier-Ethik und Philosophie werden wir aber schnell feststellen, dass sich die Philosophen über Grundfragen der Tier-Ethik keineswegs einig sind. Sie kooperieren zwar mehr oder weniger in einem "Agreement in Disagreement", wenn es um Fragen der aktuellen Tierschutz-Politik geht, aber ihre Ethik-Konzepte stimmen in den gedanklichen Ausgangspunkten und in entscheidenden Detailfragen nicht oder nur selten überein.

Die verschiedenen Prämissen und sonstigen Unterschiede wurden in der schwierigen Anfangsphase der modernen Tierrecht-Bewegung kaum beachtet. Aber mittlerweile haben die Philosophen die Probleme, die sich aus der Divergenz ihrer Konzepte ergeben,  selbst erkannt. Für Peter Singer und Tom Regan, die prominentesten Vertreter der modernen Tier-Ethik, ist die Diskussion über die Stimmigkeit ihrer Vorstellungen und Argumente keineswegs abgeschlossen.

Jedes ihrer Konzepte erscheint zwar auf den ersten Blick fundiert und in sich begründbar, aber sie liegen so weit auseinander, dass die meisten Tierrechtler/innen am Ende ratlos sind, für welches sie sich entscheiden sollen. Das hat zur Folge, dass die Tierrecht-Bewegung in Deutsachland mit ihrer Vielzahl untereinander konkurrierender Dachverbände, Organisationen, Vereinen, Tierbefreiungsgruppen und einzelner Tierrecht-Aktivisten sich an sehr unterschiedlichen und oft einander widersprechenden Ethik-Konzepten oder Partikularthesen orientiert.

Die Ratlosigkeit vieler Tierrechtler/innen wird zudem noch dadurch vergrößert, dass diese Konzepte in Detailfragen wichtige Antworten schuldig bleiben oder sie Aussagen und Sichtweisen enthalten, die den Vorstellungen einer gerechten moralischen Berücksichtigung der Tiere nicht entsprechen.

Die Tierrecht-Bewegung stützt sich mangels Alternativen oder mangels besseren Wissens auf Ethik-Konzepte, die in Gänze oder in Teilaspekten dem grundlegenden "Tierrecht-Gedanken" widersprechen oder auf  unbeweisbare religiöse Thesen, oder es wird aus meist persönlichen Gründen ganz darauf verzichtet, rationale Ethik-Konzepte zur argumentativen Unterstützung ihrer Forderungen heranzuziehen.

Einige Theorien und Ethik-Konzepte begünstigen oder rechtfertigen eindeutig die Unterdrückung, Ausbeutung und Tötung von Tieren durch den Menschen (Albert Schweitzer), lehnen eine tierproduktfreie Ernährungsweise schlicht ab (Klaus Michael Meyer-Abich), betrachten ein generelles Tötungsverbot von Tieren als unzweckmäßig (Joel Feinberg), erlauben eine schmerzlose Tötung bestimmter Tiere, wenn diese nicht über die kognitiven Fähigkeiten verfügen, sich als personale Wesen in Raum und Zeit begreifen zu können, und die getöteten Tiere durch die Geburt bzw. Züchtung gleichartiger Tiere ersetzt werden (Peter Singer) oder gehen zwar von ähnlichen Rechten und zugrunde liegenden inhärenten Werten aus, geben im Konfliktfall jedoch dem Menschen den kategorischen Vorzug. (Tom Regan / Life-Boat-Case)

Vielen Tierrechtlern/innen ist dies jedoch überhaupt nicht bekannt, weil sie sich mit Tier-Ethik und philosophischen Grundsatzfragen einfach nicht oder nur oberflächlich auseinandersetzen wollen. Es fehlt ihnen an Zeit oder Geduld, oder sie ziehen es vor, mehr intuitiv als auf einem rationalen philosophischen Fundament zu argumentieren. Es gibt aber kaum einen Bereich, in dem so viele Menschen über ein Anliegen so viel reden, aber im Grunde genommen darüber so wenig Wissen und so wenig Grundkenntnisse besitzen wie in der Tierbefreiungsbewegung.

All dies hat negative Auswirkungen, denn es wirft ein zweifelhaftes Licht auf die Tierrecht-Bewegung in Beziehung auf das intellektuelle Fundament sowie die Glaubwürdigkeit und Seriosität und hemmt damit leider letztendlich ihren Erfolg.

Wer ernsthaft über das Heute und Morgen nachdenken will, muss das Gestern kennen. Mit anderen Worten: Wer sich über die Tier-Ethik in der Gegenwart und in der Zukunft Gedanken machen will, wer eine Veränderung bewirken will, sollte sich mit den philosophischen Strömungen und tierrechtrelevanten Theorien und Konzepten, die zur heutigen Sichtweise geführt haben, auseinandersetzen.

Wir wollen dem/der interessierten Tierrechtler/in in dieser Rubrik die gängigsten Tierrecht-Konzepte in komprimierter Form vorstellen, auf ihre problematischen Punkte aufmerksam machen und damit das gedankliche Rüstzeug vermitteln, um über ethische Grundsatzfragen und Tier-Ethik auf einem hohen Niveau mitdiskutieren zu können.

Herzlichst

Ihr Stefan Bernhard Eck und das A.K.T.E. - Redaktionsteam


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