Getrennt marschieren, gemeinsam schlagen! Kooperation der Tierrecht-Bewegung mit dem traditionellen Tierschutz
Unvorstellbares von uns Menschen verursachtes Tierleid spielt sich Tag für Tag in jeder einzelnen Sekunde ab. Nie zuvor war der Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten so hoch wie in diesem Jahrhundert. Nie zuvor hat die Befriedigung trivialer menschlicher Interessen zu so viel Leid und dem Tod so vieler Tiere geführt. Ganz offensichtlich mangelt es heute noch an Einsicht und Bereitschaft in unserer Gesellschaft, die Unterdrückung, Ausbeutung und die damit verbundenen Leiden der Tiere zu beenden. Ein grundlegender Paradigmenwandel in Beziehung auf den Tierumgang wird sich aller Voraussicht nach - wenn überhaupt - nur sehr langsam vollziehen, und es wäre Selbstbetrug, wenn wir annehmen würden, dass sich traditionelle Wertsetzungen innerhalb kurzer Zeit und dazu noch radikal verändern ließen. Das Unrecht der Sklaverei oder der Unterdrückung der Frau bestand seit vorgeschichtlichen Zeiten. Bis zur Einsicht in die grundlegende Ungerechtigkeit dieser Unterdrückung und Ausbeutung und bis zu ihrer Abschaffung vergingen Jahrtausende. Wir werden das Unrecht, das den Tieren von uns Menschen angetan wird, auch nicht mit einem einzigen Kraftakt beenden können. Auch wenn sich die Abschaffung der Versklavung und Ausbeutung der Tiere schneller vollziehen wird als die Abschaffung der Sklavenhaltung von Menschen, dürfen wir nicht hoffen, unsere Ziele innerhalb von einigen Jahrzehnten zu erreichen. Ein Paradigmenwandel in den Wertsetzungen einer Gesellschaft vollzieht sich in der Regel sehr langsam, weil gerade ein Fortschritt in der moralischen Entwicklung kein linearer Prozess ist, sondern ein stetiges Auf und Ab mit Phasen von Erfolgen, Rückschritten und Stagnation. Trotz dieser negativen Prognose ist unsere heutige Tierrecht-Arbeit enorm wichtig, denn wir bestellen hier und jetzt das Feld, auf dem zukünftige Generationen von Tierrechtlern/innen die Früchte unserer Anstrengungen einmal ernten werden. Tierrecht-Arbeit ist Zukunftsarbeit, und wer sich für Tierrechte engagieren will, braucht unbedingt einen "langen Atem". Leider besitzen nur wenige Menschen diese psychische Kondition. Daher ergibt sich ein psychologischer Gesichtpunkt, der im Zusammenhang mit der Frage der Kooperation der Tierrecht-Bewegung mit der traditionellen Tierschutz-Bewegung bisher viel zu wenig beachtet wurde: Wenn sich Menschen für bestimmte Ziele einsetzen, aber auf Dauer die Erfolgserlebnisse ausbleiben, führt dies unweigerlich zu Frustration und Resignation. Wenn Erfolgserlebnisse fehlen, geht jede Motivation irgendwann einmal verloren. Dies ist vielleicht einer der Gründe für die hohe Fluktuationsrate in der Tierrecht-Szene. Wer kennt nicht die enthusiastischen und hoch motivierten Tierrechtler/innen, die nach relativ kurzer Zeit resigniert haben, sich nur noch sporadisch an TR-Aktionen oder an sonstigen Vereinsarbeiten beteiligen, und sich klammheimlich dann ganz aus der Tierrecht-Bewegung zurückzuziehen? Aber nur eine starke Tierrecht-Bewegung mit einer großen Zahl von Aktiven kann den Tierrecht-Gedanken in unserer Gesellschaft weiterbringen. Es besteht also aus psychologischen Aspekten die Notwendigkeit, sich selbst bzw. der Tierrecht-Bewegung kontinuierlich Erfolge zu verschaffen, wenn man das Gros der Tierrechtler/innen "bei der Stange halten will". Man sollte dies keinesfalls als Abwertung der Tierrechtler/innen betrachten. Es ist aber einfach so, dass Menschen durch Erfolge motiviert werden. Gerade der karitative Tierschutz, Teilerfolge bezüglich der Haltungsbedingungen der "Nutztiere" und kleinere Aktionen, die sich an den realpolitischen Gegebenheiten orientieren und zum Erfolg führen, wirken als Motivationsschub und sind deshalb so wichtig. In diesem Bereich hat der traditionelle Tierschutz - allein schon wegen der größeren Mitgliederzahl, seinen politischen Einflussmöglichkeiten und seinen karitativen Tierschutz-Einrichtungen die Nase vorn. Die Kooperation der Tierrecht-Bewegung mit dem traditionellen Tierschutz hat also ganz pragmatischen Charakter. Der maßgebliche Gedanke aber, der für eine konsequente Kooperation von Tierschutz- und Tierrechtsbewegung spricht, und dies bringt uns wieder zurück zur Ethik, liegt darin, dass wir einschreiten müssen, wenn es uns möglich ist, Leiden zu vermindern. (Siehe: "Die Politik der kleinen Schritte", der Kurs "Reform und Abschaffung" - Helfen, wo Hilfe möglich ist.) Es hat in der Geschichte der Tierschutz- und Tierrecht-Bewegung genügend Beispiele gegeben, dass gerade die "kleinen Aktionen" zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse der betroffenen Tiere beigetragen, und in der Bilanz zu einem spürbaren Interessenszuwachs für Tierschutz und Tierrecht in unserer Gesellschaft geführt haben. Aus diesen Gründen halten wir es für richtig, nach der Strategie der "Politik der kleinen Schritte" vorzugehen und den Kurs der "Reform und Abschaffung" einzuschlagen. Uns ist die Gefahr bewusst, dass durch "Reformen" die Einsicht in das grundsätzliche Unrecht möglicherweise erschwert werden, aber als kategorischer Imperativ gilt für uns, dass die unmittelbare Leidensverminderung Vorrang hat. Zur Überprüfung dieser Positionen beachten wir die Forderung der Universalisierbarkeit ethischer Urteile, die darin besteht, dass wir unsere Aussagen auch dann aufrechterhalten würden, wenn die Betroffenen anstatt der Tiere Menschen wären. Die Strategie der "Politik der kleinen Schritte" und der Kurs "Reform und Abschaffung" halten durchaus einer solchen Überprüfung stand. Denn wenn es um Menschen und Menschenleid ginge, stünde es außer Frage, wie unsere Entscheidung ausfallen würde. Beispielsweise behandelt ein redlicher Arzt, der sich seinem hippokratischen Eid verpflichtet fühlt auch den zum Tode verurteilten Kranken, um ihm eine Linderung seiner Schmerzen zu verschaffen. Und wir treten auch dafür ein, dass der Verurteilte vor der Urteilsvollstreckung "menschenwürdig" behandelt wird, dass ihm Schmerzen erspart bleiben, auch wenn es uns unmöglich ist, seine Hinrichtung zu verhindern. Aus diesen Gedankengängen ergibt sich eine klare Linie bezüglich der empfohlenen Vorgehensweise und Einstellung gegenüber der Kooperation mit Tierschutz- und Tierrecht-Organisationen oder mit im Tierschutz und Tierrecht aktiven Einzelpersonen: Wir vertreten die Position, dass zur Erreichung eines spezifischen Einzelzieles oder eines strategischen Teilschrittes im Rahmen des Gesamtkonzeptes des Tierrecht-Gedankens eine Zusammenarbeit oder ein Bündnis mit Organisationen oder Einzelpersonen zu befürworten ist, auch wenn deren Zielsetzungen und ethische Grundaussagen von den unseren abweichen, wenn aber durch ein solches Bündnis oder durch eine solche Zusammenarbeit die berechtigte Aussicht besteht, das Leiden zu vermindern oder eine vorübergehende Verbesserung der Lebensbedingungen der betroffenen Tiere zu bewirken. Eine Befürwortung der Zusammenarbeit mit Organisationen, die vor allem auf punktuelle Verbesserungen der Lebensbedingungen der betroffenen Tiere hinarbeiten oder nur auf eine "Humanisierung" der Haltungs- oder Tötungsmethoden Wert legen, jedoch die Tierausbeutung im Ganzen nicht als abzulehnendes Unrecht anerkennen, bedeutet unserer Meinung nach keinen Verrat an dem Tierrecht-Gedanken. Im Gegenteil, wir sind der Auffassung, dass diejenigen, die aus angeblich ethischen Gründen eine Zusammenarbeit oder ein Bündnis mit solchen Organisationen oder Einzelpersonen strikt ablehnen, eine Ethik verfechten, die auf tönernen Füßen steht. Um einen Krieg gegen einen übermächtigen Gegner zu gewinnen, zieht man auch mit jenen Alliierten in eine Schlacht, die im eigenen Lande selbst noch die Tyrannen sind. Dass dies im Endeffekt zu einem Erfolg führt, hat uns die Geschichte gelehrt. Wenn sich uns die Möglichkeit bietet, das Leiden der Tiere zu vermindern, und sei es dadurch, dass wir mit Fehlgeleiteten oder Andersdenkenden zusammenarbeiten, dann sehen wir es als unsere moralische Verpflichtung an, diese Chance zu nutzen. Unser erklärtes ethisches Fernziel, die Etablierung einer Gesellschaft, die auf jeglichen Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten verzichtet, verlieren wir deshalb doch nicht aus den Augen. Auf das fundamentale Unrecht der Tierausbeutung können wir unabhängig von dem spezifischen Ziel eines gemeinsamen Vorgehens hinweisen, so dass sich ein doppelter Gewinn ergeben würde: eine unmittelbare Verminderung des realen Leidens der betroffenen Tiere im Erfolgsfall und die Verbreitung unserer Argumente für eine gerechte Ethik in Bezug auf das Mensch-Tier-Verhältnis. Die Gefahr, dass wir durch eine Kooperation mit Fehlgeleiteten und Andersdenkenden die Tierrecht-Bewegung unterminieren, ist zum heutigen Zeitpunkt übertrieben und irrational, da der Anteil derjenigen Menschen in unserer Gesellschaft, die sich für den Tierrecht-Gedanken aktiv einsetzen, prozentual kaum wahrnehmbar ist. Die Weigerung einer Zusammenarbeit mit Andersdenkenden aus Protest- und Glaubwürdigkeitsgründen entspringt vielmehr nur dem selbstgefälligen Elitedenken einer realitätsfernen und verschwindend kleinen Gruppe von Fundamentalisten. Das Motiv ihrer Verweigerung ist im Grunde genommen nur die Eitelkeit und der Starrsinn, einmal aufgestellte Prinzipien zugunsten pragmatischer Kompromisse öffentlich nicht revidieren zu wollen. Dabei ist das Augenmerk unverständlicherweise hauptsächlich auf die Tierrecht-Szene gerichtet, obwohl die Tierrechte missachtende Gesellschaft eine Korrektur kaum zur Kenntnis nehmen würde. Erfolgreiche Zweckbündnisse in der Vergangenheit haben bewiesen, dass rational denkende Tierrechtler/innen, sich zu der Position einer prinzipiellen Kooperationsbereitschaft ohne Glaubwürdigkeitsverlust bekennen können. Aber selbst wenn es wider Erwarten zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit in den "eigenen Reihen" kommen sollte, wäre dies eine unbedeutende Nebensächlichkeit, wenn auf der anderen Seite das Leiden unserer Mitlebewesen vermindert werden könnte. Denn Tierrechtsarbeit dient der Leidensverminderung, nicht dem Selbstzweck, nicht der Eitelkeit und nicht der Profilierungssucht. Und schließlich und endlich: Wir wollen nicht die "Heiligen" bekehren, sondern die "Heiden". Ein Verlust an Glaubwürdigkeit innerhalb der Tierrecht-Bewegung wird kaum Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg unserer Überzeugungsarbeit in einer Gesellschaft haben, die sich kaum mit Tierrechten oder der Tierrecht-Bewegung befasst. In Wahrheit verliert derjenige aber seine Glaubwürdigkeit, der um der Glaubwürdigkeit willen nicht bereit ist, auch nur den kleinsten Strohhalm zu ergreifen, der zu einer - wenn auch nur punktuellen - Verbesserung der Lebensbedingungen der Tiere führen könnte. Fazit: Gute Gründe sprechen also für Kooperation und
Harmonie zwischen der Tierrecht-Bewegung und dem traditionellen Tierschutz, Gründe, die man
nicht ohne eingehende Überlegung von der Hand weisen sollte. A.K.T.E.-Redaktion / Stefan Bernhard Eck |
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