Prolegomena

Tierschutzarbeit in der TR-Bewegung


Beispiel: Unsere Mitwirkung an der Petition gegen "ausgestaltete Lege-Hennen-Käfige"

Der Streit um die richtige Strategie

Gelegentlich werden die Petitionen zur Abschaffung der Batteriehaltung von Hühnern für "schwachsinnig" und "kontraproduktiv" erklärt.

Sind diese Ansichten berechtigt?

TierrechtlerInnnen stehen einem von wirtschaftlichen Interessen gesteuerten politischen System gegenüber, welches eine Bewertung der Haltungsformen von Tieren vorrangig nicht unter tierschützerischen, sondern verbraucherschutzrechtlichen Kriterien vornimmt. Die "Gesundheit" und das "Wohlbefinden" der Tiere soll diesen nicht um ihretwegen zugestanden werden, sondern zum Schutz des Konsumenten. Dieser will "gesunde" Nahrungsmittel zu sich nehmen und, sofern er noch über ein gewisses Gespür für die Leidensfähigkeit der Mitlebewesen verfügt, sein Ernährungsverhalten nicht von einem schlechten Gewissen begleitet sehen.

Fakt ist, dass eine gesunde und wohlschmeckend-sättigende Ernährung keinerlei tierlicher Bestandteile bedarf. Dies gilt inzwischen weltweit als erwiesen, so dass hier kein Eingehen auf die tretmühlenartigen Argumente der Unbelehrbaren erforderlich ist.

Fakt ist, dass es bislang keine artgerechte "Nutztier"-Haltung gibt und auch geben kann, die den von an tierlichem Konsum interessierten Menschen definierten Höchstansprüchen genügt. Diese Selbsttäuschung offenbart sich spätestens bei der Mär vom "humanen Schlachten".

Fakt ist, dass die Einforderung von Tierrechten auf ein herrschendes Weltbild in den Köpfen der Mehrheit der die Tiere verkonsumierenden Bürger trifft, welche von ihrem historisch gewachsenen Standort aus die Forderung nach Tierrechten nicht begreifen können, ohne ihr Selbstbild in Frage stellen zu müssen. Tierrechte werden darüber hinaus fälschlicherweise als die ultimative Bedrohung mühsam erkämpfter Menschenrechte verstanden – als Konkurrenzrechte, welche deshalb mit allen Mitteln bekämpft und diffamiert werden müssen.

Folge davon ist, dass sich die Mehrheit der Bürger westlicher Hemisphäre als Tierschützer im schlechtesten Sinne dieses Wortes begreifen, damit als Bewahrer einzelner, sorgfältig ausgemachter und menschlich definierter tierlicher Interessen, die sich gefälligst den Interessen der eigenen Art unterzuordnen haben.

Fakt ist, dass die vorhandenen rechtlichen Regelungen dieser Ausgangslage entsprechen und folglich jeder Schritt in Richtung einer bloßen Verbesserung der Situation der Tiere mühsamst erkämpft werden muss.

Hardliner unter den Tierrechtler/innen vertreten nun den Standpunkt, dass andere Tierrechtler/innen in Zusammenarbeit mit Tierschützern einen die Tierrechte behindernden Kompromiss eingegangen wären, weil sie sich z.B. anhand von Petitionen für die Abschaffung der Batteriehaltung von Legehennen eingesetzt und dadurch das Leiden der Legehennen in quälerischer Bodenhaltung gefördert hätten.

Fakt ist, dass derzeit auf der politischen Agenda der Mehrheit der Bundesländer die Rückkehr zum Käfig steht – in den verschiedenen Formen eines sogenannten ausgestalteten Käfigs. Diese Käfige haben fantasievolle Namen, aber nur eine Alibifunktion.

Fakt ist, dass weder die Boden- noch Freilandhaltung im politischen Gespräch ist. Diese Haltungsformen sind rechtlich abgesichert und stehen nicht auf der derzeitigen Agenda. Es geht der Agrarmafia allein darum, die Batteriehaltung in Form ausgestalteter Käfige über das Jahr 2007 hinaus - entgegen der Verordnung von 2001 – weiter betreiben zu dürfen. Schon alleine dieser Umstand deutet darauf hin, dass die Batteriehaltung von Legehennen tatsächlich die grausamste sein dürfte. Die Hennenbarone haben nur ein Interesse: Das biologisch Machbare aus den Hennen herauszuholen, um den größtmöglichen Profit einzufahren. Dies lässt sich anhand der Batterien grundsätzlich am platzsparendsten und kostengünstigsten bewerkstelligen. Sollte es mit vereinten Kräften gelingen, diesen Dammbruch zurück zu den Stehsärgen der Legehennen aufzuhalten, wäre dies für sich allein als – tierschützerischer - Erfolg zu werten.

Dieser anzustrebende Erfolg wird nun von radikalen TierrechtlerInnen entwertet und als die Verwirklichung von Tierrechten hindernd angesehen.

Die hierzu aufgebaute Argumentation ist zwar insoweit zutreffend, als die Haltungsbedingungen in einer Bodenhaltung ebenso leiderzeugend wie in der Batteriehaltung sein können, was von der Besatzdichte abhängt. Dennoch gehe ich davon aus, dass das einzelne Individuum zumindest eine Chance auf weniger Leid als in der Batteriehaltung hat.

Können Petitionen wie obige damit gerechtfertigt werden?

Ich meine ja.

Bei der Batteriehaltung ist das Leid systemimmanent und ohne Ausnahme für jedes Individuum vorgegeben. Dies ist bei der Bodenhaltung nicht zwingend der Fall (vgl. Vorb. 11 ff zu §§ 12-15 TierSchNutztV in Hirt/Maisack/Moritz, Tierschutzgesetz, Kommentar, 2003), wie praktisch alle nicht von der Geflügellobby abhängigen Ethologen bestätigen.

Die Hühnerbarone haben hingegen – zur Propagierung der Käfige – ein gewisses Interesse daran, als Vergleichsmaßstab besonders schlecht geführte Bodenhaltungen heranzuziehen.

Gleichwohl können sich TierrechtlerInnen aus dem Verständnis der Tierrechte heraus nicht mit "minimalen Verbesserungen" in der Tierhaltung zufrieden geben. Die Ziele der Tierrechtler/innen haben sich deshalb nicht geändert.

Jetzt gilt es aber, die Entscheidung zu treffen, ob man gegen die ausgestalteten Käfige seine Stimme erhebt oder nicht. Es gibt nur die Wahl zwischen dem Leben der Legehennen im Stehsarg - der Batterie - und dem Sarg zu treffen, um es einmal hart auszudrücken! Die Verweigerungshaltung der "Hardliner" ist zwar hinsichtlich der gemeinsamen Endziele – der Abschaffung der Tierausbeutung - ethisch hervorragend motiviert, beinhaltet aber faktisch die Gefahr, der "Gegenreform" der Agrar-Mafia und ihren politischen Handlangern zuzuarbeiten. Hingegen birgt das Engagement derjenigen Tierrechtler/innen, welche auch bereit sind, mit reformwilligen Tierschützern zu kooperieren, die Gefahr in sich, das Endziel der Abschaffung zu verwässern und somit zu erschweren.

Für eine Kombination von tierschutz- mit tierrechtlichen Positionen sprechen dennoch mehrere gute Gründe, die nachfolgend dargestellt werden:

Ultimative Forderungen von TierrechtlerInnen lassen sich - auf dem Boden der anstehenden politischen Entscheidungen - zwar stellen, aber nicht durchsetzen. Sie würden aus vorgenannten Gründen noch nicht einmal Gehör finden.

Erschwert die Verhinderung von Verschlechterungen die Aufklärungsarbeit von Tierrechtlern?

"Hardliner" argumentieren damit, dass sich bei der Bodenhaltung der Legehennen der dümmliche Eierfresser darauf herausreden könne, kein Ei aus Haltung Nr.3 = Quälerei mehr zu konsumieren.

Fakt ist, dass er das zuvor auch konnte. Der Konsument, der dazu neigt, sich Ausreden für seinen Konsum zurechtzulegen, wird dies auch weiter tun.

Der tierschützerische Unsinn, der sich aus jeder denkbaren Haltungsform der Legehennen ergibt, kann von Tierrechtlern ohne Schwierigkeiten widerlegt werden.

Der "reformistische Tierschutz" ist selbstredend "idiotisch", wenn man ihn von der Zielsetzung der Tierrechte aus betrachtet. Man sollte ihn aber auch vom Standpunkt der Konsumenten aus betrachten, deren Kopf noch mit dem Müll der Altvorderen vollgestopft ist, was sie daher ethisch blind macht. Die meisten Menschen brauchen eine gewisse Zeit, um sich – wenn überhaupt - aus diesen Fesseln der Indoktrination lösen zu können. Und: Wer ändert denn schon von heute auf morgen grundlegend seine liebgewordenen Gewohnheiten – trotz aller eventuell schon bestehenden Erkenntnisse? Das sind die Wenigsten! Der Mensch hält sich zwar für das vernünftige Wesen, wird aber - auch wenn er das nicht gerne hört – wie alle anderen Tiere auch zuvorderst von seinen Trieben bestimmt und danach, ob sie ihm Lust oder Schmerz bereiten. Die Vernunft der Wesen ist eine Frage der Erfahrung und des geistigen Horizontes. Die Willensstärke, die an die Empfindungsfähigkeit gekoppelt ist, gibt aber letztendlich den Ausschlag dafür, wie lange Individuen zur Umsetzung von Erkenntnissen zeitlich benötigen. Wie viele Menschen mag es geben, die von heute auf morgen vom Allesfressen zum Veganismus fanden? Mal ging es schnell, mal weniger schnell voran, je nachdem wie lernfähig und empathiegesegnet diese Individuen waren und sind.

Oftmals verweigern sich Menschen spontan dem Gedanken der Tierrechte, weil sie sich nicht "missionieren" lassen möchten. Dummheit und Eitelkeit sind mit die größten Widersacher bei der Verwirklichung von Tierrechten. Der Vegetarismus ist eine bloße "Reform", die man allerdings schnellstmöglich hinter sich bringen sollte, will man sich als Inhaber menschlicher Vernunft wähnen.

Dennoch hat der reformistische Tierschutz seine Berechtigung innerhalb des Gedankengebäudes derjenigen Mitmenschen, die sich mit einer Anerkennung von Tierrechten (noch) überfordert fühlen. Diese Realität sollten Tierrechtler/innen nicht aus den Augen verlieren. Das ultimative Unrecht der menschlichen Tiere an den nichtmenschlichen Tieren, das im von ihnen ohne existenzielle Not verursachten elenden und vorzeitigen Tod der sogenannten Nutztiere gipfelt, wird nicht dadurch gemindert, dass man danach trachtet, (auch) das Leiden der Tiere während ihres schrecklichen Lebens zu vermindern.

Tierschützer sind nicht grundsätzlich bösartig oder böswillig. Mit welcher Berechtigung wollte man Menschen von einem "guten Werk" abhalten, nur weil sie (noch) nicht verstehen, worum es bei der Verwirklichung von Tierrechten eigentlich gehen muss.

Tierrechtler/innen, die sich Reformen und damit der Leidensverringerung aus ideologischen Gründen prinzipiell verschließen, übergehen die Rechte der jetzt lebenden und leidenden Tiere. Sie kämpfen ausschließlich für die Hoffnung "Abschaffung der Tierausbeutung", deren Verwirklichung auch ausbleiben kann, und nehmen dafür das Leiden der jetzt lebenden Tiere als notwendiges Übel in Kauf. Da nicht zu erwarten ist, dass die Menschheit einen Quantensprung zur Menschwerdung vollzieht, wird ein solcher Standpunkt das Leiden der Tiere letztendlich potenzieren. Von daher gilt es, Reformen begleitend zu unterstützen und nicht zu behindern.

Auch perfekte Tierrechtler/innen müssen noch erfunden werden. Wer verzichtet schon auf eine ärztliche Behandlung im Falle von Schmerzen (ganz unabhängig davon, was man von der Pharma-Medizin-Mafia so hält)? Die Möglichkeit, Tierrechtsarbeit zu leisten, besteht auch dann, wenn man z.B. auf die berühmte Spritze, deren Inhaltsstoffe im Tierversuch getestet wurden, verzichtet und bereit ist, Schmerzen zu ertragen. Wer dies für unzumutbar hält und meint, diese Fälle könnten nicht mit dem Konsumverzicht auf tierliche und einer Konsumverlagerung auf rein pflanzliche Nahrungsmittel und Bekleidungsstoffe u. a. verglichen werden, verkennt, dass Menschen sehr verschiedenartige Bedürfnisse in unterschiedlicher Intensität haben. Was einem Menschen auch aufgrund seiner charakterlichen Struktur leicht fällt, kann seinem Mitmenschen schwer fallen und umgekehrt.

Deshalb meine ich, dass wir Tierrechtler nicht so unerbittlich in der Beurteilung tierschützerischer Menschen und ihrer Werke sein und uns diesen im vornherein verschließen dürfen. Gerade durch eine Zusammenarbeit zwecks Leidensverminderung ergibt sich für uns die Möglichkeit, auf die Tierschützer einzuwirken und sie mit unseren Gedanken und Zielen vertraut zu machen. Damit verlieren radikale Forderungen weder ihre Berechtigung noch ihre Glaubwürdigkeit.

A.K.T.E.-Redaktion / Barbara Hohensee


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