Soll-Zustand

Strategie und Kurs


Die Politik der kleinen Schritte, Reform und Abschaffung
Helfen, wo Hilfe möglich ist.

Ethik beschäftigt sich zwar in der Regel nicht mit Fragen der Abwägung in Einzelfällen, sondern mit der Formulierung von allgemeinen Grundsätzen, anhand derer der einzelne Mensch für sein eigenes Tun oder Lassen eine Orientierungshilfe finden soll. Aber in Anbetracht der langen Tradition der Tyrannei des Menschen über die Tiere reichen allgemeine Grundsätze zur Verwirklichung einer gerechten Tier-Ethik nicht mehr aus. Eine Beschäftigung mit Abwägungen in Einzelfällen erscheint deshalb angebracht, denn zu vielschichtig und umfangreich sind die auftauchenden Fragen und Probleme geworden. Es gibt aber Situationen, die von vorneherein keiner Abwägung mehr bedürfen, weil elementare ethische Grundsätze zu befolgen sind.

Einer dieser Grundsätze fordert, unmittelbares Leid zu verhindern, immer dort zu helfen, wo Hilfe möglich ist.

Über einen solch elementaren Grundsatz darf es keine Diskussionen geben, denn diesen moralischen Imperativ erst einer Abwägung im Einzelfall unterziehen zu wollen, käme einer moralischen Bankrotterklärung gleich.

Aus diesem Grundsatz ergeben sich Strategie und Kurs für eine rationale und ethisch gerechtfertigte Vorgehensweise für die Tierrechtsbewegung.

Der Tierrechtler/in sollte darauf bedacht sein, nicht nur die reine Ideologie des Tierrechtsgedankens durch einen konsequenten Verzicht von Tierprodukten, durch die schonungslose Aufklärung der Gesellschaft über die Tierausbeutung oder durch die Förderung von Alternativen und dergleichen mehr verwirklichen zu wollen, sondern er sollte darüber hinaus auch den karitativen Tierschutz im Auge behalten, da gleichzeitig die Notwendigkeit und moralische Pflicht besteht, den Auswirkungen der Tyrannei im Kleinen entgegenzuwirken und somit zu einer Verminderung des unmittelbaren Leidens der Tiere beizutragen.

Denn es ist leider festzustellen, dass einerseits qualitativ und quantitativ unvorstellbares Tierleid durch den Menschen tagtäglich verursacht wird, andererseits es dem Großteil unserer Gesellschaft heute noch an Einsicht und Bereitschaft mangelt, diese Situation konsequent durch die Abschaffung der unterschiedlichen Ausbeutungsformen zu beenden.

Ein grundlegender Paradigmenwechsel in Beziehung auf den Tierumgang wird sich aller Voraussicht nach - wenn überhaupt - nur sehr langsam vollziehen. Wir werden das Unrecht, das den Tieren von den Menschen angetan wird, nicht mit einem einzigen Kraftakt beenden können.

Es wäre also fatal zu glauben, dass die absolute Abschaffung der Tierausbeutung und des damit verbundenen Leidens der Tiere zu unseren Lebzeiten noch zu erreichen wäre. Deshalb dürfen wir uns nicht nur auf die großen Ziele konzentrieren und die Tiere im Stich lassen, die heute schreien und winseln, weil sie jetzt ausgebeutet, gequält und getötet werden, weil ihre Lebensverhältnisse in diesem Augenblick so miserabel sind, dass jede auch noch so kleine Verbesserung enorm wichtig für sie ist.

Und wenn wir den Schmerz, die Angst und die Traurigkeit der betroffenen Tiere im Augenblick ihres Gequältseins uns vor Augen führen, dann bedarf es keinerlei intellektueller, ethischer oder strategischer Abwägungen mehr, wie wir handeln sollen. Es gibt dann nur noch eine Alternative: Helfen, wo Hilfe möglich ist.

Die Gefahr, dass durch "Reformen" die Einsicht in das grundsätzliche Unrecht möglicherweise erschwert werden kann oder zu einer Zementierung der bestehenden Ausbeutungsformen führt, darf im Anblick des unmittelbaren Leidens eines Lebewesens keine Rolle spielen. Als kategorischer Imperativ gilt, dass die unmittelbare Leidensverminderung Vorrang vor allen anderen zukünftigen Aspekten hat. Diese Sichtweise ist keine Abkehr von unseren Zielen oder dem Tierrechtsgedanken oder der Radikalität unserer Forderungen, sondern ein Akt der Menschlichkeit und einer Ethik, die diesen Namen auch verdient.

In der Geschichte der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung hat es genügend Beispiele gegeben, dass gerade die "kleinen Aktionen" zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse der betroffenen Tiere beigetragen und in der Bilanz zu einem spürbaren Interessenszuwachs für Tierschutz und Tierrecht in unserer Gesellschaft geführt haben. Um wenigsten kleine Erfolge zu erzielen und damit das Leiden der Tiere zumindest partiell zu vermindern, ist es ethisch gerechtfertigt, für die "Politik der kleinen Schritte" und den Kurs der "Reform und Abschaffung" zu plädieren.

Zur Überprüfung unserer Positionen sollten wir stets die Forderung nach Universalisierbarkeit ethischer Urteile beachten, die darin besteht, dass wir unsere Aussagen auch dann aufrechterhalten würden, wenn die Betroffenen anstatt der Tiere Menschen wären.

Denn: "Was für einen richtig ist, muss auch für jeden anderen mit ähnlichen individuellen Voraussetzungen und unter ähnlichen Umständen richtig sein." (Dietmar von der Pfordten: Ökologische Ethik. Rowohlt, 1996, S. 187)

Die Strategie der "Politik der kleinen Schritte" und der Kurs "Reform und Abschaffung" halten durchaus einer solchen Überprüfung stand.

Wenn es um Menschen und Menschenleid ginge, stünde es außer Frage, wie unsere Entscheidung ausfallen würde. Beispielsweise behandelt ein redlicher Arzt, der sich seinem hippokratischen Eid verpflichtet fühlt, auch den zum Tode verurteilten Kranken, um ihm eine Linderung seiner Schmerzen zu verschaffen. Und wir treten auch dafür ein, dass der Verurteilte vor der Urteilsvollstreckung "menschenwürdig" behandelt wird, dass ihm Schmerzen erspart bleiben, auch wenn es uns unmöglich ist, seine Hinrichtung zu verhindern.

Wer lauthals gegen Speziesismus wettert, aber den Grundsatz der Universalisierbarkeit hier leichtfertig übergeht, ist weit von einer gerechten Ethik entfernt. Er führt damit den Tierrechtsgedanken schlichtweg ad absurdum, weil er nach wie vor gravierende Unterschiede zwischen Menschen und Tieren macht. Wer ausschließlich auf Abschaffung pocht und grundsätzlich Reformen aus ideologischen oder strategischen Gründen ablehnt, dem ist die eigene auf Papier geschriebene Ethik und die selbstgerechte Glaubwürdigkeit wichtiger als eine Verminderung des Leidens der betroffenen Tiere. Ideologien und an ethischen Grundsätzen überquellende Papierseiten schreien nicht, wenn sie misshandelt werden; sehr wohl aber empfindungsfähige Lebewesen. Wer sich aus fadenscheinigen Gründen hier verweigert, auf den treffen die Worte von Friedrich Nietzsche zu: "Alles ist auf das Selbst gerichtet, jeder Dienst dient dem Selbst, jede Liebe ist Selbstliebe."

Für unsere Entscheidung zur Strategie der "Politik der kleinen Schritte" spielen also nicht nur die Tatsache einer auf Tierausnutzung beharrenden Gesellschaft und die daraus resultierende Unmöglichkeit einer raschen Verwirklichung unserer Ziele eine Rolle, sondern auch gewichtige ethische Aspekte. Damit machen wir uns den Grundsatz des Tierrechtsphilosophen Helmut Kaplan zu Eigen:

"Wir müssen zu allen Zeiten auf allen Ebenen alles Mögliche tun, um das Leiden zu verringern und das Unrecht zu beenden."

Um diese Position mit einem Beispiel ganz deutlich zu machen, greifen wir auf eine Diskussion zwischen Tom Regan, Ingrid Newkirk und Gary Francione ("Animals' Agenda" Jan./Febr. 1992) zurück.

Die Frage lautete: "Sollen Tierrechtler eine Kampagne zur Reform der Regelungen in Schlachthöfen unterstützen, die darauf abzielt, dass die Tiere, die auf das Schlachten bis zu drei Tage lang warten, während dieser Zeit Wasser (Nahrung wurde nicht erwähnt) erhalten? Durch diese Kampagne bestünden berechtigte Aussichten auf Erfolg."

Wir sind der Überzeugung, dass wir gemäß der Strategie der "Politik der kleinen Schritte" und der Maxime "Reform und Abschaffung", für eine Reform der Schlachthofbedingungen aktiv werden sollten, weil die Frage nicht lautet: schlachten oder nicht schlachten, sondern tränken oder nicht tränken. Der augenblickliche Durst der Tiere muss absoluten Vorrang vor allen anderen zukünftigen Aspekten haben.

Abschließend ist zu bemerken, dass strikte "Alles-Oder-Nichts-Propagandisten" in Bezug auf den realen Tierumgang unserer Gesellschaft häufig nichts außer Ablehnung erreichen. Große Worte und Maximalforderungen helfen den ausgebeuteten Tieren wenig, wenn sie so realitätsfern sind, dass sie von der Gesellschaft nicht ernst genommen werden.

A.K.T.E.-Redaktion / Stefan Bernhard Eck


Zur Rubrik-Übersicht