|
|
|
Soll-Zustand
Toleranzkurs
|
|
|
|
Der A.K.T.E.-Kaplan-Konsens zur Vegetarismus/Veganismus-Debatte
Der Aufsatz "Müssen Tierrechtler Veganer sein?" des
Tierrecht-Philosophen Helmut Kaplan führte im Spätsommer des Jahres 2002 zu einer erneuten
Eskalation der seit längerer Zeit schwelenden Vegetarismus-Veganismus-Debatte. Die im Internet
kursierenden News und E-Mails diesbezüglich waren alles andere als geeignet, die Tierrecht-Bewegung
im deutschsprachigen Raum, aber auch über die Grenzen hinaus als eine geschlossene Front, als
Gegenpol zu der übermächtigen Tierausbeutungsgesellschaft erscheinen zu lassen und zu einer
spürbaren und nachhaltigen Verbesserung der realen Lebensverhältnisse der ausgebeuteten Tiere beizutragen.
Da wir mit Helmut Kaplan auch damals schon in regem
Gedankenaustausch standen, fokussierten wir unsere Gespräche auf dieses hoch brisante Thema, um
zusammen mit ihm über die Problematik von Grund auf erneut zu diskutieren. Unser gemeinsamer
Wunsch bestand darin, eine akzeptable Lösung zu finden, die einerseits zu einer Entschärfung der
destruktiven und kontraproduktiven Spannungen und Auseinandersetzungen innerhalb der Tierrecht- und
Tierschutz-Szene beitragen sollte und die andererseits alle ethischen Aspekte, aber
auch die politisch-gesellschaftlichen Fakten angemessen berücksichtigt.
Wir wollen nicht verschweigen, dass hierbei pragmatische
und ethische Gesichtspunkte sich gegenüberstanden und uns eine befriedigende Lösung zeitweise
fast unmöglich erschien. Dank eines sehr offenen und intensiven Gedankenaustausches, der über das
übliche Maß einer Kooperation in philosophischen Grundsatzfragen hinausging, erreichten wir zum
Jahresende Annährungspunkte, die zu einem tragfähigen Konsens während seines Besuches von Dr.
Helmut Kaplan in Saarbrücken sich verdichteten. Dieser Konsens soll als Basis für eine
fortzuführende und vertiefende Beschäftigung mit diesem Thema dienen, und eine gedankliche
Richtschnur für die momentane Beurteilung und Vorgehensweise darstellen, die von allen
rational denkenden Vegetariern und Veganern, von Tierrechtlern und Tierschützern gleichermaßen
akzeptiert werden sollte.
Folgende Gedankengänge bildeten
die Prämissen für den erzielten Konsens:
Leben vollzieht sich stets auf Kosten anderen
Lebens. Die Welt wird daher immer eine Werkstatt des Leidens bleiben, eine um ihre Achse
rotierende Folterkammer, ein Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen. (A. Schweitzer,
A. Portmann, U. Horstmann, A. Schopenhauer)
Der Mensch ist auf Grund seines speziesistischen
Denkens und Handelns maßgeblich an dieser Situation mitschuldig. Ob tatsächlich eine
realistische Chance besteht, die Menschen nachhaltig zu bessern, sie zu moralischen
Wesen zu machen, ist äußerst fraglich. Es spricht einfach nichts dafür, dass der
Mensch noch einmal zur Vernunft, geschweige denn zur Moral käme. (H. F. Kaplan aus "Wozu Ethik?")
Der Mensch wird vielleicht für immer ein
moralisches Mangelwesen bleiben, weil seine angeborenen Egoismen einer
moralischen Grundhaltung entgegenwirken. Mit heroischer Resignation akzeptieren wir,
dass die Kluft zwischen "Sein und Sollen" in der heutigen Entwicklungsphase der Menschheit
unüberbrückbar ist. Die Distanz zwischen der Realität und der Utopie einer
moralischen Welt nötigt uns zur Bescheidenheit. Dadurch relativieren sich aber
auch unsere Ansprüche auf eine konsequente Verwirklichung einer Menschen und
Tiere berücksichtigenden, gerechten Ethik zu dem bescheidenen Wunsch nach einer
erträglicheren Welt, nach einer Welt mit weniger Tier- und Menschenleid. Jedes Denken, das
heute darüber hinausgeht, ist Illusion oder Selbsttäuschung.
Deshalb glauben wir, dass wir die Welt zwar nicht gut,
aber weniger schlecht machen können, zwar nicht dauernd, aber vorübergehend. (Magnus Schwantje)
Die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
hier und heute sind nicht geeignet, um alle Aspekte einzufordern, die sich aus einer
Tiere und Menschen gleichermaßen berücksichtigenden Ethik ergeben. In der heutigen Situation
können ethisch berechtigte Maximalforderungen den angestrebten Paradigmenwechsel in
unserer Gesellschaft auch verzögern.
Die Grausamkeiten, die Tiere durch den Menschen
erdulden müssen, sind qualitativ und quantitativ so massiv, dass jede Mithilfe, jede
Art von Unterstützung und alle Teilerfolge immens wichtig sind, die zu einer
Reduzierung oder zur Beendigung des Leidens der betroffenen Tiere führen. Es
kommt deshalb auf jede "gute Tat" an. Damit sollte auch das
Engagement jener Tierschützer/innen und Tierfreunde/innen in einem neuen Licht
gesehen werden, die zwar selbst noch von einem ethischen Idealzustand in ihrem
eigenen Tierumgang oder ihrer Ernährungsweise entfernt sind, deren Aktivitäten jedoch
das Leben von Millionen von Tieren in Tierheimen oder Auffangstationen rund um den
Globus erträglicher werden lässt, oder die im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv
gegen Tierversuche, Tiertransporte oder Jagd ankämpfen. Die Forderung einiger
Tierrechtler/Innen zur moralischen Abgrenzung bzw. Ausgrenzung dieser Tierschützer
und Tierfreunde und ihre permanente Diskreditierung sind verantwortungslos. Denn angesichts
der Übermacht der Ausbeutungsgesellschaft kann es uns nur durch eine "Politik der
kleinen Schritte" und der gleichzeitigen Bündelung aller Kräfte aus
der Tierrecht-Bewegung, der Tierschutz-Bewegung und des Naturschutzes gelingen, das
unbeschreibliche Leiden der Tiere zu reduzieren oder zu beenden.
Diese Bündelung der Kräfte hat von einer vegetarischen
Lebensweise aller Beteiligten als von der an jeden mündigen Menschen zu stellenden ethischen
Minimalforderung auszugehen. Dies muss bei jeder sich bietenden Gelegenheit öffentlicher Verlautbarungen
für die Rechte der Tiere zur Sprache gebracht werden. Wer sich in welcher Weise auch immer für Tiere
einsetzt und zugleich Tierleichenteile konsumiert, befindet sich in einem INTOLERABLEN Widerspruch,
mit dem es ihn oder sie immer und immer wieder zu konfrontieren gilt. Mit dem, der sich diesem
Widerspruch nicht stellt, sondern sich der einfachsten Konsequenz einer moralischen Haltung - nämlich
konsequent auf jegliches Fleisch zu verzichten - permanent verweigert, ist eine
"Verbrüderung" bzw. eine integrierende oder partnerschaftliche Kooperation, wie wir sie
uns vorstellen, der falsche Weg.
|
Der erzielte Konsens:
Wenn ein Mensch aus ethischen Gründen auf Fleisch
verzichtet und zu einer ovo-lakto-vegetarischen Ernährung übergeht, dann zeigt dies, dass ein
grundsätzliches Einsehen in die Ungerechtigkeit der Tierausbeutung sich abzeichnet. Dies kann
der erste, entscheidende Schritt zu einem ethischen Tierumgang bedeuten. Denn hat ein Mensch erst
einmal begonnen, seine Grundeinstellung zu den Tieren zu hinterfragen und erkannt, dass
sein Fleischkonsum moralisch nicht zurechtfertigen ist, so wird er sich den logischen
Schlussfolgerungen bezüglich der Leidensverursachung durch eine ovo-lakto-vegetarische
Ernährungsweise auf Dauer auch nicht entziehen können.
Wir berücksichtigen auch die Tatsache, dass nachweislich
die meisten Menschen, die eine tierproduktfreie Ernährungs- und Lebensweise übernommen
haben, sich zuvor für eine mehr oder weniger lange Zeitspanne ovo-lakto-vegetarisch ernährten.
Der Ovo-Lakto-Vegetarismus ist in der Regel das Sprungbrett zu einem tierproduktfreien
Konsumverhalten.
Deshalb schlagen wir vor, unisono
den "Vegetarismus/Veganismus" zu propagieren, aber gleichzeitig und
ausdrücklich aufmerksam zu machen, dass auch der Ovo-Lakto-Vegetarier durch seinen
Konsum noch zu massivem Tierleid beiträgt. Der Ovo-Lakto-Vegetarismus kann
aus diesem Grunde nicht als das endgültige ethische Ziel betrachtet werden.
Es ist deshalb notwendig, den Ovo-Lakto-Vegetarier
davon zu überzeugen, dass seine momentane Ernährungsweise lediglich als eine
Übergangsphase zu einem anzustrebenden tierproduktfreien Konsum begriffen werden sollte.
Diese Überzeugungsarbeit vollzieht sich dergestalt, dass wir immer und immer wieder auf
die ungerechten und grausamen Lebensbedingungen der betroffenen Tiere hinweisen, die zur
Produktion von Milch, Eier, Honig, Wolle, Pelz, Leder und dergleichen mehr missbraucht werden.
Wir wollen behutsam die Menschen ermutigen, Schritt für Schritt ihre Ernährungs- und Lebensweise
so zu gestalten, bis eine gerechte moralische Berücksichtigung der elementaren Lebensinteressen
der Tiere erreicht ist.
Die Vielfalt gleichberechtigter, nebeneinander
bestehender Gruppierungen mit unterschiedlichen Graden in der Radikalität bzw. in der
konsequenten Forderung nach einem tierproduktfreien Konsumverhalten ist für die Tierrecht-Szene wichtig.
Sie ist ein Spiegelbild der verschiedenen Meinungen, Ideen und Werte und ermöglicht dem Einzelnen,
sich in derjenigen Gruppierung zu engagieren, die seinem momentanen ethischen Entwicklungsstand
in Sachen Tierrechte entspricht. Dieser Pluralismus wirkt sich förderlich aus, solange die
"historischen Ziele" der Tierrecht-Bewegung - nämlich die Befreiung der Tiere aus
der Versklavung durch den Menschen - verfolgt werden. Selbstverständlich bleibt es den
einzelnen Gruppierungen der Tierrecht-Szene überlassen, eigene Schwerpunkte zu setzen
und je nach ihrer Sichtweise einen mehr oder weniger radikalen bzw. konsequenten Weg zu
einem ethischen Tierumgang zu favorisieren und zu propagieren.
Die Glaubwürdigkeit unserer Ziele und unserer Ethik
hängt aber von der eigenen Umsetzung unserer Forderungen und Ziele ab, von der
eigenen moralischen Berücksichtigung der Lebensinteressen der Tiere. Vor allem die
Tierrechtler/Innen, die leitende Positionen in Tierrecht-Organisationen oder Vereinen innehaben,
oder die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, sollten sich stets ihrer Verantwortung
als Vorbild bewusst sein und sich eine rational vertretbare tierproduktfreie Ernährungs- und
Lebensweise zu Eigen machen.
Wir sollten den Begriff "Tierrechtler/in" nicht
zu einem Synonym für eine elitäre Minderheit machen. Die Inanspruchnahme dieses
Begriffes sollte nicht an überstrenge Vorbedingungen geknüpft sein, die von vielen im
Tierschutz und Tierrecht engagierten Menschen auf Anhieb nicht zu erfüllen sind.
Die Tierrecht-Bewegung ist noch so verschwindend klein, dass sie auch
als "geistige Heimat" all jenen Menschen offen stehen sollte, die sich
zwar grundsätzlich zu dem Tierrecht-Gedanken bekennen, ihn aber im eigenen Leben noch
nicht bis zur letzten Konsequenz umgesetzt haben.
Die Vegetarismus-Veganismus-Debatte mit spektakulären
Auseinandersetzungen und Streitereien wird die Tierrecht-Bewegung im Ganzen nicht weiterbringen.
Angesichts des massenhaften Tierleides sollten wir sie jetzt beenden und uns wieder unseres
tatsächlichen Feindes besinnen, zwar getrennt marschieren, aber gemeinsam schlagen.
Wir sind der festen Überzeugung, dass in der heutigen
Situation der Tierrecht-Bewegung dieser Kompromiss, der nur eine momentane und vorläufige
Lösung in der Vegetarismus-Veganismus-Debatte darstellt, dazu beitragen kann, Menschen auf den
Weg zu einem ethischen Tierumgang zu führen und eine Bündelung aller Kräfte aus Naturschutz,
Tierschutz und Tierrecht-Bewegung möglich machen kann, was letztendlich der
Reduzierung oder der Beendigung der Ausbeutung der Tiere dient.
In Übereinstimmung und Absprache mit Helmut Kaplan.
A.K.T.E.-Redaktion / Stefan Bernhard Eck
Zur Rubrik-Übersicht
|
|
|