Zwiegespräche

Erfahrungen und Erlebnisse als Tierrechtler/in


Barbara Hohensee


Es hat lange gedauert ...

Es hat lange gedauert, bis ich erwachte. Der wahrscheinlich übliche Werdegang: Mitleidiges Kind, Tierleid verharmlosende Eltern. Vielleicht wussten sie es nicht besser. Traditionell geprägte Fleischfresser eben, die jeden Tag, ganz besonders aber nach der Sonntagsmette, ihren Braten wollen. Irgendwann erkennt man das Elend der Tiere nicht mehr. Bin ebenfalls Fleischfresser geworden. Verinnerlichte weitgehend die Sprüche, welche die erwachsenen Tierverbraucher parat hatten. War damit beschäftigt, den ganzen konservativen Mief und die weiteren bürgerlichen Moralheucheleien zu entlarven, ihnen zu entkommen. Da ging es um die eigene Haut. Das Schicksal der "fremden" Haut wird nicht mehr wahrgenommen, denn die tierlichen Essensbestandteile sind längst Gewohnheit geworden. Die Kühe auf der Weide des Bauern oder die Hühner und Kaninchen bei der Oma: Man mag sie. Und denkt nicht mehr an das, was ihnen noch bevorsteht. Selektive Wahrnehmungen und speziesistische Wahrnehmungsstörungen zuhauf.

Habe nach anfänglichen Protesten eingelenkt, dass sie wohl zu unserem Nutzen da sein müssen, wie dies der Familienpatriarch und der Pfarrer beharrlich verkündeten. Die Ethik Albert Schweitzers steht noch nicht völlig vergessen im ländlich-katholischen Raum der sechziger Jahre. Leiden sollen sie nicht und tun dies auch nicht, wird wiederholt versichert. Aber sie sind nun mal da, um irgendwann geschlachtet und gegessen zu werden. Das wird voller Überzeugung geäußert. Vor allem "Nutztiere" sind mir ab da zugleich vertraute Freunde und Fremde. Die Verwandlung vom Tier in ein Schnitzel findet zuerst im Kopf statt. Die dem Menschen antrainierte tiefe Wahrnehmungskluft, die sich schließlich auch in seine "Seele" einnistet. Manchmal, wenn die Oma ein Huhn schlachtet und ich den Vorgang sehe, dann wird die Kluft zwischen der vermeintlichen Vernunft und dem Gefühl überbrückt. Dann ertönt der Aufschrei, folgt das Entsetzen. Das Geschehen ist wie ein Alptraum, er währt aber nicht lange genug. Würde man sonst verrückt? Wie soll man der mit dem Hackebeil fröhlich hantierenden Oma auch erklären, was man fühlt bei diesem Anblick. Man weiß, sie, die schon jahrzehntelang den Hühnern den Kopf abhackt, verstünde die Sprache des Gefühls nicht mehr. Da liegt es, das tote kopflose Huhn, das kurz zuvor noch verzweifelt mit den Flügeln zu schlagen versucht hat, um ihrem unerbittlichen Griff zu entkommen. Und meine Gedanken führen weg von diesen schrecklichen Gefühlen: Sie sind ja da, um geschlachtet und gegessen zu werden. Gewissensberuhigung.

Die geistige Infiltration hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Und gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Das gute Fleisch!!! Denk an die hungernden Kinder in Afrika!!!! Und so weiter.

Es ist grotesk. Ein gesundes, normales Kind kann das Elend des Tieres unverfälscht empfinden, findet aber nicht die Schlüsselworte, um die traditionelle Schallmauer zu durchbrechen. Später lebe ich mein Leben weitgehend in der Stadt. Da sieht man nicht die Tiere, die wir essen. Auch nicht das Schlachten. Ab und zu wird in den Medien über "Nutztiere" berichtet, meist in geschönter Form. Das Elend muss auch hier quotenfreundlich präsentiert werden. Längst ist die Massentierhaltung üblich geworden. Alles ganz weit weg. Die Werbestrategen der Tiergräuelindustrie liefern schöne unverfängliche Bildchen. Bloß keine verkaufsschädlichen schlechten Gefühle beim Konsumenten erzeugen. Da grast die lila Kuh auf der Alm und die Hähnchen kommen von einem von Wiesenkräutern umgebenen Hof. Die Mauer der Verdrängung ist schon sehr hoch geworden. Es dringt nichts mehr durch. Bekomme ich als Bücherwurm, der sich selten vor den Fernseher verirrt, einmal etwas von der Tierfolter mit, dann ist diese sicher die unrühmliche Ausnahme. Kann doch auch gar nicht anders sein. Wir sind ja schließlich ein kultiviertes Volk.

Und dann das jähe Erwachen. Es wird per Rundfunk über das Schächten berichtet. Sehr kühl und deshalb umso schrecklicher wird die ganze Prozedur dieses Schlachtens geschildert. Das Entsetzen ist da. Die Wirkung des unvorbereiteten Hinhörens ist zitternde Fassungslosigkeit. Tagelange Weinkrämpfe, Durchwühlen der großen Tageszeitungen, Fragen über Fragen. Was schreiben die Leser so dazu? Einige Kluge weisen auch auf das Elend unserer Schlachttiere hin und weisen die einseitige Entrüstung über das Schächten zurück. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Neben der aufkeimenden Informationswut, dem Eintreten in Interessenverbände, dem vertieften Nachdenken werfe ich alles Fleisch, was noch so in der Kühltruhe liegt, weg. Ich kann es nicht mehr sehen. Es ekelt mich an. Ich sehe kein Schnitzel, keine Boulette, kein Steak mehr, sondern nur noch die traurigen und angsterfüllten Augen der lebenslang ausgenutzten Tiere. Ich fühle ihre Trostlosigkeit, ihre Verzweiflung.

Nie mehr Fleisch! Kein Kannibalismus an Verwandten mehr!! Ab sofort Vegetarier!!!

Nach weiteren drei Monaten und vertieftem Erkenntniszuwachs wird alles, was von Tieren stammt, gestrichen. Endlich restlos vom Wahn befreit. Die Lügenbarone und ihr Zuhältersystem sind entlarvt. Das Denken, welches das Gefühl nicht mehr rationalisiert, gewinnt nun Raum, und damit auch die Einsichten in die Zusammenhänge. Profitsüchtige und "herrschaftsverliebte" Zeitgenossen manipulieren erfolgreich die Massen, damit sie ihren ganzen Dreck, den sie auf allen Ebenen fabrizieren, verkaufen können. Geld und die ihr zuarbeitenden Wissenschaften regieren die Welt. Die Vernunft ist das Abbild auf der Rückseite dieser Medaille. Der Kaufmann gestaltet heute die Moral. Und fast alle werden durch ihren Konsum zu Handlangern dieses Mordsgeschäfts, bei dem hilflose Tiere und letztendlich auch sie selbst als dumm gemachte Menschen krepieren.

Geht es deshalb so langsam voran mit der Verwirklichung der Tierrechte?

Ich bin davon überzeugt, dass die so genannte menschliche Vernunft einer angstfreien Überprüfung ihrer Prämissen bedarf. Die existenzielle Angst und der Versuch ihrer Überwindung führte zum Ruf des Menschen in höhere Gefilde. Vor allem monotheistische Religionen beantworten diesen Ruf zu Lasten der anderen Tiere. Wer aber hört deren Hilfeschreie?

Der Mensch wird – als gottesebenbildliches Wesen - in eine Position gestellt, der er empirisch nicht genügen kann. Damit er seine Sonderstellung behalten kann, werden die restlichen "Geschöpfe" zu Nutzungsobjekten degradiert. Da menschliches Versagen vorprogrammiert ist, erhält es – in der christlichen Lehre - mit Jesus Christus einen beruhigenden Ausweg aus dem Dilemma. Teuflisch genial gelöst vom religiösen Strategen Paulus.

Die tatsächliche Machtstellung, die sich der Mensch evolutionär erobert hat, treibt nun ihre Blüten in den geistigen Überflügen der Theologen, Scholastiker und Schulphilosophen, die nicht müde darin werden, immer neue Begründungen für eine menschliche Vormachtstellung zu ersinnen. Spätere Korrekturen nehmen die restlichen Tiere aus. Die dialektisch wertende Weltsicht hat ein Gedankengebäude errichtet, das traditionell geübt und immer weiter zementiert wird. Alle weiteren Geistesblitze finden innerhalb dieses Gemäuers statt. Das Aufkommen der Thesen Darwins ruft großen Schrecken, sodann Empörung und Widerstände hervor. Was der Mensch einmal zu besitzen glaubt, und sei es ein geistiges Gefängnis, will er nicht mehr aufgeben. Weder seinen Glauben an seine Einzigartigkeit, seine Größe, noch seinen "göttlichen" Auftrag: Macht Euch die Erde untertan! "Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen..."(Gen.9, 2) Die Resignation eines Gottes, der mit seinen Ratschlüssen am Ende ist? Der ein Wesen erschaffen hat, das seine eigenen Wege gehen will und auf seine Anweisungen pfeift? Der sich schließlich zur Diplomatie des Bundesgefährten bekennt, weil er den – bösen - Willen des Menschen nicht zu bezwingen vermag. (Gen.9) Sehr schön wird dieser göttliche Notstand in Sartres Drama "Die Fliegen" aufgezeigt.

Untertanen haben wir inzwischen genug, auch auf menschlicher Seite. Kaum einer, dessen Denkvermögen die eigene Manipulation ohne gewaltigen Anstoß von außen voll erfasst. Man wähnt sich selbstbestimmt und erkennt nicht die Denkstrukturen, in das uns die Herren der Religionen und des Geldes eingesperrt haben. Die Tiere kann man einkerkern, man kann sie quälen und missbrauchen: Sie lassen sich nicht täuschen. Sie erkennen den Verursacher ihrer Leiden. Der geistreiche Mensch hat sich in den selbst gelegten Schlingen seiner Denkakrobatik verfangen. Die wirkliche Welt der Lebewesen und die Art ihres "Funktionierens" glaubt er nur dann zu erkennen, wenn er seine Sinneswahrnehmungen ausschließt und sich allein auf seinen Geist verlässt. So allerdings ist er von allen guten Geistern verlassen und ein willfähriges Opfer von Trugschlüssen.

Die Situation ist absurd: Kindern werden Tiere näher gebracht, sei es in Fabeln (abstrakt), und/oder, indem man ihnen ein Haustier anvertraut (konkret). Dem Zweck dieses Verhaltens liegen anthropozentrische Überlegungen zugrunde. Das Kind soll lernen, Verantwortung zu tragen. Gleichzeitig soll – als Nebeneffekt - seinem Schmusebedürfnis ein lebendes "Objekt" dienen. Die Erziehung zu einem tierlieben Menschen geschieht nicht um der Tiere willen. Der "vernünftige Grund" besteht darin, ein sozial verträgliches Menschenwesen heranzubilden. Die Stunde der Wahrheit und damit der Aufdeckung der Motivationen von Seiten der Erzieher schlägt spätestens, wenn ein aufgewecktes Kind das grundsätzlich unterschiedliche Schicksal von Schmuse- und Nutztieren wahrnimmt und unangenehme Fragen zu stellen beginnt. Und hier schließt sich der Kreislauf anthropozentrischer Argumentationen und wird die Verbiegung des Einzelnen vollendet, den man schon an den Geschmack des Fleisches gewöhnt hat. Die Verbannung der Tiere und das Schlachten findet diskret außerhalb des Blickwinkels der Kultivierten statt. Ihr Feingefühl könnte ja verletzt werden. Dasselbe geschieht mit allen Tierarten, welche zu nutzen sich der Mensch herausgenommen hat. Alles Tierleid diskret hinter verschlossenen Türen und Forschungseinrichtungen. Die Heuchelei hat ein Ausmaß des Unerträglichen angenommen. Und immer wieder der gehörte "vernünftige Grund". Narren, Egomanen und Tyrannen gebrauchen das Wort "Vernunft" für alle Grausamkeiten, die ihnen in den Sinn kommen. Sie wollen Tiere in ihr Belieben gestellt wissen, und jeder ethische Spagat ist willkommen, um Unvereinbares harmonisieren zu können. Das – andere – Tier wird zum Werkzeug für die "höheren" Zwecke der Lebensabschneider degradiert.

Da wird von Ehrfurcht vor dem Leben geschwätzt, ohne die universale Bedeutung des Begriffes zu erfassen, von der Notwendigkeit von Tierversuchen, von der generellen Notwendigkeit der Tiernutzung, vom notwendigen Fortschritt und dergleichen mehr. Vernünftig ist das Notwendige, doch was ist denn nun wirklich notwendig? Hier versagt der Geist seinen Dienst und gewinnen Kleingeister die Oberhand. Die althergebrachte, traditionelle Art des Denkens ist "steinzeitlich" und die charakterliche Schwäche - die sich in der Selbstbeweihräucherung und selbstverliebten Nabelschau zeigt - offensichtlich.

Die Damen der Herren Bosse und kleinerer Führungschargen wandeln im Outfit Wilma Feuersteins, während sich die Herren der Schöpfung, schon längst kreuzlahm vom Tragen der schweren Verantwortung, Viagra einverleiben müssen, um Lustgesänge zu erzeugen. Und die Kinder dieser rast-, ruhe- wie besinnungslosen Zeit müssen sich ihre Kalorien von der "fast-food-" und Zuckerindustrie holen und werden immer fetter. Manch besserverdienender ethischer Ignorant ernährt sich auf Anraten der Ernährungswissenschaftler ovo-lacto-vegetarisch, und die weniger begüterten Massen verzehren die chemikalienverseuchten hochsubventionierten Bestandteile der Tierproduktion. Dass es sich auch ohne Tier(qual)produkte bestens leben lässt, geht (noch) nicht in die Köpfe. Zu lange währt schon der Fleisch-, Milch- und Eierwahn. Die Krankheitsindustrie muss schließlich am Leben erhalten werden. Das ist das Ergebnis der Vernunft derjenigen, die dieses menschen- und tierverachtende System am Laufen halten. Die Rechnung bezahlen wir alle, zuerst die Tiere, dann wir selbst. Gerechtigkeit für alle empfindenden Lebewesen gibt es nicht – noch nicht, vielleicht nie. Da wird die Haut der Tiere buchstäblich zu Markte getragen und Wolle, Seide und Federn ungeniert benutzt. Als gebe es nicht schon längst leidlose Alternativen. Kunstlederprodukte werden verächtlich als umweltbelastend angeprangert, aber Autofahren, zumal auf kunstlederbezogenen Sitzen, scheint diesen Herrschaften kein Problem zu verursachen.

Das Recht des Stärkeren existiert ungebrochen. Wir haben bisher nur gelernt, es sorgsamer als bisher hinter unseren "vernünftigen" Gründen zu verbergen.


B.H.





Gedanken zur Existenz Gottes ...

Die Existenz Gottes - eine schwieriges Thema. Kontrovers auf jeden Fall und zwangsläufig obligatorisch, dass sich dabei scharfe Auseinandersetzungen entwickeln.

Sei's drum!

Wahrscheinlich beschäftigten sich seit Beginn eines "Ich"-Bewusstseins Menschen mit der Frage, ob es einen Gott gibt. Auslöser dieser Fragestellung dürften meines Erachtens Angst vor den Naturgewalten, die Erkenntnis der Sterblichkeit  und demzufolge Fragen nach der Sinngebung des eigenen Lebens bzw. des "Danach" gewesen sein. Dies war wahrscheinlich die Geburtsstunde der Religion und der sie voraussetzenden Fragen nach dem übergeordneten "DU" und dem Wesen eines "Schöpfers".

Infolgedessen wurde das "höchste Wesen" zum Spiegelbild der eigenen Person, Kultur und deren Interessen. Definiert wurden die Eigenschaften des/der höchsten Wesen(s) von den Machthabern/Priestern der eigenen Gruppe und deren Befindlichkeiten - wie sollte es auch anders möglich sein - die sich wiederum aus deren Umfeld gestalteten. So nimmt es nicht wunder, dass die Götter kriegerischer Völker wenig friedlich waren und die Götter friedlicher Völker friedliche Werte vertraten.

Viele Völker wiesen einen Götterhimmel auf, der zunehmend die Palette menschlicher Eigenschaften repräsentierte und die archaischen Tier- und Naturgötter verdrängte bzw. absorbierte. Die Götter assimilierten sich - treffender - wurden assimiliert. Wen wundert dies in einer "Menschenwelt"?

Mit Aufkommen der monotheistischen Religionen fand eine Verdichtung der menschlich erwünschten Eigenschaften auf eine einzige Gottheit und damit eine Machtzentrierung statt. Die grundsätzliche Glaubensbereitschaft ängstlicher Menschen wurde auch hier strategisch geschickt von den Machthabern der Gruppe eingesetzt. Lohn und Strafe im Diesseits wie im Jenseits winkten als Resultat eines erwünschten oder unerwünschten Verhaltens auf Erden. Daran hat sich - nebenbei bemerkt - bis heute nichts verändert.

Auch Jesus, der in seiner jüdischen Kultur verwurzelt war, konnte aus diesen kulturellen Prägungen nicht völlig ausbrechen. Vielleicht wollte er es auch gar nicht! Er modifizierte den strengen jüdischen Gott JAHWE zu einem gütigen Vaterwesen, während Mohammed einige Jahrhunderte später den alttestamentarischen Gott der Juden umgestaltete und den arabischen Nomaden mittels des Korans eine eigene Identität unter dem Namen ALLAH gab. Im Christentum wurde die Sache natürlich komplexer und komplizierter: Eine Dreifaltigkeit wurde flugs konstruiert, um gewisse Dissonanzen zu kaschieren.

Die Idee "Gott" bestand somit - neben der bereits erwähnten Verdrängung der Sterblichkeit und Vergänglichkeit, die in der Natur zu beobachten war und der Frage nach der Sinngebung  - auch immer darin, der eigenen Gruppe eine Identifikationsfigur zu geben.

Nun besagt dies für sich allein genommen noch nicht, ob es  tatsächlich Gott/Götter geben könnte. Für mich stellte sich von jeher die Frage, ob - unterstellt es gäbe einen Gott in diesem Sinne - dieser meine Achtung "verdient" haben könnte, oder ob ich ihn für einen großen, wenig gütigen Pfuscher zu halten habe.

Angesichts der physikalischen und biologischen Strukturierung der Welt, wonach Dasein auch immer ein Leidensprozess ist, wonach alles der Vergänglichkeit unterworfen ist - selbst Protonen zerfallen -  wonach jedes Leben letztendlich nur auf Kosten eines anderen Lebens existieren kann - denn keines existiert nur von Luft und Liebe - habe ich meine Entscheidung getroffen. Eine persönliche Entscheidung, wohl bemerkt!

Bezüglich des christlichen Gottes beeindruckte mich das Zitat von Theodor Weissenborn sehr, welches lautete: "Seit ich weiß, dass mein Vater meinen Bruder ans Kreuz hat nageln lassen, um mich zu erlösen, weiß ich, was ich von meinem Vater zu halten habe!"

Wir Veganer/innen und Tierrechtler/innen bemühen uns, das durch Menschen zusätzlich in die Welt gebrachte Leid zu verringern, indem wir unausgesprochen nach den vernünftigen Geboten von Genesis 1, 29-31 rein vegetarisch leben (und auch unsere fleischfressenden Mitlebewesen, soweit möglich, vegetarisch zu ernähren trachten). Sehr zu unserem allgemeinen Wohle, wie auch Ernährungswissenschaftler inzwischen erkannt haben.

In der - menschengemachten und diverse Male umgeschriebenen Bibel, die bekanntlich aus einer Vielzahl von Einzeltexten aus verschiedenen Jahrhunderten besteht, finden sich vernünftige wie haarsträubende Aussagen. Die Bibel ist ein Abriss menschlicher Kulturgeschichte des vorderorientalischen Raumes, entstanden unter der angeblichen Federführung eines Gottes. Ich habe die Bibel von Anfang bis Ende gelesen, ebenso den Koran, wie viele Bücher und Kommentierungen von Religionsbefürwortern wie Religionskritikern und kam teilweise aus dem Staunen über den Hirnriss hochvergeistigter Argumentationsführungen nicht mehr heraus. Meine begleitenden Gedanken waren: Und siehe da, der Wunsch wurde zum Vater des Gedankens. Eine weitere Idee Gott ward uns geboren. Oder mit anderen Worten: Aus Lagerfeuer-Poesie unter dem glitzernden Wüstenhimmel wurde Aberglaube und aus Aberglaube wurde Glaube.

Da die personifizierte Idee Gottes der Bibel aber unfähig oder meinetwegen auch unwillig war, zum nachhaltigen Besten aller seiner Geschöpfe zu wirken, wüsste ich keinen Grund, warum ich an ihn als allmächtigen, allwissenden und vor allem als allgütigen Gott zu glauben hätte. Ich lebe heute und hier, und es ist mir herzlich egal, ob es ihn gibt oder nicht, ob ich nach dem Tode weiterlebe oder nicht. Ich sehe keinen Sinn darin, meine weiteren Lebensenergien mit der Frage zu verschwenden, was ein Gott oder sein Sohn oder der Heilige Geist so alles mit der "Schöpfung" bezweckt haben mögen. Das sind meines Erachtens Gedanken, die zu keinem Ende führen. Und was in einer Untersuchung kein Ende findet, dürfte doch wohl ein irrationales Verhalten für eine endliche Entität darstellen.

Ich sehe den befriedigenden Sinn meines Daseins darin, während meines Lebens mit allen Kräften Leid zu verhindern wie zu vermindern, statt mich mit einem Wesen zu beschäftigen, dessen "Schöpfung" seine "Schöpferqualitäten" und damit die Wahrscheinlichkeit seines Bestehens als eines allmächtigen, allwissenden und allgütigen Wesens erheblich reduziert.

Da ich weder weiß,  noch wissen kann, ob es diesen oder einen anderen oder überhaupt einen Gott gibt, interessieren mich weder "seine" pädagogischen Belohnungsanreize noch "seine" Strafandrohungen, um zu erkennen, worauf es j e t z t und h i e r  ankommt. Ich brauche auch nicht das überhebliche Geschwätz von Vivisektionen ausführenden Philosophen wie Descartes mit seinem "Cogito ergo sum". Der Satz "Spiro ergo sum" wäre einfacher nachzuvollziehen gewesen und hätte mehr philosophischen Tiefgang erahnen lassen. Oder sind Tiere und Pflanzen etwa nicht? Hätte Descartes das "Atmen" als eine Interaktion des Subjektes / Objektes mit dem umgebenden Raum definiert, dann hätte dieser Satz sogar teilweise den Anspruch auf eine "Weltformel" für sich in Anspruch nehmen können, denn wer will behaupten, dass unbelebte Materie nicht ist. Aber Schiller sagte ja schon so trefflich: "Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens."

Ich fühle ausreichend, also bin ich. Und Tiere fühlen auch! Und ich erfühle auch das Glück und Leiden bei anderen Lebewesen und erkenne damit lediglich eine Kraft an, die beides bewirkt. Wenn ich denke, dann denke ich nicht um des Denkens willen, sondern um zu verstehen, was Not tut. Jedes Lebewesen, welches im Laufe der Evolution eine Körperhülle entwickelte, hat diese, um sich vor Verletzungen durch die Außenwelt und damit vor Schmerzen und Leiden im weitesten Sinne zu schützen. Welchen Sinn sonst hätte es für die fast vollständige Innenverlagerung von lebensnotwendigen "Organen" im Laufe der Evolution für alle Lebewesen gegeben? Philosophie könnte im Grunde genommen doch so einfach sein! Man muss nur den Verstand benutzen!

Alle religiösen Denkakrobaten der Geschichte, welche die "nachhallenden Hirnsentiments" des Primaten Mensch (vgl. "Naturgeschichte des Ich" von Nicholas Humphrey, Hoffmann und Campe, 1995) letztendlich als Auszeichnung eines Gottes verstanden wissen wollten, der einen freien, selbstbewussten Menschen zwar nicht wollte (der Mensch wurde bestraft, weil er die Frucht vom Baum der Erkenntnis aß), aber dennoch als "Krone der Schöpfung" vermeintlich zu akzeptieren scheint, bauten auf dem Treibsand menschlicher Ängste und Eitelkeiten. Die Angst ist ein Wesensmerkmal des Menschen, seine Eitelkeit versucht sie zu kaschieren. Erbärmlich!

Aber wer an den personifizierten Gott seines Kulturkreises glauben will, um daraus Kraft für ein friedliches Leben zu ziehen, sollte sich darüber bewusst sein,  dass er durch diesen Glauben traditionell gewachsene religiös-politische Machtstrukturen stützt, die diesem friedlichen Ziel immer noch zuwiderlaufen, indem diese gemäß ihrer herrschenden Glaubensdoktrinen menschenversessen und tiervergessen handeln. Er sollte vorrangig daran arbeiten, diese Institutionen und ihre hierarchischen Vorstellungen zum Positiven zu ändern oder - wenn dies misslingt - auf ein angemessenes Maß zurückstutzen.

Auch wer an einen nichtpersonalen Gott als Schöpfer dieses Universums glauben will, sollte sich die Frage nach der ersten Ursache stellen. Ohne Beweger kein Bewegtes. Ergo: Wer schuf Gott? Er sollte sich daher nicht mit dem causa sui- Postulat zufrieden geben.

Ansonsten: Jeglicher Glaube kann eine positive Kraft sein, das wissen wir schon von der "sich-selbst-erfüllenden Prophezeiung". Selbstheilungsprozesse sind möglich, solange die Zerstörungen des Körpers noch nicht zu weit fortgeschritten sind und ein entsprechender Lebenswille vorhanden ist. Wenn ein Mensch aus seinem Glauben Kraft, Hoffnung, Harmonie und Glück schöpfen kann, und dieser Glaube und seine Institutionen nicht das Leben und Wohlsein anderer Lebewesen beeinträchtigt, dann ist gegen einen solchen Glauben nichts einzuwenden.

Es ist auch nicht zu leugnen, dass der Materie eine Kraft innewohnt, die zu Komplexität und Pluralität führt. Wir kennen die näheren Umstände und Bedingungen dafür noch nicht. Vielleicht wird diese Frage für immer das große Geheimnis des Lebens bleiben. Wer weiß?

 

Eine solche Kraft können wir ganz unbefangen Gott nennen. Wenn wir uns dabei besser fühlen! Da wir mehr nicht wissen und auch nicht erkennen können, sollten wir uns auf das bescheiden, was uns per Verstand und Erfahrung zugänglich ist. Alle anderen metaphysischen Spekulationen sind Zeitverschwendung, denn da draußen schreien Lebewesen vor Schmerzen, werden gequält, sterben gewaltsam und wollen doch nur eines: l e b e n!

Die Frage nach der Existenz Gottes sollte  - solange das Schreien, Winseln und Sterben anhält -  nach dem Vorbild der "göttlichen Barmherzigkeit" unter "ferner liefen" rangieren.


B.H.





Zur Rubrik-Übersicht