Zwiegespräche

Erfahrungen und Erlebnisse als Tierrechtler/in


Stefan Bernhard Eck


Übersicht



Wie ich diesen Job so liebe ...

Man hat es nicht leicht, wenn man sich für Tierrechte und Tierschutz engagiert.

Man braucht entweder Nerven so dick wie Bandnudeln oder tierversuchsfreie Antidepressiva ... und beides gibt es meines Wissens leider nicht. Baldrian-Dragees sind zu schwach und Haschisch ist verboten und macht süchtig - wenn's denn mal stimmt - so wie meine Gauloises wahrscheinlich, die ich rauche und mir nicht verkneifen kann - noch nicht, aber vielleicht, wenn die Preise weiter steigen. Und Alkohol ist ungeeignet ... der Kopfschmerzen wegen am Tag danach, von den Leberwerten will ich erst gar nicht reden.

Das Elend der Tiere, mit dem ich Tag für Tag ... und auch noch des Nachts konfrontiert bin, wenn mich die Gedanken daran bis in die Träume verfolgen, frisst mit der Zeit meine "Seele" auf. Aus dem "stillen Ernst" - so wie Albert Schweitzer das einmal formulierte - wurde irgendwann der permanent verkniffene Zug um die Mundwinkel, der bei mir nur deshalb nicht zu sehen ist, weil mein Vollbart ihn einigermaßen kaschiert.

Unerträglich wird es aber beim Einkauf im Supermarkt, der mir wie eine Leichenhalle vorkommt, und ich an der Frischfleisch-Theke vorbeigehen muss, weil die Abteilung mit Soja-Produkten sinnigerweise dahinter ist.
Ich versuchte zwar eine Zeitlang, krampfhaft in eine andere Richtung zu blicken, aber die Kollisionen mit entgegenkommenden Einkaufswagen oder der kaufwütigen, hin und her hastenden Kundschaft und die Ermahnungen: "Mensch Mann, sehen Sie geradeaus, wenn sie hier herumstiefeln." haben mich bewogen, doch hinzusehen.

Und die Wut wächst ... nicht nur bei Oskar Lafontaine über die soziale Ungerechtigkeit - nein, auch bei mir, denn soziale Gerechtigkeit, ethisches Sozialverhalten darf nicht an der Artgrenze enden. Nur haben das die wenigsten Menschen verinnerlicht. Ob das schon der Lafontaine verinnerlicht hat? Aus empirischer Erkenntnis sollte gerade er es wissen, wie es ist, wenn man das Messer an und in der Kehle hat. Der Weg der Kälber, Kühe und Ochsen nach dem Viehmarkt. Und "Viehmärkte" mag er nicht, habe ich mir sagen lassen. Also vielleicht ein Tierrechtler in spe?!

Die Wut ist da und auch die Leichenteile unter speziellem Licht, damit sie schön "lecker" aussehen hinter der Frischfleisch-Theke. Nieren, Lungen, Schenkel, Leberlappen, abgetrennte Schweine-Füße, manchmal ganze Schweinebabys mit Petersilie im Mundwinkel, als würden sie gerade daran kauen - Dekorationsobjekte zum Kaufanreiz für den "amuse gueule". Hühner, Puten, Fische und, und, und ... und Kaninchen. Und ich denke an die zwei "Langohren", die bei mir zu Hause eine Bleibe gefunden haben; eines war ausgesetzt, das andere drei Jahre in verschärfter Einzelhaft in einem Käfig 30 x 40 Zentimeter ... und schon verhaltensgestört. Ich denke an ihre Lebensfreude, an ihre wilden Spiele und sanften Berührungen an meiner Hand, wenn sie ihre Streicheleinheiten einfordern. Lebewesen, Individuen mit Vorlieben, Wünschen und eigenem Charakter schreit es in mir, und hier liegen sie aufgereiht, leblos, allem beraubt.

Und mit der Wut stellt sich ein Brennen in der Magengegend ein, das mich an meine Gastritis vor 20 Jahren so stark erinnert. Ich unterdrücke die Wut und bemühe mich krampfhaft, dass meine Tränendrüsen nicht ihre Schleusen öffnen, wenn ich diese kleinen, nackten Körper, ohne Fell und ohne Ohren, da liegen sehe und mir vorstelle, dass sie noch vor kurzer Zeit lebendig waren. An das Martyrium vor ihrem Abschlachten darf ich erst gar nicht denken; das führt bei mir zu kalten Schweißausbrüchen.

Nicht etwa, dass sich meine Tierliebe nur auf Kaninchen beschränkt; aber nur das kann man aus tiefster "Seele" lieben, was man auch berühren kann, von dem man selbst berührt wird - körperlich und emotional. "Berührt sein" hat etwas mit Berührung zu tun - denke ich jedenfalls. Mitgefühl, wirkliches Mitleiden, braucht diese Berührung, den körperlichen, aber zumindest visuellen Kontakt, und das ist letztendlich das ursächliche Motiv jeder Ethik - jedenfalls behauptete das der alte Schopenhauer. Glauben wir ihm! Das Mitgefühl nimmt aber leider proportional mit der räumlichen Distanz bis auf ein Maß ab, das abhängig ist von der Sensibilität des Einzelnen. Das darf man zumindest annehmen, denn andernfalls stiege bei dem Elend und Grauen, das ohne Unterlass auf der Mattscheibe zu sehen ist, der Verbrauch von Taschentücher ins Astronomische und alle Psychiater wären Millionäre.

Ich habe keine Kühe, Schafe, Ziegen oder Schweine in meiner Wohnung, um den so wichtigen körperlichen Kontakt herzustellen. Und für das Umarmen von Kühen, Schafen und Schweinen in der Öffentlichkeit und noch auf fremdem Grund und Boden mangelt es an gesellschaftlicher Toleranz; daneben besteht die Gefahr, dass der Bauer schreiend mit dem Knüppel angelaufen kommt, um dem vermeintlichen Sodomie-Liebhaber eins überzubraten.

Die Liebe zu "entfernten Tieren" beruht daher hauptsächlich auf dem Wunsch nach Gerechtigkeit für alle Lebewesen, wobei dieser nur wieder der Ausfluss jenes starken Mitleidens ist, der durch den direkten Kontakt mit einigen wenigen Tieren hervorgerufen wird. Aber auch das "Mitleiden aus der Distanz" ist grausam genug; jedenfalls so grausam, dass es bei mir ein Engagement und ein Gefühl der Solidarität für alle Lebewesen bewirkt. Wenn mir das Wohlsein der Tiere in meiner nächsten Umgebung etwas bedeutet, wie kann mir dann das gleiche Wohlsein anderer Tiere schnuppe sein? Unlogisch? Vielleicht bin ich aber auch nur ein "Sensibelchen".

Das Brennen in der Magengegend und die Wut sind spätestens auf dem Rückweg an der Käse-Theke so stark, dass mich der betörende Geruch dieser Tierqual-Produkte einigermaßen kalt lässt, obwohl sie mir noch vor etwas mehr als 24 Monaten höchste Gaumenfreunden beschert hatten, als ich mich dem Trugschluss des "gerechten Vegetarismus" genüsslich hingegeben hatte. Ein halbes Jahrzehnt "speziesistische Denkstörungen" wegen Gouda und Camembert - armseliger menschlicher Geist! Aber besser spät als niemals. Zumindest bewirkt jetzt das Zwicken und Zwacken im Magen, dass ich sie nicht kaufe, und darauf kommt es an. Die Datenbank in meinem Kopf löst aber leider immer noch bei dem Geruch von fermentierter Milch einen positiven Reiz aus. Aber ich arbeite hart an mir, damit sich recht bald auch ein Brennen in der Magengegend einstellt, sobald meine Geruchsknospen auf Käsegerüche anschlagen. Alles braucht seine Zeit, der Mensch ist ein Gewohnheitstier!

So laufe ich mit Wut und Magenschmerzen und wahrscheinlich erhöhtem Adrenalinspiegel - weil ich spüre, dass meine Aggression stetig zunimmt - durch den verfluchten Konsum-Tempel, und ich muss mich zusammenreißen, wenn an dem Probestand die freundliche Verkäuferin mir ein Stück Parma-Schinken offeriert, weil's heute mal wieder im Angebot ist. Da würde ich am liebsten dem angestauten Frust Freigang geben und losbrüllen: "Friss das Zeug selbst, ich fresse nichts, was Schmerzen empfinden kann. Der Parma-Schinken kann's zwar nicht, aber dafür die zuvor gemeuchelte Sau."

Aber ich will sie nicht schockieren, und einer hübschen, jungen Dame ans geistige Schienbein zu treten, fällt mir auf Grund meiner maskulinen Instinkte irgendwie schwer. Auch Gewohnheit! Die Verkaufsstrategen arbeiten mit Tricks und Schliche, um den Parma-Schinken los zu werden, denke ich verbittert, und was die können, kann ich schon lange - jedenfalls in Bezug auf die Tricks und Schliche.
Ich winke freundlich ab, bringe aber die Story des mit Maden durchsetzen - weil luftgetrockneten Schinkens - so überzeugend zum Ausdruck, dass zumindest ein Teil der Schinkenesser angewidert und etwas blass um die Nase von dannen zieht.

Aber auch die fetten Damen und Herren, die ihre überquellenden Einkaufswagen mit blutigen Fressalien vor sich herschieben und sich hinterher, will ich nicht vergraulen, wenn wir an der Kasse auf Tuchfühlung kommen, weil die Möglichkeit vielleicht doch besteht, dass aus diesen Fehlgeleiteten auch einmal Menschen werden, die sich für einen ethischen Tierumgang gewinnen lassen. Also halte ich den Mund oder sage höchstens mit aller Freundlichkeit, zu der ich noch fähig bin und mit dem Versuch eines Lächelns, der oft daneben geht: "Das Volk der Dichter und Denker ist ein Volk der Griller und Schwenker! Der Cholesterinspiegel wird es Ihnen aber danken ... und auch Ihr Hausarzt und die Pharma-Industrie. Endlich wird mal was fürs Wirtschaftswachstum getan und für das Wachstum des Leibesumfanges ... also profitiert auch noch die Modebranche. Hervorragend!" (Schwenker: Bezeichnung für eine saarländische Grillspezialität.)

Das hat gesessen und nun raus aus dem Supermarkt, diesem Mahnmal für unsere Doppelmoral ... ich muss nämlich hier auch unweigerlich an die Hungernden der Sahel-Zone denken, an die Kinder mit aufgetriebenen Hungerbäuchen und an ihre großen, traurigen Augen, die dieses Überangebot hier niemals, niemals sehen werden ... und für uns ist es etwas Alltägliches. Ist das Gerechtigkeit oder was?

Nord-Süd-Gefälle - Dritte-Welt-Probleme flüstert mir mein Gehirn. Nein, nein, antworte ich ihm ... denk nach: beschissene Welt!

Nicht genug, dass man diesen Unbilden des Lebens permanent ausgesetzt ist, auch seitens der Tierrecht-Szene wird einem das Leben schwer gemacht:

Verbale Prügel durch die konsequenten Ultra-Radikalen, weil man ihnen nicht radikal bzw. konsequent genug ist. Oder weil man einen tierlichen Bestandteil in einem "rein-pflanzlichen Produkt" irgendwann einmal übersehen hatte, oder weil man mit Helmut Kaplan zu Gange ist, um durch Kooperation etwas Positives für die Tiere durch die Einbringung neuer Gedanken zu bewirken.

Dabei bin ich froh, dass es Ultra-Radikale in der Szene gibt, obwohl ich in einigen Punkten partout nicht mit ihnen konform gehen kann, und sie manchmal gerne auf den Mond geschossen hätte. Vielleicht liegt es an meinem Alter und an meiner Resignation in Bezug auf den Menschen. Aber Ungeduld, Radikalität und grenzenloser Optimismus sind nun mal das Privileg der Jugend.

Also lass sie, das ist schon in Ordnung, denke ich - solange sie mir nicht total die Hose nass pinkeln. Denn trotz allem sind diese Gruppierungen doch wichtig, weil es auch verschiedene Grade der Radikalität und verschiedene Grade des moralischen Potentials und des Fortschritts gibt. Wo sollen Menschen eine Anlaufstelle finden, die einen "ethischen Steilaufstieg" bis unterhalb des Gipfels hinter sich haben? Sie hängen zwar jetzt an ihren Haken in der Steilwand, und es ist zu hoffen, dass sie da nicht auf ewig herumhängen und ihnen das Seil noch mürbe wird.

Also zum Deutschen Tierschutzbund passen sie sicherlich nicht. Oder doch? Warum eigentlich nicht? Wir wollen doch die "Heiden" bekehren und nicht die "Heiligen". Das wäre doch ein hervorragendes Betätigungsfeld und für subversive Aktivitäten geeignet. Also wenn schon radikal, dann richtig radikal ... und nur keine Scheu.

Oder besser nur ein wenig abseilen - nicht viel - ins Basislager zu A.K.T.E. finden, und die leichtere und sichere Route über den Grat nehmen. Ist ja nur ein Angebot - wenn das Seil mürbe geworden ist.

Bei den omnivoren Tierschützern mit anthropozentrischem Gedankengut und Hang zu "Bio-Fleisch" und "Bio-Eiern" gilt man selbst als zu radikal. Aber ich musste feststellen, dass man von denen noch am besten behandelt wird. Zumindest hört man dort zu. Das ist ja schon mal ein Erfolg. Man ist sich auch grundsätzlich klar darüber, dass eine Ernährung mit Tierprodukten und das Aushängeschild "Tierliebe" irgendwie doch nicht ganz zusammenpassen. Dann kommt der berühmte Satz: "Dass Sie soooo konsequent sind, ist ja schon richtig, ... aber ..."!!
Wie oft habe ich das Wort ABER schon verflucht, weil danach nur noch Krampf gekommen ist.

Seitens der sich fleischlos ernährenden Tierrechtler/innen, die ihre Zunge und ihren Geist nicht permanent im Griff haben - aber wer hat das schon - und denen Käse, Milch und Eier eben wichtiger sind als Tiere und ihre eigene Logik oder der Blick ohne Kotzgefühl in den Spiegel bei der täglichen Rasur oder dem Make-up ... von diesen Mitstreitern/innen wird man mehr und mehr gemieden, beschimpft und als weltanschaulich gefährlicher Sektierer öffentlich verleumdet oder durch "anonyme" Forenbeiträge bloßzustellen versucht. Auch darüber kommt man hinweg.

Tierrechtler zu sein, ist nicht leicht. Auch diesen Titel hat man mir ohnehin schon abgesprochen - nebenbei bemerkt. Also was soll es? Macht auch nichts, denn auf den Titel kommt es wohl weniger an, als auf das, was wir bewirken. Oder etwa nicht?

Zwar hagelt es nicht von allen vegetarischen Mitstreitern/innen Schelte, das wäre eine unhaltbare Pauschalisierung, aber der Mensch, der es zum Ovo-Lakto-Vegetarismus gebracht hat, reagiert nun mal auf Grund des für ihn so wichtigen Erfolges sehr empfindlich, wenn Gefahr im Verzug ist, dass dieser Erfolg relativiert wird. Wer lässt sich schon gerne seinen Triumph kaputt reden? So nach dem Motto: Störe meine Kreise nicht, oder es setzt was. Im Jargon nennt man das "plattmachen".

Allein schon dieses Wort verursacht mir Gänsehaut: Die Assoziation eines platt gewalzten Tieres auf der Straße drängt sich mir auf. Und gleich hinterher die enttäuschende Einsicht, dass derjenige, der bereit ist, Menschen "platt zu machen" - doch auch bereit sein müsste - allein schon aus Gründen der Logik - diese von fragwürdiger Humanität geprägte Haltung auch dem Tiere zukommen zu lassen. Es sei denn, er macht noch immer einen essentiellen Unterschied zwischen Mensch und Tier, und das bestreiten doch alle aufgeklärten Tierrechtler/innen. Sollten es zumindest! Verwirrend ist das Ganze irgendwie schon! Aber wer versteht schon die Menschen?

Da ist noch viel an ethischer Grundsatzarbeit auf allen Ebenen zu leisten. Dum spiro, spero! Solange ich atme, hoffe ich. Man lernt übrigens bei der Tierrecht-Arbeit die Menschen und sich selbst hervorragend kennen; man kann über das Menschsein nachsinnen - also Ethik und Philosophie pur und alles gratis. Und den Tieren hilft es auch, zumindest bewegen wir die Erdnuss ein winziges Stück in die richtige Richtung.

Trotz all dieser kleinen und größeren Ärgernisse, meiner wachsenden Wut, meinem Magenbrennen, den Schweißausbrüchen, schlaflosen Nächten, den Verleumdungen, die mir diese Arbeit eingebracht hat, habe ich mir meinen Humor, der zuweilen in Sarkasmus übergeht, und meine Selbstironie erhalten können, vielleicht gerade aus diesen Gründen. Also weitermachen, ackern, klotzen ...!

Mein Gott, ... (welcher?) ... wie ich diesen Job so liebe ...


S.B.E.

 



Der Job könnte gefährlich werden ...

Ich werde hin und wieder gefragt, ob ich auch Tierbefreiungsaktionen organisiere oder mich an solchen beteilige.

Meine Antwort: NEIN!

Dann folgt meistens erstaunt die Frage, warum ich dies ablehne.

Meine Antwort: Ganz einfach, weil ich nicht Mahatma Gandhi bin, weil ich kein Pazifist bin. Hinter Gittern sind die Möglichkeiten sehr begrenzt, um die Tierrecht-Bewegung effektiv zu unterstützen. Ich lehne Tierbefreiungsaktionen aber deshalb nicht ab. Im Gegenteil - ich halte sie für ethisch legitim und notwendig. Aber im Falle einer persönlichen Begegnung mit einem gequälten Tier und seinem Peiniger würde - meiner Auffassung nach - ein "übergesetzlicher Notstand" eintreten, und ich fühlte mich zur Hilfeleistung und damit zu geeigneten Gegenmaßnahmen verpflichtet, die unter Umständen, nämlich je nach den Erfordernissen im Einzelfall, auch die Anwendung physischer Gewalt beinhalten könnten. Das Ausmaß der eigenen Gewaltanwendung würde bis zu einem gewissen Grad von der Gewalt abhängen, die gegen mich oder gegen das betroffene Tier eingesetzt würde. Das Ganze könnte also recht schnell eskalieren.

Also überlasse ich Tierbefreiungsaktionen überzeugten Pazifisten, die für diese Aufgaben besser geeignet sind als ich. Ich will einfach das Risiko nicht in Kauf nehmen, hinter Gittern zu (ver)enden. Selbsterhaltungstrieb oder purer Egoismus .... ich weiß es nicht; ich kann damit einigermaßen leben. Jedenfalls bis jetzt noch!

Mein Gott, ... (welcher?) ... der Job könnte gefährlich werden ...


S.B.E.

 



Der Job frustriert ...

Ich hatte mich kürzlich mit einem Tierrechtler / Tierschützer, der seit fast 30 Jahre in der vordersten Frontlinie für "unsere Sache" zu Gange ist, unterhalten. Dabei hatte ich mir meinen Kummer von der Seele geredet; das brauche ich hin und wieder, um angestauten Frust los zu werden, und weil ich müde geworden bin. Müde geworden durch die alltägliche Tierrechtsarbeit, müde geworden durch die sich nicht einstellenden Erfolge der Tierrechtsbewegung.

Burnout-Syndrom oder frei nach Rainer Maria Rilke: "... und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Rast! Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten mit kärglicher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen ..." (Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke)

Ich glaube, dass viele Tierschützer / Tierrechtler ähnlich empfinden, dass sie hin und wieder genauso frustriert und müde sind wie ich.

Ich beklagte mich bei ihm über das nachlassende Engagement von Tierschützern und Tierrechtlern, über die vielen kleineren und größeren Misserfolge, die wir in letzter Zeit hinnehmen mussten und vor allem über den Mangeln an Kooperationsbereitschaft innerhalb der Bewegung.

Anstatt auf meine pessimistischen Äußerungen näher einzugehen, gab er einen Witz zum Besten, den ich wiedergeben will.

Frage: Was passiert, wenn zwei zwei Tierrechtler zusammenkommen?
Antwort: Sie spalten sich ...!

Der alte Haudegen hatte es auf den Punkt gebracht; mit diesen zwei kurzen Sätzen hatte er eine der hauptsächlichen Ursachen für das Ausbleiben von nennenswerten Erfolgen der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung erklärt und ein wenig zur Aufhellung meiner Stimmung beigetragen.

Als ich einige Stunden später zu Bett ging, und der Schlaf - wie so oft - sich nicht einstellen wollte, erinnerte ich mich seiner Worte und begann zu grübeln: In keiner anderen ideellen, sozialen oder karitativen Bewegung ist so viel Streit, Missgunst und "Futterneid" an der Tagesordnung, wie dies in der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung der Fall ist. Ein Hemmschuh der Tierrechtsbewegung sind die Tierrechtler selbst. Man redete nicht gerne darüber. Verständlich! Wer will schon Nestbeschmutzer sein?

Das Leben schreit nach Wahrheit, der Lügen sind zuviel gewesen, und die Zeit wird knapp: Sagen wir endlich die Wahrheit! Auch auf die Gefahr hin, dass das Nest besudelt wird ...! Woran liegt es?

Mit Sicherheit daran, dass das Engagement vieler Tierrechtler und Tierschützer auch zum Teil mit einem gewissen Profilierungsstreben in Verbindung steht. Und eine Kooperation geht meistens mit einer Preisgabe der aufgebauten Machtstrukturen einher, denn Zusammenarbeit verpflichtet zur Unterordnung. Und wer untergeordnet ist, kann eben nicht mehr sein Profil in Gänze zeigen; man ist einer unter vielen.

Zuerst zaghaft, dann aber immer bohrender, stieg eine Frage in meinen Gehirnwindungen hoch. Woher weiß ich, ob nicht das Motiv meines Engagements für die Tierrechte in Wahrheit von einem eigennützigen Streben, von Profilierungssucht oder irgendwelchen Kompensationswünschen geleitet ist. Ist nicht vielleicht gerade die Aufforderung zur Kooperation innerhalb der TR-Szene nur eine andere Spielart jener egoistischen Motive, mit dem Ziel im Vordergrund zu stehen?

Ich habe versucht, mir diese Frage objektiv zu beantworten. Aber ich bin zu keinem Resultat gekommen. Ich weiß es einfach nicht mit letzter Gewissheit, weil ich nicht bis in die tiefsten Abgründe dieses seltsamen Gebildes vordringen kann, das wir Psyche nennen. Sehr unbefriedigend kurz vor dem Einschlafen!

Aber dann nahm mich ein anderer Gedanke bei der Hand und wiegte mich in den Schlaf: Selbst wenn es so wäre, und mein Engagement für Kooperation basierte in Wahrheit zum Teil auf egoistischen Motiven - für die Tiere und die Tierrechtsbewegung werden sich keine Nachteile ergeben, denn hier "heiligt" die positive Wirkung das fragwürdige Motiv - sofern dieses tatsächlich vorhanden.

Mein Gott, ... (welcher?) ... trotz Frustration noch ein wohlverdienter Schlaf ...


S.B.E.

 



Ein Job, weil die Mauern gläsern geworden sind ...

Paul McCartney sagte einmal: "Wenn die Schlachthöfe Mauern aus Glas hätten, wäre längst jeder Vegetarier!"

Im Zeitalter der totalen Information sind die Mauern dank Internet, Fernsehen und Presse transparenter geworden. Für viele Menschen vielleicht schon zu transparent, weil sie vom Elend der Tiere nichts sehen und nichts hören wollen. Diese Mauern des Verdeckens und Verschweigens sind aber gefallen - irreversibel; man spricht über das Elend der Tiere. Es hat den Weg in unsere Wohnstuben gefunden, und niemand kann heute noch guten Gewissens behaupten, er wisse nichts über die tierquälerischen Zustände in den "Tierfabriken", über Tiertransporte und Tierversuche, über Pelzfarmen oder über das Gemetzel in den Schlachthöfen am Rande unserer Städte. Die Mauern sind gläsern geworden!

Der amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer schrieb: "Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka." und das umstrittene Buch "Tiere sehen dich an oder Das Potential Mengele" von Hans Wollschläger beginnt mit dem Satz: "Sie werden in Gefängniszellen gehalten, so eng wie die Stehsärge von Oranienburg ...!" Unabhängig davon, wie wir persönlich zu diesen gewagten und kontroversen Vergleichen auch stehen mögen, Fakt ist und bleibt, dass sich das Elend der Tiere vor unseren Augen abspielt. Ganz offen und jeden Tag. Die oft vernommene Schutzbehauptung, wir haben von dem Grauen nichts gewusst, wird ebenso durchschaubar wie die Mauern der Verliese und Folterkammern, in denen Milliarden Tiere dahinvegetieren, gequält und getötet werden. Die leichtfertige Ausrede, dass wir ohnehin nichts dagegen unternehmen können, entlarvt erst Recht den Frevel an "Bruder Tier". Weil wir ihn hinnehmen ... aus trivialen und egoistischen Motiven. Die Mauern sind gläsern geworden!

Wir sind die Generation der Mitwisser, der Mitverantwortlichen, der Mitschuldigen, denn aus Mitwissen wird Mitverantwortung und Mitschuld, wenn wir wegsehen, weiterhin zum Elend der Tiere schweigen und es geschehen lassen. Zukünftige Generationen werden sich fragen, warum wir Heutigen den Frevel an "Bruder Tier" zugelassen haben. Wir haben doch alles gewusst, alles gesehen. Die Mauern sind gläsern geworden!

Die Transparenz zeigt Wirkung. Bei vielen Menschen erwachsen aus dem spontanen und emotionalen "Miterleiden" ein Bewusstsein der Mitverantwortung und ein Gefühl der Solidarität mit den unterdrückten, ausgebeuteten und gequälten Tieren. Solidarität aber bleibt nicht auf das Mitleiden beschränkt, weil Mitleiden allein zu keiner Veränderung führt. Unsere Solidarität nötigt uns zum "Aktivwerden", zum persönlichen Engagement für diejenigen, die sich selbst nicht wehren können. Wir Tierrechtler/innen müssen einfach aktiv werden, müssen reagieren, müssen agieren. Unsere Solidarität wird zur inneren Nötigung, dort zu helfen, wo Hilfe möglich ist. Die Mauern sind für uns gläsern geworden!

Wir wollen etwas in Bewegung setzen, weil unsere Gefühle bewegt sind vom Elend der Tiere. Die Revolution beginnt zunächst in und bei uns selbst - in unserem Kopf und auf dem eigenen Teller. Selbst kein Leid verschulden, ist uns aber nicht genug, wenn gleichzeitig millionenfaches Leid geschieht. Unsere "Eigenbewegung" drängt uns zur organisierten Bewegung zum Schutz und für die Rechte der Tiere. Unser Engagement ist notwendig, um auch bei anderen Menschen etwas in Bewegung zu setzen. Wir wollen und können nur gemeinsam etwas bewegen.

Wir brauchen Unterstützung. Gemeinsam sind wir stark! Wir müssen viele werden, damit eines Tages auch die gläsernen Mauern fallen, die heute noch "Bruder Tier" gefangen halten.

Die Mauern sind gläsern geworden! Und Glas ist zerbrechlich!

Mein Gott, ... (welcher?) ... dieser Job muss getan werden, weil die Mauern gläsern geworden sind ...


S.B.E.

 



Ein Job, für den man einen langen Atem braucht ...

Der Job des Tierrechtlers und Weihnachten feiern, ja, das ist ein schwieriges Unterfangen. Wenn man sich mit Tierrechten befasst, wenn man angefangen hat, über das Elend auf dieser Welt nachzudenken, dann verfolgt einem das selbst an Festtagen ... oder gerade an Festtagen. Vielleicht geht es Ihnen ebenso wie mir? Vielleicht aber auch nicht! Nun ja, lesen Sie, was einem Tierrechtler vor Weihnachen und vor dem Jahreswechsel so durch den Kopf geht.

Unter dem geschmückten Tannenbaum liegen die Geschenke für die Familie. Selbstgebackene Plätzchen und vielerlei Süßigkeiten zieren den Tisch. Das Festtagsessen wurde sehr sorgfältig ausgewählt; es soll ja etwas ganz Besonderes sein. Die Menschen freuen sich auf diese Festtage, an denen sie neben dem leiblichen Genuss auch die Seele baumeln lassen können. Es ist schon eine besondere Atmosphäre, wenn zu den festlichen Klängen von Weihnachtsmusik der Geruch von Tannennadeln, Mandarinen und Plätzchen die warme Wohnung erfüllt, und es draußen so richtig ungemütlich kalt ist.

Das ist die schöne, erhabene Seite von Weihnachten, bei der man feiert, fromme Lieder singt und zuweilen zu Tränen gerührt ist.

Weihnachten, das Fest der Besinnlichkeit, des Friedens, der Liebe und der Menschlichkeit.

Aber daneben existiert noch eine verlogene, hässliche Seite, an die viele Tierfreunde, Tierschützer und Tierrechtler/innen denken, aber nicht die vom Festtagstrubel berauschte, tumbe Masse Mensch.

Für unzählige Lebewesen beginnt nämlich schon in der Vorweihnachtszeit das große Sterben, weil alljährlich Millionen Tiere zusätzlich Opfer unserer Fraßkultur und deren größtem Fraß-Event - dem Weihnachtsfest - werden. Nach einem kurzen, meist qualvollem Leben, werden sie verstümmelt auf den Fließbändern des Profits, werden namenlos abgeschlachtet im Akkord. Da war niemand, der sie geliebt und ihnen einen Namen gegeben hatte.

Es weihnachtet erbarmungslos - das verbum synonymum für das ganz große Geschäft, für volle Kassen und für das Massaker an den Tieren. So enden sie als Gaumenschmaus, als ein Klumpen gebratenen oder gekochten Fleisches mit einer Dekoration aus frischer Petersilie oder Sellerieblättern - wie ein Abschiedsgruß an ihre einstige Lebendigkeit - auf den festlich gedeckten Weihnachtstafeln.

Weihnachten, das unermessliche Massaker für all diejenigen, die keine Menschen sind!

Nein, dieser einseitige Frieden, diese geheuchelte Liebe, diese doppelzüngige Menschlichkeit ist nicht mein Weihnachten, nicht nachdem die Schlachtermesser- und Beile im Akkord geschwungen worden waren, an den Fließbändern der Tötungsmaschinerie Sonderschichten gefahren wurden, um die festtägliche Sucht nach noch mehr Fleisch zu stillen.

Für mich wird erst Weihnachten sein, wenn wir in einer Welt leben, in der es keine Massentierhaltung, Schlachthöfe, Pelzfarmen und Tierversuche mehr gibt, in der es keine Totschlagfallen, Treibnetze, Zirkusdressuren und Zoo-Käfige mehr gibt. Für mich wird erst Weihnachten sein, wenn wir in einer Welt ohne Kriege, Terrorismus, Folter, Rassismus und Unterdrückung leben, in einer Welt ohne Armut, Hunger, Kinderarbeit und Analphabetentum. Es wird für mich erst Weihnachten sein, wenn kein Öl die Ozeane mehr verdreckt, wenn Flüsse und Quellen wieder sauber sind, wenn in Urwäldern keine Motorsägen mehr wüten, und Luft und Böden nicht mehr den Pestgeruch eines fragwürdigen Fortschritts haben.

Ich glaube, dass viele Tierschützer und Tierrechtler/innen tief in Ihren Herzen genauso empfinden. Und die Gewissheit, dass dies so ist, stimmt mich dann doch noch zu Weihnachten und dem Jahreswechsel ein wenig versöhnlich. Ich denke nicht allein so, sage ich mir. Und da ist die Hoffnung, dass wir in ferner Zukunft einmal Weihnachten, Neujahr oder irgendeinen anderen Festtag auch ganz ausgelassen werden feiern können ... weil sich unsere Idee irgendwann durchsetzen wird, weil wir irgendwann siegen werden. Also spucken wir in die Hände, damit auch wir bald Weihnachten und Neujahr feiern können.

Mein Gott, ... (welcher?) ... ein Job, für den man einen langen Atem braucht ...


S.B.E.





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