Zwiegespräche
Erfahrungen und Erlebnisse als Tierrechtler/in
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Stefan Bernhard Eck
Wie ich diesen Job so liebe ...
Man hat es nicht leicht, wenn man sich für
Tierrechte und Tierschutz engagiert.
Man braucht entweder Nerven so dick wie Bandnudeln
oder tierversuchsfreie Antidepressiva ... und beides gibt es meines Wissens leider nicht.
Baldrian-Dragees sind zu schwach und Haschisch ist verboten und macht süchtig - wenn's denn mal
stimmt - so wie meine Gauloises wahrscheinlich, die ich rauche und mir nicht verkneifen kann -
noch nicht, aber vielleicht, wenn die Preise weiter steigen.
Und Alkohol ist ungeeignet ... der Kopfschmerzen wegen am Tag danach, von den
Leberwerten will ich erst gar nicht reden.
Das Elend der Tiere, mit dem ich Tag für Tag ...
und auch noch des Nachts konfrontiert bin, wenn mich die Gedanken daran bis in die
Träume verfolgen, frisst mit der Zeit meine "Seele" auf. Aus dem "stillen
Ernst" - so wie Albert
Schweitzer das einmal formulierte - wurde irgendwann der permanent verkniffene Zug um die Mundwinkel, der
bei mir nur deshalb nicht zu sehen ist, weil mein Vollbart ihn einigermaßen kaschiert.
Unerträglich
wird es aber beim Einkauf im Supermarkt, der mir wie eine Leichenhalle vorkommt,
und ich an der Frischfleisch-Theke vorbeigehen muss, weil die Abteilung mit
Soja-Produkten sinnigerweise dahinter ist.
Ich versuchte zwar eine Zeitlang, krampfhaft in eine andere Richtung zu blicken, aber die
Kollisionen mit entgegenkommenden Einkaufswagen oder der kaufwütigen, hin und her hastenden
Kundschaft und die Ermahnungen: "Mensch Mann, sehen Sie
geradeaus, wenn sie hier herumstiefeln." haben mich bewogen, doch hinzusehen.
Und die Wut wächst ... nicht nur bei
Oskar Lafontaine über die soziale Ungerechtigkeit - nein, auch bei mir, denn soziale
Gerechtigkeit, ethisches Sozialverhalten darf nicht an der Artgrenze enden. Nur haben das die
wenigsten Menschen verinnerlicht. Ob das schon der Lafontaine verinnerlicht hat?
Aus empirischer Erkenntnis sollte gerade er es wissen, wie es ist, wenn man das
Messer an und in der Kehle hat. Der Weg der Kälber, Kühe und Ochsen nach dem
Viehmarkt. Und "Viehmärkte" mag er nicht, habe ich mir sagen lassen.
Also vielleicht ein Tierrechtler in spe?!
Die Wut ist da und auch die Leichenteile unter
speziellem Licht, damit sie schön "lecker" aussehen hinter der Frischfleisch-Theke.
Nieren, Lungen, Schenkel, Leberlappen, abgetrennte Schweine-Füße, manchmal ganze
Schweinebabys mit Petersilie im Mundwinkel, als würden sie gerade daran kauen -
Dekorationsobjekte zum Kaufanreiz für den "amuse gueule". Hühner, Puten, Fische und,
und, und ... und Kaninchen. Und ich denke an die zwei "Langohren", die bei
mir zu Hause eine Bleibe gefunden haben; eines war ausgesetzt, das andere drei Jahre
in verschärfter Einzelhaft in einem Käfig 30 x 40 Zentimeter ... und schon verhaltensgestört.
Ich denke an ihre Lebensfreude, an ihre wilden Spiele und sanften Berührungen an meiner
Hand, wenn sie ihre Streicheleinheiten einfordern. Lebewesen,
Individuen mit Vorlieben, Wünschen und eigenem Charakter schreit es in mir, und hier
liegen sie aufgereiht, leblos, allem beraubt.
Und mit der Wut stellt sich ein Brennen in der
Magengegend ein, das mich an meine Gastritis vor 20 Jahren so stark erinnert.
Ich unterdrücke die Wut und bemühe mich krampfhaft, dass meine Tränendrüsen nicht ihre
Schleusen öffnen, wenn ich diese kleinen, nackten Körper, ohne Fell und ohne Ohren, da
liegen sehe und mir vorstelle, dass sie noch vor kurzer Zeit lebendig waren. An das
Martyrium vor ihrem Abschlachten darf ich erst gar nicht denken; das führt bei
mir zu kalten Schweißausbrüchen.
Nicht etwa, dass sich meine Tierliebe nur
auf Kaninchen beschränkt; aber nur das kann man aus tiefster "Seele" lieben,
was man auch berühren kann, von dem man selbst berührt
wird - körperlich und emotional. "Berührt sein" hat etwas mit Berührung
zu tun - denke ich jedenfalls. Mitgefühl, wirkliches Mitleiden, braucht diese
Berührung, den körperlichen, aber zumindest visuellen Kontakt, und das ist letztendlich
das ursächliche Motiv jeder Ethik - jedenfalls behauptete das der alte Schopenhauer.
Glauben wir ihm! Das Mitgefühl nimmt aber leider proportional mit der räumlichen
Distanz bis auf ein Maß ab, das abhängig ist von der Sensibilität des Einzelnen.
Das darf man zumindest annehmen, denn andernfalls stiege bei dem Elend und Grauen, das
ohne Unterlass auf der Mattscheibe zu sehen ist, der Verbrauch von Taschentücher
ins Astronomische und alle Psychiater wären Millionäre.
Ich habe keine Kühe, Schafe,
Ziegen oder Schweine in meiner Wohnung, um den so wichtigen körperlichen Kontakt herzustellen.
Und für das Umarmen von Kühen, Schafen und Schweinen in der Öffentlichkeit und
noch auf fremdem Grund und Boden mangelt es an gesellschaftlicher Toleranz; daneben besteht die
Gefahr, dass der Bauer schreiend mit dem Knüppel angelaufen kommt, um dem
vermeintlichen Sodomie-Liebhaber eins überzubraten.
Die Liebe zu "entfernten Tieren" beruht
daher hauptsächlich auf dem Wunsch nach Gerechtigkeit für alle Lebewesen, wobei dieser nur
wieder der Ausfluss jenes starken Mitleidens ist, der durch den direkten Kontakt mit
einigen wenigen Tieren hervorgerufen wird. Aber auch das "Mitleiden
aus der Distanz" ist grausam genug; jedenfalls so grausam, dass es bei mir ein
Engagement und ein Gefühl der Solidarität für alle Lebewesen bewirkt.
Wenn mir das Wohlsein der Tiere in meiner nächsten Umgebung etwas bedeutet, wie kann mir
dann das gleiche Wohlsein anderer Tiere schnuppe sein? Unlogisch? Vielleicht bin ich
aber auch nur ein "Sensibelchen".
Das Brennen in der Magengegend und die Wut
sind spätestens auf dem Rückweg an der Käse-Theke so stark, dass mich der betörende
Geruch dieser Tierqual-Produkte einigermaßen kalt lässt, obwohl sie
mir noch vor etwas mehr als 24 Monaten höchste Gaumenfreunden beschert hatten, als ich mich dem
Trugschluss des "gerechten Vegetarismus" genüsslich hingegeben hatte.
Ein halbes Jahrzehnt "speziesistische Denkstörungen" wegen Gouda und
Camembert - armseliger menschlicher Geist! Aber besser spät als niemals.
Zumindest bewirkt jetzt das Zwicken und Zwacken im Magen, dass ich sie nicht kaufe, und darauf
kommt es an. Die Datenbank in meinem Kopf löst aber leider immer noch bei dem Geruch
von fermentierter Milch einen positiven Reiz aus. Aber ich arbeite hart an mir, damit
sich recht bald auch ein Brennen in der Magengegend einstellt, sobald
meine Geruchsknospen auf Käsegerüche anschlagen. Alles braucht seine Zeit, der Mensch ist
ein Gewohnheitstier!
So laufe ich mit Wut und Magenschmerzen
und wahrscheinlich erhöhtem Adrenalinspiegel - weil ich spüre, dass meine Aggression
stetig zunimmt - durch den verfluchten Konsum-Tempel, und ich muss mich zusammenreißen,
wenn an dem Probestand die freundliche Verkäuferin mir ein Stück Parma-Schinken offeriert,
weil's heute mal wieder im Angebot ist. Da würde ich am liebsten dem
angestauten Frust Freigang geben und losbrüllen: "Friss das Zeug selbst, ich
fresse nichts, was Schmerzen empfinden kann. Der Parma-Schinken kann's
zwar nicht, aber dafür die zuvor gemeuchelte Sau."
Aber ich will sie nicht schockieren, und
einer hübschen, jungen Dame ans geistige Schienbein zu treten, fällt mir auf Grund
meiner maskulinen Instinkte irgendwie schwer. Auch Gewohnheit!
Die Verkaufsstrategen arbeiten mit Tricks und Schliche, um den Parma-Schinken los zu werden,
denke ich verbittert, und was die können, kann ich schon lange - jedenfalls in Bezug auf
die Tricks und Schliche.
Ich winke freundlich ab, bringe aber die Story des mit Maden durchsetzen - weil
luftgetrockneten Schinkens - so überzeugend zum Ausdruck, dass zumindest ein Teil der
Schinkenesser angewidert und etwas blass um die Nase von dannen zieht.
Aber auch die fetten Damen und
Herren, die ihre überquellenden Einkaufswagen mit blutigen Fressalien
vor sich herschieben und sich hinterher, will ich nicht vergraulen, wenn
wir an der Kasse auf Tuchfühlung kommen, weil die Möglichkeit vielleicht doch besteht,
dass aus diesen Fehlgeleiteten auch einmal Menschen werden, die sich für einen
ethischen Tierumgang gewinnen lassen. Also halte ich den Mund oder sage höchstens mit
aller Freundlichkeit, zu der ich noch fähig bin und mit dem Versuch
eines Lächelns, der oft daneben geht: "Das Volk der
Dichter und Denker ist ein Volk der Griller und Schwenker! Der Cholesterinspiegel wird es
Ihnen aber danken ... und auch Ihr Hausarzt und die Pharma-Industrie. Endlich wird mal was fürs
Wirtschaftswachstum getan und für das Wachstum des Leibesumfanges ... also profitiert auch noch
die Modebranche. Hervorragend!" (Schwenker: Bezeichnung für eine saarländische
Grillspezialität.)
Das hat gesessen und nun raus aus dem Supermarkt,
diesem Mahnmal für unsere Doppelmoral ... ich muss nämlich hier auch unweigerlich an
die Hungernden der Sahel-Zone denken, an die Kinder mit aufgetriebenen Hungerbäuchen
und an ihre großen, traurigen Augen, die dieses Überangebot hier niemals, niemals
sehen werden ... und für uns ist es etwas Alltägliches. Ist das Gerechtigkeit oder was?
Nord-Süd-Gefälle - Dritte-Welt-Probleme flüstert mir
mein Gehirn. Nein, nein, antworte ich ihm ... denk nach: beschissene Welt!
Nicht genug, dass man diesen Unbilden des Lebens
permanent ausgesetzt ist, auch seitens der Tierrecht-Szene wird einem das Leben
schwer gemacht:
Verbale Prügel durch die konsequenten Ultra-Radikalen, weil
man ihnen nicht radikal bzw. konsequent genug ist. Oder weil man einen tierlichen Bestandteil in
einem "rein-pflanzlichen Produkt" irgendwann einmal übersehen hatte, oder weil man mit
Helmut Kaplan zu Gange ist, um durch Kooperation etwas Positives für die Tiere
durch die Einbringung neuer Gedanken zu bewirken.
Dabei bin ich froh, dass es Ultra-Radikale in
der Szene gibt, obwohl ich in einigen Punkten partout nicht mit ihnen konform gehen
kann, und sie manchmal gerne auf den Mond geschossen hätte. Vielleicht liegt es an
meinem Alter und an meiner Resignation in Bezug auf den Menschen. Aber Ungeduld,
Radikalität und grenzenloser Optimismus sind nun mal das Privileg der Jugend.
Also lass sie, das ist schon in Ordnung, denke
ich - solange sie mir nicht total die Hose nass pinkeln. Denn trotz allem sind diese
Gruppierungen doch wichtig, weil es auch verschiedene Grade der Radikalität und
verschiedene Grade des moralischen Potentials und des Fortschritts gibt.
Wo sollen Menschen eine Anlaufstelle finden, die einen "ethischen Steilaufstieg" bis
unterhalb des Gipfels hinter sich haben?
Sie hängen zwar jetzt an ihren Haken in der Steilwand, und es ist zu hoffen, dass sie da nicht
auf ewig herumhängen und ihnen das Seil noch mürbe wird.
Also zum Deutschen Tierschutzbund
passen sie sicherlich nicht. Oder doch? Warum eigentlich nicht? Wir wollen
doch die "Heiden" bekehren und nicht die "Heiligen". Das wäre doch ein
hervorragendes Betätigungsfeld und für subversive Aktivitäten geeignet. Also wenn schon
radikal, dann richtig radikal ... und nur keine Scheu.
Oder besser nur ein wenig abseilen - nicht viel - ins
Basislager zu A.K.T.E. finden, und die leichtere und sichere Route über den Grat nehmen.
Ist ja nur ein Angebot - wenn das Seil mürbe geworden ist.
Bei den omnivoren Tierschützern mit
anthropozentrischem Gedankengut und Hang zu "Bio-Fleisch" und "Bio-Eiern"
gilt man selbst als zu radikal. Aber ich musste feststellen, dass man von
denen noch am besten behandelt wird. Zumindest hört man dort zu. Das ist ja schon mal ein Erfolg.
Man ist sich auch grundsätzlich klar darüber, dass eine Ernährung mit Tierprodukten
und das Aushängeschild "Tierliebe" irgendwie doch nicht ganz zusammenpassen.
Dann kommt der berühmte Satz: "Dass Sie soooo konsequent sind, ist ja schon
richtig, ... aber ..."!!
Wie oft habe ich das Wort ABER schon verflucht, weil danach nur noch Krampf gekommen ist.
Seitens der sich fleischlos ernährenden Tierrechtler/innen,
die ihre Zunge und ihren Geist nicht permanent im Griff haben - aber wer hat das schon - und
denen Käse, Milch und Eier eben wichtiger sind als Tiere und ihre eigene Logik oder
der Blick ohne Kotzgefühl in den Spiegel bei der täglichen Rasur oder dem Make-up ... von
diesen Mitstreitern/innen wird man mehr und mehr gemieden, beschimpft und als
weltanschaulich gefährlicher Sektierer öffentlich verleumdet oder
durch "anonyme" Forenbeiträge bloßzustellen versucht. Auch darüber kommt man hinweg.
Tierrechtler zu sein, ist nicht leicht. Auch diesen
Titel hat man mir ohnehin schon abgesprochen - nebenbei bemerkt. Also was soll es?
Macht auch nichts, denn auf den Titel kommt es wohl weniger an, als auf das, was
wir bewirken. Oder etwa nicht?
Zwar hagelt es nicht von allen vegetarischen
Mitstreitern/innen Schelte, das wäre eine unhaltbare Pauschalisierung,
aber der Mensch, der es zum Ovo-Lakto-Vegetarismus gebracht hat, reagiert nun mal auf Grund
des für ihn so wichtigen Erfolges sehr empfindlich, wenn Gefahr im Verzug ist, dass dieser Erfolg
relativiert wird. Wer lässt sich schon gerne seinen Triumph kaputt reden? So nach
dem Motto: Störe meine Kreise nicht, oder es setzt was. Im Jargon nennt man
das "plattmachen".
Allein schon dieses Wort verursacht mir Gänsehaut: Die
Assoziation eines platt gewalzten Tieres auf der Straße drängt sich mir auf. Und gleich
hinterher die enttäuschende Einsicht, dass derjenige, der bereit ist,
Menschen "platt zu machen" - doch auch bereit sein müsste - allein schon
aus Gründen der Logik - diese von fragwürdiger Humanität geprägte Haltung auch
dem Tiere zukommen zu lassen. Es sei denn, er macht noch immer
einen essentiellen Unterschied zwischen Mensch und Tier, und das bestreiten doch
alle aufgeklärten Tierrechtler/innen. Sollten es zumindest! Verwirrend ist das
Ganze irgendwie schon! Aber wer versteht schon die Menschen?
Da ist noch viel an ethischer Grundsatzarbeit auf
allen Ebenen zu leisten. Dum spiro, spero! Solange ich atme, hoffe ich.
Man lernt übrigens bei der Tierrecht-Arbeit die Menschen und sich selbst hervorragend
kennen; man kann über das Menschsein nachsinnen - also Ethik und Philosophie pur und
alles gratis. Und den Tieren hilft es auch, zumindest bewegen wir die Erdnuss ein
winziges Stück in die richtige Richtung.
Trotz all dieser kleinen und größeren Ärgernisse, meiner
wachsenden Wut, meinem Magenbrennen, den Schweißausbrüchen, schlaflosen Nächten, den
Verleumdungen, die mir diese Arbeit eingebracht hat, habe ich mir meinen Humor, der
zuweilen in Sarkasmus übergeht, und meine Selbstironie erhalten können, vielleicht gerade
aus diesen Gründen. Also weitermachen, ackern, klotzen ...!
Mein Gott, ... (welcher?) ... wie ich diesen Job so liebe ...
S.B.E.
Der Job könnte gefährlich werden ...
Ich werde hin und wieder gefragt, ob ich auch
Tierbefreiungsaktionen organisiere oder mich an solchen beteilige.
Meine Antwort: NEIN!
Dann folgt meistens erstaunt die Frage, warum ich dies
ablehne.
Meine Antwort: Ganz einfach, weil ich nicht Mahatma
Gandhi bin, weil ich kein Pazifist bin. Hinter Gittern sind die Möglichkeiten sehr begrenzt,
um die Tierrecht-Bewegung effektiv zu unterstützen. Ich lehne Tierbefreiungsaktionen aber
deshalb nicht ab. Im Gegenteil - ich halte sie für ethisch legitim und notwendig.
Aber im Falle einer persönlichen Begegnung mit einem gequälten Tier und seinem Peiniger
würde - meiner Auffassung nach - ein "übergesetzlicher Notstand" eintreten, und ich
fühlte mich zur Hilfeleistung und damit zu geeigneten Gegenmaßnahmen verpflichtet, die
unter Umständen, nämlich je nach den Erfordernissen im Einzelfall, auch die Anwendung
physischer Gewalt beinhalten könnten. Das Ausmaß der eigenen Gewaltanwendung würde
bis zu einem gewissen Grad von der Gewalt abhängen, die gegen mich oder gegen das betroffene Tier
eingesetzt würde. Das Ganze könnte also recht schnell eskalieren.
Also überlasse ich Tierbefreiungsaktionen
überzeugten Pazifisten, die für diese Aufgaben besser geeignet sind als ich. Ich will
einfach das Risiko nicht in Kauf nehmen, hinter Gittern zu (ver)enden. Selbsterhaltungstrieb
oder purer Egoismus .... ich weiß es nicht; ich kann damit einigermaßen leben. Jedenfalls
bis jetzt noch!
Mein Gott, ... (welcher?) ... der Job könnte gefährlich
werden ...
S.B.E.
Der Job frustriert ...
Ich hatte mich kürzlich mit einem Tierrechtler / Tierschützer, der seit fast
30 Jahre in der vordersten Frontlinie für "unsere Sache" zu Gange ist, unterhalten. Dabei
hatte ich mir meinen Kummer von der Seele geredet; das brauche ich hin und wieder, um angestauten Frust los zu
werden, und weil ich müde geworden bin. Müde geworden durch die alltägliche Tierrechtsarbeit, müde geworden
durch die sich nicht einstellenden Erfolge der Tierrechtsbewegung.
Burnout-Syndrom oder frei nach Rainer Maria Rilke: "... und der Mut ist
so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Rast! Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten
mit kärglicher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen ..." (Die Weise von Liebe und Tod des Cornets
Christoph Rilke)
Ich glaube, dass viele Tierschützer / Tierrechtler ähnlich empfinden, dass
sie hin und wieder genauso frustriert und müde sind wie ich.
Ich beklagte mich bei ihm über das nachlassende Engagement von
Tierschützern und Tierrechtlern, über die vielen kleineren und größeren Misserfolge, die wir in letzter
Zeit hinnehmen mussten und vor allem über den Mangeln an Kooperationsbereitschaft innerhalb der Bewegung.
Anstatt auf meine pessimistischen Äußerungen näher einzugehen, gab er einen
Witz zum Besten, den ich wiedergeben will.
Frage: Was passiert, wenn zwei zwei Tierrechtler zusammenkommen?
Antwort: Sie spalten sich ...!
Der alte Haudegen hatte es auf den Punkt gebracht; mit diesen zwei kurzen
Sätzen hatte er eine der hauptsächlichen Ursachen für das Ausbleiben von nennenswerten Erfolgen
der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung erklärt und ein wenig zur Aufhellung meiner Stimmung beigetragen.
Als ich einige Stunden später zu Bett ging, und der
Schlaf - wie so oft - sich nicht einstellen wollte, erinnerte ich mich seiner Worte und begann zu grübeln: In
keiner anderen ideellen, sozialen oder karitativen Bewegung ist so viel Streit, Missgunst und "Futterneid"
an der Tagesordnung, wie dies in der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung der Fall ist. Ein Hemmschuh der
Tierrechtsbewegung sind die Tierrechtler selbst. Man redete nicht gerne darüber. Verständlich! Wer will schon
Nestbeschmutzer sein?
Das Leben schreit nach Wahrheit, der Lügen sind zuviel gewesen, und die Zeit wird
knapp: Sagen wir endlich die Wahrheit! Auch auf die Gefahr hin, dass das Nest besudelt wird ...! Woran liegt es?
Mit Sicherheit daran, dass das Engagement vieler Tierrechtler und Tierschützer
auch zum Teil mit einem gewissen Profilierungsstreben in Verbindung steht. Und eine Kooperation geht meistens mit
einer Preisgabe der aufgebauten Machtstrukturen einher, denn Zusammenarbeit verpflichtet zur Unterordnung. Und wer
untergeordnet ist, kann eben nicht mehr sein Profil in Gänze zeigen; man ist einer unter vielen.
Zuerst zaghaft, dann aber immer bohrender, stieg eine Frage in meinen
Gehirnwindungen hoch. Woher weiß ich, ob nicht das Motiv meines Engagements für die Tierrechte in Wahrheit von einem
eigennützigen Streben, von Profilierungssucht oder irgendwelchen Kompensationswünschen geleitet ist. Ist nicht
vielleicht gerade die Aufforderung zur Kooperation innerhalb der TR-Szene nur eine andere Spielart jener
egoistischen Motive, mit dem Ziel im Vordergrund zu stehen?
Ich habe versucht, mir diese Frage objektiv zu beantworten. Aber ich bin zu
keinem Resultat gekommen. Ich weiß es einfach nicht mit letzter Gewissheit, weil ich nicht bis in die
tiefsten Abgründe dieses seltsamen Gebildes vordringen kann, das wir Psyche nennen. Sehr unbefriedigend kurz
vor dem Einschlafen!
Aber dann nahm mich ein anderer Gedanke bei der Hand und wiegte mich in den
Schlaf: Selbst wenn es so wäre, und mein Engagement für Kooperation basierte in Wahrheit zum Teil auf
egoistischen Motiven - für die Tiere und die Tierrechtsbewegung werden sich keine Nachteile ergeben, denn
hier "heiligt" die positive Wirkung das fragwürdige Motiv - sofern dieses tatsächlich vorhanden.
Mein Gott, ... (welcher?) ... trotz Frustration noch ein
wohlverdienter Schlaf ...
S.B.E.
Ein Job, weil die Mauern gläsern geworden sind ...
Paul McCartney sagte einmal: "Wenn die Schlachthöfe Mauern aus Glas
hätten, wäre längst jeder Vegetarier!"
Im Zeitalter der totalen Information sind die Mauern dank Internet, Fernsehen
und Presse transparenter geworden. Für viele Menschen vielleicht schon zu transparent, weil sie vom
Elend der Tiere nichts sehen und nichts hören wollen. Diese Mauern des Verdeckens und Verschweigens sind aber
gefallen - irreversibel; man spricht über das Elend der Tiere. Es hat den Weg in unsere Wohnstuben gefunden,
und niemand kann heute noch guten Gewissens behaupten, er wisse nichts über die tierquälerischen Zustände
in den "Tierfabriken", über Tiertransporte und Tierversuche, über Pelzfarmen oder über das Gemetzel
in den Schlachthöfen am Rande unserer Städte. Die Mauern sind gläsern geworden!
Der amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer
schrieb: "Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka." und das umstrittene Buch "Tiere sehen dich
an oder Das Potential Mengele" von Hans Wollschläger beginnt mit dem Satz: "Sie werden in Gefängniszellen
gehalten, so eng wie die Stehsärge von Oranienburg ...!" Unabhängig davon, wie wir persönlich zu diesen
gewagten und kontroversen Vergleichen auch stehen mögen, Fakt ist und bleibt, dass sich das Elend der Tiere vor
unseren Augen abspielt. Ganz offen und jeden Tag. Die oft vernommene Schutzbehauptung, wir haben von dem Grauen
nichts gewusst, wird ebenso durchschaubar wie die Mauern der Verliese und Folterkammern, in denen Milliarden Tiere
dahinvegetieren, gequält und getötet werden. Die leichtfertige Ausrede, dass wir ohnehin nichts dagegen unternehmen
können, entlarvt erst Recht den Frevel an "Bruder Tier". Weil wir ihn hinnehmen ... aus trivialen und
egoistischen Motiven. Die Mauern sind gläsern geworden!
Wir sind die Generation der Mitwisser, der Mitverantwortlichen, der Mitschuldigen,
denn aus Mitwissen wird Mitverantwortung und Mitschuld, wenn wir wegsehen, weiterhin zum Elend der Tiere schweigen
und es geschehen lassen. Zukünftige Generationen werden sich fragen, warum wir Heutigen den Frevel an "Bruder
Tier" zugelassen haben. Wir haben doch alles gewusst, alles gesehen. Die Mauern sind gläsern geworden!
Die Transparenz zeigt Wirkung. Bei vielen Menschen erwachsen aus dem spontanen
und emotionalen "Miterleiden" ein Bewusstsein der Mitverantwortung und ein Gefühl der Solidarität mit
den unterdrückten, ausgebeuteten und gequälten Tieren. Solidarität aber bleibt nicht auf das Mitleiden beschränkt,
weil Mitleiden allein zu keiner Veränderung führt. Unsere Solidarität nötigt uns zum "Aktivwerden", zum
persönlichen Engagement für diejenigen, die sich selbst nicht wehren können. Wir Tierrechtler/innen müssen einfach
aktiv werden, müssen reagieren, müssen agieren. Unsere Solidarität wird zur inneren Nötigung, dort zu helfen, wo
Hilfe möglich ist. Die Mauern sind für uns gläsern geworden!
Wir wollen etwas in Bewegung setzen, weil unsere Gefühle bewegt sind vom Elend
der Tiere. Die Revolution beginnt zunächst in und bei uns selbst - in unserem Kopf und auf dem eigenen Teller. Selbst
kein Leid verschulden, ist uns aber nicht genug, wenn gleichzeitig millionenfaches Leid geschieht.
Unsere "Eigenbewegung" drängt uns zur organisierten Bewegung zum Schutz und für die Rechte der Tiere.
Unser Engagement ist notwendig, um auch bei anderen Menschen etwas in Bewegung zu setzen. Wir wollen und
können nur gemeinsam etwas bewegen.
Wir brauchen Unterstützung. Gemeinsam sind wir stark! Wir müssen viele werden,
damit eines Tages auch die gläsernen Mauern fallen, die heute noch "Bruder Tier" gefangen halten.
Die Mauern sind gläsern geworden! Und Glas ist zerbrechlich!
Mein Gott, ... (welcher?) ... dieser Job muss getan
werden, weil die Mauern gläsern geworden sind ...
S.B.E.
Ein Job, für den man einen langen Atem braucht ...
Der Job des Tierrechtlers und Weihnachten feiern, ja, das ist ein schwieriges
Unterfangen. Wenn man sich mit Tierrechten befasst, wenn man angefangen hat, über das Elend auf dieser Welt nachzudenken,
dann verfolgt einem das selbst an Festtagen ... oder gerade an Festtagen. Vielleicht geht es Ihnen ebenso wie mir?
Vielleicht aber auch nicht! Nun ja, lesen Sie, was einem Tierrechtler vor Weihnachen und vor dem Jahreswechsel so durch
den Kopf geht.
Unter dem geschmückten Tannenbaum liegen die Geschenke für die Familie. Selbstgebackene
Plätzchen und vielerlei Süßigkeiten zieren den Tisch. Das Festtagsessen wurde sehr sorgfältig ausgewählt; es soll ja
etwas ganz Besonderes sein. Die Menschen freuen sich auf diese Festtage, an denen sie neben dem leiblichen Genuss
auch die Seele baumeln lassen können. Es ist schon eine besondere Atmosphäre, wenn zu den festlichen Klängen von
Weihnachtsmusik der Geruch von Tannennadeln, Mandarinen und Plätzchen die warme Wohnung erfüllt, und es draußen so
richtig ungemütlich kalt ist.
Das ist die schöne, erhabene Seite von Weihnachten, bei der man feiert, fromme
Lieder singt und zuweilen zu Tränen gerührt ist.
Weihnachten, das Fest der Besinnlichkeit, des Friedens, der Liebe und der
Menschlichkeit.
Aber daneben existiert noch eine verlogene, hässliche Seite, an die viele
Tierfreunde, Tierschützer und Tierrechtler/innen denken, aber nicht die vom Festtagstrubel berauschte, tumbe Masse Mensch.
Für unzählige Lebewesen beginnt nämlich schon in der Vorweihnachtszeit das große
Sterben, weil alljährlich Millionen Tiere zusätzlich Opfer unserer Fraßkultur und deren größtem Fraß-Event - dem
Weihnachtsfest - werden. Nach einem kurzen, meist qualvollem Leben, werden sie verstümmelt auf den Fließbändern des
Profits, werden namenlos abgeschlachtet im Akkord. Da war niemand, der sie geliebt und ihnen einen Namen gegeben hatte.
Es weihnachtet erbarmungslos - das verbum synonymum für das ganz große Geschäft, für
volle Kassen und für das Massaker an den Tieren. So enden sie als Gaumenschmaus, als ein Klumpen gebratenen oder
gekochten Fleisches mit einer Dekoration aus frischer Petersilie oder Sellerieblättern - wie ein Abschiedsgruß an ihre
einstige Lebendigkeit - auf den festlich gedeckten Weihnachtstafeln.
Weihnachten, das unermessliche Massaker für all diejenigen, die keine Menschen sind!
Nein, dieser einseitige Frieden, diese geheuchelte Liebe, diese doppelzüngige
Menschlichkeit ist nicht mein Weihnachten, nicht nachdem die Schlachtermesser- und Beile im Akkord geschwungen worden
waren, an den Fließbändern der Tötungsmaschinerie Sonderschichten gefahren wurden, um die festtägliche Sucht nach noch
mehr Fleisch zu stillen.
Für mich wird erst Weihnachten sein, wenn wir in einer Welt leben, in der es keine
Massentierhaltung, Schlachthöfe, Pelzfarmen und Tierversuche mehr gibt, in der es keine Totschlagfallen, Treibnetze,
Zirkusdressuren und Zoo-Käfige mehr gibt. Für mich wird erst Weihnachten sein, wenn wir in einer Welt ohne Kriege,
Terrorismus, Folter, Rassismus und Unterdrückung leben, in einer Welt ohne Armut, Hunger, Kinderarbeit und
Analphabetentum. Es wird für mich erst Weihnachten sein, wenn kein Öl die Ozeane mehr verdreckt, wenn Flüsse
und Quellen wieder sauber sind, wenn in Urwäldern keine Motorsägen mehr wüten, und Luft und Böden nicht mehr den
Pestgeruch eines fragwürdigen Fortschritts haben.
Ich glaube, dass viele Tierschützer
und Tierrechtler/innen tief in Ihren Herzen genauso empfinden. Und die
Gewissheit, dass dies so ist, stimmt mich dann doch noch zu Weihnachten
und dem Jahreswechsel ein wenig versöhnlich. Ich denke nicht allein so,
sage ich mir. Und da ist die Hoffnung, dass wir in ferner Zukunft einmal
Weihnachten, Neujahr oder irgendeinen anderen Festtag auch ganz
ausgelassen werden feiern können ... weil sich unsere Idee irgendwann
durchsetzen wird, weil wir irgendwann siegen werden. Also spucken wir in
die Hände, damit auch wir bald Weihnachten und Neujahr feiern können.
Mein Gott, ... (welcher?) ... ein Job, für den man einen langen Atem braucht ...
S.B.E.
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